{"id":78186,"date":"2021-11-22T09:00:17","date_gmt":"2021-11-22T08:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78186"},"modified":"2021-11-22T16:52:47","modified_gmt":"2021-11-22T15:52:47","slug":"die-rationalitaet-der-impfentscheidung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78186","title":{"rendered":"Die Rationalit\u00e4t der Impfentscheidung"},"content":{"rendered":"<p>Menschen, die sich nicht impfen lassen, wird oft vorgeworfen, dass sie sich irrational verhalten w&uuml;rden, dass sie nicht auf die Wissenschaft und die Erfolge der Medizin achten w&uuml;rden. Mit zunehmender Emotionalisierung der Debatte werden die Attribute st&auml;rker: &bdquo;wirr&ldquo; seien sie, &bdquo;nicht mehr bei Verstand&ldquo;. Aber ganz so einfach ist es nicht. Dieser Text versucht, die Vernunft in der Impfentscheidung zu entschl&uuml;sseln. Achtung, Spoileralarm: Wer sich impfen lassen hat und sich &uuml;ber die Rationalit&auml;t dieser Entscheidung auf keinen Fall verunsichern lassen will, sollte hier nicht weiterlesen. Alle anderen sollten sich in aller Ruhe und ohne die heimliche Frage &bdquo;was will er denn damit suggerieren?&ldquo; auf den Gedankengang einlassen. Noch ein Spoiler: Am Ende steht, warum (und in welchem Sinn) es rational ist, sich impfen zu lassen. Von <strong>J&ouml;rg Phil Friedrich<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2305\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-78186-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211122_Die_Rationalitaet_der_Impfentscheidung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211122_Die_Rationalitaet_der_Impfentscheidung_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211122_Die_Rationalitaet_der_Impfentscheidung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211122_Die_Rationalitaet_der_Impfentscheidung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=78186-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211122_Die_Rationalitaet_der_Impfentscheidung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211122_Die_Rationalitaet_der_Impfentscheidung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es geh&ouml;rt zu den wichtigsten Erfahrungen der Medizin, dass sich Ursache-Wirkungs-Beziehungen in ihrem Wirkungskreis nur durch statistische Methoden und niemals im Einzelfall aufzeigen lassen. Das ist bei einfachen physikalischen Zusammenh&auml;ngen anders. Wenn ich einen Stein gegen eine Scheibe werfe und wenn diese Scheibe beim Auftreffen zerst&ouml;rt wird, dann wei&szlig; jeder, dass mein Steinwurf die Ursache des Schadens ist. Allerdings zerspringt nicht jede Scheibe bei jedem Steinwurf, und Scheiben k&ouml;nnen auch durch andere Ereignisse zerst&ouml;rt werden als nur durch Steinw&uuml;rfe &ndash; auch da ist die Sache also ziemlich kompliziert &ndash; aber klar ist, dass diese konkrete Scheibe jetzt kaputt ist, weil ich einen Stein dagegen geworfen habe.<\/p><p>Selbst diese Sicherheit hat die Medizin im Einzelfall nicht. Gibt man einem Patienten eine Medizin und wird er daraufhin gesund, kann man nicht sagen, dass die Medizin die Genesung verursacht hat. Noch problematischer ist es, wenn eine Medizin gegeben wird, um eine Erkrankung zu verhindern, das ist selbstverst&auml;ndlich. Es gibt viele Gr&uuml;nde, warum ich w&auml;hrend einer Grippe-Epidemie nicht an Grippe erkranke &ndash; vielleicht begegne ich schlicht keinem Infizierten.<\/p><p>Um zu sagen, dass die Medizin wirklich wirkt, brauchen wir eine Vorstellung davon, wie sie wirkt, das kennt man aus der Diskussion um die Hom&ouml;opathie. Nur wenn wir uns ein Wirkprinzip wenigstens vorstellen k&ouml;nnen, glauben wir an eine Wirkung. Umgekehrt gilt genauso: Wenn wir uns ein Wirkprinzip &uuml;berhaupt nicht vorstellen k&ouml;nnen, glauben wir auch nicht an die Wirkung. Nur wenige k&ouml;nnen sich vorstellen, dass Wasser ein Ged&auml;chtnis hat, welches irgendwie die Wirksamkeit eines hom&ouml;opathischen Mittels zeigt, deshalb f&auml;llt es auch sehr schwer, an die Wirksamkeit von Globuli zu glauben, selbst wenn man viele Beispiele kennen w&uuml;rde, bei der jemand nach der Einnahme dieser Mittel z&uuml;gig genesen ist. Daran w&uuml;rden wohl auch Statistiken nichts &auml;ndern, die einen Zusammenhang von Globuli-Einnahme und Heilung zeigen w&uuml;rden. Sobald aber die Wissenschaft einen Wirkmechanismus aufgedeckt h&auml;tte, der glaubhaft w&auml;re, w&uuml;rde das Blatt sich wenden.<\/p><p>F&uuml;r Impfungen gibt es Kenntnisse &uuml;ber ihre Wirkmechanismen, das steht au&szlig;er Frage. Allerdings scheint es eine Reihe von weiteren Faktoren zu geben, die die tats&auml;chliche Wirksamkeit der Mechanismen im Einzelfall beeintr&auml;chtigen oder beg&uuml;nstigen, dar&uuml;ber hinaus gibt es wom&ouml;glich auch Wirkmechanismen, die zu unerw&uuml;nschten oder gar gef&auml;hrlichen Effekten f&uuml;hren. Dies alles ist von der konkreten Situation im einzelnen Organismus des einzelnen Menschen abh&auml;ngig &ndash; aber diese konkrete Situation ist nur zum geringsten Teil bekannt.<\/p><p>Deshalb gibt es die statistischen Methoden der empirischen Studien. Sie k&ouml;nnen Aussagen treffen, ob eine Behandlung, etwa eine Impfung, insgesamt etwas bringt. Insgesamt hei&szlig;t: &Uuml;ber eine gro&szlig;e Gruppe von Menschen zeigt sich, dass die Behandlung, hier die Impfung, tats&auml;chlich einen Effekt hat. <\/p><p>Das ist gesamtgesellschaftlich, f&uuml;r die Wirtschaft, die Kultureinrichtungen und f&uuml;r die Planungen des Gesundheitssystems wichtig. Wenn durch eine Impfung deutlich weniger Menschen krank werden und versterben als ohne Impfung und zugleich kaum jemand durch die Impfungen krank oder gesch&auml;digt wird, ist es aus Sicht von Staat und Gesellschaft vern&uuml;nftig, dass sich m&ouml;glichst alle Menschen impfen lassen.<\/p><p>Soweit die Rationalit&auml;t der Gesellschaft und der Politik. F&uuml;r den einzelnen Menschen sieht die Sache etwas anders aus. Er will nicht in erster Linie wissen, ob die Impfung statistisch n&uuml;tzt oder schadet, sondern ob sie ihm selbst n&uuml;tzt oder schadet. Rational f&uuml;r jeden Einzelnen ist es, sich dar&uuml;ber zu informieren, ob in seinem ganz konkreten Fall, in seinem individuellen K&ouml;rper irgendwelche Faktoren gegeben sind, die die Impfung f&uuml;r ihn zur Gef&auml;hrdung machen, zudem, ob in seinem konkreten Fall wom&ouml;glich irgendetwas dazu f&uuml;hrt, dass die Impfung bei ihm nicht den erwarteten Schutzeffekt erzielt. <\/p><p>Dazu muss die einzelne Person nicht einmal ein besonders selbsts&uuml;chtiger Mensch sein. Rational ist es, zu sagen: Ich will wissen, ob die Impfung bei mir pers&ouml;nlich den Effekt hervorruft, dass ich nach der Impfung weniger infekti&ouml;s bin, weil ich mich ja zum Schutz meiner Familie impfen lassen will. Und ich will wissen, dass mir die Impfung nicht schadet, weil ich f&uuml;r meine Kinder oder meine Eltern sorgen muss. Wenn ich diese beiden Dinge nicht wei&szlig;, dann ist es vern&uuml;nftig, dass ich mich lieber nicht impfen lasse &ndash; zumal ich vielleicht mit einigen geschickten Verhaltens&auml;nderungen daf&uuml;r sorgen kann, dass ich mich nicht anstecke.<\/p><p>Nun wird aber kein Mediziner und keine Virologin dem Einzelnen seine Frage wirklich beantworten k&ouml;nnen. Die statistischen Methoden sind ja gerade dazu da, mit dem Unwissen und den Unsicherheiten hinsichtlich der tats&auml;chlichen kausalen Zusammenh&auml;nge umgehen zu k&ouml;nnen. Die konkrete Unsicherheit &uuml;ber die verschiedenen komplexen Situationen &uuml;ber den einzelnen Menschen wird ersetzt durch die empirische Sicherheit der statistischen Auswertung.<\/p><p>Man k&ouml;nnte einwenden, dass eine &Auml;rztin ihrer Patientin nat&uuml;rlich sagen k&ouml;nnte, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass sie eine schwere Nebenwirkung aus der Impfung erleiden muss, ein Mediziner k&ouml;nnte seinem Patienten auch auf wissenschaftlicher Basis versichern, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass die Impfung ihn vor einer schweren Infektion sch&uuml;tzt. Aber solche Aussagen sind genau besehen eben keine Aussagen &uuml;ber die einzelne Person, die da in der Arztpraxis steht, sondern &uuml;ber die gro&szlig;e Zahl der Menschen in Deutschland. F&uuml;r die einzelne Person ist die Gef&auml;hrdung vorhanden oder nicht, die Faktoren, die zusammen mit der Impfung zur Komplikation f&uuml;hren, existieren oder existieren nicht, und die Gr&uuml;nde, die dazu f&uuml;hren, dass die Impfung bei dieser konkreten Person wirkt oder nicht wirkt, sind ebenso gegeben oder eben nicht gegeben. Man wei&szlig; es nur nicht &ndash; deshalb spricht man &uuml;ber statistische Aussagen.<\/p><p>Demzufolge ist es keineswegs irrational, sich gegen die Impfung zu entscheiden. Allerdings gibt es durchaus weitere rationale Gr&uuml;nde, die die Unsicherheit &uuml;ber meine konkrete Situation aufwiegen k&ouml;nnen. Da w&auml;re zun&auml;chst die Unsicherheit dar&uuml;ber, ob ein Schutz vor der Ansteckung mit dem Coronavirus &ndash; und damit auch der Schutz vor der Weitergabe an Freunde und Familie &ndash; wirklich allein durch entsprechendes Verhalten m&ouml;glich ist. Das kann allerdings nur jeder f&uuml;r sich beurteilen. Wer jeden Tag eine Stunde mit der vollen Vorortbahn pendelt und abends regelm&auml;&szlig;ig die Gro&szlig;mutter im Pflegeheim besuchen will, beurteilt das anders als jemand, der im Homeoffice arbeitet, sich nur hin und wieder mit gleichaltrigen und gesunden Menschen trifft und im &Uuml;brigen nur dann in den Supermarkt geht, wenn dort kaum jemand ist. Beide urteilen v&ouml;llig rational.<\/p><p>Zudem k&ouml;nnte man sich eingestehen, dass man eigentlich andauernd die Statistik-Karte zieht, wenn man sich entscheidet, etwas zu tun oder zu lassen. Nat&uuml;rlich sind etwa die Gr&uuml;nde, die mich heute Abend in einen schweren Unfall verwickeln k&ouml;nnten, jetzt schon gegeben, und ich muss zugeben, dass ich nicht wei&szlig;, ob mich nachher ein LKW &uuml;berrollt. Ich wei&szlig; nur, dass sehr wenige Menschen heute Abend von einem LKW &uuml;berrollt werden &ndash; und dass mir so etwas bisher noch nicht passiert ist. Das reicht mir, um nachher sicher auf die Stra&szlig;e zu gehen.<\/p><p>Was die Impfung betrifft, kann ich mir sagen, dass ich ein ganz normaler durchschnittlicher Mensch bin, f&uuml;r mein Alter ziemlich sportlich und gesund &ndash; und in meiner Normalit&auml;t entspreche ich dem abstrakten normalen durchschnittlichen gesunden Menschen, der die Impfung sehr gut vertr&auml;gt. Es ist auch irgendwie vern&uuml;nftig, sich als Durchschnittsb&uuml;rger anzusehen, den die Impfung vor einem schweren Verlauf sch&uuml;tzt, wenn er sich denn infiziert, und der weniger Viruslast an seine Umgebung weitergibt, und somit auch weniger zum Risiko f&uuml;r andere wird. Und wer will das schon &ndash; das w&auml;re dann doch unvern&uuml;nftig.<\/p><p>Titelbild: pathdoc\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen, die sich nicht impfen lassen, wird oft vorgeworfen, dass sie sich irrational verhalten w&uuml;rden, dass sie nicht auf die Wissenschaft und die Erfolge der Medizin achten w&uuml;rden. Mit zunehmender Emotionalisierung der Debatte werden die Attribute st&auml;rker: &bdquo;wirr&ldquo; seien sie, &bdquo;nicht mehr bei Verstand&ldquo;. Aber ganz so einfach ist es nicht. 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