{"id":78383,"date":"2021-11-28T11:45:29","date_gmt":"2021-11-28T10:45:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78383"},"modified":"2021-11-28T16:10:05","modified_gmt":"2021-11-28T15:10:05","slug":"russland-seine-wirtschaft-und-die-kriegsgefahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78383","title":{"rendered":"Russland, seine Wirtschaft und die Kriegsgefahr"},"content":{"rendered":"<p>Die Themen &bdquo;Wirtschaftsstagnation und Importabh&auml;ngigkeit&ldquo; oder &bdquo;Deutschland und Russland&ldquo; hat der aus Moskau berichtende <strong>Ulrich Heyden<\/strong> neben weiteren Fragen gerade in einem Vortrag f&uuml;r die Leipziger B&uuml;rgerinitiative &bdquo;F&uuml;r gute Nachbarschaft mit Russland&ldquo; betrachtet. Weil er ein Gegengewicht zur aktuellen Meinungsmache gegen Russland auch in deutschen Medien sein kann, geben wir den Vortrag hier wieder. Von <strong>Redaktion<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Vortrag von Ulrich Heyden<\/strong><\/p><p>In meinem Vortrag m&ouml;chte ich Themen anschneiden, die in der Berichterstattung &uuml;ber Russland gew&ouml;hnlich nicht beleuchtet werden, weil sie kompliziert sind und nicht in g&auml;ngige Schwarz-Wei&szlig;-Muster passen.<\/p><p>Folgende Fragen werde ich im meinem Vortrag behandeln:<\/p><ol>\n<li>Haben viele Russen Sehnsucht nach Autorit&auml;t?<\/li>\n<li>Wie gro&szlig; ist die Kriegsgefahr?<\/li>\n<li>Wirtschaftsstagnation und Importabh&auml;ngigkeit <\/li>\n<li>Die soziale Situation und das Corona-Virus<\/li>\n<li>Zunahme der politischen Kontrolle<\/li>\n<li>Deutschland und Russland<\/li>\n<\/ol><p>Russland befindet sich in einer &auml;u&szlig;erst schwierigen Situation. Das Verh&auml;ltnis zwischen Russland und dem Westen ist bis zum &Auml;u&szlig;ersten gespannt. Immer h&auml;ufiger wird dar&uuml;ber spekuliert, ob es zu einem Krieg kommen kann. Diplomatische Kontakte sind fast abgebrochen. Die Wortwahl in diesem Konflikt wird immer ma&szlig;loser. Nun wirft man Russland und seinem Verb&uuml;ndeten Wei&szlig;russland schon vor, dass es Fl&uuml;chtlinge einsetzt, um die EU zu destabilisieren. Das Vertrauen zwischen Russland und dem Westen ist zerr&uuml;ttet. Doch gelegentlich gibt es Hoffnungszeichen. Im Februar wurde zwischen den USA und Russland der New-Start-Vertrag &uuml;ber die Verminderung strategischer Waffen um f&uuml;nf Jahre verl&auml;ngert. Mitte Oktober war Viktoria Nuland zu Gespr&auml;chen in Moskau. <\/p><p>Die gro&szlig;en deutschen Medien bilden nicht das reale Russland ab, sondern konzentrieren sich ausschlie&szlig;lich auf alles, was nicht zu den westlichen Werten passt. Es wird ein Bild erzeugt, als ob Putin und der russische Geheimdienst alles ist, was man zu Russland sagen kann. Aber das geht komplett an der Realit&auml;t vorbei. Viele Deutsche w&auml;ren beleidigt, wenn man &uuml;ber Deutschland nur berichten w&uuml;rde, indem man ausschlie&szlig;lich Berichte &uuml;ber Angela Merkel und Jens Spahn bringt. Russland ist tausendmal vielschichtiger und interessanter, als dass man die russische Politik &uuml;ber ein, zwei Politiker erkl&auml;ren k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>Haben viele Russen Sehnsucht nach Autorit&auml;t?<\/strong><\/p><p>&bdquo;Augenzwinkernd&ldquo; kann man zuspitzen: Russen sind oft &bdquo;ungezogen&ldquo;, leben manchmal wie Anarchisten und halten sich nicht an Regeln, tragen die Maske unter Nase oder Kinn, erweitern ihre Datschengrundst&uuml;cke, weil die Grundst&uuml;cksgrenzen von den Beh&ouml;rden oft nicht kontrolliert werden. In Parks pfl&uuml;cken sie Zweige von Fliederb&auml;umen. Und wenn man erstaunt fragt, warum, bekommt man als Antwort, dass der Flieder dann &bdquo;besser w&auml;chst&ldquo;. <\/p><p>Noch aus Sowjetzeiten gibt es die Sitte, nicht fest Angenageltes und Brauchbares mitzunehmen, zum Beispiel Gartenerde, die auf einem gro&szlig;en Haufen in einem Wohngebiet liegt, oder einen Sack Sand, wie man ihn gelegentlich an unbeaufsichtigten Stra&szlig;enbaustellen sieht. Dort, wo in Deutschland Schilder mit Tempolimit 30 stehen, liegen in Russland mehrere Zentimeter hohe Bodenschwellen, welche Raser zum Langsam-Fahren zwingen. <\/p><p>Eben im Wissen um ihre mangelnde Disziplin glauben viele Russen, dass das Land eine harte Hand braucht. In Putin sehen viele keine harte Hand. Denn st&auml;ndig kommt es in Russland zu Korruptionsf&auml;llen unter Spitzenbeamten, obwohl Putin immer wieder wegen Korruption belastete Gouverneure &ndash; sogar einmal einen Wirtschaftsminister &ndash; einsperren lie&szlig;. Stalin, unter dem es keine Korruption gab, z&auml;hlt in Russland bis heute zu den am meisten geachteten Personen der Geschichte. <\/p><p><strong>Wie gro&szlig; ist die Kriegsgefahr?<\/strong><\/p><p>Was macht im geopolitischen Machtkampf Russlands St&auml;rke aus? Russland hat ein gro&szlig;es Territorium, eine Bev&ouml;lkerung, deren Vorfahren erfolgreich Okkupations-Versuche abgewehrt haben, eine schlagkr&auml;ftige Armee, eine erfolgreiche Diplomatie, welche mit dazu beigetragen hat, dass Russland viele befreundete Staaten hat und aus dem hei&szlig;en Krieg 2015 im Donbass kein gr&ouml;&szlig;erer Konflikt wurde. Die Russen haben sich an Krisen gew&ouml;hnt. Sie geraten nicht in Panik. Putins Popularit&auml;t ist nach wie vor hoch.<\/p><p>Doch es gibt an vielen Stellen Spannungen und Unsicherheiten. Und man hat das Gef&uuml;hl, es k&ouml;nnte durch einen Zufall ein milit&auml;rischer Konflikt beginnen. <\/p><p>In den russischen Medien war der Ukraine-Konflikt in den letzten sieben Jahren ein Hauptthema. In vielen Talk-Shows wurden Vertreter aus der Ukraine eingeladen. Aber es wurde selten ruhig diskutiert. Oft arten diese Talk-Shows in Schreiereien aus. Viele Fernsehzuschauer sind von diesen Sendungen erm&uuml;det. Viele meinen auch, dass mit dem Thema Ukraine von den sozialen Problemen und der Korruption in Russland abgelenkt werden soll.<\/p><p>Die Diplomatie zwischen Deutschland und Russland scheint am Ende zu sein. Am 17. November <a href=\"https:\/\/www.mid.ru\/documents\/10180\/4944950\/%25D0%25B4%25D0%25B8%25D0%25BF%25D0%25BB%25D0%25BE%25D0%25BC%25D0%25B0%25D1%2582%25D0%25B8%25D1%2587%25D0%25B5%25D1%2581%25D0%25BA%25D0%25B0%25D1%258F+%25D0%25BF%25D0%25B5%25D1%2580%25D0%25B5%25D0%25BF%25D0%25B8%25D1%2581%25D0%25BA%25D0%25B0.pdf\/795480b9-c3da-4498-88c8-f0a723c62c6f\">ver&ouml;ffentlichte<\/a> das russische Au&szlig;enministerium die vorbereitende Korrespondenz zwischen Moskau, Paris und Berlin zur Vorbereitung des n&auml;chsten Normandie-Treffens. Die Ver&ouml;ffentlichung solcher Briefe ist in der Diplomatie nicht &uuml;blich. Von russischer Seite war es ein Akt der Verzweiflung. Moskau sah &ndash; angesichts st&auml;ndiger Verf&auml;lschungen seiner Positionen zum Krieg im Donbass in den gro&szlig;en deutschen Medien &ndash; keine andere M&ouml;glichkeit mehr, seine Position unverf&auml;lscht an die &Ouml;ffentlichkeit in der EU zu bringen. Moskau erkl&auml;rte, ein weiteres Normandie-Treffen mache nur Sinn, wenn Kiew bereit ist, sich mit Vertretern der Volksrepubliken Donezk und Lugansk zu treffen, so wie es im Minsker Abkommen festgeschrieben wurde. Aber Berlin und Paris wollen in dieser Frage keinen Druck auf Kiew aus&uuml;ben. <\/p><p>Aus Moskau kommen unterschiedliche Signale. Nach dem ukrainischen Truppenaufmarsch im Donbass im Mai erkl&auml;rte Putin, dass man einem Angriff auf die Volksrepubliken Lugansk und Donezk nicht tatenlos zusehen werde. Im Juli 2021 hatten bereits 600.000 Menschen in den Volksrepubliken Lugansk und Donezk einen russischen Pass. Jetzt, wo die US-Medien und Kiew behaupten, Russland plane einen Angriff auf die Ukraine, erkl&auml;rt der Pressesprecher von Putin, das stimme nicht. <\/p><p>Auff&auml;llig ist, dass die westlichen Medien &uuml;ber den am 26. Oktober durchgef&uuml;hrten ersten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ibqDUHnWyXM\">Angriff<\/a> einer ukrainischen <a href=\"https:\/\/www.mk.ru\/politics\/2021\/11\/25\/popavshiy-pod-udar-bayraktar-opolchenec-dnr-opisal-ataku-nas-srisovali.html?utm_source=yxnews&amp;utm_medium=desktop&amp;nw=1637926437000\">Bayraktar-Kampfdrohne<\/a> t&uuml;rkischer Produktion auf eine Stellung der Volksrepublik Donezk nur am Rande berichteten. <\/p><p>Meine Meinung ist: Kiew versucht &ndash; mit Deckung der USA &ndash; Russland aus der Reserve zu locken und russische milit&auml;rische Kr&auml;fte zu binden. Doch Russland wird nur milit&auml;risch aktiv werden, wenn die Volksrepubliken von Kiew angegriffen werden. <\/p><p><strong>Stagnation der Wirtschaft und Importabh&auml;ngigkeit<\/strong><\/p><p>Russland hat zwar seit 2014 seine Unabh&auml;ngigkeit im Bereich der Lebensmittelproduktion gest&auml;rkt und ist auf dem Weltmarkt ein wichtiger Getreide-Exporteur. Aber bei den Waren des t&auml;glichen Bedarfs ist Russland nach wie vor sehr stark vom Ausland abh&auml;ngig. <\/p><p>Experten der Moskauer Higher School of Economics haben errechnet, dass Russland im Bereich der Waren des t&auml;glichen Bedarfs zu 75 Prozent von Importen aus dem Ausland abh&auml;ngig ist. Lebensmittel, Autos und Benzin flossen in die Untersuchung nicht mit ein. <\/p><p>Die h&ouml;chste Abh&auml;ngigkeit Russlands besteht bei Auto-Ersatzteilen mit 95 Prozent, Kinderspielzeug 92 Prozent, Schuhen 87 Prozent, Telekommunikation 86 Prozent, Kleidung 82 Prozent, Fernsehern 78 Prozent. Der Anteil der russischen Mikroelektronik bei in Russland verkauften Waren liegt heute bei zehn Prozent. <\/p><p>Was ist die Ursache f&uuml;r diese katastrophale Situation? W&auml;hrend der Schocktherapie unter Pr&auml;sident Boris Jelzin in den 1990er Jahren sind nicht nur ganze Industriebranchen sondern auch ganze Ausbildungszweige und wissenschaftliche Institute zusammengebrochen und und nicht wieder in Betrieb genommen worden. Es ist heute billiger, ausl&auml;ndische Handys und Bauteile f&uuml;r Fernseher in Asien zu kaufen, als selbst neue Fabriken zu bauen und Institute zu gr&uuml;nden. <\/p><p>Russland hat sich mit dem Beginn der Pr&auml;sidentschaft von Wladimir Putin im Jahre 2000 auf eine internationale Kooperation im Bereich des Flugzeugbaus eingelassen, ohne gleichzeitig eigene Standbeine im Bereich der Zivilluftfahrt zu entwickeln. Das erste kleine nachsowjetische Mittelstreckenflugzeug, Suchoi Superjet 100, das 2011 den Flugbetrieb aufnahm, besteht zu einem gro&szlig;en Teil aus ausl&auml;ndischen Komponenten. <\/p><p>Der Bau des ersten gro&szlig;en nachsowjetischen Mittelstreckenflugzeugs, MC 21, geriet 2018 in Gefahr, weil die USA gegen eine russische Firma, die Material f&uuml;r die Herstellung von Verbundstoff f&uuml;r die Fl&uuml;gel des MC-21-Liners in den USA kaufen wollte, Sanktionen verh&auml;ngte. <\/p><p>Russland musste in aller Eile einen eigenen Verbundstoff und auch ein eigenes Triebwerk f&uuml;r das neue Mittelstreckenflugzeug entwickeln. Denn eigentlich sollte die MC 21 mit einem amerikanischen Triebwerk fliegen. <\/p><p>Die Serienfertigung der MC 21 soll im n&auml;chsten Jahr beginnen, wurde aber schon mehrmals verschoben. Die russische Zivilluftfahrt fliegt vorwiegend mit geleasten Flugzeugen aus westlichen Staaten.<\/p><p>Die russische Regierung ist stolz auf die Digitalisierung in allen Bereichen des russischen Lebens. Allerdings steht das Prestigeprojekt &bdquo;Rosnano&ldquo;, eine 2011 unter Leitung von Anatoli Tschubais gegr&uuml;ndete staatliche Aktiengesellschaft, welche 97 Fabriken und Entwicklungszentren bei der Erforschung und Produktion von Produkten aus dem Bereich der Nanotechnologie unterst&uuml;tzt, vor dem Bankrott. Mitte November verbot die Moskauer B&ouml;rse den Handel mit den Wertpapieren von Rosnano, denn das Unternehmen kann seine Schulden nicht bezahlen. <\/p><p>Die russische Wirtschafts- und Finanzpolitik wird heute von Wirtschaftsliberalen bestimmt. Es gibt jedoch auch einen links-patriotischen politischen Sektor, der sich f&uuml;r eine starke Sozialpolitik und eine aktive staatliche Investitionspolitik einsetzt. Zu dem links-patriotischen Sektor geh&ouml;rt ein Kreis von &Ouml;konomen und Unternehmern, die sich im Moskauer <a href=\"http:\/\/en.me-forum.ru\/\">Wirtschaftsforum<\/a> zusammengeschlossen haben. Dieser Expertenkreis fordert von der Zentralbank die Senkung des Leitzins von zurzeit 7,5 Prozent, der in dieser H&ouml;he f&uuml;r kleine und mittlere Unternehmen t&ouml;dlich ist. Au&szlig;erdem wird die Erh&ouml;hung der Renten gefordert. Finanziert werden soll diese Erh&ouml;hung aus Russlands &uuml;ppigen Finanzreserven. <\/p><p><strong>Die soziale Situation und das Corona-Virus<\/strong><\/p><p>Die russische Regierung steht mit ihrer Impfkampagne vor einem Fiasko. Ein Jahr nach Start der Impfkampagne sind nur 40 Prozent der Menschen geimpft. Ein wesentlicher Grund f&uuml;r die Nichtbereitschaft zur Impfung ist das mangelnde Vertrauen der Bev&ouml;lkerung in die Beamten und das Gesundheitswesen.<\/p><p>Um die &bdquo;Immunit&auml;t&ldquo; der Bev&ouml;lkerung von 50 auf 80 Prozent zu erh&ouml;hen, hat die russische Regierung am 12. November Gesetze in die Duma eingebracht, nach denen ab dem 1. Februar 2022 die Vorlage von QR-Codes f&uuml;r alle B&uuml;rger Pflicht ist, welche Eisenbahnen, Flugzeuge oder Einkaufszentren nutzen. <\/p><p>Einen QR-Code bekommt &uuml;ber ein staatliches Internet-Portal derjenige B&uuml;rger, der in den letzten sechs Monaten genesen, zweimal geimpft oder geboostert ist. Kaum wurden die geplanten Gesetze bekannt, gab es Protestkundgebungen in vielen St&auml;dten Russlands.<\/p><p>Die beiden linken Oppositionsparteien KPRF und Gerechtes Russland sind gegen die Gesetze, weil sie Grundrechte verletzen. Die KPRF will das Verfassungsgericht anrufen. <\/p><p>Der Au&szlig;enamtssprecher der russisch-orthodoxen Kirche hat die QR-Codes zwar als ein in anderen L&auml;ndern erfolgreiches Mittel gepriesen. Doch es gibt in der Kirche auch Widerspruch zur landesweiten Einf&uuml;hrung der QR-Codes. Der stellvertretende Leiter des Moskauer Patriarchats, Episkop Sawwa (Tutunow), erkl&auml;rte in seinem Telegram-Kanal, das Ziel sei nicht das Impfen, sondern &bdquo;die Codierung der Bev&ouml;lkerung&ldquo;.<\/p><p>Die Teilrepublik Tatarstan hat jetzt mit einem QR-Code-Pilot-Projekt begonnen. In Tatarstan m&uuml;ssen die Codes im gesamten Verkehrs-Sektor vorgelegt werden, also auch bei Stra&szlig;en-, U-Bahnen und Trolleybussen. <\/p><p>Dass ausgerechnet Tatarstan ein Pilot-Projekt mit QR-Codes startete, h&auml;ngt nach Meinung der Nesawisimaja Gaseta damit zusammen, dass Tatarstan eine gut entwickelte Infrastruktur hat &ndash; &auml;hnlich wie Moskau &ndash; und die Bev&ouml;lkerung mehrheitlich f&uuml;r den Regierungskurs ist. Stra&szlig;enproteste gibt es in Tatarstan kaum. Deshalb sei Tatarstan geeignet f&uuml;r ein Pilotprojekt, mit dem man sp&auml;ter in ganz Russland werben kann. <\/p><p>Tatarstan habe sich auf das Experiment eingelassen, um von einer neuen Zentralisierung-Politik der Macht verschont zu bleiben, meint die Nesawisimaja Gaseta. Der Kreml hat ein Gesetz in die Duma eingebracht, mit dem die Machtstruktur in Russland weiter zentralisiert werden soll. Die Gouverneure sollen sich mehr als zweimal zur Wahl stellen k&ouml;nnen. Die Bezeichnung Pr&auml;sident f&uuml;r die Leiter der russischen Teilrepubliken &ndash; wie etwa Tatarstan &ndash; soll abgeschafft werden. Der Titel Pr&auml;sident soll dem russischen Staatsoberhaupt vorbehalten bleiben. <\/p><p>Bei dem Pilotprojekt mit dem QR-Code in Tatarstan gab es erhebliche Probleme. Es sah fast nach passivem Widerstand der Bev&ouml;lkerung aus. Wie die Nesawisimaja Gaseta berichtete, wurden am 22. November 2021 in Kasan, der Hauptstadt von Tatarstan, 768 Personen aus Stra&szlig;enbahnen und Trolleybussen geholt, weil sie keinen QR-Code vorweisen konnten. Zwei &bdquo;renitente Personen&ldquo; seien zur Polizei gebracht worden. 126 Personen h&auml;tten versucht, ohne QR-Code die U-Bahn zu benutzen. 96 Personen h&auml;tten versucht, die U-Bahn zu benutzen, obwohl sie erst einmal geimpft waren. Vier Personen waren zwar zweimal geimpft, hatten aber keinen QR-Code. Ein Fahrkartenkontrolleur, der die QR-Codes kontrollieren wollte, wurde in einem Bus mit Pfefferspray angegriffen. <\/p><p>Wladimir Putin versteht offenbar, dass man die Impfabwehr der Bev&ouml;lkerung mit Argumenten brechen muss. Und so schl&uuml;pfte er am 22. November in die Rolle des Interviewers. Nach seiner Auffrischungs-Impfung mit &bdquo;Sputnik light&ldquo; interviewte der russische Pr&auml;sident Denis Logunow, den stellvertretenden Leiter des Gamalaj-Zentrums, das den Impfstoff Sputnik V entwickelt hat. Der Pr&auml;sident lie&szlig; sich von Logunow erkl&auml;ren, wie wichtig Booster-Impfungen sind. Logunow erz&auml;hlte Putin von einem neuen Impfstoff, der nicht &uuml;ber die Vene, sondern &uuml;ber die Nase verabreicht werden soll. Putin erkl&auml;rte sich bereit, diesen Impfstoff als einer der Ersten zu nutzen. Der Kreml-Chef fragte Logunow auch, ob es schon Untersuchungs-Ergebnisse gibt &uuml;ber die 170 Millionen Menschen, die inzwischen weltweit mit Sputnik V geimpft sein sollen. Logunow antwortete, in San Marino &ndash; wo es auch das Delta-Virus gibt &ndash; sei ermittelt worden, dass Sputnik V zu 80 Prozent effektiv sei. Unter den Soldaten in den Milit&auml;rbezirken Moskau und Moskauer Umland liege die Effektivit&auml;t von Sputnik V bei 83 Prozent.<\/p><p><strong>Zunahme der politischen Kontrolle<\/strong><\/p><p>Nach den Duma-Wahlen gab es in Moskau Proteste. Die Opposition war der Meinung, dass es w&auml;hrend der Online-Wahlen, von denen 30 Prozent der Moskauer Wahlberechtigten Gebrauch gemacht haben, zu Manipulationen kam. Acht Kandidaten der Opposition &ndash; Kommunisten und Liberale &ndash; lagen nach der Ausz&auml;hlung der Stimmzettel aus den Wahlurnen in der Nacht nach der Wahl in F&uuml;hrung. Doch am Vormittag des Folgetages &ndash; inzwischen waren die Online-Wahlergebnisse dazugerechnet worden &ndash; wurden alle acht Oppositionskandidaten von den Kandidaten von Einiges Russland &uuml;berfl&uuml;gelt. <\/p><p>Daraufhin kam es in Moskau zu zwei &bdquo;Treffen von W&auml;hlern mit Kandidaten der Kommunistischen Partei der Russischen F&ouml;deration&ldquo; (KPRF) unter freiem Himmel auf dem Puschkin-Platz. Die Polizei l&ouml;ste diese nicht angemeldeten Kundgebungen nicht auf. Allerdings wurden zahlreiche KPRF-Kandidaten und -Funktion&auml;re sowie der unabh&auml;ngige linke Soziologe Boris Kagarlitsky wegen Teilnahme oder Aufruf zu den Kundgebungen f&uuml;r kurze oder l&auml;ngere Zeit verhaftet. <\/p><p>Ein Jahr vor den Duma-Wahlen wurde der Gr&uuml;nder der &bdquo;Bewegung f&uuml;r einen neuen Sozialismus&ldquo;, Nikolai Platoschkin, wegen eines angeblichen Aufrufs zu Massenunruhen &ndash; es ging um Protestkundgebungen gegen die &Auml;nderung der russischen Verfassung &ndash; f&uuml;r fast ein Jahr unter Hausarrest gestellt. <\/p><p>Die Repression gegen bekannte Mitglieder der KPRF, die bisher im System integriert war, und Liberale f&uuml;hrt dazu, dass das Verh&auml;ltnis dieser beiden bisher verfeindeten politischen Fl&uuml;gel freundlich wurde. Da die Navalny-Strukturen zerschlagen wurden, wurde die KPRF f&uuml;r die Liberalen als einzige gro&szlig;e legale Oppositionspartei attraktiv. Nicht wenige Liberale w&auml;hlten kommunistische Kandidaten und riefen zur Wahl dieser Kandidaten auf. <\/p><p>Nicht nur die alt-eingesessene und bisher immer gem&auml;&szlig;igte Kommunistische Partei der Russischen F&ouml;deration, auch die &auml;lteste russische Menschenrechtsorganisation &ndash; Memorial &ndash; bekommt jetzt Probleme. Gegen Memorial wurde ein Verbotsverfahren er&ouml;ffnet. Einer der Vorw&uuml;rfe lautet, dass Memorial seine Ver&ouml;ffentlichungen nicht immer wie vorgeschrieben mit dem Aufdruck &bdquo;ausl&auml;ndischer Agent&ldquo; versieht. <\/p><p>Nichtregierungsorganisationen, die Gelder aus dem Ausland beziehen, sind verpflichtet &ndash; wie auch NGOs in den USA &ndash; den Vermerk &bdquo;ausl&auml;ndischer Agent&ldquo; auf eigenen Publikationen anzubringen. <\/p><p>Die russische sozialdemokratische Partei &bdquo;Gerechtes Russland&ldquo; fordert, dass Gerichte dar&uuml;ber entscheiden m&uuml;ssen, ob jemand als &bdquo;ausl&auml;ndischer Agent&ldquo; einzustufen ist oder nicht. Der Bezug kleiner Geldsummen reiche f&uuml;r diesen Vorwurf nicht aus. <\/p><p>Dem Verbotsverfahren gegen Memorial ging ein Vorfall im Moskauer Sacharow-Zentrum voraus. Dort sollte der Film &bdquo;Gareth Jones&ldquo; der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland gezeigt werden. Der Film, der 2019 auf der Berlinale gezeigt wurde, handelt von der Hungersnot in der Ukraine Anfang der 1930er Jahre (in der Ukraine genannt &bdquo;Golodomor&ldquo;), die nach Meinung der Regierung in Kiew gezielt von Moskau gegen das ukrainische Volk organisiert wurde, um es auszul&ouml;schen. Die Film-Veranstaltung in Moskau wurde von russischen Ultrapatrioten <a href=\"https:\/\/twitter.com\/novaya_gazeta\/status\/1448704014342922245?ref_src=twsrc%255Etfw%257Ctwcamp%255Etweetembed%257Ctwterm%255E1448704014342922245%257Ctwgr%255E%257Ctwcon%255Es1_&amp;ref_url=\">gest&ouml;rt<\/a>. Die Polizei blockierte den Vorf&uuml;hr-Saal und ging nicht gegen die St&ouml;rer vor.<\/p><p>Tats&auml;chlich gab es in den 1930er Jahren nicht nur in der Ukraine, sondern auch in anderen landwirtschaftlichen Gebieten im s&uuml;dlichen Teil der Sowjetunion Hungersn&ouml;te. <\/p><p>Dass ein Film, der die Genozid-These der Kiewer Regierung st&uuml;tzt, im Zentrum von Moskau gezeigt wurde, war f&uuml;r die russische Macht vermutlich eine unverzeihliche Provokation, weshalb wohl das Verbotsverfahren gegen Memorial eingeleitet wurde. <\/p><p>Ich bin der Meinung, dass es besser w&auml;re, sich mit den Argumenten der Golodomor-Behauptungen &ouml;ffentlich auseinanderzusetzen, anstatt ein Verbotsverfahren gegen Memorial einzuleiten. Memorial versucht zwar, Putin und den Stalinismus auf eine Ebene zu stellen, was man kritisieren muss. Es ist aber eine Tatsache, dass Memorial in den letzten 30 Jahren eine wichtige Arbeit zur Aufkl&auml;rung des politischen Terrors w&auml;hrend der Stalin-Zeit geleistet hat.<\/p><p><strong>Deutschland \/ Russland<\/strong><\/p><p>Die Bundesregierung hat die Spannungen gegen&uuml;ber Russland seit 2014 schrittweise versch&auml;rft. Dass es auf der Krim ein Referendum f&uuml;r den Beitritt von Russland gab, wird bis heute kleingeredet. Russische Politiker und Spitzenbeamte werden ohne Beweise schlimmster Verbrechen beschuldigt, wie der Vergiftung von Oppositionellen und &uuml;bergelaufenen Geheimdienstlern. <\/p><p>Bisheriger H&ouml;hepunkt war die Drohung von Noch-Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer, die erkl&auml;rte, die Nato m&uuml;sse angesichts zunehmender Herausforderungen durch Russland &bdquo;sehr deutlich machen&ldquo;, dass sie auch zu milit&auml;rischen Ma&szlig;nahmen bereit sei. Niemand d&uuml;rfe auf die Idee kommen, Nato-Partner anzugreifen. Von Seiten Russlands g&auml;be es &bdquo;Verletzungen des Luftraums &uuml;ber den baltischen Staaten, aber auch zunehmende &Uuml;bergriffigkeiten rund um das Schwarze Meer&ldquo;. Die Aussetzung der North-Stream-II-Zertifizierung ist ein weiterer Eskalationsschritt von deutscher Seite.<\/p><p>Parallel zu diesen Angriffen gegen Russland gibt es Bem&uuml;hungen auf der Ebene einzelner Pers&ouml;nlichkeiten und Organisationen, eine Br&uuml;cke zu Russland aufrechtzuerhalten. Akteure auf diesem Feld sind das Deutsch-Russische Forum, das Deutsch-Russische Kulturjahr mit zahlreichen Veranstaltungen, vor allem aber viele kleine Initiativen, die keine staatliche Unterst&uuml;tzung erhalten, sondern auf Grundlage freiwilliger, ehrenamtlicher Arbeit existieren. <\/p><p>Leider dringt von diesen Initiativen, die eine Br&uuml;cke zu Russland aufrechterhalten wollen, so gut wie nichts an die &Ouml;ffentlichkeit, weil die gro&szlig;en Medien nicht dar&uuml;ber berichten. <\/p><p>Wir m&uuml;ssen eingestehen, dass es den russlandfeindlichen Kr&auml;ften gelungen ist, ihr Bild vom aggressiven und gef&auml;hrlichen Russland in der &ouml;ffentlichen Meinung zu verankern. Es gibt auch kaum noch K&uuml;nstler, Schriftsteller und Musiker, die sich gegen diese Diffamierung stellen. Die 300.000 Menschen, die 1981 im Bonner Hofgarten gegen die Nachr&uuml;stung demonstrierten, scheinen wie vom Erdboden verschluckt. <\/p><p>Progressiv zu sein, das hei&szlig;t in Deutschland heute, gegen Rassismus, f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge, gegen Diskriminierung von Minderheiten und Lebensformen zu sein. Wer aber f&uuml;r ein gutes Verh&auml;ltnis zu Russland ist, der geh&ouml;rt schon nicht mehr zu den Progressiven, sondern muss sich dem Vorwurf aussetzen, er sei f&uuml;r den angeblichen Diktator Putin und dessen konservative Werte. Diejenigen, die so argumentieren, tun so, als ob die EU und die USA das Recht haben, anderen Staaten ihre Werte aufzuzwingen. <\/p><p>Die Partei Die Linke hat sich seit 2014 von einer ausgesprochen russlandfreundlichen Partei auf eine Position der &Auml;quidistanz zu den Gro&szlig;m&auml;chten zur&uuml;ckgezogen. Der Gro&szlig;teil der Partei Die Linke scheut sich heute, die Kr&auml;fte in der Welt zu benennen, die den Konflikt in der Ukraine entz&uuml;ndet haben, also die aggressiven Kreise in den USA um Victoria Nuland, das Pentagon und die gro&szlig;en Medien in Deutschland. <\/p><p>Es w&auml;re notwendig, dass sich die Kr&auml;fte, welche sich gegen die Isolierung Russlands und Kriegshetze stellen, Aufkl&auml;rungskampagnen starten. Es ist lebenswichtig geworden, sich mit den wichtigsten ideologischen und politischen Elementen der Russophobie auseinanderzusetzen und nachzuweisen, dass die Gefahr f&uuml;r den Frieden in Europa nicht von Russland, sondern von den USA, der Nato und ihren Unterst&uuml;tzern in Deutschland ausgeht. <\/p><p>Es geht darum, der Gleichsetzung von Hitler-Faschismus und Sowjetunion zu widersprechen. Es geht darum, dass die Vertuschung der Gr&auml;uel des Zweiten Weltkrieges in Kino und Fernsehen und die Reinwaschung von Hitler-Kollaborateuren in Osteuropa gestoppt wird. <\/p><p>Man muss nicht alles, was die russische Regierung macht, guthei&szlig;en. Aber man muss daf&uuml;r streiten, dass die D&auml;monisierung Russlands aufh&ouml;rt. <\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/b5a879545f6548d0816e0516ea0ba13d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Themen &bdquo;Wirtschaftsstagnation und Importabh&auml;ngigkeit&ldquo; oder &bdquo;Deutschland und Russland&ldquo; hat der aus Moskau berichtende <strong>Ulrich Heyden<\/strong> neben weiteren Fragen gerade in einem Vortrag f&uuml;r die Leipziger B&uuml;rgerinitiative &bdquo;F&uuml;r gute Nachbarschaft mit Russland&ldquo; betrachtet. Weil er ein Gegengewicht zur aktuellen Meinungsmache gegen Russland auch in deutschen Medien sein kann, geben wir den Vortrag hier wieder. Von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78383\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,123,20,30],"tags":[3058,3004,3040,2880,2301,3114,2277,915,1177,259,260,2121,1019],"class_list":["post-78383","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-landerberichte","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-diffamierung","tag-donbass","tag-impfpass","tag-impfungen","tag-konfrontationspolitik","tag-kprf","tag-kramp-karrenbauer-annegret","tag-putin-wladimir","tag-rezession","tag-russland","tag-ukraine","tag-wahlfaelschung","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78383","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=78383"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78383\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":78404,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78383\/revisions\/78404"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=78383"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=78383"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=78383"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}