{"id":78,"date":"2004-03-22T16:32:40","date_gmt":"2004-03-22T14:32:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=78"},"modified":"2016-04-02T11:13:06","modified_gmt":"2016-04-02T09:13:06","slug":"der-sonderparteitag-der-spd-hat-die-delegierten-angesprochen-gilt-das-auch-fur-die-parteimitglieder-und-fur-die-wahlerinnen-und-wahler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78","title":{"rendered":"Der Sonderparteitag der SPD hat die Delegierten angesprochen. Gilt das auch f\u00fcr die Parteimitglieder und f\u00fcr die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler?"},"content":{"rendered":"<p>Parteitage richten sich immer auch nach innen, an die Mitglieder. Das galt vom Sonderparteitag der SPD am 21. M&auml;rz in Berlin mit der Neuwahl des Parteivorsitzenden in besonderem Ma&szlig;e.<br>\nDa soll nat&uuml;rlich &ndash; vor allem in schwierigen Zeiten f&uuml;r die SPD &ndash; Mut und Kraft aus der Parteigeschichte und aus historischen Leistungen gesch&ouml;pft werden und da soll mit neuen Zielen Zuversicht f&uuml;r die Zukunft vermittelt werden. Zur F&ouml;rderung der Kampfbereitschaft muss der politische Gegner attackiert werden und vor allem muss Geschlossenheit reklamiert und &ndash; bei einer Regierungspartei &ndash; selbstverst&auml;ndlich mit dem Verlust der Regierungsmacht gedroht werden.<br>\n<!--more--><br>\nAn dieses Rezept hat sich sowohl der scheidende Parteivorsitzende, Kanzler Gerhard Schr&ouml;der als auch der neu gew&auml;hlte, Franz M&uuml;ntefering, akkurat gehalten. Schr&ouml;der erinnerte an die heftigen Auseinandersetzungen um die Ostpolitik Willy Brandts und an den Milit&auml;reinsatz im Balkan. In Afghanistan und im Kosovo habe Deutschland deutlich gemacht, dass es Pflichten und Rechte habe. Und zu den gewonnenen Rechten geh&ouml;rte auch das Nein zum Irak-Krieg. An Hand der Auseinandersetzung &uuml;ber dieses Nein konnte er auch treffend beweisen, was passiert w&auml;re, wenn &ldquo;die anderen&rdquo; an der Macht gewesen w&auml;ren. Er gei&szlig;elte zu Recht den Populismus der Union bei der Frage des Beitritts der T&uuml;rkei in die europ&auml;ische Union. Wo er Recht hat, hat er Recht.<\/p><p>Auch M&uuml;ntefering beschwor die 141-j&auml;hrige Parteigeschichte und die Visionen der Gr&uuml;nderv&auml;ter, die wollten, dass &ldquo;es besser wird&rdquo;. Der Auftritt des Bergmannchores am Schluss des Parteitages &ndash; ob man das nun zukunftsgerichtet finden mag oder nicht &ndash; sollte sicherlich auch an die Wurzeln der SPD erinnern. &ldquo;Wir schaffen das&rdquo;, war sein Appell an die Partei. Dazu knapp, eben wie M&uuml;ntefering: Opposition sei &ldquo;Mist&rdquo;.<\/p><p>Was die Ziele in der Zukunft angeht, nannte Schr&ouml;der die bekannten Perspektiven &ldquo;Innovation und Gerechtigkeit&rdquo; und als neuen Akzent &ldquo;Sicherheit und Wachstum&rdquo; &ndash; und das auf europ&auml;ischer Ebene. Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Bildung seien wichtige Teilhabe- und Freiheitsrechte.<\/p><p>M&uuml;ntefering operierte mit einer spr&ouml;den Wortsch&ouml;pfung, n&auml;mlich dem &ldquo;Ehrlich machen&rdquo;, was geht und was nicht geht.<br>\n&ldquo;Ehrlich machen&rdquo; reiche von der demographischen Entwicklung, &uuml;ber die Situation der &ouml;ffentlichen Kassen, vom Terrorismus und den Konsequenzen f&uuml;r die innere Sicherheit und f&uuml;r Milit&auml;reins&auml;tze &uuml;ber die Agenda 2010 bis hin zur Unsicherheit dar&uuml;ber, was soziale Marktwirtschaft heute bedeute. Mit diesem &ldquo;Ehrlich machen&rdquo; auf allen Politikfeldern rechtfertigte M&uuml;ntefering den gegenw&auml;rtigen Regierungskurs und das Festhalten daran f&uuml;r die Zukunft.<\/p><p>Auch die sch&auml;rfsten Kritiker am Regierungskurs sollten wirklich nicht klein schreiben, dass Schr&ouml;ders Nein zum Irak-Krieg nicht nur eine richtige, sondern auch eine schwierig durchzuhaltende Entscheidung war. Richtig ist auch, dass die Konservativen immer erkennbarer nicht den Umbau sondern den noch radikaleren Abbau des Sozialstaats wollen, von der &ldquo;Kopfpauschale&rdquo; bis zu ihrer &ldquo;Schnapsidee&rdquo; einer Steuerreform auf dem Bierdeckel.<br>\nDas klare Bekenntnis zur Tarifautonomie und zur Mitbestimmung auch gegen die Fusionsrichtlinie auf europ&auml;ischer Ebene, sind deutliche Angebote an die Gewerkschaften. Auch die hohe Priorit&auml;t f&uuml;r die Bildung ist ein wichtiges Signal f&uuml;r die Zukunft. Die &ldquo;gesetzgeberische Hilfe&rdquo; f&uuml;r den Fall, dass die Wirtschaft nicht gen&uuml;gend Ausbildungspl&auml;tze anbietet, darf ruhig als Friedensangebot an die Parteilinke gewertet werden. Auch wenn dieses Angebot schon seit dem letzten Parteitag Beschlusslage ist.<\/p><p>M&uuml;ntefering war erkennbar um einen Br&uuml;ckenschlag zu den Gewerkschaften bem&uuml;ht. &ldquo;Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist nicht zu Ende&rdquo;, deshalb werde er das &ldquo;intensive Gespr&auml;ch und den Schulterschluss&rdquo; mit den Gewerkschaften wieder suchen. Es gelte, die Tarifautonomie zu verteidigen und, wenn es nicht anders ginge, auch &ldquo;in Auseinandersetzung mit Wolfgang Clement&rdquo; mit Gesetzen f&uuml;r ausreichend Ausbildungspl&auml;tze zu sorgen. Das Bekenntnis zur Rolle des Staates &ldquo;als vereinbarte Form gesellschaftlicher Ordnung&rdquo;, die man brauche, um etwa Bildung zu finanzieren, war ein lange nicht mehr geh&ouml;rter Akzent. <\/p><p>Das Wahlergebnis f&uuml;r Franz M&uuml;ntefering mit &uuml;ber 95% Zustimmung &ndash; nach Bj&ouml;rn Engholm, das zweitbeste Ergebnis f&uuml;r einen SPD-Vorsitzenden nach dem Kriege &ndash; beweist, dass die Delegierten auf diesem Parteitag angesprochen und erreicht worden sind.<br>\nDer neue Parteivorsitzende wies aber in seinem Schlusswort selbst darauf hin, dass man drau&szlig;en noch auf &ldquo;viele Zweifel und Missverst&auml;ndnisse&rdquo; sto&szlig;e.<\/p><p>Ob diese Zweifel und Missverst&auml;ndnisse bei den &uuml;brigen Parteimitgliedern und vor allem bei den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern mit diesem Sonderparteitag beseitigt werden konnten, muss bezweifelt werden. Der Kurs der Bundesregierung wurde Zweiflern gegen&uuml;ber jedenfalls weder &uuml;berzeugend begr&uuml;ndet noch wurden seine Erfolge deutlich gemacht. Weil das nicht ganz so einfach ist, stellte Schr&ouml;der gleich am Anfang seiner Rede apodiktisch klar, dass sein Reformprogramm &ldquo;richtig und notwendig&rdquo; sei. Und M&uuml;ntefering begr&uuml;ndete auch nur, das man entschieden habe und nun entschlossen und geschlossen gehandelt werden m&uuml;sse. <\/p><p>Man hat es wohl aufgegeben, glaubhaft machen zu k&ouml;nnen, dass es bei der Agenda schon heute sozial gerecht zuginge, deshalb wurde von Gerhard Schr&ouml;der wie von Franz M&uuml;ntefering vor allem auf die Generationengerechtigkeit in der Zukunft abgehoben. &ldquo;Gerecht zu sein, hei&szlig;t immer daran denken, dass Menschen auch morgen eine faire Chance haben m&uuml;ssten&rdquo;. Die Kritik der Gewerkschaften an der sozialen Unausgewogenheit konterte Schr&ouml;der mit dem Hinweis, dass schlie&szlig;lich &ldquo;auch Gewerkschafter Kinder&rdquo; h&auml;tten. Man d&uuml;rfe sich kommenden Generationen gegen&uuml;ber nicht dem Vorwurf aussetzen, man habe zuviel aufgezehrt und zu wenig &uuml;brig gelassen. <\/p><p>Einmal mehr muss die vermeintlich unumst&ouml;&szlig;liche Statistik zur Begr&uuml;ndung herhalten. Diesmal mit einer neuen Variante bei den &ldquo;demographischen&rdquo; Bezugsgr&ouml;&szlig;en: 1960 seien 10 Arbeitnehmer auf einen Rentner gekommen; heute seien es drei Arbeitnehmer pro Rentner und in 20 Jahren 2 Arbeitnehmer pro Rentner.<br>\nWarum hat eigentlich auf dem Parteitag niemand die Frage gestellt, wie wir die Verschlechterung der Relation 10 zu 1 von 1960 auf 3 zu 1 bis heute verkraftet haben und was denn angesichts dieser dramatischen Verschlechterung eine so &ldquo;radikale Ver&auml;nderung&rdquo; ausmacht, wenn sich diese Relation nun von 3 zu 1 auf &ldquo;nur&rdquo; 2 zu 1 verschlechtern sollte.<br>\nIrgendjemand hat offenbar eingesehen, dass man mit den bisher zitierten demographischen Prognosen &ndash; also dem Verh&auml;ltnis von J&uuml;ngeren zu &Auml;lteren &ndash; doch nicht so leicht Panik machen kann (Siehe dazu auch die Beitr&auml;ge von Bosbach, Hauser und M&uuml;ller in den NachDenkSeiten). Also muss eine neue Schreckenszahl her: Die Relation Arbeitnehmer pro Rentner.<br>\nWas aber w&auml;re mit dieser Relation, wenn wir heute viereinhalb Millionen Arbeitslose weniger und mit der stillen Reserve wom&ouml;glich sieben Millionen Arbeitnehmer mehr pro Rentner h&auml;tten und wie w&auml;re es, wenn wir irgendwann auf dem Weg bis 2020 Vollbesch&auml;ftigung h&auml;tten, die Frauenerwerbsquote auf skandinavische Verh&auml;ltnisse oder das Ruhestandsalter angehoben h&auml;tten? Wie w&uuml;rde dann das Verh&auml;ltnis von Arbeitnehmern pro Rentner aussehen. Mit welcher Wachstumsrate ginge es sowohl Arbeitnehmer als auch Rentnern in zwanzig Jahren besser. Wie man an dieser zentralen Perspektive arbeiten k&ouml;nnte, dar&uuml;ber blieb der Parteitag leider viele Antworten schuldig.<\/p><p>Da k&ouml;nnte Franz M&uuml;ntefering etwas &ldquo;Ehrlich machen&rdquo; und dann k&ouml;nnte er Mut zu neuen Antworten zeigen. Diese w&uuml;rden allerdings die bisherigen Antworten der Agenda &ldquo;ehrlich&rdquo; in Frage stellen. Solche Ehrlichkeit l&auml;sst aber seine Maxime &ldquo;entschieden ist entschieden und jetzt nur noch entschlossen und geschlossen durchhalten&rdquo; wohl kaum zu. <\/p><p>p.s.: Der Appell zur Geschlossenheit gilt allerdings offenbar auch nur f&uuml;r das &ldquo;normale&rdquo; Parteimitglied oder f&uuml;r die Kritiker der Agenda, nicht aber z.B. f&uuml;r den Wirtschaftsminister. Der darf offenbar, wie z.B. die &Ouml;kosteuer, alles, was einmal beschlossen wurde, in Frage stellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Parteitage richten sich immer auch nach innen, an die Mitglieder. Das galt vom Sonderparteitag der SPD am 21. M&auml;rz in Berlin mit der Neuwahl des Parteivorsitzenden in besonderem Ma&szlig;e.<br \/> Da soll nat&uuml;rlich &ndash; vor allem in schwierigen Zeiten f&uuml;r die SPD &ndash; Mut und Kraft aus der Parteigeschichte und aus historischen Leistungen gesch&ouml;pft werden und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,155,109,191],"tags":[641,251,547,312,411],"class_list":["post-78","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-demografische-entwicklung","category-gewerkschaften","category-spd","tag-irak","tag-muentefering-franz","tag-parteitag","tag-reformpolitik","tag-schroeder-gerhard"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=78"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32653,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78\/revisions\/32653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=78"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=78"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=78"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}