{"id":78061,"date":"2021-11-17T11:40:13","date_gmt":"2021-11-17T10:40:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78061"},"modified":"2021-11-17T11:46:26","modified_gmt":"2021-11-17T10:46:26","slug":"erst-geschaetzt-dann-die-kalte-schulter-gezeigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78061","title":{"rendered":"Erst gesch\u00e4tzt, dann die kalte Schulter gezeigt"},"content":{"rendered":"<p><i>Zahlreichen Afghanen, die zivilen deutschen entwicklungspolitischen Organisationen und der Bundeswehr vor Ort als Dolmetscher und &Uuml;bersetzer hilfreich zur Seite standen, droht ein ungewisses Schicksal.<\/i><\/p><p>&bdquo;AFGHANISTAN &ndash; Die Lage von Ortskr&auml;ften und Wissenschaftlern&ldquo;<b> <\/b>lautete der Titel eines Vortrags, den <b>Prof. Dr. Dr. Michael Daxner<\/b> am 3. November 2021 im Rahmen einer Veranstaltung des Zentrums f&uuml;r Konfliktforschung an der Universit&auml;t Marburg hielt. F&uuml;r die <i>NachDenkSeiten<\/i> hat <b>Rainer Werning<\/b> das Referat des Autors redaktionell bearbeitet und mit Zwischen&uuml;berschriften versehen.<br>\n<!--more--><br>\nEs wird kalt in Afghanistan. Nicht nur der anbrechende Winter ist daf&uuml;r verantwortlich. Es ist dar&uuml;ber hinaus eine bleierne Gef&uuml;hlsk&auml;lte, die in dem ohnehin geschundenen Land vor allem solche Menschen bef&auml;llt, die mitansehen und am eigenen Leib sp&uuml;ren m&uuml;ssen, dass sie, die einst als vielf&auml;ltig eingesetztes Hilfspersonal so &uuml;beraus gesch&auml;tzt und vonn&ouml;ten waren, nunmehr mit Missachtung bestraft oder gar als unn&ouml;tiger Ballast empfunden werden. Zahlreiche Politiker, die im In- wie Ausland mit Verve f&uuml;r eine milit&auml;rische &bdquo;humanit&auml;re Intervention&ldquo; geworben hatten und sich dann &bdquo;v&ouml;llig &uuml;berrascht&ldquo; ob der raschen Implosion des von ihnen jahrelang unterst&uuml;tzten Vasallenregimes in Kabul Mitte August zeigten, treibt heute mehr die Abwehr von Fl&uuml;chtigen als der notwendige Schutz ihres vormaligen afghanischen Personals um &ndash; mit meist absehbar tragischem Ausgang.<\/p><p><b>Hohe b&uuml;rokratische H&uuml;rden<\/b><\/p><p>Die Taliban sind zur&uuml;ck an der Macht in Afghanistan. Die Bundesregierung hat es vers&auml;umt, Ortskr&auml;fte und andere afghanische Unterst&uuml;tzer rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Die Regierung versucht sich wenig &uuml;berzeugend &uuml;ber Missverst&auml;ndnisse in der Kommunikation zu rechtfertigen, bei allem Respekt und nachtr&auml;glicher Anerkennung, was nach der Macht&uuml;bernahme durch die Taliban geleistet wurde. Auch im Hochschulsektor sieht die Situation f&uuml;r Forschende, Lehrende und Studierende nicht gut aus. Deutschland bietet hier nur Unterst&uuml;tzung &uuml;ber sehr b&uuml;rokratische Verfahren, wie mit Asylantr&auml;gen. Die Taliban pr&uuml;fen dar&uuml;ber hinaus sehr genau, wen sie aus dem Land lassen. Verhaftungen, Folter und der Tod bestimmter Personengruppen sind eine st&auml;ndige Bedrohung.<\/p><p>In Afghanistan verhungern die Menschen. Viele, die fl&uuml;chten wollen, k&ouml;nnen das nicht. Armut, politische Repression, das Versagen des alten Staates und das Versagen der Taliban-Regierung hindern sie daran. Das kann nicht einfach ertragen werden, weil aus der Sicht des dar&uuml;berstehenden Beobachters Klimawandel, die Rivalit&auml;t der Gro&szlig;m&auml;chte und n&auml;herliegende Probleme uns st&auml;rker fordern. Wenn wirklich Vieles mit Vielem zusammenh&auml;ngt, dann ist es umso wichtiger, die konkreten Erscheinungen zu ordnen und die Struktur zu bedenken, die die Knoten im Geflecht bestimmt. Afghanistan ist so ein Knoten.<\/p><p>Afghanistan und die Bez&uuml;ge Deutschlands zu diesem Land und seiner Gesellschaft, seiner Kultur und seiner Politik laufen seit jeher Gefahr, nicht wahrgenommen oder ignoriert oder einseitig bewertet zu werden. Jedenfalls spielt das Land keine gro&szlig;e Rolle im kompliziert zusammengesetzten <i>Bewusstsein von der Globalit&auml;t und der Rolle unseres Landes darin. <\/i>Die scheinbare Ausnahme &ndash; Berichte und Zahlen von Gefallenen, Kriegsheimkehrern, Veteranen &ndash; bleiben meist an der Oberfl&auml;che von Erinnerung und Bewertung. Die Ausnahme war und ist die Frage, unter welchen Umst&auml;nden wieder wie viele Gefl&uuml;chtete aus Afghanistan nach Europa und nach Deutschland kommen werden, ob sie Asyl beantragen und erhalten werden, ob sie bleiben.<\/p><p>Im M&auml;rz dieses Jahres hatte ich eine gr&ouml;&szlig;ere Arbeit zu schreiben begonnen, &uuml;ber das schwache Erinnern und die Verdr&auml;ngung von 20 Jahren Kriegseinsatz sowie <i>die F&auml;higkeit des kollektiven Bewusstseins, ein derartiges Ereignis zu vergessen<\/i> &ndash; nicht zuletzt aus Anlass des Abzugs der US-Besatzungstruppen und damit auch des Abzugs der letzten deutschen Milit&auml;reinheiten, der ja seit 2014 stattfand. Ich musste die Arbeit unterbrechen, als sich die Ankunft und Macht&uuml;bernahme der Taliban abzeichnete und die jetzige Situation <i>vorherzusehen<\/i> war.<\/p><p><b>Gesichtswahrende Unwahrheit<\/b><\/p><p>Die Voraussage hat nichts mit Prophetie oder Gef&uuml;hl zu tun. Aufmerksame Verfolgung glaubw&uuml;rdiger Nachrichten und erfahrungsges&auml;ttigte Kombinatorik haben genau das Ergebnis voraussagen lassen, das eingetreten ist. Die einzig unsichere Variable war, wie lange nennenswerte Truppenkontingente der afghanischen Streitkr&auml;fte Widerstand leisten w&uuml;rden. Dass es so kurz werden w&uuml;rde, stellt den Ausbildern aller US- und NATO-Verb&uuml;ndeten nach 2014 ein schlechtes Zeugnis aus, ebenso der Regierung von Ashraf Ghani.<\/p><p> Die von der Gro&szlig;en Koalition h&auml;ufig vorgebrachte Behauptung, der schnelle Erfolg der Taliban sei eine <i>&Uuml;berraschung<\/i> gewesen und die Reaktion darauf beruhe auf <i>Missverst&auml;ndnissen<\/i>, ist eine gesichtswahrende Unwahrheit.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Diese setzt sich in der Au&szlig;endarstellung des afghanischen Kriegseinsatzes von den Beschl&uuml;ssen des Bundestags zu OEF und ISAF bis zum deplatzierten Zapfenstreich der Bundeswehr im Oktober 2021 fort.<\/p><p>Ich werde hier keine milit&auml;rgeschichtliche, politische und moralische Bewertung des deutschen Einsatzes vornehmen, Quellen, Interpretationen und Kritik sind hinreichend vorhanden[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]. Der Pluralismus der Meinungen und Wertungen ist gro&szlig;, kann aber doch unter drei Rahmungen seine Schwerpunkte finden:<\/p><ol>\n<li>Der Einsatz ist von den USA unter falschen Pr&auml;missen begonnen, fortgef&uuml;hrt und abgebrochen worden[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>];<\/li>\n<li>Deutschland hat seine Beteiligung unter fragw&uuml;rdigen und teilweise unglaubw&uuml;rdigen Begr&uuml;ndungen als Spanndienst f&uuml;r die USA gerechtfertigt[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>];<\/li>\n<li>Auch wenn die Intervention legitim erachtet w&uuml;rde, sind zu viele nachweisbare Fehler geschehen, als dass sie Erfolg h&auml;tte haben k&ouml;nnen. Der schlimmste Fehler war die Unwilligkeit, der Realit&auml;t ins Auge zu sehen[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>].<\/li>\n<\/ol><p>Auch innerhalb der kritischen und ablehnenden Interpretationen zum Einsatz nach 9\/11 gibt es hier sehr unterschiedliche Meinungen und Deutungen der Intervention. Dass ich meine Position seit 2001 bzw. 2003 erheblich gedreht habe, liegt u.a. daran, dass ich das Land von innen her immer genauer kennengelernt habe und dass ich, gest&uuml;tzt auf immer verl&auml;sslichere Informationen, zwischen legitimierender Propaganda und tats&auml;chlichen Ver&auml;nderungen von Wahrnehmung und politischer Konsequenz unterscheiden lernte.<\/p><p><b>Eklatante Missachtung der afghanischen Gesellschaft<\/b><\/p><p>Am schlimmsten ist f&uuml;r mich die erst nachtr&auml;glich in ihrem Ausma&szlig; erkennbare Missachtung der afghanischen Gesellschaft und der Menschen in diesem Land. Staat und Milit&auml;r haben den humanen Unterbau des gro&szlig;en Landes aus den Augen verloren, was 2002 bis 2005 nicht unbedingt evident oder zu erwarten gewesen w&auml;re[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>].<\/p><p>Das Desinteresse der deutschen Bev&ouml;lkerung erkennt man daran, dass vor Juni dieses Jahres niemand au&szlig;er ein paar Experten wusste, was &uuml;berhaupt <i>Ortskr&auml;fte<\/i> sind[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]. Unter diesem Titel werden afghanische Dienstleister und Dienstleisterinnen verstanden, die direkt f&uuml;r die Bundeswehr, Polizeikr&auml;fte, Entwicklungsorganisationen (z.B. GIZ) und diesen zuarbeitenden Subunternehmen t&auml;tig waren. Es war sp&auml;testens nach dem Durchsto&szlig; der Taliban zu erwarten gewesen, dass diese Ortskr&auml;fte zu den ersten Opfern der neuen Gewaltherrschaft z&auml;hlen w&uuml;rden &ndash; sie und ihre Familien. Die Bundesregierung hat ihre Verantwortung f&uuml;r diese Menschen monatelang verweigert oder sich allzu lange Zeit gelassen, und nach der Herrschafts&uuml;bernahme durch die Taliban l&auml;cherlich wenige dieser bedrohten Menschen selbst &ndash; mithilfe der Bundeswehr und Einsatzkr&auml;ften &ndash; au&szlig;er Landes gebracht.<\/p><p>Andere an der Intervention beteiligte L&auml;nder waren da schneller und effektiver. Ich streite mich nicht um absolute Zahlen, aber bislang hat die Bundeswehr weniger als 1.000 Menschen aus diesem Kreis herausgebracht[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]. Ortskr&auml;fte und ihre Familien und andere direkt oder indirekt den Deutschen verpflichtete Dienstleister und ihnen direkt verbundene Afghanen summieren sich auf mehr als 20.000. Es geht dabei um drei Fragen:<\/p><ol>\n<li>Wer geh&ouml;rt zum Kreis der moralisch und politisch aufgrund der T&auml;tigkeit seit 2002 zur Aufnahme in Deutschland berechtigten Personen, immer auch mit der engeren Familie? Die Bundeswehr steht hier im Zentrum, teilweise engagierter als die Politik[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]. Die Gro&szlig;e Koalition hat hier schwere Schuld auf sich geladen.<br>\n<blockquote><p>Der Bundestag hat am Mittwoch, 23. Juni 2021, nach halbst&uuml;ndiger Aussprache einen Antrag von B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen abgelehnt, in dem die Fraktion gefordert hatte, ein Gruppenverfahren zur &bdquo;gro&szlig;z&uuml;gigen Aufnahme afghanischer Ortskr&auml;fte einzuf&uuml;hren, die f&uuml;r deutsche Beh&ouml;rden und Organisationen arbeiten oder gearbeitet haben&ldquo; (<a href=\"https:\/\/dserver.bundestag.de\/btd\/19\/092\/1909274.pdf\">Drucksache 19\/9274<\/a>). Die Koalitionsfraktionen und die AfD lehnten den Antrag ab, die Linksfraktion stimmte mit den Gr&uuml;nen daf&uuml;r, die FDP enthielt sich. Dazu lag eine Beschlussempfehlung des Innenausschusses vor (<a href=\"https:\/\/dserver.bundestag.de\/btd\/19\/289\/1928962.pdf\">Drucksache 19\/28962<\/a>).<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li>Welche Instanzen in Deutschland haben verhindert, dass mit der Evakuierung, d.h. Rettung dieser Menschen schon im Juni oder Juli begonnen wurde?[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<br>\n<blockquote><p>\n<em>Herr R&uuml;hle, im Wahljahr 2021 hat nur ein au&szlig;en- und sicherheitspolitisches Thema die Deutschen zeitweise besch&auml;ftigt &ndash; der Abzug aus Afghanistan. War er ein Desaster f&uuml;r den Westen?<\/em><\/p>\n<p>Die Bek&auml;mpfung des Terrorismus in Afghanistan war ein legitimes und vern&uuml;nftiges Ziel, darauf h&auml;tte man sich konzentrieren sollen. Aber der Westen wollte dort eine Demokratie aufbauen. Das musste schief gehen. <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/der-us-praesident-muss-liefern-biden-auf-europa-reise-und-trump-im-gepaeck\/27749390.html\">US-Pr&auml;sident Joe Biden<\/a> hatte das erkannt, schon als Vizepr&auml;sident trat er f&uuml;r einen fr&uuml;heren Abzug der US-Soldaten ein. Grunds&auml;tzlich hatte er den richtigen Ansatz, aber in der letzten Phase hat er Fehler gemacht, weil er dann nicht mehr auf seine Milit&auml;rs h&ouml;rte.<\/p>\n<p><em>Welche Fehler meinen Sie?<\/em><\/p>\n<p>Wenn die USA einzelne Regionen etwa ein halbes Jahr milit&auml;risch l&auml;nger gesichert h&auml;tten, dann h&auml;tten sie die Kontrolle behalten und die Entwicklung besser steuern k&ouml;nnen. Alle westlichen Staaten h&auml;tten auch viel mehr ihrer afghanischen Helfer herausholen k&ouml;nnen. Stattdessen hat die US-Regierung ein Chaos angerichtet. Das war eine politische Niederlage, keine milit&auml;rische. Wenn man die richtigen Schlussfolgerungen aus dem Afghanistan-Einsatz zieht, muss sein Ende aber keine langfristige Schw&auml;che des Westens bedeuten.\n<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li>Mit welchen Argumenten werden auch jetzt, nach den Wahlen, nur m&auml;&szlig;ige Anstrengungen zur Rettung dieser Menschen unternommen?<\/li>\n<\/ol><p><b>Unsouver&auml;nes Agieren &hellip;<\/b><\/p><p>Die letzten Fragen erzwingen Antworten diesseits und jenseits zurechenbarer Verantwortung und Haftung. Ich verweise hier auf die unsouver&auml;ne Position Deutschlands in der NATO und eine eher negative F&uuml;hrungsrolle in der EU, was Beteiligung and Ausf&uuml;hrung von Interventionen betrifft.<\/p><p>Der andere, nicht milit&auml;rische Bereich gr&ouml;&szlig;ter Gef&auml;hrdung bezieht sich auf Intellektuelle, Frauen, JournalistInnen, Studierende und Lehrende sowie ethnische Minderheiten, v.a. die Hazara.<\/p><p>Hierzu muss man die Geschichte der Taliban kennen, auch und besonders ihre Ver&auml;nderungen gegen&uuml;ber der ersten Diktatur 1995-2001[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]. Wieweit eine religi&ouml;se und ideologische H&uuml;lle &uuml;ber der Taliban-Diktatur lag und heute wieder &ndash; wiewohl in ver&auml;nderter Form &ndash; liegt, ist ebenfalls zu analysieren. Die globalpolitischen Interventionen und die Verarbeitung derselben im Land sind bei weitem nicht abgeschlossen. Ebenso wenig ist hinreichend gekl&auml;rt, welchen Anteil die schwache Regierung unter Ashraf Ghani an der islamistischen Engf&uuml;hrung und an der nur scheinbar vom Westen wirkungsvoll aufgebauten Armee wirklich hatte. Das ist aber jetzt zweitrangig.<\/p><p>Tatsache ist, dass es eine regelrechte Verfolgung, Unterdr&uuml;ckung und teilweise Ausrottung intellektueller Opposition bzw. beruflich anti-Taliban orientierten akademischen und p&auml;dagogischen Handelns gibt. Ich sage das so vorsichtig, weil nat&uuml;rlich davor auch nicht alles in Ordnung und im Sinn eines demokratischen und wissenschaftsfreien kulturellen Lebens war. Nach einer Periode von Schockstarre erreichen mich immer mehr Hilferufe bedrohter Menschen. Dabei sind Frauen besonders betroffen, auch weil ihnen oft mehr noch als den M&auml;nnern die materiellen Ressourcen, die Dokumente und die Unterst&uuml;tzung ihrer Familien fehlen, obwohl in den Medien und an den Universit&auml;ten Frauen in den letzten Jahrzehnten erhebliche Bedeutung gewonnen haben.<\/p><p>&hellip; <b>mit fatalen Konsequenzen<\/b><\/p><p>F&uuml;r die Unterst&uuml;tzung dieser Menschen hat die Bundesregierung unverst&auml;ndlich hohe b&uuml;rokratische H&uuml;rden aufgebaut, auch um sie nur &uuml;ber die Grenze nach Pakistan oder den Iran reisen zu lassen. Speziell f&uuml;r Genderprobleme gibt es eine besondere deutsche Initiative, die auch einen Schwerpunkt in Marburg hat (Frau Dr. N&auml;ser Lather)[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>]. Die Situation der Frauen verschlechtert sich[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>].<\/p><p>Der Hochschulbereich ist schwierig, weil die neuen Taliban neben ihrer absurden islamistischen Ideologie durchaus verstanden haben, dass sie bestimmte Qualifikationen brauchen und auch bei dissidenter Einstellung ihrer Tr&auml;ger die Ausreise nicht dulden wollen. Bei anderen sind sie unberechenbar. So falsch die Geschlechtertrennung im Alltag der Universit&auml;ten ist, so sekund&auml;r ist sie angesichts der drohenden Zerst&ouml;rung der Bildungsressourcen der letzten zwanzig Jahre, die sehr wohl f&uuml;r beide Geschlechter erhebliche emanzipatorische Chancen geboten hatte, die auch genutzt wurden, &uuml;brigens teilweise beeindruckend mehr durch Frauen als von M&auml;nnern. Teilweise gelingen individuelle Rettungsprozeduren[<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] (Humboldt-Stiftung Philipp-Schwarz-Stipendium) und DAAD (Hilde Domin-Stipendium), auch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) bem&uuml;ht sich, ebenso die parteinahen Stiftungen. Aber es gibt keine auf politisch-kultureller Einsicht beruhende Strategie der Bundesregierung &ndash; und das &bdquo;Zu sp&auml;t&ldquo;, das f&uuml;r die Ortskr&auml;fte so fatal ist, wirkt sich mit Verz&ouml;gerungen im ganzen Bereich des &Uuml;berbaus ebenfalls aus.<\/p><p>Ein 18-j&auml;hriger Student in Not hat sich an mich gewandt. Er gibt alles an, was ihn geradezu pr&auml;destiniert, gerettet und au&szlig;er Landes gebracht zu werden. Zielstrebig verfolgte er eine Karriere und erhielt stets beste Benotungen. Er selbst bezeichnet sich als <i>&bdquo;<\/i><i>an Afghan Student at-risk&rdquo;<\/i> aus der Provinz Daykundi. Die Selbstbezeichnung <i>Student at-risk<\/i> zeigt gebildete Rhetorik, die Beschreibung der Repression in Daykundi, wo viele Hazaras wohnen, ist eindr&uuml;cklich und l&auml;sst ahnen, wie prek&auml;r die Situation auch in der Vor-Talibanzeit war. Dass er und seine Familie jetzt abgetaucht sind, wie viele andere auch, ist verst&auml;ndlich &ndash; aber umso schwieriger, die einzelnen Menschen zu erreichen.<\/p><p>Mir ist besonders wichtig, dass und wie die Universit&auml;t Marburg, der ich mich besonders verbunden f&uuml;hle, diesen Menschen konkret zu helfen vermag &ndash; und zwar langfristig. Wir sind nicht nur ein Einwanderungsland, sondern brauchen auch die humanit&auml;re Politik auf unserer Seite, wenn wir &uuml;berleben wollen.<\/p><p>Titelbild: Maximum Exposure PR\/shutterstock.com<\/p><p><u><b>Referenzen<\/b><\/u><\/p><ul>\n<li>AAN Afghanistan Analysts Network &ndash; v.a. Thomas Ruttig (<a href=\"https:\/\/www.afghanistan-analysts.org\/en\/pubauthor\/thomas-ruttig\/\">afghanistan-analysts.org\/en\/pubauthor\/thomas-ruttig\/<\/a>)<\/li>\n<li>Daxner, M., J. Free, M. Sch&uuml;ssler and U. Thiele (2008): Folgekonflikte nach milit&auml;r-gest&uuml;tzten humanit&auml;ren Interventionen. Konferenz unter dem gleichen Titel Arbeitsstelle Interventionskultur (ASIK). U Potsdam, U Oldenburg<\/li>\n<li>Daxner, M., M. N&auml;ser-Lather and S.-L. Nicola, Eds. (2018): Conflict Veterans. Newcastle, Cambridge Scholars Publishing<\/li>\n<li>Marcel Bohnert: &bdquo;Ich war in einem Krieg, den es nicht geben durfte&ldquo;. SPIEGEL 31, 2021-08-07<\/li>\n<li>Christoph Reuter und Juan Carlos: &bdquo;Niemand kann dich mehr retten&ldquo;. SPIEGEL 37, 2021-09-11<\/li>\n<li>Karen Kr&uuml;ger: Krieg und Alltag. &bdquo;Seit dem 11. September 2001 bilden afghanische Teppiche auch die einst&uuml;rzenden Twin Towers ab&ldquo;. FAZ 2021-09-12<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] In den &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien wendet sich die Berichterstattung von Missverst&auml;ndnissen &uuml;ber Schuldzuweisungen bis hin zur Geheimdienstreform. Einzelne Meldungen sind deshalb ungen&uuml;gend: Empfehlung: it-Recherche unter &bdquo;BND Geheimdienste Taliban Fehler&ldquo;. Ab 20.8.2021 wird das interessant und ist es bis heute. F&uuml;r die USA ist vor allem das Studium der SIGAR-Rekonstruktionen unerl&auml;sslich: Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction. <a href=\"https:\/\/www.sigar.mil\/\">sigar.mil\/<\/a> Eine derartige Instanz hat es in Deutschland nicht ann&auml;hernd gegeben.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Bundesregierung (2007). Das Afghanistan-Konzept der Bundesregierung. Berlin, Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] O&rsquo;Toole, F. (2021). &ldquo;The Lie of Nation Building.&rdquo; New York Review of Books: 16-19<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Zum Bundeswehreinsatz vgl. Lather, D. (2015): F&uuml;r Deutschland in den Krieg. Marburg, Tectum<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Reuter, C., M. Mettelsiefen, H. Theiss (2010): Kunduz, 4. September 2009. Eine Ausstellung. Kunstraum Potsdam, 04\/23-06\/13\/2010<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Daxner, M. (2017): A Society of Intervention &ndash; An Essay on Conflicts in Afghanistan and other Military Interventions. Oldenburg, BIS<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ortskraft\">de.wikipedia.org\/wiki\/Ortskraft<\/a> &mdash; neuerdings: <a href=\"https:\/\/www.bamf.de\/DE\/Themen\/%20AsylFluechtlingsschutz\/ResettlementRelocation\/\">bamf.de\/DE\/Themen\/ AsylFluechtlingsschutz\/ResettlementRelocation\/<\/a>AufnahmeAfghanOrtskraefte\/aufnahme-afghanische-ortskraefte-node.html<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Am 9.11.2021 wird gemeldet, dass die Bundesregierung 329 Ortskr&auml;fte und andere bedrohte Menschen au&szlig;er Landes nach Doha gebracht hat. (U.a. DLF 16.00 Uhr, ORF <a href=\"https:\/\/orf.at\/#\/stories\/3236047\/\">orf.at\/#\/stories\/3236047\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Vgl. <a href=\"https:\/\/www.patenschaftsnetzwerk.de\/\">patenschaftsnetzwerk.de\/<\/a> Vgl. dazu den CDU\/CSU\/SPD-abgelehnten Antrag der Gr&uuml;nen\/Linken zur Evakuierung der Ortskr&auml;fte <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2021\/kw25-de-afghanische-ortskraefte-846934\">bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2021\/kw25-de-afghanische-ortskraefte-846934<\/a> <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/themen\/afghanistan\/\">tagesspiegel.de\/themen\/afghanistan\/<\/a> Einige sehr beachtenswerte Artikel, v.a. von Volker R&uuml;hle. Im &Uuml;brigen wird hier von &uuml;ber 6.000 geretteten Personen geschrieben, das muss man nach dem Grad der objektiven Betroffenheit (verfolgt, bedroht, oder mit Familie usw.) differenzieren. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Zur Geschichte der Taliban vgl. Rashid, A. (2010): Taliban. New York, I.B. Tauris &amp; Co.Gro&szlig;e Verdienste in einer differenzierten und genauen Darstellung hat das AAN erworben, die verl&auml;sslichste Quelle f&uuml;r aktuelle Informationen <a href=\"https:\/\/www.afghanistan-analysts.org\/en\/\">afghanistan-analysts.org\/en\/<\/a>, hier vor allem <i>Thomas Ruttig<\/i>, der deutsche Co-Direktor. Dazu kommen noch Journalisten wie <i>Christoph Reuter<\/i>. Insgesamt aber sind wir dar&uuml;ber hinaus leider auf viele und genauere ausl&auml;ndische Berichterstattung angewiesen. Falsche Hoffnungen: &bdquo;Aufstehen gegen die Taliban&ldquo; (Salzburger Nachrichten), 2021-09-06. Dazu noch Christoph Reuter: Die Unbezwingbaren. SPIEGEL 34, 2021-08-21<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] FG Geschlechterstudien FU-Berlin (Hg.): Offener Brief &ndash; &Ouml;ffnung der Gef&auml;hrdetenliste f&uuml;r Frauen, M&auml;dchen und LGBTIQ Personen aus Wissenschaft, NGOs, Medien und Bildung in Afghanistan (7.10.2021). Auch hier werden konkrete Personen genannt, die auf die Namensliste des Ausw&auml;rtigen Amtes kommen m&uuml;ssen, um bevorzugt eine Ausreise nach Deutschland zu erreichen. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Vgl. Savage, R. (2021): British government says more LGBT+ Afghans fleeing Taliban rule are expected to arrive in the coming months<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Humboldt-Stiftung u.a. (Philipp-Schwarz-Stipendium) und DAAD (Hilde Domin-Stipendium)<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><i>Zahlreichen Afghanen, die zivilen deutschen entwicklungspolitischen Organisationen und der Bundeswehr vor Ort als Dolmetscher und &Uuml;bersetzer hilfreich zur Seite standen, droht ein ungewisses Schicksal.<\/i><\/p>\n<p>&bdquo;AFGHANISTAN &ndash; Die Lage von Ortskr&auml;ften und Wissenschaftlern&ldquo;<b> <\/b>lautete der Titel eines Vortrags, den <b>Prof. Dr. Dr. Michael Daxner<\/b> am 3. November 2021 im Rahmen einer Veranstaltung des Zentrums f&uuml;r Konfliktforschung an<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78061\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":78062,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,171],"tags":[351,1171,1055,3109,2664],"class_list":["post-78061","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-afghanistan","tag-asyl","tag-fluechtlinge","tag-taliban","tag-truppenabzug"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/shutterstock_56953126.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78061","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=78061"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78061\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":78065,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78061\/revisions\/78065"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/78062"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=78061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=78061"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=78061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}