{"id":7846,"date":"2010-12-23T09:37:38","date_gmt":"2010-12-23T08:37:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7846"},"modified":"2014-11-25T10:10:37","modified_gmt":"2014-11-25T09:10:37","slug":"wen-pflegt-roesler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7846","title":{"rendered":"Wen pflegt R\u00f6sler?"},"content":{"rendered":"<p>Gesundheitsminister Philipp R&ouml;sler (FDP) <a href=\"http:\/\/www.bundesgesundheitsministerium.de\/ministerium\/presse\/pressemitteilungen\/2010-04\/aufschwung-verbessert-situation-der-pflegeversicherung.html\">k&uuml;ndigte unl&auml;ngst an<\/a>, eine privat finanzierte, kapitalgedeckte Zusatzversicherung als Erg&auml;nzung zur bestehenden Pflegeversicherung auf den Weg zu bringen. Damit sollte der im Koalitionsvertrag festgehaltene &bdquo;Ausbau der gesetzlich finanzierten Bereichs Gesundheits- und Pflegeleistungen und einer Verbesserung der wettbewerblichen Strukturen&ldquo; umgesetzt werden. Neuerdings rudert R&ouml;sler pl&ouml;tzlich wieder ein St&uuml;ck weit zur&uuml;ck. Von einer privaten Zusatzversicherung ist augenblicklich nicht mehr die Rede, hingegen von einer gesetzlichen Neuregelung des Pflege-T&Uuml;Vs zu Jahresbeginn. Das derzeitige Pflegesystem ist in der Tat &auml;u&szlig;erst marode und liegt weitgehend im Verborgenen. Wer einen Blick hinter die Kulissen wirft, muss erkennen, dass zwar eine Reform bez&uuml;glich Qualit&auml;t und Transparenz dringend erforderlich ist, nicht jedoch eine private Zusatzversicherung. Von Christine Wicht<br>\n<!--more--><br>\nMit der Einf&uuml;hrung einer privaten Pflegezusatzversicherung w&uuml;rde die schwarz-gelbe Koalition der Versicherungsbranche &ndash; wie bei der Riester-Rente &ndash; einen weiteren lukrativen Markt verschaffen und dem B&uuml;rger einen weiteren Beleg daf&uuml;r liefern, welche Klientel die FDP pflegt. Die Finanzierung der Pflege m&uuml;sse langfristig gesichert werden, forderte noch vor einigen Wochen Gesundheitsminister R&ouml;sler, deshalb sei es n&ouml;tig, umzudenken und neue Wege einzuschlagen. &ldquo;Die jungen Menschen m&uuml;ssen heute anfangen, an morgen zu denken und finanziell vorzusorgen&rdquo;, so R&ouml;sler. <\/p><p><strong>Es ist genug Geld in der Pflegeversicherung<\/strong><br>\nLaut Aussagen des Bundesministeriums f&uuml;r Gesundheit, BMG (Stand: Januar 2009) sind in Deutschland rund 70 Millionen Menschen in der gesetzlichen Pflegeversicherung versichert. Rund 9 Millionen Menschen haben eine private Pflegeversicherung. Rund 2,1 Millionen Menschen beziehen Leistungen der Pflegeversicherung, davon werden 1,46 Millionen Menschen ambulant gepflegt und rund 0,71 Millionen Menschen station&auml;r (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.vdk.de\/cgi-bin\/cms.cgi?ID=de15384&amp;SID=pdEr6b9DGu3cObJ89hJVOboZW2NywQ\">vdk<\/a>). &Uuml;ber 60 Millionen Menschen zahlen ihren Beitrag in die gesetzliche Pflegeversicherung. Wenn alle diese Versicherten zu einer privaten Zusatzversicherung gezwungen w&uuml;rden, w&auml;re dies ein &auml;u&szlig;erst lukratives Gesch&auml;ftsfeld f&uuml;r die Versicherungskonzerne. Den Bef&uuml;rwortern und Profiteuren einer privaten Zusatzversicherung mag  deshalb die <a href=\"http:\/\/www.bundesgesundheitsministerium.de\/cln_178\/nn_1168294\/SharedDocs\/Pressemitteilungen\/DE\/2010\/pm-10-12-2-pflegeversicherung.html?__nnn=true\">Meldung des Bundesgesundheitsministeriums vom 2. Dezember 2010<\/a> wohl gar nicht gefallen haben, in welcher es hei&szlig;t: &bdquo;Aktuelle Berichte, die finanzielle Lage der Pflegeversicherung habe sich verschlechtert, treffen nicht zu. Durch die steigenden Besch&auml;ftigtenzahlen hat sich die Einnahmesituation der Pflegeversicherung deutlich besser entwickelt. So ist auch f&uuml;r 2010 ein &Uuml;berschuss zu erwarten. Entgegen bisheriger Einsch&auml;tzung werden die R&uuml;cklagen der Pflegeversicherung daher l&auml;nger reichen.&ldquo; Nach neuen Berechnungen steigt der Beitrag im Jahr 2014 von 1,95 Prozent auf 2,1 Prozent und bis zum Jahr 2050 auf 2,8 Prozent. <\/p><p><strong>Die Frage nach Leistungsinhalt und &ndash;umfang m&uuml;ssten im Vordergrund stehen<\/strong><br>\nDie Barmer GEK hat im Dezember den &bdquo;Pflegereport 2010&ldquo; ver&ouml;ffentlicht, nach welchem fast jede zweite Frau und jeder dritte Mann damit rechnen m&uuml;ssen, dement zu werden. Die Studie wurde vom Zentrum f&uuml;r Sozialpolitik der Universit&auml;t Bremen (ZeS) unter Leitung von Professor Heinz Rothgang durchgef&uuml;hrt, nach dessen Meinung der demographische Wandel &ndash; ceteris paribus &ndash; (wobei die &uuml;brigen Dinge gleich sind) dazu f&uuml;hrt, dass die Zahl der Pflegebed&uuml;rftigen im Jahr 2040 um rund die H&auml;lfte &uuml;ber der derzeitigen Zahl liegt (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.zes.uni-bremen.de\/homepages\/rothgang\/downloads\/Demographischer_Wandel_Pflegebeduerftigkeit.pdf\">ZeS [PDF &ndash; 1.4 MB]<\/a>). Barmer GEK Vorstand Rolf-Ulrich Schlenker appellierte an die Koalition, die Neuausrichtung der Pflege zu forcieren. Bevor die Politik alternative Versicherungs- und Finanzierungsformen ins Spiel bringe, solle sie sich zuerst &uuml;ber den k&uuml;nftigen Leistungsinhalt und -umfang der Pflegeversicherung verst&auml;ndigen. Ob und wie eine erg&auml;nzende Finanzierung des Pflegebedarfs zu realisieren sei, h&auml;nge im hohen Ma&szlig;e vom k&uuml;nftigen Pflegebed&uuml;rftigkeitsbegriff ab. &ldquo;Vorrangig muss, so Schlenker, die Leistungsfrage beantwortet werden. Erst dann kann entschieden werden, ob wir &uuml;berhaupt eine neue Finanzierungss&auml;ule in der Pflegeversicherung brauchen oder ob nicht die klassische Beitragsfinanzierung eine angemessene Antwort auf die Finanzierungsherausforderung gibt.&rdquo; (Quelle: <a href=\"https:\/\/www.barmer-gek.de\/barmer\/web\/Portale\/Versicherte\/UeberUns\/Pressecenter\/Aktuelle_20Pressemitteilungen\/101130-Pflegereport\/Content-Pflegereport.html?w-cm=CenterColumn_t314764\">Barmer<\/a>). <\/p><p><strong>Spekulative Hochrechnungen<\/strong><br>\n&bdquo;Sp&auml;testens im Jahr 2045 (!) m&uuml;ssen Arbeitnehmer rund sieben Prozent ihres Einkommens f&uuml;r die Pflegeversicherung abf&uuml;hren, lie&szlig; der Freiburger Professor und Versicherungslobbyist Bernd Raffelh&uuml;schen schon vor drei Jahren verlautbaren. Das ist eine Steigerung um mehr als 400 Prozent im Vergleich zum heutigen Satz. F&uuml;r den &bdquo;Wissenschaftler&ldquo; sind die Konsequenzen aus dem &bdquo;erschreckenden Befund&ldquo; offenkundig: Das umlagefinanzierte System m&uuml;sse schnellstens reformiert werden. Am einfachsten ginge das bei der Pflege. &bdquo;Noch k&ouml;nnen wir aus der umlagefinanzierten Pflegeversicherung aussteigen&ldquo;, <a href=\"?p=2514\">alarmierte Raffelh&uuml;schen<\/a>. <\/p><p>Der Gerontologe, Dr. Helmut Braun, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Kuratoriums Wohnen im Alter gAG (KWA), warnt vor solchen Zukunftsprognosen: &bdquo;Von einem Anstieg der Zahl &auml;lterer Menschen auf ein lineares Wachstum bei station&auml;r ausgerichteten Pflegeeinrichtungen zu schlie&szlig;en, entbehrt jeder fachlichen Begr&uuml;ndung und ignoriert die derzeitige Entwicklung des Pflegemarktes&ldquo;. Die Kapitalwirtschaft, so Braun, h&auml;tte jetzt einen Markt entdeckt, der, wenn man ihn genauer betrachte, ganz anders aufgestellt sein m&uuml;sse: &bdquo;Die Masse an Pflegeheimen, die jetzt gebaut wird, wird in Zukunft ein Riesenproblem. Und wenn man dann auch noch Renditeversprechen damit verbindet, die meiner Ansicht nach unrealistisch sind, halte ich das f&uuml;r moralisch fragw&uuml;rdig.&ldquo; Braun sieht ein Belegungsproblem der Einrichtungen und bef&uuml;rchtet, dass alte Menschen ins Heim gesteckt werden, obwohl sie noch zu Hause betreut werden k&ouml;nnten. Es gebe bereits heute gesch&auml;tzte 70.000 station&auml;re Heimpl&auml;tze, die nicht belegt seien. &bdquo;Das wird interessanterweise nie diskutiert in diesen ganzen Prognosen&ldquo;, kritisiert Braun. Er bef&uuml;rchtet, dass die Leerst&auml;nde in Heimen durch das florierende Gesch&auml;ft mit Pflegeimmobilien in Zukunft dramatisch zunehmen werden und dadurch viele H&auml;user in den n&auml;chsten Jahren in die Pleite getrieben werden und schlie&szlig;en m&uuml;ssen&ldquo; (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.axion-consult.com\/fileadmin\/user_upload\/axion\/Presse\/2008\/CarEUR_Invest_Juni_2008_Beitrag_Zaudernde_Zinker.pdf\">Care Invest 12\/08 [PDF &ndash; 184 KB]<\/a>). <\/p><p><strong>Die Pflege bed&uuml;rftiger Menschen ist ein lukrativer Markt<\/strong><br>\nDie Entwicklung, dass Leistungen der Gesundheit und der Pflege in den letzten Jahren zunehmend privatisiert worden sind, zeigt auch, je h&ouml;her der Grad der Privatisierung des Gesundheitswesens, desto st&auml;rker steigen die Gesundheitskosten. Oftmals werden Profite bereits beim Bau von Einrichtungen gemacht, die dann jahrelang in Form erh&ouml;hter Kosten weitergereicht werden. Wenn beispielsweise Fonds Pflegeimmobilien &uuml;berteuert einkaufen, dann wurden wahrscheinlich &uuml;berh&ouml;hte Pachten angesetzt. Ein &uuml;berzogener Pachtpreis wiederum kann nur kompensiert werden, wenn im t&auml;glichen Pflegebetrieb gespart wird. Wenig Personal und niedrigste Ausgaben f&uuml;r die Verpflegung alter Menschen sind die Konsequenzen, sonst geht die Renditerechnung nicht auf. Am Ende der Kette befinden sich letztlich die Senioren, die die verfehlten Immobiliengesch&auml;fte dadurch erleiden m&uuml;ssen, dass sie nicht mehr menschenw&uuml;rdig gepflegt werden k&ouml;nnen. Ein Teufelskreis, wie Nikolaos Tavridis, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der axion consult GmbH, in seinem Gespr&auml;ch mit Gottlob Schober (Redaktionsteam von Report Mainz) in dem Buch &bdquo;Im Netz der Pflegemafia&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.axion-consult.com\/fileadmin\/user_upload\/axion\/Presse\/2008\/CAREUR_Invest_Mai_2008_Beitrag_Zuendelnde_Zocker.pdf\">offenbart [PDF &ndash; 136 KB]<\/a>. Dass aus der Pflege alter, bed&uuml;rftiger, hilfloser Menschen Kapital geschlagen wird, ist ethisch und moralisch h&ouml;chst zweifelhaft. <\/p><p>Es wird von Pflegefondsanbietern damit <a href=\"http:\/\/www.cvm-chevalier.de\/index.php4?cmd=1172596829205\">geworben<\/a>, dass station&auml;re Pflege, mit staatlich geregelten sicheren Einnahmen ein riesiger Wachstumsmarkt sei, bei dem das erforderliche Investitionsvolumen in den n&auml;chsten Jahren auf bis zu f&uuml;nf Mrd. EUR gesch&auml;tzt werde. So werden etwa die Vorteile eines Pflegefonds gegen&uuml;ber eines Immobilienfonds gepriesen: konjunkturunabh&auml;ngiger Wachstumsmarkt f&uuml;r station&auml;re Pflege, sofort 6,5 % p.a., monatliche Aussch&uuml;ttung steigend, steuerfreie Aussch&uuml;ttungen, staatlich geregelte Mieteinnahmen, ein langfristiger Pachtvertrag mit erfahrenem Betreiber, Nebenkosten, Instandhaltung tr&auml;gt der Betreiber, Vollbelegung, Top-Leistungsbilanz, Best-Rating der Analysten, Finanzierung der Beteiligung m&ouml;glich.<\/p><p><strong>Lobby von Pflegeverb&auml;nden, Heimbetreibern und Pharmaindustrie<\/strong><br>\nClaus Fussek (Sozialp&auml;dagoge im ambulanten Pflegedienst) und Gottlob Schober (Redaktionsteam von Report Mainz) haben in ihrem Buch &ldquo;Im Netz der Pflegemafia &ndash; Wie mit menschenunw&uuml;rdiger Pflege Gesch&auml;fte gemacht werden&rdquo;, die Pflegesituation in deutschen Heimen durchleuchtet und eine stark vernetzte Pflegelobby von Pflegeverb&auml;nden, Heimbetreibern und Pharmaindustrie, die von schlechter Pflege profitieren, ausgemacht. Zwar werde immer argumentiert, dass in Pflegeheimen aus Geldmangel oft keine optimale Pflege m&ouml;glich sei. Die Missst&auml;nde, so die Autoren, seien jedoch weitaus gravierender, denn sie werden nicht nur hingenommen, sondern teilweise werde das Leid der Menschen ganz bewusst herbeigef&uuml;hrt. Hilf- Menschen w&uuml;rden h&auml;ufig gezielt falsch behandelt, damit sie zwangsl&auml;ufig in eine h&ouml;here Pflegestufe eingruppiert werden m&uuml;ssten. Dahinvegetierende Pflegebed&uuml;rftige br&auml;chten nach der Logik der Pflegeheime mehr Geld als Menschen, deren noch bestehende F&auml;higkeiten eigentlich gef&ouml;rdert werden sollten. <\/p><p><strong>Missst&auml;nde im Pflegesystem<\/strong><br>\nFussek und Schober haben in ihrem Buch erschreckende Missst&auml;nde dargelegt. Beispielsweise profitieren Rettungsdienste von Fahrten von Pflegeheimen zu Krankenh&auml;usern und zur&uuml;ck. Renate Beckmann hat in ihrer Dissertation &bdquo;Untersuchungen zur &auml;rztlichen Betreuung Pflegebed&uuml;rftiger &ndash; Modellpraxis in einem Alten- und Pflegeheim&ldquo; bereits im Jahr 1992 gravierende Fehlentwicklungen im Pflegesystem ausgemacht. In ihrer Untersuchung setzt sich Beckmann mit einer kassen&auml;rztlichen Modellpraxis eines Alten- und Pflegeheims auseinander: &bdquo;Den Bewohnern bleibt die freie Arztwahl erhalten. Wenn sie die Modellpraxis in Anspruch nehmen, k&ouml;nnen sie die Sprechzeiten nutzen. Die &Auml;rzte der Modellpraxis f&uuml;hren regelm&auml;&szlig;ige Visiten auf den Pflegestationen durch und stellen einen Bereitschaftsdienst. Krankenhauseinweisungen sind dann vergleichsweise selten.&ldquo; Beckmann kommt in ihrer Dissertation zu folgendem Ergebnis: &bdquo;Vorteile f&uuml;r die Krankenkassen lassen sich errechnen und sind nicht von der Hand zu weisen: Teure Krankenhauseinweisungen unterbleiben, Wegstrecken f&uuml;r &Auml;rzte fallen nicht an, eine wirtschaftliche Verschreibungspraxis f&uuml;r Medikamente ist durchgesetzt&ldquo; (Quelle: Fussek, Schober, Im Netz der Pflegemafia, S. 267\/268, siehe auch <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/schwarz-gelb-und-die-pflege-wir-verschwenden-milliarden-1.29974\">Fussek Interview mit der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 21.10.2009<\/a>). Das Buch enth&auml;lt unter anderem das ersch&uuml;tternde Protokoll einer Pflegekraft, die in der Nacht allein auf sich gestellt f&uuml;r 72 Insassen zust&auml;ndig ist. Aber n&auml;chtliche Pr&uuml;fungen durch den Medizinischen Dienst seien &auml;u&szlig;erst selten. Heiminsassen w&uuml;rden angegurtet um St&uuml;rze zu verhindern. Dabei h&auml;tten Untersuchungen ergeben, dass eine Sturzprophylaxe oder so genannte H&uuml;ftsturzhosen St&uuml;rze massiv einschr&auml;nken und Kosten (Operation und Behandlung von Oberschenkelhalsbr&uuml;chen) enorm senken w&uuml;rden. Auch k&ouml;nne durch H&ouml;rger&auml;te, Brillen und gute Beleuchtung in Heimen St&uuml;rze verhindert werden. Es k&ouml;nnten enorme volkswirtschaftliche Einsparungen erzielt werden. Die Autoren fragen sich, warum der Bundesrechnungshof nicht die gigantische Verschwendung &ouml;ffentlicher Mittel zulasten alter Menschen anprangert. Die AOK habe zwar erkannt, dass Pr&auml;vention vor Pflege gehe, jedoch sei diese Erkenntnis bislang nicht fl&auml;chendeckend durchgesetzt worden. Altenf&ouml;rderung m&uuml;sse vor Altenpflege gehen. Fussek und Schober schlagen deshalb unter anderem eine Zusammenlegung von Pflege- und Krankenversicherung vor, da Krankenkassen oft relativ g&uuml;nstige Rehabilitationsma&szlig;nahmen f&uuml;r Heimbewohner ablehnten, die von der Pflegekasse wahrscheinlich bewilligt worden w&auml;ren. <\/p><p>Eine andere Pflegekraft berichtet, dass Bewohner nur um Pflegekosten und -zeit zu sparen w&auml;hrend sie auf dem Toilettenstuhl sitzen, gef&uuml;ttert werden und Bettpfannen von anderen Bewohnern ohne Deckel an ihnen vorbei getragen werden, w&auml;hrend sie essen. Um diese menschenunw&uuml;rdige Praxis nachf&uuml;hlen zu k&ouml;nnen, empfehlen die Autoren Catering auf modernen Toilettenst&uuml;hlen im Bundestag. Dann k&ouml;nnte unsere Elite noch effizienter arbeiten und obendrein k&ouml;nnten Toilettenzeiten m&uuml;helos rationalisiert werden (siehe auch: <a href=\"http:\/\/www.br-online.de\/bayerisches-fernsehen\/rundschau\/misshandlung-altenheim-awo-marktschwaben-ID1289236129717.xml\">BR-Online<\/a>). Viele Einrichtungen geben, so die Autoren, unter vier Euro f&uuml;r die Verpflegung der Bewohner aus, obwohl sie 3000 Euro im Monat kassieren. Da wird so manche Katze oder Hund in unserem Lande besser versorgt. <\/p><p>Gottlob Schober recherchierte, dass der Medizinische Dienst (MDK) im Jahr 2000 einen Personalabgleich in 22 Einrichtungen vornahm. Hierbei stellte sich heraus, dass in 18 Einrichtungen die vom MDK festgestellte personelle Besetzung im Pflege- und Betreuungsbereich nicht mit den in die Pfleges&auml;tze einkalkulierten Personalzahlen und -kosten &uuml;bereinstimmte. Es ergaben sich folgende Abweichungen: In 8 Einrichtungen Abweichungen von bis zu 3 Vollkr&auml;ften, in 6 Einrichtungen Abweichungen von 3,1 bis 9,9 Vollkr&auml;ften und in 4 Einrichtungen Abweichungen von 10 Vollkr&auml;ften und mehr.  Eine vertragswidrige Unterbesetzung von 10 Vollkr&auml;ften bedeutet, auf ein Jahr hochgerechnet, einen zus&auml;tzlichen Profit von rund 800.000  DM (Erhebung im Jahr 2000), dem keine entsprechende  Leistung der Pflegeeinrichtung gegen&uuml;berstehe (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.axion-consult.com\/fileadmin\/user_upload\/axion\/Presse\/2008\/CarEUR_Invest_Juni_2008_Beitrag_Zaudernde_Zinker.pdf\">Axion Consult [PDF &ndash; 184 KB]<\/a>). <\/p><p><strong>Alternativen zum Pflegeheim werden behindert<\/strong><br>\nEs gibt sicherlich auch viele gute Heime, die sind jedoch eher die Ausnahme als die Regel. Die Autoren Fussek und Schober empfehlen &auml;lteren Menschen und ihren Angeh&ouml;rigen, sich umfassend beraten zu lassen, z. B. von Pflege- und Krankenkassen oder auch von Verb&auml;nden wie dem VdK. Die Mitarbeiter von Pflegeheimen fordert Fussek auf, f&uuml;r ihre Belange zu demonstrieren. Der VdK hat im &Uuml;brigen gegen die verfehlte Gesundheitsreform, bei der die steigenden Gesundheitskosten in Form von Zusatzbeitr&auml;gen einseitig den Arbeitnehmern und Rentnern aufgeb&uuml;rdet werden, die Kampagne &bdquo;stoppt den Sozialabbau&ldquo; gestartet, an der sich jeder <a href=\"http:\/\/www.vdk.de\/protest\/\">beteiligen kann<\/a>. Nach Meinung von Claus Fussek muss das System Pflege grunds&auml;tzlich reformiert und f&uuml;r gr&ouml;&szlig;ere Transparenz gesorgt werden. Au&szlig;erdem m&uuml;ssten die h&auml;usliche Pflege und alternative Wohnformen fl&auml;chendeckend und bezahlbar ausgebaut werden. Es sei ausreichend Geld im gesamten System. Leider werde nach wie vor das meiste Geld in Pflegeheime investiert, obwohl eigentlich niemand sp&auml;ter seinen Lebensabend in einem Pflegeheim verbringen m&ouml;chte. <\/p><p>Die Seniorenpolitik ist eine zunehmende Herausforderung f&uuml;r die Kommunen. Viele &auml;ltere Menschen ziehen in Gro&szlig;st&auml;dte, weil dort Infrastruktur und &auml;rztliche Versorgung oftmals besser sind als in l&auml;ndlichen Gebieten. Wenn Wohnungen, insbesondere Badezimmer barrierefrei w&auml;ren, eine Infrastruktur (&Auml;rzte und Gesch&auml;fte) am Wohnort vorhanden w&auml;re, k&ouml;nnten viele Menschen, auch im Alter, in ihrer angestammten Wohnung bleiben. Hausgemeinschaften f&uuml;r R&uuml;stige, Betreutes Wohnen f&uuml;r Menschen, die in der Regel selbstst&auml;ndig sind und nur im Bedarfsfall Zusatzleistungen ben&ouml;tigen, Mehrgenerationenprojekte und Tageseinrichtungen, w&auml;ren sicher eine kosteng&uuml;nstige und qualitativ bessere Alternative zu Pflegeheimen. Jedoch scheitern solche Einrichtungen oftmals an b&uuml;rokratische H&uuml;rden, so wenn beispielsweise ein Extraraum f&uuml;r Pfleger, &uuml;bertriebene Auflagen f&uuml;r die Gemeinschaftsk&uuml;che oder ein Extraeingang f&uuml;r Pfleger, die nicht den gleichen Eingang wie die Bewohner benutzen d&uuml;rfen, von &Auml;mtern gefordert werden.<\/p><p><strong>Kann Pflege jeder?<\/strong><br>\nPflegeroboter, von denen kein Mensch gepflegt werden m&ouml;chte, werden entwickelt und sollen den Pflegenotstand l&ouml;sen. Weiter ist nun die Umschulung von Arbeitslosen und HartzIV-Empf&auml;ngern zu Altenpflegern im Gespr&auml;ch. Das diskriminiert nicht nur die Ausbildung zum Pflegeberuf sondern Ignoriert die Tatsache, dass, wer diesen Beruf erlernt, gewisse Voraussetzungen mitbringen muss, wie z.B. Geduld, Empathie und einen gewissen Grad an Abgrenzungsverm&ouml;gen. Nicht jeder x-beliebige Mensch ist f&auml;hig und geeignet, diesen Beruf auszu&uuml;ben. Dass dies aber dennoch von politischer Seite gefordert wird, zeigt auch, wie wenig Wissen und wie wenig Respekt &uuml;ber diesen Beruf und die Menschen, die ihn aus&uuml;ben, vorhanden ist und dass es anscheinend egal ist, welche Personengruppe diese Arbeit ausf&uuml;hrt. Wer m&ouml;chte schon gern von einem unmotivierten und in die T&auml;tigkeit gezwungenen Altenpfleger versorgt werden? <\/p><p>Dabei sind motivierte, qualifizierte Mitarbeiter und zufriedene Bewohner die Basis einer menschenw&uuml;rdigen Altenpflege. Dazu geh&ouml;rt ebenso eine leistungsgerechte Bezahlung wie ein 8-Stunden-Tag f&uuml;r die Pflegekr&auml;fte. Die &bdquo;Verbetriebswirtschaftlichung&ldquo; von Prozessen und vor allem das Renditedenken haben in der Alten- und Behindertenpflege nichts verloren, denn beides geht einher mit dem Verlust menschlicher W&uuml;rde und fairer Entlohnung. <\/p><p><strong>Kann ein Pflege-T&Uuml;V Pflegequalit&auml;t schaffen?<\/strong><br>\nHier also gibt es ein riesiges Verbesserungspotential f&uuml;r R&ouml;slers angek&uuml;ndigten neuen Pflege-T&Uuml;V. Aber die Kriterien nach welchen gepr&uuml;ft wird, sind h&ouml;chst fragw&uuml;rdig. Es ist halt wie immer, wenn quantitative Kriterien (wom&ouml;glich noch ungewichtet) als Ma&szlig;stab f&uuml;r Qualit&auml;t herangezogen werden. Wenn also &uuml;berspitzt gesagt, die Lesbarkeit der Speisekarte genauso eingestuft wird wie die Vermeidung von Dekubitusgeschw&uuml;ren, dann m&uuml;ssen die Bewertungskriterien dringend ge&auml;ndert werden. Es geht, so Claus Fussek, nachweislich auch anders. Gute Pflege sei machbar und bezahlbar. In Schweden zum Beispiel schafften es die Kommunen sehr erfolgreich den Rahmen f&uuml;r praxisgerechte und menschenw&uuml;rdige Altenpflege abzustecken. Dort gr&uuml;nde sich das Gesundheits- und Krankenpflegesystem auf den Grundsatz, dass die Zurverf&uuml;gungstellung und Finanzierung der Gesundheits- und Krankenpflege eine wichtige Aufgabe der &ouml;ffentlichen H&auml;nde ist. Die wichtigsten dieser Grunds&auml;tze f&auml;nden sich im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz von 1982, in dem bestimmt wird, dass der Bev&ouml;lkerung eine gute Gesundheits- und Krankenpflege angeboten werden soll, dass die Pflege zu gleichen Bedingungen f&uuml;r alle geleistet werden und dass sie leicht zug&auml;nglich sein soll. Die Pflege soll sich auf die Respektierung des Selbstbestimmungsrechts und der pers&ouml;nlichen Integrit&auml;t des Patienten gr&uuml;nden und soweit m&ouml;glich nach gemeinsamer Beratung ausgeformt und durchgef&uuml;hrt werden (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.sverige.de\/lexi\/lexi_gesu.htm\">sverige.de<\/a>). <\/p><p><strong>Pflege, ein verdr&auml;ngter Skandal<\/strong><br>\nWarum bewegt die Menschen in unserem Lande die K&auml;fighaltung von H&uuml;hnern, Masttierhaltung oder Tiertransporte mehr als die unw&uuml;rdige Pflege alter Menschen? Warum werden zwar Menschenrechtsverletzungen in anderen L&auml;ndern angeprangert, aber Menschenrechtsverletzungen und Freiheitsberaubungen in Altenheimen kaum? Warum l&auml;sst es die Gesellschaft kalt, wenn Menschen angegurtet, aus Kosten- und Proftitgr&uuml;nden mit Mangensonde ern&auml;hrt, mit einer 3,7l Windel versorgt, die nur einmal am Tag gewechselt wird und aktive oder unruhige Menschen mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden? Die Vereinten Nationen haben Deutschland schon mehrfach wegen Verletzung der Menschenrechte kritisiert. Die Kritik bezog sich auf Diskriminierung, auf rechtsextreme Delikte oder mangelnde Umsetzung der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Was w&uuml;rden die Vereinten Nationen wohl zur Verletzung der Menschenrechte in vielen deutschen Pflegeheimen sagen? <\/p><p>Die Zust&auml;nde dort sind vielerorts ein Skandal und eine Schande f&uuml;r ein reiches Land wie Deutschland! Damit sich die Situation &auml;ndern kann, darf in diesem Land die Pflege nicht l&auml;nger verdr&auml;ngt werden, sondern es muss sich eine Mentalit&auml;t des Hinsehens entwickeln und eine Wahrnehmung dahingehend, dass jeder Mensch selbst jeden Tag in die Situation einer Pflegebed&uuml;rftigkeit geraten kann. Niemand besitzt einen Garantieschein f&uuml;r ein gesundes, langes und selbstst&auml;ndiges Leben. Das Thema Pflege geht jede und jeden an. Nur wenn unsere Gesellschaft dieses Thema nicht mehr verdr&auml;ngt, sondern aktiv eine menschenw&uuml;rdige Pflege einfordert, die nicht profitgesteuert ist und nicht von Lobbyinteressen der Pflegewirtschaft bestimmt ist, sondern wenn mehr B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger f&uuml;r ein Pflegesystem eintreten, in welchem Qualit&auml;t, Gepflegte und Pfleger im Mittelpunkt stehen, haben wir eine Chance, dass sich das bestehende System &auml;ndert. Mahatma Gandhi sagte: &bdquo;Wollt ihr die Kultur und Gesinnung eines Volkes kennenlernen? Dann geht in seine Gef&auml;ngnisse.&ldquo; Im &uuml;bertragenen Sinne k&ouml;nnte man auch sagen &hellip; dann geht in die Alten- und Pflegeheime. Ein Pflege-T&Uuml;V in Altenheimen ist mehr als &uuml;berf&auml;llig. Es ist aber nach den bisherigen Erfahrungen etwa in der Gesundheitsreform zu bef&uuml;rchten, dass ein Pflege-T&Uuml;V nach den Vorstellungen der FDP eher an den Interessen der Pflegeimmobilienbetreiber, der Pflegeheiminvestoren und der Pflegelobby ausgerichtet ist als daran, die Missst&auml;nde in den Pflegeheimen zu beheben.<br>\nDie spannende Frage ist also wieder einmal, wessen Interessen R&ouml;sler pflegt.<\/p><p><em><strong>Buchempfehlung:<\/strong> Wie mit menschenunw&uuml;rdiger Pflege Gesch&auml;fte gemacht werden Claus Fussek, Gottlob Schober, 2009, 443 Seiten, Ma&szlig;e: 12,5 x 18,2 cm, Taschenbuch, Deutsch  Goldmann, 9,50 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gesundheitsminister Philipp R&ouml;sler (FDP) <a href=\"http:\/\/www.bundesgesundheitsministerium.de\/ministerium\/presse\/pressemitteilungen\/2010-04\/aufschwung-verbessert-situation-der-pflegeversicherung.html\">k&uuml;ndigte unl&auml;ngst an<\/a>, eine privat finanzierte, kapitalgedeckte Zusatzversicherung als Erg&auml;nzung zur bestehenden Pflegeversicherung auf den Weg zu bringen. 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