{"id":78298,"date":"2021-11-25T08:55:04","date_gmt":"2021-11-25T07:55:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78298"},"modified":"2021-11-26T07:24:14","modified_gmt":"2021-11-26T06:24:14","slug":"chiles-taumel-zwischen-demokratischer-neugruendung-und-autoritaerer-regression-ein-kommentar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78298","title":{"rendered":"Chiles Taumel zwischen demokratischer Neugr\u00fcndung und autorit\u00e4rer Regression \u2013 Ein Kommentar"},"content":{"rendered":"<p>Meinen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78180\">vor wenigen Tagen ver&ouml;ffentlichten Bericht<\/a> zu den Pr&auml;sidentschafts- und Parlamentswahlen in Chile beendete ich mit einer Allegorie aus der Geschichte der Mythen. Mit der Bildsprache sollten die deutschen LeserInnen das Gemisch von Spannung und Ohnmacht erfassen, das sich seit Wochen im fernen Andenland ausbreitet. Im Schlussabsatz schrieb ich, Chile &bdquo;taumelt [&hellip;] zwischen der beunruhigenden Frage des Pilgers und der chiffrierten Antwort der schweigenden Sphinx: Sind die Betroffenen und langj&auml;hrigen Opfer des Systems selbst bereit, ein demokratisches und sozial gerechteres Regierungsprogramm anzunehmen, oder werden sie dem leichten, aber faulen Ruf nach &acute;Ordnung&acute; folgen?&rdquo;. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8485\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-78298-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211125-Chiles-Taumel-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211125-Chiles-Taumel-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211125-Chiles-Taumel-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211125-Chiles-Taumel-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=78298-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211125-Chiles-Taumel-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211125-Chiles-Taumel-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Nun, die Mehrheit der W&auml;hlerInnen folgte tats&auml;chlich dem faulen Ruf nach &bdquo;Ordnung&ldquo;: Der rechtsradikale Pr&auml;sidentschaftskandidat Jos&eacute; Antonio Kast besiegte im ersten Durchgang den bis vor Kurzem linken Favoriten Gabriel Boric mit 28 zu 26 Prozent der Stimmen. Somit muss Chile am kommenden 19. Dezember mit einer Stichwahl sich zwischen Kast und Boric f&uuml;r den n&auml;chsten Pr&auml;sidenten entscheiden.<\/p><p>Eine chilenische Legende besagt, wer aus der ersten Wahlrunde als Sieger hervorgeht, siegt auch in der Stichwahl. Die Legende hat es in sich, Kast ist zum Guten oder zum Verderb der Medienheld der Stunde, doch das W&uuml;rfelspiel hat gerade erst begonnen. Eines steht jedoch fest: Wer immer von beiden im M&auml;rz 2022 als Staatschef die B&uuml;hne betritt, wird sich einem rigiden, neuen Parlament gegen&uuml;bersehen, in dem keiner der traditionellen Parteibl&ouml;cke der rechten und Mitte-Links-Str&ouml;mungen die Mehrheit besitzt. Im 50-k&ouml;pfigen Oberhaus werden sich je 25 konservative und 25 Mitte-Links-Senatoren gegenseitig blockieren und in der 155 Deputierte z&auml;hlenden Abgeordnetenkammer werden, grob gesch&auml;tzt, 79 Mitte-Links- und 76 konservative Abgeordnete ihre Sitze belegen; darunter zum ersten Mal 15 Abgeordnete von Kasts rechtsradikaler Partido Republicano.<\/p><p>Das wahltechnische Patt zwischen Kast und Boric, sowie dessen Wiederholung in der Zusammensetzung des Parlaments, k&ouml;nnte rein rechnerisch als Spiegel des politischen Gleichgewichts erkl&auml;rt werden. Doch das w&auml;re eine t&ouml;richte Auslegung. In Wahrheit spiegelt es einen besorgniserregenden psychosozialen Zustand im Andenland wider, n&auml;mlich seine Spaltung zwischen Apathie, Reformwillen und Gegenreform. Beispiele? Hier das spektakul&auml;rste und aussagekr&auml;ftigste: Nur knapp 47 Prozent der 15 Millionen Wahlberechtigten gaben am vergangenen 21. November ihre Stimme ab, rund 8 Millionen blieben zuhause. Der zweite Hinweis auf den Ernst der Lage sind die knapp 2 Millionen Stimmen f&uuml;r den deutschst&auml;mmigen Pinochet-Verehrer Kast, dessen Wahlkampf-Taktik auf die Verbreitung von L&uuml;gen, Angst und Psychoterror setzte und Erfolg hatte.<\/p><p><strong>Der gute, rechtsradikale &bdquo;Riecher&ldquo; gegen gest&ouml;rtes, linkes Wahrnehmungsverm&ouml;gen<\/strong><\/p><p>Doch was verbindet den Zulauf f&uuml;r &bdquo;Doktor Angst&ldquo; (Kast) und die gigantische Wahlenthaltung von mehr als 53 Prozent? Erstere betrachten seit Jahrzehnten die Politik als Terrain der Verachtung. Zum einen wegen des nie transparent gemachten, zwischen der ausgedienten Pinochet-Diktatur und der von Christdemokraten und Sozialisten dominierten Mitte-Links-<em>&bdquo;Concertaci&oacute;n&ldquo;<\/em> ausgehandelten &bdquo;Pakts des demokratischen &Uuml;bergangs&ldquo; &ndash; der seit 1990 bis heute die Grundfesten des obsz&ouml;nen, ultraliberalen Wirtschafts- und Sozialsystems beibehielt &ndash; zum anderen wegen der seitdem grassierenden Vetternwirtschaft und Korruption.<\/p><p>Der Umgang der Regierung Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era mit der Covid-19-Pandemie vertiefte Entt&auml;uschung, Misstrauen und Verdrossenheit. Mit dem Nachgeben auf den Druck der Unternehmerseite, die das Volk zur Arbeit trieb, machte Pi&ntilde;era mit der Einstimmung in die Manager-Seilschaft sich der massenhaften Virus-Ansteckung und der Verweigerung einer Pandemie bedingten Notfinanzierung von Kleinunternehmen und der Werkt&auml;tigen schuldig. Millionen ChilenInnen mussten forcierte Ratenabhebungen ihrer Pensionsersparnisse durch Gerichte und Parlamente erwirken, womit nicht die Pi&ntilde;era-Regierung, sondern die &bdquo;gesamte Politik&ldquo; in alle Ewigkeit verflucht wurde.<\/p><p>Einen anderen Punkt bilden die ver&auml;ngstigten Kast-W&auml;hler. Sie verk&ouml;rpern die &bdquo;Ordnungsb&uuml;rger&ldquo;, die seit Ausbruch der Sozialrevolte von Ende 2019 sich landesweit zu einer Art <em>Gegenreform <\/em>sammelten.<\/p><p>Doch Kasts Schlachtrufe gegen &bdquo;die Kriminellen&ldquo;, &bdquo;den Narco-Terrorismus der Mapuche&ldquo; und seine Ausf&auml;lle gegen &bdquo;die Migranten&ldquo; wuchsen nicht auf eigenem Mist. Es bestehen keine Zweifel, dass die Sozialrevolte vom Oktober 2019 von gew&ouml;hnlichen Kriminellen, z.T. von organisierten Gangs, als Gelegenheit f&uuml;r Pl&uuml;nderungen und von hunderten sozialgesch&auml;digter Jugendlicher aus Santiagos Vorst&auml;dten zur Entladung Jahre alter Frustrationen, mit Anschl&auml;gen auf Eigentum und Gegenangriffen auf die in den Armenvierteln gewaltt&auml;tige und verhasste Polizei genutzt wurde, von denen Dutzende noch in Untersuchungshaft sitzen. Worauf die verbl&uuml;ffte Staatsf&uuml;hrung nicht vorbereitet war und Pr&auml;sident Pi&ntilde;era zum Verschw&ouml;rungs-Garn und zur Stigmatisierung griff, die Protestbewegung sei &bdquo;von internationalen Agenten&ldquo;, darunter Kubas und Venezuelas, gesteuert worden; eine Unterstellung, die selbst Geheimagenten und Staatsanw&auml;lte als l&auml;cherlich bezeichneten.<\/p><p>Auch stammt aus der konservativen Pi&ntilde;era-Administration das Narrativ, der gewaltsame Widerstand einer radikalisierten, zum Teil bewaffneten Minderheit der Mapuche im s&uuml;dlichen Araukanien sei von &bdquo;Narco-(Drogen-)Terroristen&ldquo; gesteuert. Dass politisch motivierte Brandanschl&auml;ge terroristisch definiert werden und dass einzelne Mapuches in den Drogenhandel involviert sein k&ouml;nnen, ist nicht auszuschlie&szlig;en. Doch zwischen dem einen und dem anderen gibt es keinen erwiesenen Zusammenhang. Eher das Gegenteil, wie die &uuml;ber Jahre hinweg dokumentierten und von der Justiz geahndeten Beweisf&auml;lschungen und Manipulationen der Bereitschaftspolizei Carabineros bewiesen. Auch belegen offizielle Angaben &uuml;ber Drogenhandel- und beschlagnahme seit 2019, dass die an der Nordgrenze Chiles sichergestellten Kokainmengen mindestens das Dreifache der in Araukanien beschlagnahmten Drogen ausmachen, die f&uuml;r die gezielte mediale Ausschlachtung nicht taugten.<\/p><p><strong>Nach der Sozialrevolte: die &bdquo;Gegenreform&ldquo;<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend nun <em>Apruebo Dignidad<\/em> &ndash; und hier vor allem Gabriel Borics mehrheitlich identit&auml;r-orientierter Fl&uuml;gel mit akademischen Wurzeln &ndash; es an F&auml;higkeit mangelte, die Alarmzeichen aus den von allen nur denkbaren sozialen Defiziten, von Kriminalit&auml;t und Polizeigewalt geplagten Arbeitervierteln sowie aus dem tiefen Hinterland der konservativen Bauernwelt wahrzunehmen, wusste Jos&eacute; Antonio Kast Frust und Sicherheitsunbehagen zum opportunistischen Schlachtruf zu b&uuml;ndeln und als rhetorische Kriegserkl&auml;rung &bdquo;gegen den Kommunismus&ldquo; zu nutzen. Dessen Speerspitze richtet sich gegen Boric und die mit ihm in der Koalition <em>Apruebo Dignidad<\/em> verb&uuml;ndete Kommunistische Partei; eine KP, so muss man sagen, die sich als bravste politische Kraft bei der Aufrechterhaltung des schw&auml;chelnden Rechtsstaates profilierte und alles andere als revolution&auml;re Ziele verfolgt, wie etwa die Enteignung von Privateigentum oder ein autorit&auml;res Ein-Parteien-System.<\/p><p>Kasts Vorsprung hat indes noch einen anderen entscheidenden Grund, n&auml;mlich die von Medien kolportierten, endlosen Attacken der rechtsradikalen und neo-faschistischen Szene gegen den seit Jahresmitte tagenden und von Chiles Progressiven dominierten Verfassungskonvent. Analysten wie Marta Lagos erinnern daran, dass selbst der Auftakt des Konvents von der Regierung Pi&ntilde;era behindert wurde. Erstens, weil sie gegen eine neue Verfassung war, und zweitens, weil sie kein Interesse an einem Konvent mit gro&szlig;er B&uuml;rgerbeteiligung und Legitimierung hatte.<\/p><p>Monatelange Verz&ouml;gerung und Ablenkung durch drei Wahlen innerhalb eines einzigen Jahres &ndash; das Referendum vom Oktober 2020, die Wahl des Konvents vom Mai 2021 sowie die Pr&auml;sidentschafts- und Parlamentswahlen &ndash; dazu Prestigeeinbu&szlig;en bedrohen Dynamik und Leistungsf&auml;higkeit der Delegierten. Seine liberale und linke Mehrheit signalisierte bereits, dass der Konvent eventuell nicht in der Lage sein werde, die neue demokratische Verfassung zum Juli 2022 abzuliefern; deren Annahme wiederum von einem neuen Referendum in der zweiten Jahresh&auml;lfte 2022 abh&auml;ngig ist. Jos&eacute; Antonio Kast drohte nun, solle er am 19. Dezember gew&auml;hlt werden, dann k&ouml;nne er per Erm&auml;chtigungserlass den ungeliebten Konvent aufl&ouml;sen und die Pinochet-Verfassung von 1980 in Kraft lassen. Die Drohung erfolgte nach neuer Pulsf&uuml;hlung: W&auml;hrend im Oktober 2020 nahezu 80 Prozent der ChilenInnen f&uuml;r eine neue Verfassung stimmten, erkl&auml;rten ein Jahr sp&auml;ter 25 Prozent der W&auml;hler, sie bereuen ihre Zustimmung.<\/p><p><strong>Der Konvent l&auml;uft Gefahr und mit ihm eine neue, progressive Regierung<\/strong><\/p><p>Weniger als 48 Stunden nach Kasts Sieg in der ersten Wahlrunde sagte die Sozialistin und Salvador Allendes Enkelin Maya Fern&aacute;ndez dem Kandidaten Gabriel Boric ihre Unterst&uuml;tzung zu. Ihr folgte die gesamte Sozialistische Partei. Borics Rivalin und linksliberale Christdemokratin Yasna Provoste meldete Zweifel an, doch die eher rechtsgerichtete F&uuml;hrung der Christdemokraten kam Provoste zuvor und beeilte sich ebenfalls, dem linken Pr&auml;sidenten-Bewerber ihre Unterst&uuml;tzung zuzusichern, auch Marco Enrique Ominamis PRO-Partei.<\/p><p>Doch Ironie des Schicksals: Es fehlt noch die offizielle Erkl&auml;rung der liberalen Radikalen Partei und damit h&auml;tte Boric die gesamte ehemalige Mitte-Links-Concertaci&oacute;n hinter sich, die seine Frente Amplio so arg als &bdquo;neoliberal und dekadent&ldquo; beschimpfte, sich von ihr absetzte und die sie nun so dringend braucht. Und nicht nur sie, sondern mindestens die H&auml;lfte der Stimmen von Franco Parisis Partido de la Gente (Partei der Leute), eine rechtsgerichtete, bisherige Splitterpartei, die im Norden Chiles mit einer rabiaten Kampagne gegen Migranten mehr als 12 Prozent der Stimmen erzielte. Boric hat einen harten Monat vor sich: Er muss sich mit Abstrichen aus seinem Programm und einer 90-prozentigen Gratwanderung dem politischen Zentrum zuwenden und gleichzeitig in der Lage sein, eine &uuml;ble, mit L&uuml;gen und Provokationen gespickte, schmutzige Kampagne des deutschst&auml;mmigen Pinochet-Verehrers Jos&eacute; Antonio Kast zu konterkarieren.<\/p><p>Wie die ChilenInnen am 19. Dezember abstimmen werden, das wei&szlig; nur die Sphinx in der schillernden Volksseele.<\/p><p>Titelbild: abriendomundo\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meinen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78180\">vor wenigen Tagen ver&ouml;ffentlichten Bericht<\/a> zu den Pr&auml;sidentschafts- und Parlamentswahlen in Chile beendete ich mit einer Allegorie aus der Geschichte der Mythen. Mit der Bildsprache sollten die deutschen LeserInnen das Gemisch von Spannung und Ohnmacht erfassen, das sich seit Wochen im fernen Andenland ausbreitet. 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