{"id":78132,"date":"2021-11-19T10:30:51","date_gmt":"2021-11-19T09:30:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78132"},"modified":"2026-01-27T11:40:28","modified_gmt":"2026-01-27T10:40:28","slug":"arno-luik-diese-bahn-ist-und-das-ist-keine-polemik-in-einem-fast-irreparablen-zustand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78132","title":{"rendered":"Arno Luik: \u201eDiese Bahn ist, und das ist keine Polemik, in einem fast irreparablen Zustand\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Deutsche Bahn ist Mitbesitzerin eines der gef&auml;hrlichsten Atomkraftwerke in Deutschland. Der Fuhrpark der Bahn besteht zu einem Drittel aus Dieselloks, viele davon betrieben mit einer &bdquo;Uralt-Abgastechnik&ldquo;. Das Bild, das in der &Ouml;ffentlichkeit von der Bahn als &bdquo;umweltfreundlich&ldquo; vermittelt wird, entspricht nicht der Realit&auml;t. Das sagt der Journalist und Bestsellerautor <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/schaden-in-der-oberleitung\/\"><strong>Arno Luik<\/strong><\/a> im NachDenkSeiten-Interview. Sein Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Schaden-in-der-Oberleitung.html\">&bdquo;Schaden in der Oberleitung &ndash; Das geplante Desaster der Deutschen Bahn&ldquo;<\/a> ist eine Abrechnung mit der Deutschen Bahn und ihren Verantwortlichen. Im Interview mit den NachDenkSeiten &auml;u&szlig;ert sich Luik auch in klaren Worten zum vermuteten Umgang der neuen Bundesregierung mit der Bahn: &bdquo;Ich erwarte wenig, aber ich bef&uuml;rchte viel&ldquo;, so Luik. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8142\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-78132-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211119_Arno_Luik_Diese_Bahn_ist_und_das_ist_keine_Polemik_in_einem_fast_irreparablen_Zustand_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211119_Arno_Luik_Diese_Bahn_ist_und_das_ist_keine_Polemik_in_einem_fast_irreparablen_Zustand_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211119_Arno_Luik_Diese_Bahn_ist_und_das_ist_keine_Polemik_in_einem_fast_irreparablen_Zustand_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211119_Arno_Luik_Diese_Bahn_ist_und_das_ist_keine_Polemik_in_einem_fast_irreparablen_Zustand_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=78132-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211119_Arno_Luik_Diese_Bahn_ist_und_das_ist_keine_Polemik_in_einem_fast_irreparablen_Zustand_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211119_Arno_Luik_Diese_Bahn_ist_und_das_ist_keine_Polemik_in_einem_fast_irreparablen_Zustand_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Luik, wie &bdquo;gr&uuml;n&ldquo;, wie umweltfreundlich ist die Bahn eigentlich?<\/strong><\/p><p>Die Bahn br&uuml;stet sich seit vielen Jahren damit, sie sei ein klasse gr&uuml;nes Unternehmen, &bdquo;unsere Loks gew&ouml;hnen sich das Rauchen ab&ldquo;. Dieser Werbeslogan der Deutschen Bundesbahn von 1968 begr&uuml;ndet das sch&ouml;ne Image der umweltfreundlichen Bahn, das sie bis heute aufwendig pflegt: &bdquo;Bahnfahren ist Umweltschutz&ldquo;. Das ist in den K&ouml;pfen der Bundesb&uuml;rger drin. Man glaubt es gern, auch das vielleicht noch: &bdquo;Wir wollen Umweltvorreiter werden und setzen daf&uuml;r Ma&szlig;st&auml;be in allen Bereichen. So fahren heute bereits rund 140 Millionen Reisende im Fernverkehr mit 100 Prozent &Ouml;kostrom.&ldquo; Mit dem Bahnfahren, das suggerieren die Imagekampagnen des Konzerns, rettet man das Klima. Die Bahn schafft, hei&szlig;t das, woran die Politik so kl&auml;glich versagt: die &ouml;kologische Energie- und Verkehrswende. Der Eisb&auml;r auf seiner schmelzenden Eisscholle muss diesem Klimaretter dankbar sein. <\/p><p><strong>Stimmt doch, oder?<\/strong><\/p><p>Nein, auch wenn ihr Fernverkehr, wie die Bahn sagt, mit &Ouml;kostrom fahre. Zum einen: Der Fernverkehr ist die fast kleinste Sparte im Konzern. Und zum anderen: Der dort konkret verbrauchte &Ouml;kostrom kann sehr wohl Strom aus Atomkraftwerken sein. &Ouml;kostrom f&uuml;r die Fernz&uuml;ge hei&szlig;t lediglich: Die Bahn kauft genauso viel elektrische Energie aus erneuerbaren Quellen ein, wie sie im angeblich so sauberen Fernverkehr verbraucht. Au&szlig;erdem ist die Bahn, dar&uuml;ber spricht sie nicht so gern, Mitbesitzerin eines Atomkraftwerks, des AKW Neckarwestheim, das zu den gr&ouml;&szlig;ten Kraftwerken Deutschlands geh&ouml;rt, uralt und &uuml;berdies einer der gef&auml;hrlichsten Atommeiler in Deutschland ist &ndash; Risse in Rohren sorgen immer wieder f&uuml;r Angst bei Anwohnern. Vor ein paar Jahren kommentierte Tobias Riedl, Atomexperte bei Greenpeace, dieses Greenwashing des Staatskonzerns so: &bdquo;Die Bahn inszeniert sich gern als umweltfreundliches Unternehmen, doch in Wahrheit ist sie eine Atombahn.&ldquo;<\/p><p>Aber die Bahn ist nicht nur atomfreundlich, sie ist auch ein Dieseljunkie. Fast 2500 Triebwagen und Lokomotiven mit Dieselmotoren rollen durch Deutschland, das ist ein Drittel des DB-Fuhrparks, und die meisten sind mit einer Uralt-Abgastechnik ausgestattet, die sich an den Schadstoffwerten von 1999 orientiert: echte Dreckschleudern also. Alles in allem, das sind die offiziellen Zahlen der Bahn, stammen noch immer rund 40 Prozent des Bahnstroms aus konventioneller Energie, vor allem aus Kohlekraftwerken und Atommeilern. <\/p><p><strong>Aber wenn man der Berichterstattung und den Aussagen bestimmter Politiker folgt, k&ouml;nnte die Bahn kaum umweltfreundlicher sein. Woran machen Sie Ihre Aussage fest?<\/strong><\/p><p>Sie reden so, weil sich viele Politiker nicht die M&uuml;he machen, genau hinzuschauen. Es ist &ndash; auch medial &ndash; gerade &uuml;beraus schick und angesagt, die Bahn als Wunderwaffe im Kampf f&uuml;r ein besseres Klima, zur Rettung der Zukunft gar, anzupreisen. Und so kommt es, dass sich derzeit so viele in ihren Versprechungen &uuml;berbieten: eine Verdoppelung der Reisenden im Fernverkehr soll es bis 2030 geben, die G&uuml;terbahn soll 70 Prozent mehr transportieren als heute, und es sollen demn&auml;chst sogar wieder ein paar Nachtz&uuml;ge ins Ausland rollen. Abgesehen davon, dass sowohl Politiker als auch die Bahnbosse eine unselige Tradition von nie eingehaltenen Versprechungen haben, sind die meisten der aktuellen Verhei&szlig;ungen ohne Bezug zur Realit&auml;t. Denn der Bahn, die in den vergangenen Jahrzehnten so konsequent wie unverantwortlich demontiert worden ist, fehlt es heute an allem: an Gleisen, an Land f&uuml;r Gleise, an Lokomotiven, an Z&uuml;gen, an Personal. Vor allem aber an: Knowhow.<\/p><p>Wie hoffnungslos die Lage ist, zeigt sich an einer Zahl: Um auf den Standard der Schweiz zu kommen, was das Minimum f&uuml;r den so oft bejubelten Hochtechnologiestandort Deutschland w&auml;re, m&uuml;sste das Bahnnetz augenblicklich um 25 000 Kilometer erweitert werden &ndash; ein Ding der Unm&ouml;glichkeit. Es ist zu viel zerst&ouml;rt worden, wird weiterhin viel zerst&ouml;rt. Wo fr&uuml;her Gleise und Rangierbahnh&ouml;fe waren, stehen heute Einkaufszentren, B&uuml;ro- und Wohngeb&auml;ude. Oder gar nichts.<\/p><p><strong>Das Gerede von der &bdquo;gr&uuml;nen Bahn&ldquo; ist also eine Augenwischerei?<\/strong><\/p><p>Um es sehr, sehr freundlich zu formulieren: Es ist unredlich. All diese rituellen Versprechungen von Bahn und Politik haben, wie gesagt, keinen Bezug zur Wirklichkeit. Sie sind grotesk. In Sachen Bahn spielen seit Jahrzehnten Vernunft, die Sorge ums Klima keine Rolle. R&uuml;cksichts- und verantwortungslos agierten in den vergangenen 25 Jahren s&auml;mtliche Bahnchefs und Verkehrspolitiker. Ein Beispiel: &Uuml;ber 100 St&auml;dte wurden vom Fernverkehrsnetz abgeh&auml;ngt, Mittel- und Gro&szlig;st&auml;dte wie etwa Chemnitz (240 000 Einwohner), Potsdam (172 000), Krefeld (234 000), Heilbronn (122 000). F&uuml;r 17 Millionen Menschen wurde durch dieses Abkoppeln das Bahnfahren erschwert und unattraktiv. Wie soll das also blo&szlig; klappen? Verkehrswende. Mobilit&auml;tswende. Klimaschutz. Wie, verdammt noch mal, soll denn diese Bahn nun die Wunderwaffe gegen den sogenannten &bdquo;Klimawandel&ldquo;, der ja faktisch eine Katastrophe ist, sein? Sein k&ouml;nnen? Diese Bahn ist, und das ist keine Polemik, in einem fast irreparablen Zustand.<\/p><p><strong>Warum wird die Bahn als so umweltfreundlich angepriesen, wenn sie das gar nicht ist?<\/strong><\/p><p>Die Politiker und ihre Bahnchefs k&ouml;nnen so daherreden, weil im kollektiven Bewusstsein der Bev&ouml;lkerung dieser Gedanke tief verankert ist: Die Bahn ist gut, sie ist &ouml;kologisch, sie ist das klimafreundliche Verkehrsmittel. Aber das stimmt so nicht. Nat&uuml;rlich, die Bahn k&ouml;nnte &ouml;kologisch sein, aber sie ist es nicht. Mit 35 Milliarden Euro ist die Bahn AG derzeit verschuldet, also faktisch pleite. Diese Deutsche Bahn AG &ndash; unter Duldung und Mithilfe der Politik &ndash; ist aus dem Ruder gelaufen. Sie ist ein Staat im Staat. Der macht, was er will. Was kaum &ouml;ffentlich beachtet wird: Diese Deutsche Bahn AG ist keine deutsche Bahn mehr. Und Schuld daran sind Gerhard Schr&ouml;der und Joschka Fischer: In ihrer rotgr&uuml;nen Regierungszeit installierten sie Hartmut Mehdorn als Bahnchef &ndash; der Totengr&auml;ber der Deutschen Bahn. Als Mehdorn Chef der Deutschen Bahn war (von 1999 bis 2009), sagte er: &bdquo;Unser Markt ist nicht Deutschland. Unser Markt ist die Welt.&ldquo; 2005 erkl&auml;rte dieser Bahnchef, ohne sofort entlassen zu werden, dass ihm die Bahn und das Fahren von Z&uuml;gen nicht so wichtig ist: &bdquo;Bis zum Ende des Jahrzehnts werden wir 60 Prozent unserer Ums&auml;tze mit Non-Rail-Aktivit&auml;ten erwirtschaften. &Uuml;ber 50 Prozent unserer Ums&auml;tze werden wir von jenseits der Grenzen Deutschlands bekommen.&ldquo; <\/p><p><strong>Was hat das f&uuml;r die Bahn bedeutet? Wie sieht es heute aus?<\/strong><\/p><p>Ich k&ouml;nnte nun losrappen: Armenien, Aserbaidschan, Sri Lanka, Kenia, Barbados, Nigeria, Tschechien, Simbabwe, Ecuador. Ich k&ouml;nnte nun viele Seiten mit L&auml;ndernamen f&uuml;llen, die kaum jemand kennt &ndash; vielleicht nicht einmal die Herren und Damen in ihrem Berlin Bahntower. <\/p><p><strong>Was hei&szlig;t das denn? In wie vielen L&auml;ndern ist die Deutsche Bahn aktiv?<\/strong><\/p><p>In &uuml;ber 140 L&auml;ndern. Die Deutsche Bahn AG ist dort mit Bussen, Flugzeugen, Schiffen, PKWs, LKWs, Krankenwagen, Elektroautos unterwegs. Diese Deutsche Bahn, die es nicht schafft, in Deutschland einen ordentlichen Zugverkehr zu erm&ouml;glichen, betreibt im Ausland alles M&ouml;gliche und Unm&ouml;gliche &ndash; etwa Krankentransporte in Gro&szlig;britannien, Elektrobusse in Tschechien, Minenlogistik in Australien, ist Marktf&uuml;hrer im Schiffsverkehr zwischen China und den USA. In &uuml;ber 140 L&auml;ndern sieht man das Logo der Deutschen Bahn oder ihrer T&ouml;chter, also DB Schenker oder DB Arriva oder DB Cargo oder DB Engineering &amp; Consulting &ndash; mit rund 800 Gesellschaften, Firmen und Firmenbeteiligungen agiert die Bahn rund um den Globus. <\/p><p><strong>Das h&ouml;rt sich ziemlich &bdquo;gro&szlig;&ldquo; an?<\/strong><\/p><p>Ja, ein Imperium, &uuml;ber dem nie die Sonne untergeht. Ein b&uuml;rokratisches Monster. Fast die H&auml;lfte des Konzernumsatzes stammt aus dem Auslandsgesch&auml;ft. Viel Geld wird da bewegt, die Gewinnmargen aber sind gering, die Konkurrenz beinhart. Mehr als zehn Milliarden Euro gingen f&uuml;r diese Auslandseins&auml;tze drauf, Investitionen, die sich nicht amortisieren. Im Januar 2019 attackierte der Rechnungshof wieder einmal die Auslandseins&auml;tze der Bahn: &bdquo;Aus der globalen Gesch&auml;ftst&auml;tigkeit der DB AG ergeben sich bislang keine positiven Effekte f&uuml;r die Ertrags- und Finanzlage der Eisenbahn in Deutschland.&ldquo; Im Klartext: Die imperiale Expansion war und ist verh&auml;ngnisvoll &ndash; f&uuml;r die Bahnkunden und die Steuerzahler in Deutschland. Der B&uuml;rger zahlt und zahlt und bekommt daf&uuml;r auf seinen Schienen: Zerfall. &Auml;rger. Frust.<\/p><p><strong>Eine neue Bundesregierung d&uuml;rfte sich auch mit der Bahn auseinandersetzen. Was erwarten Sie? In welche Richtung werden die Koalitionsparteien die Weichen stellen?<\/strong><\/p><p>Ich erwarte wenig, ich bef&uuml;rchte viel. Die Gr&uuml;nen und die FDP wollen &bdquo;mehr Wettbewerb&ldquo; auf den Schienen, sie planen den Fern-, Regional- und G&uuml;terverkehr zu privatisieren, sie wollen f&uuml;r diesen katastrophalen Unfug das Schienennetz, die Infrastruktur aus dem Konzern ausgliedern. Das bedeutet in aller K&uuml;rze: Noch mehr B&uuml;rokratie. Und auf geradezu unredliche Weise wird bei alldem verschwiegen beziehungsweise str&auml;flicherweise ignoriert, was der Privatisierungswahn in Gro&szlig;britannien eingebracht hat: entgleisende Z&uuml;ge, horrende Fahrpreise, sinkende Fahrgastzahlen, Stilllegung von Strecken, weniger Z&uuml;ge. Klima ade. So chaotisch ging und geht es bei den privatisierten britischen Bahnen zu, dass die Regierung nun einen Gro&szlig;teil der Privatisierung zur&uuml;cknimmt. Schon wundersam also, wie zielstrebig die neue Bundesregierung hierzulande eine Verschlechterung herbeif&uuml;hren will.<\/p><p><strong>In welchem Stadium sehen Sie die Bahn jetzt? Wie ist ihr Zustand?<\/strong><\/p><p>In einem, wie gesagt, fast irreparablen Zustand. Es ist tragisch, dass Mehdorn und sein Nachfolger R&uuml;diger Grube an die Spitze des Unternehmens bef&ouml;rdert wurden und viele Jahre lang dessen Geschicke bestimmen durften. Die Bahn hat sich von ihrem unheilvollen Tun noch nicht erholt, und ob sie es jemals wieder schafft, ist fraglich. Ja, sagen nun die Politiker, wir haben dazugelernt, wir geben der Bahn in den kommenden Jahren viel Geld, richtig viel Geld: 60, 70, ja, 90, vielleicht sogar 150 Milliarden Euro Steuergeld sollen in den n&auml;chsten zehn Jahren in die Bahn flie&szlig;en, zw&ouml;lf Milliarden Euro will die Bahn jetzt sofort in neue Z&uuml;ge investieren. Es soll alles besser, zuverl&auml;ssiger, p&uuml;nktlicher werden. <\/p><p><strong>Das h&ouml;rt sich doch erstmal gut an, oder nicht?<\/strong><\/p><p>In Anbetracht dieser Pl&auml;ne k&ouml;nnte man fragen: Zieht also nun endlich Vernunft ein in die Verkehrspolitik, darf ich mich als B&uuml;rger und Bahnfahrer &uuml;ber diese wahrhaft astronomischen Summen freuen? <\/p><p><strong>Und?<\/strong><\/p><p>Nein, ungl&uuml;cklicherweise nein. Diese Unsummen, die nun investiert werden sollen (&bdquo;sollen&ldquo; hei&szlig;t noch lange nicht, dass sie auch tats&auml;chlich investiert werden), belegen nur, wie die Herren und Damen im Bundeskanzleramt und ihre Verkehrsminister und Bahnchefs in den vergangenen 25 Jahren &ndash; seit der Bahnreform 1994 &ndash; gest&uuml;mpert haben, wie sie die Bahn systematisch haben verkommen lassen &ndash; so, dass auf unabsehbare Zeit ein ordentlicher Zugverkehr unm&ouml;glich ist. Ein paar Beispiele zeigen die mutwillige Zerst&ouml;rung: Betrug die Netzl&auml;nge 1994 noch 40 475 Kilometer, sind es heute blo&szlig; noch 33 000 Kilometer. Ein Viertel ist einfach verschwunden. Diesen Raubbau sp&uuml;ren die Wartenden an den Bahnsteigen, die Gestrandeten im Nirgendwo, die Versp&auml;teten im ICE, vor dem ein G&uuml;terzug schleicht. <\/p><p>Gab es 1994 noch &uuml;ber 11 000 Gleisanschl&uuml;sse f&uuml;r Industriebetriebe, so sind es derzeit gerade noch etwas &uuml;ber 2000. Und noch etwas: Hatte die Deutsche Bahn AG 2008 &uuml;ber 120 000 G&uuml;terwaggons im Einsatz, waren es zehn Jahre sp&auml;ter blo&szlig; noch 80 000. Klima ade.<\/p><p>Und so frage ich mich staunend, woher Politiker und Bahnchefs blo&szlig; die Kraft hernehmen, im Brustton der &Uuml;berzeugung zu verk&uuml;nden: Wir sind nun auf dem richtigen Weg! <\/p><p><strong>Wo sehen Sie die gr&ouml;&szlig;ten Schwachstellen?<\/strong><\/p><p>Puh, ich wei&szlig; gar nicht, wo ich da anfangen soll. Schon jetzt ist absehbar, dass Politik und Bahn so unverantwortlich weiterst&uuml;mpern wie bisher: Das viele Geld, das der Bahn nun versprochen ist, wird zum gr&ouml;&szlig;ten Teil wieder in so gigantische wie un&ouml;konomische, aber vor allem un&ouml;kologische Gro&szlig;projekte verschleudert und versenkt werden: Milliarden etwa in Stuttgart 21, Milliarden in M&uuml;nchens zweite Stammstrecke, Milliarden in die H&ouml;chstgeschwindigkeitsstrecken Bielefeld &ndash; Hannover, Hannover &ndash; Hamburg, W&uuml;rzburg &ndash; N&uuml;rnberg, Milliarden in den geplanten Tiefstbahnhof samt Tunneln unter Frankfurt, Milliarden in die Neubaustrecke von Dresden nach Prag samt einem riesigen Tunnel durch das Erzgebirge, Milliarden in den Fehmarnbelt-Tunnel unter der Ostsee und die Anbindung nach Hamburg &ndash; alles unfassbar teure Megaprojekte, so zwischen 40 und 70 Milliarden Euro werden sie kosten. Alles Projekte, die dem Bahnverkehr sehr wenig bringen, dem Klima jedoch sehr schaden. <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Bei fast allen angedachten Gro&szlig;projekten soll es sehr viele Tunnel geben &ndash; zur ewigen Freude der Beton- und Tunnelbohrindustrie. Diese Bahn garantiert ihr Extraprofite. Seit Jahrzehnten schrumpft das Gleisnetz in Deutschland, aber zwischen 2008 und 2018 ist die Zahl der Tunnel von 675 auf 793 gestiegen, die Tunnell&auml;nge von 490 375 auf 762 634 Meter angewachsen &ndash; eine Steigerung um 55,5 Prozent. Der Bahnreisende wird zur Rohrpost. Und die Deutsche Bahn zu einer bundesweiten U-Bahn. Besonders fatal: Der Bau von einem Kilometer Bahntunnel setzt so viel CO2 frei, wie 26 000 Autos im Jahr hinauspusten, wenn sie jeweils 13 000 Kilometer fahren. Au&szlig;erdem: Der Energieverbrauch bei Fahrten in einem eingleisigen Tunnel ist doppelt so hoch wie bei oberirdischen Fahrten. Jenseits von Tempo 200 (vor allem in den Tunneln) pulverisiert sich der &Ouml;kovorteil der Bahn. Staatlich geduldeter und finanzierter Umweltfrevel. Klima ade.<\/p><p><strong>Machen Sie doch bitte mal Vorschl&auml;ge: Was m&uuml;sste getan werden?<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte &ndash; w&auml;re es nicht ein Fortschritt? &ndash; auf diese milliardenschweren Prestigebauten verzichten und stattdessen Regionalstrecken ausbauen, Industrieanschl&uuml;sse f&uuml;r den G&uuml;terverkehr installieren und reaktivieren, Bahnh&ouml;fe vor allem auf dem Land attraktiv gestalten, endlich konsequent Strecken elektrifizieren, die erfolgreichste Zugart der Bahn, die aus unerfindlichen Gr&uuml;nden abgeschafft worden ist, wieder einf&uuml;hren: den Interregio. Allein f&uuml;r Stuttgart 21 und die dazugeh&ouml;rende Neubautunnelstrecke nach Ulm lie&szlig;en sich 1500 kundenfreundliche Bahnh&ouml;fe &agrave; 10 Millionen Euro bauen&hellip; . Es k&ouml;nnte gut werden, mit dieser Bahn. Vern&uuml;nftig. &Ouml;kologisch. Wenn man es denn will. <\/p><p><strong>In der Schweiz scheint es besser zu laufen. Was machen die Schweizer anders?<\/strong><\/p><p>Die Schweizer Staatsbahnen sind das, was die Deutsche Bahn viele Jahrzehnte lang war: ein Vorbild. Die Schweizer haben ein anderes Verst&auml;ndnis f&uuml;r ihre Bahn. F&uuml;r sie ist die Bahn das, was den Deutschen ihr Auto ist. Sie sind stolz auf ihre Z&uuml;ge. Und die Schweizer Bahnchefs (sie sind im Gegensatz zu den deutschen Bahnchefs Profis) wissen, was sie tun: Sie konzentrieren sich auf das Zugfahren in ihrem Land. Sie verpulvern keine Milliarden bei Auslandseins&auml;tzen. Sie haben seit langem das, was Deutschland mal hatte, nun wieder verzweifelt haben will, aber kaum mehr schaffen wird: den kundenfreundlichen Taktverkehr. Alles ist da perfekt aufeinander abgestimmt: Die Fernz&uuml;ge auf die Regionalz&uuml;ge, die Busse, die Schiffe, die Bergbahnen, sogar Liftanlagen. Gehen Sie mal in den Z&uuml;richer Hauptbahnhof, dann sehen Sie den Unterschied: Die Schweizer Z&uuml;ge, die da einfahren, sind sauber und gepflegt. Der Stolz der Deutschen Bahn aber, der ICE, wenn er dort einf&auml;hrt, dann ist er meist verdreckt, ungepflegt. Ein Sinnbild f&uuml;r den deplorablen Zustand dieser Deutschen Bahn AG. <\/p><p><i>Lesetipp: Luik, Arno: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Schaden-in-der-Oberleitung.html\">Schaden in der Oberleitung. Das geplante Desaster der Deutschen Bahn.<\/a> Westend Verlag September 2019. 20 Euro.<\/i><\/p><p>Titelbild: tommaso79 \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Deutsche Bahn ist Mitbesitzerin eines der gef&auml;hrlichsten Atomkraftwerke in Deutschland. Der Fuhrpark der Bahn besteht zu einem Drittel aus Dieselloks, viele davon betrieben mit einer &bdquo;Uralt-Abgastechnik&ldquo;. Das Bild, das in der &Ouml;ffentlichkeit von der Bahn als &bdquo;umweltfreundlich&ldquo; vermittelt wird, entspricht nicht der Realit&auml;t. Das sagt der Journalist und Bestsellerautor <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/schaden-in-der-oberleitung\/\"><strong>Arno Luik<\/strong><\/a> im NachDenkSeiten-Interview.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78132\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":78135,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,209,85,73],"tags":[268,1710,3146,1494,2719,596,694,2547,2061,2764],"class_list":["post-78132","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-interviews","category-pr","category-verkehrspolitik","tag-deutsche-bahn","tag-fossile-energie","tag-greenwashing","tag-infrastruktur","tag-luik-arno","tag-mehdorn-hartmut","tag-milliardengrab","tag-taktfahrplan","tag-umweltverschmutzung","tag-verkehrswende"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/shutterstock_1401539519.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78132","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=78132"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78132\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80776,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78132\/revisions\/80776"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/78135"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=78132"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=78132"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=78132"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}