{"id":78321,"date":"2021-11-25T12:50:50","date_gmt":"2021-11-25T11:50:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78321"},"modified":"2021-11-25T15:48:32","modified_gmt":"2021-11-25T14:48:32","slug":"kleine-lichtblicke-und-der-grosse-schatten-von-christian-lindner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78321","title":{"rendered":"Kleine Lichtblicke und der gro\u00dfe Schatten von Christian Lindner"},"content":{"rendered":"<p>Der Koalitionsvertrag ist unter Dach und Fach, die Zustimmung der drei Parteien wohl nur noch Formsache. Albrecht M&uuml;ller hat bereits das Themenfeld <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78314\">Rente<\/a> ausf&uuml;hrlich analysiert und wird sich auch noch zum Bereich Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik &auml;u&szlig;ern. Dabei hat er auch auf die Lichtblicke des Papiers hingewiesen. Allen voran die deutliche Erh&ouml;hung des Mindestlohns ist in der Tat ein Punkt, f&uuml;r den man die Koalition&auml;re loben muss. Andere positive Punkte sind leider sehr vage formuliert und hier wird erst die konkrete Umsetzung zeigen, ob das Licht den Schatten &uuml;berwiegt. Ern&uuml;chternd ist jedoch, dass der gesamte Koalitionsvertrag keine konkreten Zahlen zur Finanzierung nennt und dieses Vers&auml;umnis den designierten Finanzminister Christian Lindner zum wohl m&auml;chtigsten Mann der Ampel machen wird. Alles steht unter FDP-Kuratel und das ist keine gute Nachricht. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1612\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-78321-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211125_Kleine_Lichtblicke_und_der_grosse_Schatten_von_Christian_Lindner_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211125_Kleine_Lichtblicke_und_der_grosse_Schatten_von_Christian_Lindner_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211125_Kleine_Lichtblicke_und_der_grosse_Schatten_von_Christian_Lindner_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211125_Kleine_Lichtblicke_und_der_grosse_Schatten_von_Christian_Lindner_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=78321-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211125_Kleine_Lichtblicke_und_der_grosse_Schatten_von_Christian_Lindner_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211125_Kleine_Lichtblicke_und_der_grosse_Schatten_von_Christian_Lindner_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Doch bevor wir zu den Schattenseiten kommen, lohnt sich durchaus ein Blick auf die positiven Punkte. Allen voran k&ouml;nnen die Ampel-Parteien hier mit der l&auml;ngst &uuml;berf&auml;lligen Erh&ouml;hung des Mindestlohns auf 12 Euro die Stunde punkten. Ja, es h&auml;tte hier auch mehr sein k&ouml;nnen, zumal die Erh&ouml;hung nicht so gro&szlig; ist, wie sie oberfl&auml;chlich scheint. Im Juli 2022 w&auml;re auch der alte Mindestlohn gem&auml;&szlig; der Anpassungsklauseln auf 10,45 Euro die Stunde <a href=\"https:\/\/www.bmas.de\/DE\/Arbeit\/Arbeitsrecht\/Mindestlohn\/mindestlohn.html#:~:text=Zum%201.%20Juli%202021%20wurde,auf%2010%2C45%20Euro%20steigen\">erh&ouml;ht worden<\/a>. So bleiben 1,55 Euro als faktische Erh&ouml;hung &uuml;brig. F&uuml;r die Betroffenen ist das zwar schon viel Geld, aber auf der anderen Seite stehen jedoch auch Preissteigerungen f&uuml;r Lebensmittel und Energie, die gerade bei Geringverdienern m&auml;chtig durchschlagen. Aber wenn die moderate Erh&ouml;hung des Mindestlohns dies zumindest abfedert, ist das schon ein Schritt in die richtige Richtung &ndash; auch wenn er sicher beherzter h&auml;tte ausfallen k&ouml;nnen. <\/p><p>Grunds&auml;tzlich eine sinnvolle Neuerung ist auch die Einf&uuml;hrung der Kindergrundsicherung. K&uuml;nftig sollen alle bisherigen finanziellen Unterst&uuml;tzungen wie das Kindergeld, der Kinderzuschlag, Leistungen aus dem Sozialgesetzbuch und dem Bildungs- und Teilhabepaket zu einer Leistung zusammengefasst werden. Und die soll in zwei Komponenten gegliedert werden &ndash; einem Garantiebetrag, der einkommensunabh&auml;ngig ist, und einem gestaffelten Zusatzbetrag, der vom Einkommen der Eltern abh&auml;ngt. Nat&uuml;rlich soll das alles unb&uuml;rokratisch und direkt auflaufen. Das klingt im Prinzip sehr gut, nur dass der Koalitionsvertrag hier keine konkreten Summen nennt. Insbesondere im Niedriglohnbereich gibt es zudem einige Fallstricke. So will man eine &bdquo;Wechselwirkung mit anderen Leistungen &uuml;berpr&uuml;fen und sicherstellen, dass sich die Erwerbsarbeit f&uuml;r die Eltern lohnt&ldquo;. Das ist der alte Agenda-Jargon, da man nat&uuml;rlich nicht die L&ouml;hne erh&ouml;hen, sondern die Leistungen absenken wird, wenn sie in Summe so hoch sind, dass es keinen gro&szlig;en Unterschied mehr zum Lohnniveau im Niedriglohnbereich gibt. Wie man dies genau regeln will, sagt der Koalitionsvertrag nicht. <\/p><p>Noch vager bleibt man bei der gro&szlig; angek&uuml;ndigten Abschaffung von Hartz IV. Dieses rot-gr&uuml;ne Reformwerk soll ja nun in die Geschichte eingehen und durch ein neu geschaffenes B&uuml;rgergeld abgel&ouml;st werden. Die wirklich feststehenden Neuregelungen sind jedoch &ndash; auch wenn sie f&uuml;r die Betroffenen sicher wichtig sind &ndash; eher Kleinigkeiten. So soll die Verm&ouml;genspr&uuml;fung in den ersten zwei Jahren des Bezugs ausgesetzt und f&uuml;r den weiteren Bezug vereinfacht werden. Zudem sollen die Zuverdienstm&ouml;glichkeiten verbessert werden, was jedoch ein zweischneidiges Schwert ist, wie wir bereits in einem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77445\">weiteren Artikel<\/a> analysiert haben. Zu den zwei wichtigsten Punkten erf&auml;hrt man im Vertrag jedoch nur Vages. Die Sanktionen bleiben im Kern erhalten, sollen jedoch komplett neu &uuml;berarbeitet werden. Auf was man sich am Ende verst&auml;ndigt, ist vollkommen offen. Und zur H&ouml;he des B&uuml;rgergelds schweigen sich die Koalition&auml;re auch aus. So kann man das B&uuml;rgergeld zum jetzigen Zeitpunkt nicht seri&ouml;s bewerten. Am Ende k&ouml;nnte es eine sinnvolle Erneuerung des Hartz-IV-Systems sein. Es k&ouml;nnte aber auch eine um unwesentliche Punkte ge&auml;nderte Fortf&uuml;hrung von Hartz IV unter neuem Namen sein. Erfahren werden wir das erst, wenn die entsprechenden Gesetze formuliert wurden.<\/p><p>Erstaunlich ist, dass der Koalitionsvertrag nicht nur bei diesen sachpolitischen Fragen, sondern auch bei der gro&szlig;en Rahmensetzung unkonkret bleibt. Gab es jemals einen Koalitionsvertrag, der noch nicht einmal den finanziellen Rahmen f&uuml;r die n&auml;chste Legislaturperiode umrei&szlig;t? Die Ampel nennt hier keine einzige konkrete Zahl. Und das ist um so erstaunlicher, da sie ja gleichzeitig vollmundig ein &bdquo;Jahrzehnt der Investitionen&ldquo; ank&uuml;ndigt. Wer soll die bezahlen? Der Bund offenbar nicht, da man sich bar jeder Vernunft ab 2023 &ndash; vorher gelten Corona-Bedingungen &ndash; wieder zur Schuldenbremse bekennen will.<\/p><p>Wer die entsprechenden Passagen genau liest, st&ouml;&szlig;t jedoch schnell auf zahlreiche Hintert&uuml;rchen. Man will beispielsweise die Rolle der F&ouml;rderbanken massiv ausweiten. Die sollen vor allem durch Risikoabsicherung &bdquo;kapitalmarktnah&ldquo; die privaten Gelder aktivieren, die n&ouml;tig sind, um die ganzen Zukunftsinvestitionen zu finanzieren. Das ist ein gewagter Plan, dessen Sinnhaftigkeit mit der konkreten Ausf&uuml;hrung steht und f&auml;llt. Unter dieser Pr&auml;misse sind sowohl ganz normale Staatsanleihen m&ouml;glich, deren Verzinsung dank der Absicherung durch die F&ouml;rderbanken und damit den Staat markt&uuml;blich niedrig sein d&uuml;rfte. Es w&auml;ren hier aber auch f&uuml;r den Finanzsektor sehr lukrative Finanzprojekte in der Art der &Ouml;ffentlich-Privaten Partnerschaften (&Ouml;PP) m&ouml;glich, bei denen der Steuerzahler letztlich nur eine satte Verzinsung privater Investitionen gew&auml;hrleistet und die den Staat am Ende nur unn&ouml;tig Unsummen an Geld kosten. Da das FDP-gef&uuml;hrte Finanzministerium hier am Ende das Z&uuml;nglein an der Waage ist, kann man jedoch bereits vermuten, dass eine L&ouml;sung, die nicht f&uuml;r den Privatsektor, sondern f&uuml;r die Allgemeinheit von Vorteil ist, keine Option sein wird.<\/p><p>Das Weglassen einer konkret definierten Rahmenfinanzierung f&uuml;r die Investitionen und f&uuml;r den Haushalt ist ohnehin ein Hauptgewinn f&uuml;r Christian Lindner. Alles, ja wirklich alles, steht unter Finanzierungsvorbehalt. W&ouml;rtlich hei&szlig;t es dazu im Koalitionsvertrag:<\/p><blockquote><p>\nDar&uuml;ber hinaus ist es erforderlich, dass f&uuml;r die gesamte Legislaturperiode alle Ausgaben auf den Pr&uuml;fstand gestellt werden und eine strikte Neupriorisierung am Ma&szlig;stab der Zielsetzungen in diesem Koalitionsvertrag erfolgt. Die daraus erzielten Umschichtungspotenziale und unerwartete finanzielle Spielr&auml;ume sind priorit&auml;r f&uuml;r die Projekte des Koalitionsvertrages einzusetzen.<\/p>\n<p>Um finanzielle Potenziale f&uuml;r Zukunftsinvestitionen zu schaffen, werden wir im Rahmen der Haushaltsaufstellungs- und des parlamentarischen Verfahrens auch Ausgabenk&uuml;rzungen vornehmen und Ausgabenreste abbauen.\n<\/p><\/blockquote><p>Es ist &uuml;berfl&uuml;ssig, zu erw&auml;hnen, dass im Vertrag keine konkreten Punkte genannt werden, wo denn nun gek&uuml;rzt werden soll. Doch eins steht fest: Wenn man die anvisierten Investitionen auch nur im Ansatz umsetzen und gleichzeitig die Schuldenbremse einhalten will, m&uuml;ssen wohl zahlreiche andere Ausgaben gek&uuml;rzt werden. <\/p><p>So ist der Koalitionsvertrag zurzeit ein Wunschkonzert. Man kann mit nennenswerten Investitionspl&auml;nen in den Bereichen Klimaschutz, Digitalisierung, Forschung, Bildung und Infrastruktur gl&auml;nzen, verschweigt jedoch, wie man das alles &uuml;berhaupt finanzieren und vor allem welche jetzigen Ausgaben man daf&uuml;r k&uuml;rzen will. Und da alles unter Finanzierungsvorbehalt steht, ist die Gestaltungsmacht des Finanzministers gewaltig, der am Ende den Daumen &uuml;ber die einzelnen Finanzierungspl&auml;ne hebt oder senkt. Olaf Scholz mag der neue Kanzler werden. Die eigentliche Macht in der Ampel hat jedoch Christian Lindner. Und das ist der wohl gr&ouml;&szlig;te Schatten, der &uuml;ber dem ganzen Koalitionsprojekt steht. <\/p><p>Titelbild: photocosmos1\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/e56b53e6461146aba6c63a419f95a2d9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Koalitionsvertrag ist unter Dach und Fach, die Zustimmung der drei Parteien wohl nur noch Formsache. Albrecht M&uuml;ller hat bereits das Themenfeld <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78314\">Rente<\/a> ausf&uuml;hrlich analysiert und wird sich auch noch zum Bereich Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik &auml;u&szlig;ern. Dabei hat er auch auf die Lichtblicke des Papiers hingewiesen. 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