{"id":7863,"date":"2010-12-23T16:27:40","date_gmt":"2010-12-23T15:27:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7863"},"modified":"2019-07-05T11:33:59","modified_gmt":"2019-07-05T09:33:59","slug":"griechenland-gibt-es-einen-ausweg-aus-der-sackgasse-v","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7863","title":{"rendered":"Griechenland (V): Gibt es einen Ausweg aus der Sackgasse?"},"content":{"rendered":"<p>Die Diagnose zum Zustand des &bdquo;griechischen Patienten&ldquo; am Ende des Jahres 2010 soll mit diesem Teil abgeschlossen werden. In den fr&uuml;hen Morgenstunden des 23. Dezember hat das griechische Parlament den Haushaltsplan f&uuml;r 2011, der an dieser Stelle bereits dargestellt wurde, mit 156 Stimmen der Pasok gegen 142 Stimmen der Opposition beschlossen. Bei dieser Abstimmung verlor die Regierungspartei zwar keine abtr&uuml;nnigen Abgeordneten mehr, aber in der Debatte waren die kritischen T&ouml;ne un&uuml;berh&ouml;rbar. Bemerkenswert war vor allem, dass die fr&uuml;here EU-Kommissarin Vasso Papandreou (kein Mitglied der etablierten Familie) ganz offen die &bdquo;Haltbarkeit&ldquo; der Haushaltsplanung bezweifelt. Andere Pasok-Abgeordnete verlangten, man m&uuml;sse den B&uuml;rgern endlich demonstrieren, dass &bdquo;die Wohlhabenden zahlen&ldquo;, weil bislang vor allem die &auml;rmeren Schichten belastet worden seien. Von Niels Kadritzke (&uuml;berarbeitete und erg&auml;nzte Fassung vom 2.1. 2011)<br>\n<!--more--><\/p><p>Ich werde im Folgenden versuchen<\/p><ul>\n<li>die wachsenden Probleme darzustellen, die das verletzte Gerechtigkeitsgef&uuml;hl und der wachsende Pessimismus der Gesellschaft f&uuml;r den inneren Zusammenhalt und die Regierungsf&auml;higkeit der Pasok bedeuten;\n<\/li>\n<li>die Reaktionen der Gewerkschaften auf das Sparprogramm einzusch&auml;tzen, die im Generalstreik vom 15. Dezember sichtbar wurden und sich in weiteren Streiks einzelner Branchengewerkschaften artikulieren werden;\n<\/li>\n<li>die Implikationen des Szenarios aufzuzeigen, das in f&uuml;hrenden Wirtschaftszeitungen, aber auch in linken Krisenanalysen immer &ouml;fter als nicht nur wahrscheinlich, sondern auch w&uuml;nschenswert dargestellt wird: ein Staatsbankrott Griechenlands und die damit verbundene Vertreibung aus der Eurozone.\n<\/li>\n<\/ul><p>Zun&auml;chst will ich jedoch auf den Zustand des &ouml;ffentlichen Sektors zur&uuml;ckkommen und an die &Uuml;berlegungen von Nikos Konstandaras ankn&uuml;pfen (<a href=\"\/?p=7773\">Nachdenkseiten vom 16. Dezember<\/a>). Die qualitative Reform des &ouml;ffentlichen Sektors, f&uuml;r die Konstandaras pl&auml;diert, wird durch die unmittelbaren Zw&auml;nge des Schuldenabbaus eher behindert als gef&ouml;rdert. Das zeigt sich an dem Gesetz &uuml;ber die &ouml;ffentlichen Unternehmen (DEKO, w&ouml;rtlich: &ouml;ffentliche Unternehmen gesellschaftlichen Nutzens), das am 14. Dezember verabschiedet wurde: Hier wird der quantitative Ersparnis-Aspekt dem qualitativen Reform-Aspekt eindeutig untergeordnet. <\/p><p><strong>Problemfall griechische Eisenbahn<\/strong><br>\nDas beste Beispiel bietet das defizit&auml;rste aller staatlichen Unternehmen: die Eisenbahngesellschaft OSE. Zwei Zahlen reichen aus, um die katastrophale Misswirtschaft der OSE zu dokumentieren: Die Anzahl der Besch&auml;ftigten pro bef&ouml;rderten Personen und St&uuml;ckgutvolumen und die Zahl der Unf&auml;lle pro Kilometer des Schienennetzes (bzw. der Zugfrequenzen). Bei beiden Koeffizienten liegt die OSE in Europa einsam an der Spitze (selbst wenn man die Unf&auml;lle an unbeschr&auml;nkten Bahn&uuml;berg&auml;ngen herausrechnet). Zugleich geh&ouml;ren die OSE-Angestellten zu den einkommensst&auml;rksten im gesamten &ouml;ffentlichen Sektor: Sie verdienen mehr als das Doppelte vergleichbar qualifizierter Berufsgruppen. Diese Einkommen bestehen allerdings bis zu einem Drittel aus Zulagen, die durch das Gesetz vom 14. Dezember abgeschafft oder reduziert werden, weil dies rechtlich problemloser geht als Einschnitte in die Grundgeh&auml;lter.<\/p><p>Die Staatsbahn hat im Lauf der Jahre Gesamtschulden von knapp 11 Mrd. Euro angesammelt (60 Prozent der Gesamtverschuldung aller DEKOs in H&ouml;he von 18,2 Mrd. Euro), 2009 betrug das Jahresdefizit 482 Mio. Euro. Die Sanierung der OSE hat f&uuml;r die Regierung aus zwei Gr&uuml;nden h&ouml;chste Priorit&auml;t: Erstens um den Haushalt rasch zu entlasten, zweitens um zumindest den rollenden Teil des Unternehmens (die TrainOSE) zu privatisieren. Letzteres ist bei den aktuellen Personalkosten undenkbar, wie die Griechen aus der Absage der Chinesen gelernt haben, denen sie die TrainOSE aufschwatzen wollten. Deshalb sieht die Sanierung, die von der Troika ultimativ gefordert wird, eine Reduzierung des Personals von 6000 auf 3700 Besch&auml;ftigte vor. <\/p><p>Aber wohin mit den Leuten, die teils unk&uuml;ndbar sind, teils teure Abfindungen beanspruchen k&ouml;nnten? Von den 2300 freigesetzten OSE-Mitarbeitern sollen fast alle an anderer Stelle im &ouml;ffentlichen Sektor untergebracht werden, etwa in Krankenhausverwaltungen, als Hausmeister in Schulen oder als Museumsw&auml;rter. Dass dabei das Kriterium der Eignung hinter dem staatlichen Bed&uuml;rfnis nach Entsorgung teuren Personals zur&uuml;cktritt, liegt auf der Hand. Zudem muss auf einem solchen personellen Verschiebebahnhof erneut der Klientelismus aufbl&uuml;hen. Eine Athener Zeitung bef&uuml;rchtet deshalb einen Schuss in den Ofen, wenn &bdquo;Abgeordnete und Minister eine neuerliche Chance f&uuml;r politische Gef&auml;lligkeiten zugunsten ihrer Cliquen und ihrer W&auml;hler sehen&ldquo;. Das ganze Verfahren l&auml;uft auf das genaue Gegenteil dessen hinaus, was Konstandaras gefordert hat: eine Evaluierung aller Staatsdiener und funktionaler Umbau des gesamten &ouml;ffentlichen Dienstes.<\/p><p><strong>Arbeitsrechtliche Notstandsgesetze<\/strong><br>\nDas griechische Parlament verabschiedete am 14. Dezember ein zweites Gesetz, und zwar &uuml;ber die &bdquo;Flexibilisierung&ldquo; im Privatsektor. Dieses sieht nicht nur den Abbau von Arbeitnehmerrechten und -anspr&uuml;chen vor  (v.a. bei Abfindungen im Fall von Entlassungen), sondern unterminiert auch das System der Tarifvertr&auml;ge: Private Unternehmen k&ouml;nnen das vereinbarte Lohnniveau unterschreiten, wenn es um das &bdquo;&Uuml;berleben&ldquo; der Firma geht, wobei unklar ist, ob sie der Arbeitnehmerseite die Bilanz vorlegen m&uuml;ssen. Als Untergrenze f&uuml;r solche &bdquo;Notstandsl&ouml;hne&ldquo; gilt der gesetzliche Mindestlohn von 740 Euro, der bis zu 25 Prozent unter den niedrigsten Tarifl&ouml;hnen der einzelnen Branchen liegt. Damit werden die Unternehmen im privaten Sektor, in dem seit Beginn der Krise bereits eine faktische Lohnminderung stattgefunden hat (v.a. durch Drohung mit Entlassungen), zu weiteren K&uuml;rzungen ermutigt. Selbst die konservative ND hat dieses Gesetz als  R&uuml;ckkehr ins &bdquo;arbeitsrechtliche Mittelalter&ldquo; qualifiziert.<\/p><p>Der &bdquo;Doppelschlag&ldquo; gegen die Besch&auml;ftigten bei den DEKOs wie im privaten Sektor hat nicht nur die gr&ouml;&szlig;ten Demonstrationen der Gewerkschaften seit Mai 2010 ausgel&ouml;st, sondern auch die Spannungen innerhalb der Pasok derart versch&auml;rft, dass die politische Belastungsf&auml;higkeit der Regierung an ihre Grenzen kommen k&ouml;nnte. Viele Abgeordnete sehen die Glaubw&uuml;rdigkeit der Pasok besch&auml;digt, weil die Regierung bei ihren Sparma&szlig;nahmen bis Sommer 2010 gr&ouml;&szlig;ten Wert darauf gelegt, die zwei Millionen Besch&auml;ftigten im privaten Sektor vor gr&ouml;&szlig;eren Einkommenseinbu&szlig;en zu sch&uuml;tzen, weil sie gegen&uuml;ber dem &ouml;ffentlichen ohnehin im Nachteil sind. Und zwar nicht nur wegen des niedrigeren Lohnniveaus, sondern auch weil sie, im Gegensatz zu Unternehmern und Freiberuflern, regelm&auml;&szlig;ig und in vollem Umfang ihre Steuern und Sozialabgaben abf&uuml;hren (m&uuml;ssen). Das Schutzversprechen f&uuml;r diese tats&auml;chlich unterprivilegierte Gruppe hat die Regierung nun unter dem Druck der Troika gebrochen. <\/p><p>Beim Generalstreik vom 15. Dezember, mit dem die Gewerkschaften auf den Doppelschlag vom 14. Dezember reagierten, zeichnete sich erstmals eine &bdquo;Einheitsfront&ldquo; ab, die bis dahin auch bei den &bdquo;machtvollsten&ldquo; Demonstrationen nie zustande gekommen war (dazu unten mehr). An dem Ausstand beteiligten sich deutlich mehr Besch&auml;ftigte der privaten Unternehmen als bei fr&uuml;heren Generalstreiks, die fast ausschlie&szlig;lich vom &ouml;ffentlichen Dienst getragen wurden. Dieser Aspekt ist f&uuml;r die Pasok-Regierung weitaus bedrohlicher als die fast schon rituellen gewaltsamen Aktionen, die den internationalen Medien immer die spektakul&auml;rsten Bilder liefern  &ndash; und damit das Material f&uuml;r eine verzerrte Darstellung der griechischen Realit&auml;t. <\/p><p>Um diese Bilder angemessen einzuordnen, seien hier einige Hinweise gegeben. Erstens geh&ouml;ren die meist jugendlichen Vermummten, die Mollis werfen, Schaufensterscheiben zerschlagen und Autos anz&uuml;nden, nicht zum Kern der Streikbewegung, sondern sind Teil einer &bdquo;Anarcho-Szene&ldquo; die in Griechenland seit langem existiert. Zweitens sind die Streiks und Demos der Gewerkschaften nicht der einzige Anlass, den diese Gruppen f&uuml;r ihre Aktionen nutzen; seit Jahren kommt es bei Staatsbesuche missliebiger Politiker oder bei den allj&auml;hrlichen Demonstrationen am 17. November (zum Gedenken an den Athener Studentenaufstand von 1973 gegen das damalige Obristenregime) in der Innenstadt zu ganz &auml;hnlichen Szenen. Drittens ist die Einsatztaktik der Polizei nicht immer &bdquo;durchsichtig&ldquo;, um es vorsichtig auszudr&uuml;cken. Nach Berichten lokaler Journalisten konnten die vermummten Demonstranten am 15. Dezember am zentralen Syntagma-Platz 20 Minuten lang unbehelligt mehr Brands&auml;tze schleudern als je zuvor, w&auml;hrend eine Stra&szlig;e weiter die Athener ihre Weihnachtseink&auml;ufe machten. <\/p><p>Zu dem letzten Aspekt noch ein kleiner Exkurs als Fu&szlig;note zu den Bildern in der internationalen Presse: In der FAZ vom 16. Dezember war im Wirtschaftsteil (S.12) ein Foto abgedruckt, auf dem im Hintergrund eine Polizei-Phalanx und im Vordergrund ein brennender Stadtjeep (Typ Dodge Nitro) zu sehen ist. Das ganze unter der Titelzeile: &bdquo;Brands&auml;tze gegen das griechische Sparprogramm&ldquo;. Die Pointe, die in dieser Zeile liegt, erschlie&szlig;t sich erst bei genauer Betrachtung: Der Dodge Nitro steht am linken (!) Stra&szlig;enrand der Odos Omirou, einer Einbahnstra&szlig;e, in der ein SUV-Besitzer sein Fahrzeug selbst an normalen Tagen niemals abstellen w&uuml;rde. Wenn die Polizei am Tag des Generalstreiks ein solches Teil nicht abgeschleppt hat, gibt es nur eine plausible Erkl&auml;rung: Beihilfe zum Versicherungsbetrug. In der Tat sind seit dem Sommer bei Demos im Athener Zentrum auff&auml;llig viele teure Autos verbrannt; im selben Zeitraum haben viele Besitzer ihre spritschluckenden SUVs abgemeldet, weil ihnen die Benzinkosten &uuml;ber den Kopf gewachsen sind. Eine elegante Alternative ist die Abmeldung durch Flambieren, weil man mittels Vollkasko-Versicherung immerhin noch den Zeitwert des Fahrzeugs kassieren kann. (Das Bild ist <a href=\"http:\/\/www.nachrichten.at\/nachrichten\/politik\/aussenpolitik\/art391,521815\">hier zu finden<\/a>)<\/p><p><strong>Unruhe in der Pasok-Fraktion<\/strong><br>\nUm die Lage der Pasok zu ermessen, muss man sich noch einmal die Etappen vergegenw&auml;rtigen, in denen die Regierung Papandreou ihren Austerit&auml;ts-Kurs (vom griechischen avstir&oacute;s: streng oder strikt) seit Fr&uuml;hjahr 2010 umgesetzt hat:<\/p><ul>\n<li>drastische K&uuml;rzungen der Einkommen im &ouml;ffentlichen Dienst und der Rentenbez&uuml;ge um 15-20 Prozent;<\/li>\n<li>Erh&ouml;hung der direkten und indirekten Steuern auf breiter Front, Verteuerung &ouml;ffentlicher Dienstleistungen.<\/li>\n<\/ul><p>Hinzu kommen jetzt ab Anfang 2011:<\/p><ul>\n<li>Einkommensk&uuml;rzungen im Bereich der DEKOs;<\/li>\n<li>Fahrpreiserh&ouml;hungen von 30 bis 50 Prozent im &ouml;ffentlichen Nahverkehr;<\/li>\n<li>weitere Minderung der L&ouml;hne und Geh&auml;lter im privaten Sektor.<\/li>\n<\/ul><p>Addiert man die Einkommensminderungen und die Preissteigerungen &ndash; ausgedr&uuml;ckt in der Inflationsrate von 4,6 Prozent f&uuml;r 2010 -, ergibt sich f&uuml;r den Gro&szlig;teil der Bev&ouml;lkerung eine Senkung des Lebensstandards um 15 bis 25 Prozent. Und das bei steigender Arbeitslosigkeit, die bereits im September eine Rate von 12,6 Prozent erreicht hat; in der Altersgruppe bis 25 Jahren ist bereits jeder vierte arbeitslos. F&uuml;r diesen Zustand m&uuml;sste man fast ein neues Wort wie etwa Rezessflation (Rezession + Inflation) erfinden. Nimmt man hinzu, dass der Beginn eines Wirtschaftsaufschwungs noch nicht einmal am Horizont zu sehen ist, k&ouml;nnte das Bild d&uuml;sterer nicht sein. <\/p><p>Diese Stimmung spiegelt sich in der Verfassung der Pasok-Fraktion. Die Partei hat in den Wahlen vom Oktober 2009 im nationalen Parlament (vouli genannt) eine komfortable Mehrheit von 160 der 300 Abgeordnetensitzen errungen. 14 Monate sp&auml;ter hat sie nur noch 156 Mandate. Vier Abgeordnete wurden aus der Pasok-Fraktion ausgeschlossen; drei bereits im Mai, nachdem sie gegen die ersten Austerit&auml;tsgesetze gestimmt hatten, der vierte am 14. Dezember, nachdem er das Gesetz &uuml;ber die &Auml;nderungen im privaten Sektor abgelehnt hatte. Mit einem weiteren Abbl&auml;ttern der parlamentarischen Mehrheit ist zwar nicht zu rechnen, aber in der Fraktion kommt der Unmut &uuml;ber die Regierungspolitik inzwischen offen zum Ausdruck. Denn es sind die Abgeordneten, die in ihren Wahlkreisen die Politik der Regierung verteidigen m&uuml;ssen. Sie kritisieren besonders, dass sie keine Antwort auf die Frage geben k&ouml;nnen, wie der Ausweg aus der Krise aussehen soll und wann er kommt. Besonders bitter beklagen sich die Parlamentarier &uuml;ber Finanzminister Papakonstantinou, da dieser sie &uuml;ber die wichtigsten Entscheidungen nicht einmal rechtzeitig informiere. Sie seien nur noch dazu da, die Beschl&uuml;sse abzunicken, die Papakonstantinou gegen&uuml;ber der Troika abnicken musste. <\/p><p>Die Wut auf  Papakonstantinou f&uuml;hrte letzte Woche zu einer ersten kleinen Rebellion. Im Finanzausschuss des Parlaments musste der Finanzminister eine Gesetzesbestimmung zur&uuml;ckziehen, mit der ca. 24 Mrd. Euro &ndash; von insgesamt 32,5 Mrd. &ndash; der ausstehenden Steuerschulden abgeschrieben werden sollen, weil sie nicht mehr einzutreiben seien. Mehrere Pasok-Abgeordnete verweigerten ihre Zustimmung und beklagten sich so heftig, dass Regierungschef Papandreou zwei Tage sp&auml;ter vor der Fraktion erkl&auml;ren musste, man werde die Namen aller Steuerschuldner ver&ouml;ffentlichen und ein Sonderausschuss werde nochmals &uuml;berpr&uuml;fen, ob die geschuldeten Summen nicht wenigstens teilweise einzutreiben sind.<\/p><p>(An dieser Stelle ist eine Korrektur an meinem Beitrag vom 16. Dezember f&auml;llig. Dort habe ich das Abgeltungsgesetz vom September beschrieben, das einem Erlass von Steuerschulden gleichkommt. Eine griechische Kollegin hat mich belehrt, dass dieses Gesetz sich nicht &ndash; wie irrt&uuml;mlich dargestellt &ndash; auf bereits festgesetzte Steuerschulden bezieht, sondern auf die zahllosen F&auml;lle, in denen Kleinunternehmen und Freiberufler von den Finanz&auml;mtern noch gar nicht veranlagt wurden. Die potentiellen Einnahmen aus diesen oft bis 2000 zur&uuml;ck reichenden F&auml;llen werden auf 30 Mrd. Euro gesch&auml;tzt, sodass die von mir errechnete &bdquo;Verlustquote&ldquo; von 95 Prozent f&uuml;r den Fiskus noch h&ouml;her liegt. Die Kritik an dieser Art &bdquo;Steueramnestie&ldquo; bleibt also richtig und gilt verst&auml;rkt, wenn auch noch die festgestellten, aber nicht eingetriebenen Steuerschulden (weitere 24 Mrd. Euro) abgeschrieben werden sollten.)<\/p><p>Die Kritik aus der Pasok an der eigenen Regierung zeugt von dem verzweifelten Bem&uuml;hen, die Gerechtigkeitsl&uuml;cke des Sparprogramms nicht noch gr&ouml;&szlig;er werden zu lassen. Das ber&uuml;hrt auch die Frage nach ihrem Verh&auml;ltnis der Partei zu den Gewerkschaften. Diese Frage ist komplizierter als es auf den ersten Blick aussieht. Denn f&uuml;r die meisten Griechen sind die Gewerkschaften keinesfalls die gesellschaftliche Kraft, die auf eine &bdquo;gerechte&ldquo; Verteilung der Krisenlasten dr&auml;ngt. Gewiss artikuliert sich in Generalstreiks auch die Emp&ouml;rung derjenigen, die nicht f&uuml;r die S&uuml;nden &bdquo;der anderen&ldquo; b&uuml;&szlig;en wollen. Aber wenn zum Beispiel die Besch&auml;ftigten der Athener Verkehrsbetriebe vor Weihnachten acht Tage lang streiken, k&auml;mpfen sie f&uuml;r die Erhaltung von Bez&uuml;gen, die fast alle Athener als Privilegien ansehen (oder auch, wie die ber&uuml;hmte Zulage f&uuml;r &bdquo;p&uuml;nktliches Erscheinen am Arbeitsplatz&ldquo; als Verh&ouml;hnung der Kunden eines Unternehmens, zu dessen Dienstleistung auch die P&uuml;nktlichkeit geh&ouml;rt.) <\/p><p>In den meisten europ&auml;ischen Staaten herrscht die &bdquo;&ouml;ffentlichen Meinung&ldquo;, dass gewerkschaftliche K&auml;mpfe und Forderungen in der Regel auf mehr soziale Gerechtigkeit zielen. In Griechenland ist diese Annahme nicht weit verbreitet. Das hat auch damit zu tun, dass die Syndikate (wie sie auf griechisch hei&szlig;en) als Teil des &bdquo;politischen Systems&ldquo; gelten, die f&uuml;r Korruption und Klientelismus genauso anf&auml;llig sind wie etwa die politischen Parteien. Um es an einem Beispiel zu illustrieren: Im November streikte die Gewerkschaft der Seeleute, damit waren die  griechischen Inseln zehn Tage lang vom Rest des Landes abgeschnitten. Auf den Inseln gingen die Leute einhellig &ndash;  und quer durch die politischen Lager &ndash; davon aus, dass die Seeleute gemeinsame Sache mit den Reedereien machte. Die sparen n&auml;mlich in der Wintersaison viel Geld f&uuml;r Treibstoff, wenn ihre Schiffe dieselbe Insel nicht t&auml;glich mit 300, sondern nur alle drei Tage mit 900 Passagieren ansteuern. Entscheidend ist bei dieser Geschichte nicht, ob die Inselgriechen mit ihrer Vermutung Recht haben, sondern dass sie den Syndikaten einen solchen Deal zutrauen.<\/p><p><strong>Streiks und Gewerkschaften in Griechenland: einige Besonderheiten<\/strong><\/p><ol>\n<li><strong>Opportunistische Terminologie:<\/strong><br>\nZun&auml;chst muss man wissen, dass in Griechenland nicht &uuml;berall, wo &bdquo;Gewerkschaft&ldquo; oder &bdquo;Streik&ldquo; draufsteht, auch Gewerkschaft oder Streik drin ist. Als &bdquo;Gewerkschaften&ldquo; posieren auch Gruppen von Kleinunternehmern, die eigentlich Berufs- oder Unternehmerverb&auml;nde sind. Das bekannteste Beispiel sind die Lastwagenbesitzer, die im Sommer einen l&auml;ngeren &bdquo;Streik&ldquo; organisierten, mit dem sie ihre erheblichen Privilegien verteidigen wollten (dazu unten mehr). Auch die Besitzer der Kioske (der periptero ist meist ein Familienbetrieb, der fast rund um die Uhr offen hat), sprechen von &bdquo;Streik&ldquo;, wenn sie einen Tag dicht machen, um gegen die Erh&ouml;hung der Tabaksteuer zu protestieren, die ihre Zigarettenums&auml;tze mindert. Dasselbe gilt f&uuml;r die Taxi-Unternehmer, die gegen die Einf&uuml;hrung von Quittungen &bdquo;streiken&ldquo;, weil sie die steuerliche Erfassung ihrer Ums&auml;tze verhindern wollen. Die Taxibesitzer sind &uuml;berhaupt die Gro&szlig;meister der opportunistischer Terminologie: Wenn sie ihren Kunden vor Ostern und Weihnachten zwei Wochen lang f&uuml;r jede Fahrt einen Aufpreis von 1 Euro abverlangen, sprechen sie dreist von einem &bdquo;Oster-&bdquo; bzw. &bdquo;Weihnachtsgeschenk&ldquo; (dieses Jahr haben sie auf dieses doro krisenhalber erstmals verzichtet).<\/li>\n<li><strong>Parteif&auml;rbung der Gewerkschaften:<\/strong><br>\nDer Einfluss der politischen Parteien auf die Gewerkschaften macht sich &uuml;ber die Delegiertenversammlungen der beiden gro&szlig;en Gewerkschaftsverb&auml;nde GSSE und ADEDY, aber auch in den Einzelgewerkschaften geltend. Die Vorst&auml;nde werden von den Delegierten anhand von Parteilisten (also von Pasok, ND, KKE und der Linkspartei Synaspismos) gew&auml;hlt und die Parteien br&uuml;sten sich ganz offen, dieses oder jenes Syndikat zu beherrschen oder &bdquo;erobert&ldquo; zu haben. (Eine &auml;hnliche &bdquo;Parteipolitisierung&ldquo; herrscht auch bei den Vorstandswahlen der Berufskammern von Rechtsanw&auml;lten, &Auml;rzten, Notaren usw.). In der Vergangenheit war die Partein&auml;he f&uuml;r die Gewerkschafter des jeweiligen Regierungslagers eher ein Vorteil als ein Handicap, weil sie sich ihren Mitgliedern als &bdquo;Transmissionsriemen&ldquo; f&uuml;r die Durchsetzung gewerkschaftlicher Forderungen darstellen konnten. In der Tat sind viele Errungenschaften speziell im &ouml;ffentlichen Sektor &ndash; und damit auch das Lohngef&auml;lle gegen&uuml;ber dem privaten Sektor &ndash; durch den Einfluss der Pasok-Gewerkschaftsf&uuml;hrer auf &bdquo;ihre&ldquo; Regierung zu erkl&auml;ren. Seit der Krise gilt nat&uuml;rlich das Gegenteil: Die Gewerkschafter k&ouml;nnen nicht mehr &bdquo;liefern&ldquo; und sehen sich stattdessen von der Regierung aufgefordert, ihren Kollegen die Logik und Notwendigkeit des Sparprogramms zu vermitteln; deshalb sitzen sie jetzt in der Klemme und k&ouml;nnen nur noch in beide Richtungen &ndash;  der Regierung und ihrer Mitglieder &ndash; versprechen, &bdquo;das Schlimmste zu verhindern&ldquo;.<br>\nDieses Dilemma haben die kommunistischen Gewerkschafter nicht. Als stramme Kaderpartei f&auml;hrt die KKE eine Doppelstrategie. Zum einen agiert sie innerhalb der &bdquo;Einheitsgewerkschaften&ldquo;, zum anderen mittels der eigenen &bdquo;Richtungsgewerkschaft&ldquo; namens PAME (Vereinigte k&auml;mpferische Arbeiterfront). Mit jedem ihrer Aufrufe und Aktionen gibt die PAME zu erkennen, dass sie sich &ndash; wie die KKE &ndash; als revolution&auml;re Avantgarde und Schulmeisterin der Gewerkschaften versteht (als Beispiel der j&uuml;ngste Appell vom 17. Dezember: &ldquo;Die PAME ruft die Gewerkschaften auf, ab sofort &uuml;ber die weitere Eskalation der Streiks zu diskutieren und die Arbeiter entsprechend vorzubereiten und zu organisieren&hellip;&ldquo;). Das demonstriert sie auch in ihren Aktionen, die sie im Auftrag der KKE-F&uuml;hrung und ohne Absprache mit den Gewerkschaftsverb&auml;nden unternimmt. Selbst bei den sieben Generalstreiks dieses Jahres organisierte die PAME stets eine eigene Kundgebung und einen separaten Demonstrationszug, der sich erst am Ende mit den Massen der anderen Gewerkschaften vereint.<\/li>\n<li><strong>Kluft zwischen &ouml;ffentlichem Dienst und privatem Sektor:<\/strong><br>\nNoch wichtiger als die parteipolitische &Uuml;berformung ist der latente Gegensatz zwischen den beiden Gewerkschaftsverb&auml;nden GSEE (Allgemeine Konf&ouml;deration der griechischen Arbeiter) und ADEDY (Dachverband der Gewerkschaften der griechischen &ouml;ffentlichen Bediensteten). Der ADEDY organisiert die Besch&auml;ftigten des &ouml;ffentlichen Dienstes, der GSEE die des privaten Sektors (aber auch die Belegschaften der &ouml;ffentlichen und halb &ouml;ffentlichen Unternehmen). &Uuml;ber beiden Verb&auml;nden gibt es kein Dach wie es in Deutschland der DGB darstellt; gemeinsam organisiert und finanziert ist nur das gewerkschaftliche Institut f&uuml;r Arbeitsforschung (INE).<br>\nZwar wurden die meisten Generalstreiks dieses Jahres gemeinsam von GSEE und ADEDY ausgerufen, aber so lange die Haushaltsk&uuml;rzungen der Regierung vor allem auf Kosten des &ouml;ffentlichen Dienstes gingen, brachte der ADEDY viel mehr Mitglieder auf die Stra&szlig;e als der GSEE. Und w&auml;hrend der &ouml;ffentliche Dienst fast geschlossen die Arbeit einstellte, wurde in &bdquo;der Wirtschaft&ldquo; trotz Generalstreik weiter gearbeitet. Das lag zum einen daran, dass die Besch&auml;ftigten im Privatsektor wenig Lust hatten, die Privilegien der Staatsbediensteten zu verteidige. Und zum anderen am unterschiedlichen Organisationsgrad, der im privaten Sektor bei 18 Prozent liegt, w&auml;hrend im ADEDY etwa 60 Prozent der &ouml;ffentlichen Bediensteten organisiert sind (Stand von 2007).<\/li>\n<li><strong>Aufsplitterung der Syndikate und Branchenegoismen: <\/strong><br>\nBeide Gewerkschaftsverb&auml;nde bestehen aus einer Vielzahl von Einzelgewerkschaften, die eine starke Zersplitterung in einzelne Berufsgruppen abbilden, aber auch verst&auml;rken. Die Untergliederungen des ADEDY entsprechen bezeichnenderweise den Ressorts der nationalen Regierung, w&auml;hrend sich der GSEE aus fast 70 Branchensyndikaten zusammensetzt, die auch winzige Berufssplittergruppen repr&auml;sentieren (z.B. Steinbrucharbeiter, &bdquo;Besch&auml;ftigte in privaten Casinos&ldquo; oder &bdquo;Angestellte der nationalen Sportzentren&ldquo;). Bis vor kurzem waren sogar die Bankangestellten auf mehrere Syndikate aufgeteilt. Diese Strukturen kultivieren einen Berufsgruppen-Egoismus, der die Gewerkschaften h&auml;ufig zum Hemmschuh &uuml;berf&auml;lliger Reformen gemacht hat, zum Beispiel im Bereich der Sozialkassen. So scheiterte vor acht Jahren die Regierung Simitis mit einem ersten Anlauf zur Reform des Sozialversicherungssystems vor allem daran, dass jede der ca. 150 Berufskassen Angst hatte, bei einer &bdquo;Kollektivierung&ldquo; ihrer separaten Kranken- und Rentenkassen f&uuml;r andere Berufsgruppen draufzahlen zu m&uuml;ssen. Die engstirnige Interessenwahrnehmung zeigt sich auch in Forderungen, die f&uuml;r die meisten Gewerkschaften im EU-Bereich undenkbar w&auml;ren. So haben einige Branchensyndikate erk&auml;mpft, dass Familienangeh&ouml;rige bei der Rekrutierung von Arbeitskr&auml;ften bevorzugt werden (z.B. in Bereichen des &ouml;ffentlichen Dienstes und bei den Banken). Vor einigen Jahren haben etwa die Piloten der damals noch staatlichen Olympic Airways f&uuml;r das Ziel gestreikt, dass 10 Prozent der Ausbildungspl&auml;tze f&uuml;r Nachwuchspiloten an ihre eigenen Spr&ouml;sslinge vergeben werden.\n<\/li>\n<\/ol><p>Angesichts der parteipolitischen Aufspaltung und der Zerkl&uuml;ftung in fast schon zunftartige Berufssyndikate kann in Griechenland von einer kompakten und strategisch handlungsf&auml;higen &bdquo;Gewerkschaftsbewegung&ldquo; kaum die Rede sein. Und schon gar nicht von einer Verst&auml;ndigung &uuml;ber die gewerkschaftlichen Ziele und Priorit&auml;ten in Zeiten des drohenden Staatsbankrotts. Auch Gewerkschaften haben ein Problem der &bdquo;gesellschaftlichen Akzeptanz&ldquo;. Sie repr&auml;sentieren per definitionem ein Gruppeninteresse, aber ihre Forderungen und Aktionsformen werden umso erfolgreicher sein, je st&auml;rker sie eine politisierte &bdquo;&ouml;ffentliche Meinung&ldquo; mitnehmen k&ouml;nnen. Wenn eine Gewerkschaft die Meinungen und Stimmungen derer au&szlig;er Acht l&auml;sst, deren Interessen durch Streiks beeintr&auml;chtigt werden, obwohl sie mit den Streikenden und den Streikzielen sympathisieren, hat sie in jedem Fall ein Glaubw&uuml;rdigkeitsproblem. Wenn sie zu &bdquo;eigens&uuml;chtig&ldquo; agiert, werden ihre Aktionen von gro&szlig;en gesellschaftlichen Mehrheiten als unsolidarisch wahrgenommen. <\/p><p><strong>Streiken f&uuml;r unsoziale Privilegien<\/strong><br>\nIn Griechenland hat es im Lauf des Jahres mehrere Streikaktionen gegeben, die den Gruppenegoismus derart auf die Spitze trieben, dass sie von einer breiten (und keineswegs manipulierten) &ouml;ffentlichen Meinung als &bdquo;asozial&ldquo; verurteilt wurden. Dazu einige Beispiele.<\/p><ul>\n<li>Im Februar begannen die Zollangestellten einen separaten Streik gegen die Einkommensk&uuml;rzungen, von denen sie wie alle &ouml;ffentlichen Bediensteten betroffen waren. Mit ihrer Weigerung, den Verkehr an den Grenzen abzufertigen, wollten sie erzwingen, dass sie von den Sparma&szlig;nahmen ausgenommen werden. Diese Forderung begr&uuml;ndete die Sprecherin der Z&ouml;llnergewerkschaft mit dem Argument: Wir sind es schlie&szlig;lich, die dem Staat die Zolleinnahmen verschaffen. Die Z&ouml;llner drohten also, das Staatsdefizit noch zu vergr&ouml;&szlig;ern, das die Sparma&szlig;nahmen n&ouml;tig gemacht hatte. Ihre nachgerade separatistische Taktik verstie&szlig; eindeutig gegen die innergewerkschaftliche Solidarit&auml;t, wurde aber bezeichnenderweise von den anderen ADEDY-Gewerkschaften nicht ger&uuml;gt.<\/li>\n<li>Im Fr&uuml;hjahr und Sommer betrieb die PAME &uuml;ber mehrere Wochen einen separaten Partisanenstreik im Hafen von Pir&auml;us. Tagelang blockierten weniger als hundert Seeleute-Gewerkschafter, verst&auml;rkt durch Mitglieder des KKE-Studentenverbands, den Zugang zu Linienschiffen, die Pir&auml;us mit den &auml;g&auml;ischen Inseln verbinden. Der Protest galt dem Plan der Regierung, in Pir&auml;us auch Kreuzfahrtschiffe aus Nicht-EU-L&auml;ndern anlegen zu lassen. Was das mit den Linienschiffen zu tun hat, konnte die PAME den betroffenen Passagieren<\/li>\n<li>Touristen wie Inselgriechen &ndash; ebenso wenig erkl&auml;ren wie der emp&ouml;rten &Ouml;ffentlichkeit.<\/li>\n<li>Im August versuchte die LKW-Lobby unter F&uuml;hrung der Tanklaster-Besitzer, mit einem &bdquo;Streik&ldquo; die Benzinversorgung des Landes lahmzulegen. Die Aktion begann gezielt an dem Wochenende, an dem halb Griechenland in Urlaub f&auml;hrt. In Athen gab es endlose Schlangen vor den Tankstellen, und die internationalen Medien brachten Berichte &uuml;ber motorisierte Touristen, die kein Benzin mehr auftreiben konnten. Der volkswirtschaftliche Schaden (Tourismus, Exporte) ging in die Milliarden. Und die Streikziele? Die LKW-Besitzer wollten den Plan der Regierung torpedieren, den &bdquo;closed shop&ldquo; ihrer Berufssparte aufzubrechen. Der Hintergrund: &Uuml;ber 30 Jahre lang hatte der Staat auf Druck der LKW-Besitzer keine neuen Lizenzen f&uuml;r das Speditionsgewerbe vergeben, mit der Folge, dass die Lizenzen nur noch innerhalb der Familie vererbt oder gegen hohe Abl&ouml;sesummen verkauft wurden. Der geschlossene Markt lie&szlig; den Preis f&uuml;r eine LKW-Lizenz auf eine sechsstellige Euro-Summe steigen, eine Benzintransport-Lizenz kostet bis zu 250 000 Euro. Die Erl&ouml;se aus den Lizenzverk&auml;ufen wurden damit zu einer Art Ruhestandsgeld, das in der Branche als etablierter Anspruch galt. Wobei die meisten LKW-Besitzer nicht nur eine einzelne Lizenz verkaufen k&ouml;nnen (der Anf&uuml;hrer des &bdquo;Streiks&ldquo; vom August war Besitzer eines Familienunternehmens mit acht LKW-Lizenzen).<\/li>\n<\/ul><p>In allen genannten F&auml;llen ist es der Regierung gelungen, die Streikenden zum Aufgeben zu bewegen. Im Fall der Zollbediensteten durch disziplinarische Ma&szlig;nahmen, im Fall des Hafenstreiks durch den Einsatz der Polizei, im Fall der Spediteure durch Androhung einer &bdquo;Zwangsverpflichtung&ldquo; (die mit einem nationalen &bdquo;Notstand&ldquo; begr&uuml;ndet werden kann) und den Einsatz von Armeefahrzeugen, die das Benzin an die Tankstellen transportierten. In allen F&auml;llen hatte die Regierung die &ouml;ffentliche Meinung eindeutig auf ihrer Seite. Beim Hafenstreik der PAME und  in der Krise der Benzinversorgung kritisierten viele sogar, dass sie  zu sp&auml;t durchgegriffen habe. <\/p><p>Dabei wird das Streikrecht in der Bev&ouml;lkerung keineswegs in Frage gestellt. Aber es herrscht das verbreitete Gef&uuml;hl, dass Gruppen- oder Partisanenstreiks nicht nur keine Erfolgschancen haben, sondern illegitim sind, wenn einzelne Berufsgruppen die eigenen Interessen &uuml;ber die der Gesellschaft zu stellen. Diese Einsch&auml;tzung beruht auf der wachsenden Einsicht, dass die Griechen alle gemeinsam in derselben &bdquo;Schei&szlig;e&ldquo; sitzen, und auf dem Gef&uuml;hl, dass die Syndikate mit der gr&ouml;&szlig;ten Streikschlagkraft nicht unbedingt die legitimsten Ziele verfolgen. Das erkl&auml;rt die Ambivalenz, die sich immer wieder in Umfragen zeigt: regelm&auml;&szlig;ig qualifizieren zwischen 70 und 80 Prozent der Befragten das Sparprogramm als &bdquo;ungerecht&ldquo; oder &bdquo;unfair&ldquo;, fast ebenso viele sprechen sich aber auch gegen Streiks aus. Und zwar nicht, weil sie das Streikrecht in Frage stellen (das tun nur ganz wenige), sondern weil sie nicht glauben, dass sich irgendwelche Streikziele gegen &bdquo;die Realit&auml;t&ldquo; durchsetzen lassen.<\/p><p><strong>Die soziale Explosion ist ausgeblieben<\/strong><br>\nMan kann diese Haltung als Resignation oder als Realismus beschreiben. Tatsache ist jedenfalls, dass die gro&szlig;e Mehrheit der griechischen Bev&ouml;lkerung auf die Krise bislang eher apathisch als rebellisch reagiert. Die von vielen erwarteten &ndash; und insbesondere im Ausland beschworenen &ndash; sozialen Unruhen oder gar Explosionen sind bislang ausgeblieben. Das kann sich zwar schnell &auml;ndern, wenn die H&auml;rten des Sparprogramms erst einmal voll durchschlagen. Und die Ergebnisse der Kommunalwahlen wie die Zweifel an der Regierungspolitik, die in der Pasok-Fraktion artikuliert werden, k&ouml;nnten durchaus Vorboten einer st&auml;rkeren Protestbewegung sein. Aber am Ende des Krisenjahres 2010 muss man sich fragen, warum die Reaktion der griechischen Gesellschaft bislang so verhalten geblieben ist.<\/p><p>Um eine schl&uuml;ssige Antwort zu geben, w&auml;re ein ganzes Forschungsprojekt n&ouml;tig. Hier sei nur auf einige Aspekte verwiesen, die es sich schon deshalb zu betrachten lohnt, weil sie aus dem &bdquo;linken Weltbild&ldquo; h&auml;ufig herausfallen.<\/p><p>Die schiere Wucht der Krise l&auml;hmt die Reaktionen und wirft die meisten Leute auf die eigenen Sorgen und N&ouml;te zur&uuml;ck: Jeder ist mit &Uuml;berlebensstrategien f&uuml;r die eigene engere Umgebung und insbesondere die Familie ausgelastet, und zwar praktisch wie psychologisch. Diese &bdquo;asoziale&ldquo; Fokussierung auf die Familie steht kollektiv artikulierter Solidarit&auml;t prinzipiell im Wege. Sie ist im &uuml;brigen nur die andere Seite jenes &bdquo;amoralischen Familialismus&ldquo;, den Sozio-Ethnologen als Hauptursache f&uuml;r die verbreitete Bereitschaft sehen, Korruputionspraktiken mitzumachen oder zu dulden, sobald sie sich mit dem &bdquo;Familieninteresse&ldquo; legitimieren lassen. <\/p><p>Eine Adressat f&uuml;r die Wut und Verbitterung &uuml;ber die Krise und ihre Folgen ist schwer zu identifizieren: Auch diejenigen, die &uuml;ber die aktuelle Regierung fluchen und sie durch Nichtw&auml;hlen bestrafen, wissen im Grunde, dass ein offensichtlich &bdquo;ungerechtes&ldquo; Sparprogramm nicht die Wunschpolitik der Pasok ist. Sie ist der Regierung durch eine Realit&auml;t aufgezwungen, als deren Interpret die Troika auftritt. Und gegen die kann man zwar demonstrieren, aber man kann sie nicht beeinflussen oder gar bestrafen. <\/p><p>Das Gef&uuml;hl, gegen die bittere Realit&auml;t nichts bewirken zu k&ouml;nnen, wird von vielen als realistische Ohnmacht empfunden. Auch diejenigen, die noch regelm&auml;&szlig;ig demonstrieren, glauben nicht, dass sie damit etwas gegen den drohenden Staatsbankrott ausrichten k&ouml;nnen, der ja keine Schim&auml;re oder ideologische Erfindung ist. Und die europaweite Krisenentwicklung macht es noch schwieriger, diese Realit&auml;t zu leugnen oder zu verdr&auml;ngen. Auch die Demonstranten wissen, dass die &bdquo;Schuldfrage&ldquo; und die &bdquo;Gerechtigkeitsfrage&ldquo;, die sie in ihren Protesten artikulieren, keine Antwort auf die Frage gibt, wie der Staatsbankrott ohne die Kredite von EU und IWF abzuwenden w&auml;re. Im Mai 2010 erkl&auml;rte Papandreou den &ouml;ffentlichen Bediensteten, die gegen die Streichung ihres 13. und 14. Monatsgehalt protestierten: Wenn wir das nicht tun, k&ouml;nnen wir euch das 8. Gehalt nicht mehr auszahlen, weil wir im August pleite sind. Das war keine Demagogie, wie die KKE bis heute behauptet, sondern die nackte Wahrheit unter dem Diktat der Finanzm&auml;rkte.<\/p><p>Die Ohnmacht ist durchdrungen von dem Gef&uuml;hl einer Mitschuld an der heutigen Kalamit&auml;t. Hinter dem Patriotismus &bdquo;der Griechen&ldquo;, die auf Kritik von au&szlig;en oft empfindlich bis emp&ouml;rt reagieren, verbirgt sich eine h&ouml;chst kritische Wahrnehmung der eigenen Realit&auml;t. Ein Leitartikel in To Vima vom 12. Dezember hat diesen selbstkritische Realismus pr&auml;zise beschrieben: &bdquo;Auf die tiefe &ouml;konomische Krise reagieren die B&uuml;rger, als h&auml;tten alle sie erwartet. Das erkl&auml;rt ihre Reaktion auf h&auml;rtesten Sparma&szlig;nahmen, die jemals in Griechenland durchgesetzt wurden&hellip; Offenbar akzeptieren die B&uuml;rger mit gro&szlig;er Geduld die &bdquo;harte Realit&auml;t&ldquo;, dass die heutige Generation f&uuml;r die Verschwendung der vorherigen Generation zahlen muss.&ldquo;<\/p><p><strong>Gibt es eine andere L&ouml;sung der Krise?<\/strong><br>\nDas bringt uns zum Schluss auf die Frage, wie man die griechische Krise &bdquo;von au&szlig;en&ldquo; bewerten und mit welchen Kr&auml;ften im Lande man &bdquo;sympathisieren&ldquo; soll. Mit anderen Worten: Wie l&auml;sst sich ein realistischer Blick auf den Zustand der griechischen Gesellschaft und Wirtschaft mit den Postulaten der &bdquo;internationalen Solidarit&auml;t&ldquo; vereinbaren? Es gibt linke Positionen, die sich diese Frage erst gar nicht vorlegen. In der Diskussion, die im Fr&uuml;hjahr 2010 im Rahmen der Attac gef&uuml;hrt wurde, waren Stimmen zu h&ouml;ren, die es verwerflich fanden, den Eigenanteil der griechischen Gesellschaft an ihrer Krise auch nur zu benennen. Solcher freiwilligen, moralisch begr&uuml;ndeten Realit&auml;tsblindheit ist mit Gramsci entgegen zu halten: Wenn man mit dem Kopf gegen die Wand der Realit&auml;t l&auml;uft, leidet nicht die Wand Schaden, sondern der Kopf.<\/p><p>Eine solche Position, die sich im Wesentlichen auf die Beschimpfung der Finanzm&auml;rkte beschr&auml;nkt, ist nicht nur intellektuell borniert, sondern auch unsolidarisch, weil sie das bittere Dilemma der griechischen Krisenopfer ignoriert. Und zwar auch das Dilemma der Gewerkschaften. Oder w&uuml;rde irgendjemand einer Gewerkschaftsf&uuml;hrung hierzulande empfehlen, einen Streik zu beginnen &ndash; und zu finanzieren &ndash; wenn von vornherein feststeht, dass nicht einmal ein fauler Kompromiss zu erreichen ist? <\/p><p>Ein militanter und kompromissloser Widerstand der Gewerkschaften gegen das Sparprogramm der Regierung Papandreou ist im Grunde nur mit einem Kalk&uuml;l zu begr&uuml;nden: Wenn man die Streiks &ndash; auch von einzelnen schlagkr&auml;ftigen Berufsgruppen &ndash; als Instrument sieht, um eine radikale andere Krisenl&ouml;sung als die des Memorandums zu erzwingen. <\/p><p><strong>Warum ein haircut f&uuml;r Griechenland katastrophal w&auml;re<\/strong><br>\nDie einzige alternative Krisenl&ouml;sung ist unter den gegebenen Bedingungen der Staatsbankrott und in seinem Gefolge die Abwertung der griechischen Staatsschulden nach argentinischem Vorbild. In diesem L&ouml;sungsmodell, das in der Wirtschaftspresse und in den Chefetagen der Hedgefunds l&auml;ngst durchgespielt wird, ist ein &bdquo;haircut&ldquo; vorgesehen, der die griechischen Bonds um mindestens 50 Prozent abwertet. Es ist interessant, dass eine solche radikale Umschuldung auch von linken &Ouml;konomen als Ausweg aus der griechischen Krise diskutiert wird. Diese sehen den Charme einer haircut-L&ouml;sung erkl&auml;rterma&szlig;en darin, dass damit endlich die Banken zur Kasse gebeten werden, nachdem sie zuvor mit dem Handel von &bdquo;Risikopapieren&ldquo; so kr&auml;ftig abgesahnt haben. <\/p><p>Die Bestrafung der &bdquo;Couponschneider&ldquo;, also der Banken und anderen Profiteure an den Bondsm&auml;rkten, ist freilich nur die eine Seite des Umschuldungsmodells. Die andere Seite ist die Wirkung f&uuml;r Griechenland. Um die k&uuml;mmern sich die linken haircut-Fans entweder gar nicht, oder sie betrachten sie sogar als Segen f&uuml;r die griechische Gesellschaft: Das Land aus den Klauen des IWF und der Euro-Partner zu befreien, erscheint als die gro&szlig;e Chance des Neubeginns. <\/p><p>Diese Annahme ist eine gro&szlig;e Illusion. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Darauf hat Lorenzo Bini Smaghi, eine ma&szlig;gebliche Stimme aus der EZB, in der Financial Times vom 17. Dezember hingewiesen: &ldquo;Viele Kommentatoren nehmen nicht wahr, dass bei einem Staatsbankrott die Hauptlast nicht etwa die ausl&auml;ndischen Gl&auml;ubiger zu tragen haben, sondern die  B&uuml;rger des betreffenden Landes und vor allem die, die am verwundbarsten sind. Sie bek&auml;men die Folgen vor allem als Entwertung ihrer Eink&uuml;nfte und Verm&ouml;genswerte zu sp&uuml;ren.&ldquo;<\/p><p>Die meisten &Ouml;konomen und anderen Experten, denen die griechische Realit&auml;t vertraut ist, sehen als Folgen von Staatsbankrott und Umschuldung einen Crash des griechischen Banksystems voraus. Die Gr&uuml;nde:<\/p><ul>\n<li>griechische Bonds im Wert von 60 Mrd. Euro liegen bei den einheimischen Banken (viel mehr als bei deutschen und fast so viel wie bei franz&ouml;sischen Banken), die durch einen haircut t&ouml;dlich getroffen w&auml;ren;<\/li>\n<li>die griechischen Banken h&auml;tten keinerlei Zugang mehr zu den internationalen Finanzm&auml;rkten.<\/li>\n<\/ul><p>Aber das w&auml;re nur der Anfang. Da alle Szenarien einer griechischen Umschuldung den Ausstieg aus dem Euro mitdenken (sei es als R&uuml;ckkehr zur Drachme, sei es als Teilhabe an einem Euro-S&uuml;d nach der fixen Idee von Hans Olaf Henkel), sind auch die Implikationen dieser zwingenden Entwicklung ins Auge zu fassen. Entgegen der Annahme, eine &bdquo;Abwertung&ldquo; der griechischen W&auml;hrung sei der K&ouml;nigsweg aus der Krise, w&auml;ren die Folgen h&ouml;chst negativ:<\/p><ul>\n<li>Die griechischen Staatsschulden w&auml;ren nach wie vor Verpflichtungen in Euro (ein Beispiel: ein haircut dieser Schulden um 50 Prozent w&auml;re bei einer Abwertung der griechischen W&auml;hrung um 50 Prozent v&ouml;llig neutralisiert);<\/li>\n<li>die Abwertung w&uuml;rde zur Flucht s&auml;mtlicher Einlagen aus dem griechischen Bankensystem f&uuml;hren;<\/li>\n<li>Investitionen aus dem Ausland, auf die Griechenland dringend angewiesen ist, w&uuml;rden durch eine weiche W&auml;hrung abgeschreckt;<\/li>\n<li>die griechischen Importe w&uuml;rden sich enorm verteuern (z.B. die unentbehrlichen Energieimporte) und die Zahlungsbilanz extrem belasten;<\/li>\n<li>die neue W&auml;hrung w&auml;re von Anfang an inflation&auml;r, vor allem zu Lasten der Masseneinkommen.<\/li>\n<\/ul><p>Das Hauptargument f&uuml;r eine Abwertung der W&auml;hrung ist stets die gesteigerte Exportf&auml;higkeit. Die aber w&uuml;rde im griechischen Fall kaum etwas n&uuml;tzen, weil das Land &ndash; im Gegensatz zum Fall Argentinien &ndash; kaum etwas exportiert (der Anteil der Exporte am BIP liegt derzeit bei 8,7 Prozent), was sich ohne ausl&auml;ndische Investitionen auch so schnell nicht &auml;ndern wird. Das einzige relevante &bdquo;Exportgut&ldquo; ist nat&uuml;rlich der Tourismus, aber die Verbilligung des Produkts &bdquo;Ferien in Griechenland&ldquo; h&auml;tte kurzfristig gegen etablierte M&auml;rkte wie Spanien und T&uuml;rkei nur begrenzte Chancen und w&uuml;rde mittelfristig durch inflation&auml;re Tendenzen wieder hinf&auml;llig. <\/p><p>Das entscheidende Argument gegen die Krisenl&ouml;sung nach der Formel &bdquo;haircut +Abwertung&ldquo; ist aber folgende &Uuml;berlegung: Einen auch nur bescheidenen Erfolg &ndash; im Sinne von Wirtschaftswachstum und Staatsentschuldung &ndash; bietet auch diese &bdquo;Alternative&ldquo; nur, wenn das Land mittelfristig die Probleme l&ouml;st, die heute die Regierung Papandreou unter der Knute der Troika und des Memorandums angehen muss. Auch dieses Konzept geht also niemals auf ohne:<\/p><ul>\n<li>eine radikale Verschlankung und qualitative Reform des &ouml;ffentlichen Dienstes;<\/li>\n<li>die kostenm&auml;&szlig;ige Rationalisierung der &ouml;ffentlichen Betriebe;<\/li>\n<li>die drastische Erh&ouml;hung der staatlichen Einnahmen;<\/li>\n<li>eine einschneidende Reform des Rentensystems (das im heutigen Zustand nicht lebensf&auml;hig ist, weil jeder Rentner im Durchschnitt nur 26 Jahre in das Versicherungssystem einzahlt, w&auml;hrend die Anspruchszeit immer l&auml;nger wird).<\/li>\n<\/ul><p>Dass eine griechische Regierung ein solches Programm stemmen k&ouml;nnte &ndash; und das unter Bedingungen einer Inflation und ohne Auslandsinvestitionen &ndash; ist mindestens so unwahrscheinlich wie die Realisierung des heutigen Sparprogramms in dem vorgesehenen Zeitraum, der wie gezeigt viel zu kurz ist. <\/p><p><strong>Prolongierung der Kredite als Ausweg aus der Krise<\/strong><br>\nEin realistischer Ausweg aus der Misere, in der sich Griechenland heute befindet, ist offensichtlich nur die Verl&auml;ngerung des Zeitraums, der Athen f&uuml;r die R&uuml;ckzahlung seiner Schulden einger&auml;umt wird. Nur so kann das Land eine tiefgehende Rezession vermeiden und seinen B&uuml;rgern wieder eine zaghafte Hoffnung f&uuml;r die Zukunft geben. Nur so kann es die Bedingungen &uuml;berwinden, die der Kommentator Antonis Karakousis in To Vima als Sackgasse beschreibt, weil die Regierung es nicht schafft, dem Land eine Perspektive aufzuzeigen, und deshalb Gefahr l&auml;uft, &bdquo;den Kampf vorzeitig zu verlieren.&ldquo;<\/p><p>Die einzige M&ouml;glichkeit, die griechischen Sparbem&uuml;hungen zum erfolgreichen Ende zu f&uuml;hren, sieht Karakousis in der Prolongierung der griechischen Kredite, also l&auml;ngeren Fristen f&uuml;r die R&uuml;ckzahlung (die auf keinen Fall mit einer Umschuldung im Sinne eines haircut zu verwechseln ist). Diese Prolongierung d&uuml;rfe sich nicht nur auf das 110 Mrd. Kreditprogramm der Europartner und der IWF beschr&auml;nken, sondern m&uuml;sse sich auf s&auml;mtliche griechischen Schulden beziehen, also auch auf die 100 Mrd. Euro, die bei der EZB aufgenommen wurden (die griechische Bonds weiterhin aufkauft, obwohl diese auf den M&auml;rkten keine Nachfrage mehr erzielen) und auf die zig Milliarden Euro f&uuml;r die Bonds, die bei europ&auml;ischen Banken liegen (mit denen die Bedingungen einer Prolongierung gesondert ausgehandelt werden m&uuml;ssten). <\/p><p>Als Voraussetzungen f&uuml;r einen solchen L&ouml;sungsweg sieht der Kommentator:<\/p><ul>\n<li>die Einsicht bei den Gl&auml;ubigern, dass es nicht anders geht;<\/li>\n<li>in Athen: politische Stabilit&auml;t und beharrliches Bem&uuml;hen der Regierung Papandreou;<\/li>\n<li>auf europ&auml;ischer Ebene: die &bdquo;geeigneten Partner&ldquo; f&uuml;r eine solche L&ouml;sung.<\/li>\n<\/ul><p>Welches die &bdquo;geeigneten Partner&ldquo; f&uuml;r diesen Ausweg aus der griechischen Sackgasse sind, l&auml;sst der Kommentator offen. Ob die Deutschen dazu geh&ouml;ren (wollen), muss hierzulande schon in allern&auml;chster Zeit entschieden werden. <\/p><p><strong>Nachtrag: Umschuldungs-Szenarien in der griechischen Presse <\/strong><\/p><p>Die Athener Zeitung Ta Nea berichtete am 24.12. &uuml;ber ein Konzept, das die Regierung in diskreten Beratungen mit dem Zentralbankvorsitzenden Giorgos Provopoulos und Vertretern der gro&szlig;en griechischen Banken entwickelt habe. Federf&uuml;hrend bei diesen Beratungen sei Lukas Papadimos gewesen, der &ouml;konomische Sonderberater von Papandreou, der als ehemaliger Vizepr&auml;sident der EZB vorz&uuml;gliche Kontakte zu Entscheidungstr&auml;gern in den Euro-L&auml;ndern hat. Nach diesem Konzept soll Griechenland nach 2013 einen Umschuldungsplan vorlegen, der ausdr&uuml;cklich einen Haircut, also eine Abwertung der Schuldensumme ausschlie&szlig;t. Nach Angaben der Zeitung werde dieser Plan bereits &bdquo;inoffiziell&ldquo; mit der EU-Kommission, der EZB und mit der Regierung in Berlin &bdquo;kommuniziert&ldquo; und sei &bdquo;prinzipiell positiv&ldquo; aufgenommen worden. Im dem Artikel hei&szlig;t es w&ouml;rtlich:<br>\n&bdquo;Der Plan lehnt jede Idee einer Umschuldung gleich welcher Art vor dem Auslaufen des Kreditprogramms von EU und IWF (also vor 2013) ab, wie sie von vielen EU-Vertretern vorgeschlagen wurde&hellip;. Nach diesem Plan&hellip; wird Griechenland nach dem Ende des Memorandums eine Umschuldung vornehmen, die zwei Hauptziele hat: <\/p><ul>\n<li>Zum einen die Verl&auml;ngerung der R&uuml;ckzahlungsfristen nicht nur f&uuml;r das Kreditprogramm von 110 Mrd. Euro vom IWF und den europ&auml;ischen Regierungen, sondern auch f&uuml;r die Kredite, die sie von anderen Gl&auml;ubigern aufgenommen hat.<\/li>\n<li>Zum anderen wird angestrebt, den Zinssatz f&uuml;r diese Kredite herabzusetzen, auf keinen Fall aber soll der Wert dieser Kredite reduziert, also ein haircut vorgenommen werden.<\/li>\n<\/ul><p>Die Realisierung dieses Plans der griechischen Regierung &ndash; der offenbar im Grundsatz gr&uuml;nes Licht aus Br&uuml;ssel bekommen hat &ndash; setzt voraus, dass bis dahin eine Verbesserung der Basisdaten der griechischen Volkswirtschaft eintritt. Das aber kann nach Ansicht der zust&auml;ndigen (einheimischen wie ausl&auml;ndischen) Stellen nur gelingen, wenn das Programm des Memorandums in der verbleibenden Zeit gewissenhaft und ohne Abstriche und Verz&ouml;gerungen umgesetzt wird.<\/p><p>Damit Griechenland in der Lage ist, &uuml;ber die Umstrukturierung seiner Schulden gem&auml;&szlig; der gew&uuml;nschten Bedingungen zu verhandeln, muss das Land &ndash; wie aus EU-Kreisen verlautet &ndash; seine &ouml;ffentlichen Finanzen in Ordnung gebracht haben, das hei&szlig;t: durch Erh&ouml;hung der Einnahmen und Begrenzung der Ausgaben das Defizit auf die angestrebte Zielmarke zur&uuml;ckgef&uuml;hrt haben. Was die Einnahmen betrifft, so wird bereits die technische Expertise des IWF bei der Umorganisierung der Finanz&auml;mter genutzt, wobei der Kampf gegen die Steuerhinterziehung als ein absolutes Muss angesehen wird. Was die Begrenzung der Ausgaben betrifft, so versteht man darunter das Einschrumpfen des &ouml;ffentlichen Dienstes und des staatlichen Sektors im weiteren Sinne, wobei gleichzeitig ein effektiverer Staat angestrebt werden muss, was wiederum &ndash; zusammen mit anderen Ma&szlig;nahmen &ndash;  ein Anreiz f&uuml;r Investitionen darstellt. Als vordringliches Thema wird auch die m&ouml;glichst schnelle Umsetzung der von der Regierung angek&uuml;ndigten Reformen gesehen. Entscheidend ist dabei f&uuml;r die EU-Vertreter die Frage der Arbeitsbeziehungen, weil sie davon ausgehen, dass auf diese Weise die Arbeitskosten gesenkt und die Konkurrenzf&auml;higkeit der griechischen Wirtschaft erh&ouml;ht werden kann.&ldquo;<\/p><p>Wie Ta Nea  weiter berichtet, herrscht in Athen zum Jahresende allerdings Nervosit&auml;t angesichts der M&ouml;glichkeit, dass die Rating-Agentur Fitch seine Bewertung der griechischen Bonds auf &bdquo;junk&ldquo; (Schrottpapiere) herabsetzen k&ouml;nnte, wie es die beiden anderen Rating-Agenturen bereits getan haben. In diesem Fall m&uuml;sse die EZB wom&ouml;glich ihre Politik &auml;ndern, weil sie die griechischen Staatspapiere nicht mehr als Garantie f&uuml;r (billige) Kredite an griechische Banken akzeptieren k&ouml;nne. Im besten Fall k&ouml;nnte die EZB bei der Bewertung dieser Sicherheit einen gr&ouml;&szlig;eren Abschlag vornehmen. Wobei die Zeitung darauf hinweist, dass die EZB  bei diesen griechischen Papieren derzeit bereits einen 15-prozentigen Abschlag gegen&uuml;ber ihrem Nennwert einkalkuliert.<br>\nF&uuml;r den Fall einer st&auml;rkeren &bdquo;Abwertung&ldquo; der von den Banken hinterlegten Bonds bef&uuml;rchte die Regierung &bdquo;dass dies in der jetzigen Phase bei den meisten griechischen Banken zu einem akuten Kapitalmangel f&uuml;hren w&uuml;rde,  w&auml;hrend zugleich bei den Reserven der Sozialversicherungskassen &ndash; die ebenfalls solche Bonds halten &ndash; gro&szlig;e L&ouml;cher entstehen w&uuml;rden. Damit sei mittelfristig die Auszahlung der Renten gef&auml;hrdet, wof&uuml;r dann die Regierung einspringen m&uuml;sse, was dann neue Probleme f&uuml;r die &ouml;ffentlichen Finanzen bedeuten w&uuml;rde.&ldquo; <\/p><p>Details &uuml;ber dieses &bdquo;Rettungsmodell&ldquo; einer Prolongierung hat der griechische Vertreter beim IWF, Panayotis Roumeliotis am 26. Dezember in einem Interview mit Kathimerini mitgeteilt. Demnach solle Griechenland eine &bdquo;Gnadenfrist&ldquo; (tilgungsfreie Zeit) von viereinhalb Jahren bekommen, danach werde sich die R&uuml;ckzahlungszeit von den urspr&uuml;nglich vorgesehenen zwei auf f&uuml;nfeinhalb Jahre verl&auml;ngern. Bei den Diskussionen im Gouverneursrat des IWF h&auml;tten sich auch die Vertreter der europ&auml;ischen L&auml;nder f&uuml;r die Prolongierung ausgesprochen. Der IWF warte jetzt auf die Zustimmung der Eurogruppe, dar&uuml;ber w&uuml;rde im Januar verhandelt. Roumeliotis w&ouml;rtlich: &bdquo;Die Notwendigkeit dieser Regelung wird von allen Beteiligten anerkannt, insbesondere nach der Bewilligung des Pakets f&uuml;r Irland.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diagnose zum Zustand des &bdquo;griechischen Patienten&ldquo; am Ende des Jahres 2010 soll mit diesem Teil abgeschlossen werden. In den fr&uuml;hen Morgenstunden des 23. 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