{"id":78809,"date":"2021-12-11T14:00:53","date_gmt":"2021-12-11T13:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78809"},"modified":"2021-12-11T14:33:29","modified_gmt":"2021-12-11T13:33:29","slug":"120-jahre-friedensnobelpreis-nicht-immer-feine-adressen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78809","title":{"rendered":"120 Jahre Friedensnobelpreis: Nicht immer feine Adressen"},"content":{"rendered":"<p>Seit 1901 wird allj&auml;hrlich am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Bernhard Nobel, der nach ihm benannte Friedenspreis vom norwegischen K&ouml;nig in Oslo &uuml;berreicht. Die Preistr&auml;ger erhalten eine Urkunde, eine Goldmedaille und einen Geldbetrag, der vom Jahreszinsertrag der Nobelstiftung abh&auml;ngt. Den diesj&auml;hrigen Friedensnobelpreistr&auml;gern, der Journalistin Maria Reesa aus den Philippinen und dem russischen Journalisten Dmitri Muratow, steht ein Preisgeld von umgerechnet etwa eine Million Euro zu. Eine Tour d&rsquo;Horizon von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Nobel-Stiftung widmet sich dem Engagement f&uuml;r Frieden und ehrt Personen und Organisationen, die der Menschheit den gr&ouml;&szlig;ten Nutzen gebracht haben&ldquo;,\n<\/p><\/blockquote><p>hei&szlig;t es im Testament des 1833 in Stockholm geborenen Alfred Bernhard Nobel. Welch eine Karriere &ndash; mit Kriegsmitteln Geld gescheffelt und satte Gewinne aus dem Verkauf hochexplosiven Sprengstoffs ausgerechnet f&uuml;r den Frieden aufgewendet zu haben! Dabei hatte sich Alfred Nobel als Jugendlicher vor allem anderen f&uuml;r englische Literatur und Poesie begeistert. Doch der Vater, ein Ingenieur, wollte nicht, dass der zartbesaitete Sohn sich den Musen widmete. Er dr&auml;ngte ihn stattdessen zu handfester Wissenschaftsdisziplin &ndash; zu Chemie und Physik.<\/p><p><strong>Dynamit statt Poesie<\/strong><\/p><p>Langsam entwickelte Alfred Nobel auch in diesen Disziplinen Talent. Mehr noch: Neugier, Beharrlichkeit und wissenschaftlicher Sp&uuml;rsinn kr&ouml;nten sein Experiment, Nitroglyzerin in einen festen, zu St&auml;ben formbaren Z&uuml;ndstoff zu verwandeln. Das so entwickelte Produkt lie&szlig; er 1867 unter dem Namen &bdquo;Dynamit&ldquo; patentieren. Damit gelang Alfred Nobel der gro&szlig;e Coup. Der Sprengstoff erm&ouml;glichte neue Wege beim Bau von Tunneln und Stra&szlig;en. Aber nicht nur die Bauwirtschaft profitiert von dieser Erfindung, sondern auch die Kriegsindustrie, die jetzt eine neue Waffe mit verheerender Durchschlagskraft besitzt.<\/p><p>Trotz aller Erfolge war Alfred Nobel in seinen letzten Lebensjahren ein recht einsamer Mann. Kurz vor seinem Tod im Dezember 1895 schrieb er sein Testament, das ihn noch ber&uuml;hmter machte als das Dynamit. Einen Gro&szlig;teil seines Verm&ouml;gens &uuml;berlie&szlig; er demnach einer nach ihm benannten Stiftung &ndash; ein buchst&auml;blich nobles Unterfangen.<\/p><p>Wird keine preisw&uuml;rdige Leistung gefunden, wie das angeblich w&auml;hrend des Ersten und Zweiten Weltkriegs h&auml;ufiger der Fall war, kann das Osloer Nobelkomitee die Preisvergabe aussetzen. Zahlreiche Preistr&auml;ger h&auml;tten durchaus dem Ideal ihres Stifters entsprochen, unter ihnen waren mutige und eindrucksvolle Pers&ouml;nlichkeiten wie Carl von Ossietzky, Martin Luther King und Nelson Mandela. Doch es gab auch Entscheidungen, die vermutlich nicht im Sinne Alfred Nobels waren. Nach welchen Kriterien letztlich der Preis vergeben wird, bleibt ein Geheimnis. Bei vielen Entscheidungen spielten auch Zeitgeist und knallharte politisch-taktische Kalk&uuml;le eine wichtige Rolle. So einfach ist es also nicht, in den Preistr&auml;gern stets das Friedfertige und Edle verk&ouml;rpert zu sehen.<\/p><p><strong>Fr&uuml;he Preistr&auml;ger<\/strong><\/p><p>Den schillernden Reigen der Friedensnobelpreistr&auml;ger er&ouml;ffneten gleich im ersten Jahr der Preisverleihung &ndash; 1901 &ndash; zwei Friedensaktivisten: Jean Henri Dunant, Gr&uuml;nder des <i>Internationalen Komitees des Roten Kreuzes<\/i>, und Fr&eacute;d&eacute;ric Passy, Gr&uuml;ndungspr&auml;sident der ersten franz&ouml;sischen Friedensgesellschaft.<\/p><p>Die Vergabe des Friedensnobelpreises 1905 an Bertha von Suttner d&uuml;rfte den Vorstellungen des Stifters aus tiefem Herzen entsprochen und besonders gefreut haben. Immerhin war die &ouml;sterreichische Gr&auml;fin Bertha Kinsky und sp&auml;tere Baronin von Suttner zeitweilig seine Sekret&auml;rin und Haush&auml;lterin. Ihr pazifistischer Roman &bdquo;<i>Die Waffen nieder!&ldquo; <\/i>und andere Schriften<i> <\/i>hatten den Industriellen nachhaltig beeinflusst. Eines ihrer Hauptthemen: das ewige Wettr&uuml;sten.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Fr&uuml;her erschrak der Steuerzahler ein wenig, wenn die R&uuml;stungsforderungen sich auf Millionen bezifferten, doch hatte er sich daran gew&ouml;hnt. Nun versucht man es mit den Milliarden, und er h&auml;lt still. Ein kleiner Seufzer, ein leises Wimperzucken, aber prinzipielles Einverst&auml;ndnis (&hellip;) Nur eine Rettung gibt&rsquo;s: Das Aufb&auml;umen der Vernunft. Das Durchdringen des Friedensgedankens in den Massen. Solches wird auch den friedliebenden F&uuml;rsten und Staatsm&auml;nnern willkommen sein m&uuml;ssen, denn dann w&auml;re ja der &sbquo;hei&szlig;ersehnte Augenblick&lsquo; endlich da.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Bertha von Suttner, die in ihrer Eigenschaft als Ehrenpr&auml;sidentin des <i>St&auml;ndigen Internationalen Friedensb&uuml;ros <\/i>in Bern ausgezeichnet wurde, war auch die erste Frau, die den Friedensnobelpreis erhielt. Als h&auml;tte sodann Beelzebub leibhaftig beim Osloer Preiskomitee interveniert, entschied sich dieses bereits ein Jahr sp&auml;ter f&uuml;r eine radikale Wende in seiner Vergabepolitik. 1906 erhielt erstmalig ein Pr&auml;sident, US-Pr&auml;sident Theodore &bdquo;Teddy&ldquo; Roosevelt, den Friedensnobelpreis. Roosevelt, so begr&uuml;ndete es die Jury, habe ein Jahr zuvor mitgeholfen, den Russisch-Japanischen Krieg zu beenden. Doch der Politiker war beileibe kein Friedensapostel. Bereits in seinem 1899 erschienenen Buch <i>&bdquo;The Rough Riders&ldquo; <\/i>hatte er sein Draufg&auml;ngertum als Soldat w&auml;hrend des Spanisch-Amerikanischen Krieges geschildert. Roosevelt war auch und gerade ein ungenierter Imperialist. 1904 schrieb er:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Rede sanft, doch halte stets den gro&szlig;en Kn&uuml;ppel bereit.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mit anderen Worten: Wer sich fortan dem politischen Willen der US-Regierung verweigerte, sollte schmerzlich daf&uuml;r b&uuml;&szlig;en. W&auml;hrend des Ersten Weltkriegs erhielt mit Ausnahme von 1917, als der Friedensnobelpreis an das <i>Internationale Komitee des Roten Kreuzes<\/i> ging, keine Person oder Organisation die Auszeichnung. Mangelte es etwa an friedfertigen Geistern oder Alternativen? Wohl kaum. &Uuml;ber diese bleierne Zeit &auml;u&szlig;erte sich der in London lebende pakistanische Schriftsteller Tariq Ali im Dezember 2002 in der <i>S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/i>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das Blut des Ersten Weltkriegs f&auml;rbte die Gespr&auml;che in den Salons der Belle Epoque, und ein traumatisiertes Preiskomitee verfiel in Winterschlaf. (&hellip;) Das ist &uuml;berraschend, denn es w&auml;ren genug hervorragende Denker und Politiker in Betracht gekommen, die den Krieg konsequent ablehnten: (&hellip;) Bertrand Russell in Gro&szlig;britannien, der franz&ouml;sische Sozialistenf&uuml;hrer Jean Jaur&eacute;s, der wegen seiner erbitterten Feindschaft gegen diesen Krieg ermordet wurde, in Deutschland der sozialistische Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht, der gegen Kriegskredite stimmte und (&hellip;) Rosa Luxemburg, die f&uuml;r ihre unerschrockenen Antikriegsreden ins Gef&auml;ngnis kam.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Geachtet, geehrt und doch ermordet &ndash; der &bdquo;Fall&ldquo; Ossietzky<\/strong><\/p><p>1935 ward mit dem Publizisten Carl von Ossietzky ein Mann ausgezeichnet, der w&auml;hrend des Ersten Weltkriegs am eigenen Leib das grauenvolle Massensterben in den Sch&uuml;tzengr&auml;ben miterlebt hatte. Er wurde ein k&auml;mpferischer Pazifist und engagierte sich nach dem Krieg in der <i>Deutschen Friedensgesellschaft<\/i> und in der <i>Liga f&uuml;r Menschenrechte<\/i>.1929 erschien in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift <i>&bdquo;Die Weltb&uuml;hne&ldquo;<\/i> ein Bericht &uuml;ber die geheime Aufr&uuml;stung der deutschen Reichswehr. F&uuml;r den Reichswehrminister war dieser kritische Artikel ein willkommener Anlass, endlich gegen den l&auml;stigen Kritiker vorzugehen. Er forderte vom Reichsgericht in Leipzig, gegen Ossietzky wegen Landesverrats Anklage zu erheben. 1931 wurde der streitbare Publizist dann tats&auml;chlich zu 18 Monaten Gef&auml;ngnis verurteilt. Am 10. Mai 1932 trat er seine Haftstrafe an. Kurz zuvor begr&uuml;ndete er noch in der <i>&bdquo;Weltb&uuml;hne&ldquo;<\/i>, warum er sich nicht ins Ausland absetzte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das Reichsgericht hat mich vorsorglich in unangenehmster Weise abgestempelt. Landesverrat und Verrat milit&auml;rischer Geheimnisse &ndash; das ist eine h&ouml;chst diffamierende Etikette, mit der sich nicht so leicht leben l&auml;sst. Geht man damit ins Ausland, so wird die gesamte Rechtspresse aufjubeln: Zum Feinde geflohen. Und manche von den Leichtschwankenden werden die Achseln zucken: es muss doch etwas an der Sache sein. Der Oppositionelle, der &uuml;ber die Grenzen gegangen ist, spricht bald hohl ins Land hinein&hellip; Wenn man den verseuchten Geist eines Landes wirkungsvoll bek&auml;mpfen will, muss man dessen allgemeines Schicksal teilen. Ich geh&ouml;re keiner Partei an &ndash; wohin also? Keine der Internationalen nimmt mich auf, stellt mich an einen neuen Platz. Es gibt drau&szlig;en so viele flotte Herren, die den Frieden hochleben lassen, wenn sie ihr neues Milit&auml;rprogramm gl&uuml;cklich verabschiedet haben und die den deutschen Militarismus so verabscheuen, als sei er der einzige in der Welt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dank einer Weihnachtsamnestie wurde der Publizist vorzeitig nach acht Monaten entlassen. Doch bereits zwei Monate sp&auml;ter, nach der Macht&uuml;bernahme der Nationalsozialisten, geh&ouml;rte der Leiter der &bdquo;Weltb&uuml;hne&ldquo; zu jenen Tausenden von Hitler-Gegnern, die von Gestapo-M&auml;nnern fr&uuml;hmorgens aus dem Bett geklingelt und eingesperrt wurden. 1934 wurde Ossietzky ins Konzentrationslager Esterwegen im Emsland gebracht. Zuvor, am unr&uuml;hmlichen 10. Mai 1933, als gr&ouml;lende Nazis ihr Verst&auml;ndnis von deutscher Kultur mit der gro&szlig; inszenierten &ouml;ffentlichen Verbrennung von B&uuml;chern zelebrierten, waren auch Ossietzkys Schriften auf lodernden Scheiterhaufen gelandet. Der Deutschlandsender berichtete &uuml;ber die B&uuml;cherverbrennung der Nazis am 10. Mai 1933 in Berlin, in dem es u.a. hie&szlig;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben unser Handeln gegen den undeutschen Geist gerichtet. &Uuml;bergebt alles Undeutsche dem Feuer. (&hellip;) Gegen Frechheit und Anma&szlig;ung, f&uuml;r Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksteil. Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Aufnahmen mit der Stimme Ossietzkys aus jenen Tagen gibt es nicht. Daf&uuml;r aber die einf&uuml;hlsame, ins Mark gehende Beschreibung des bekannten schweizerischen Historikers Carl Jacob Burckhardt. Der konnte den Gefangenen 1934 im Auftrag des <i>Internationalen Komitees des Roten Kreuzes <\/i>im KZ Esterwegen kurz besuchen. Burckhardt erlebte einen gebrochenen Mann, nicht viel mehr als ein St&uuml;ck taumelnden Fleisches. Er fasste seine Eindr&uuml;cke wie folgt zusammen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nach zehn Minuten kamen zwei SS-Leute, die einen kleinen Mann mehr schleppten und trugen als heranf&uuml;hrten. Ein zitterndes, totenblasses Etwas, ein Wesen, das gef&uuml;hllos zu sein schien, ein Auge verschwollen, die Z&auml;hne anscheinend eingeschlagen, er schleppte ein gebrochenes, schlecht ausgeheiltes Bein nach. Ich ging ihm entgegen, reichte ihm die Hand, die er nicht ergriff. &sbquo;Melden!&rsquo; schrie Loritz (der Lagerkommandant). Ein unartikulierter leiser Laut kam aus der Kehle des Gemarterten. &sbquo;Herr von Ossietzky&rsquo;, sprach ich ihn an. &sbquo;Ich bringe Ihnen die Gr&uuml;&szlig;e Ihrer Freunde, ich bin der Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, und ich bin hier, um Ihnen, soweit uns dies m&ouml;glich ist, zu helfen.&rsquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nichts. Vor mir, gerade noch lebend, stand ein Mensch, der an der &auml;u&szlig;ersten Grenze des Tragbaren angelangt war. Kein Wort der Erwiderung. Ich trat n&auml;her. Jetzt f&uuml;llte sich das noch sehende Auge mit Tr&auml;nen, lispelnd unter Schluchzen sagte er: &sbquo;Danke, sagen Sie den Freunden, ich sei am Ende, es ist bald vor&uuml;ber, das ist gut.&rsquo; Und dann noch ganz leise: &sbquo;Danke, ich habe einmal Nachricht erhalten, meine Frau war einmal hier: ich wollte den Frieden&rsquo; (&hellip;) Dann ging er, das eine Bein nachschleppend, m&uuml;hsam Schritt vor Schritt zu seiner Baracke zur&uuml;ck.&ldquo;<\/p><p>Um Ossietzky zu retten, initiierte wenig sp&auml;ter die &bdquo;Liga f&uuml;r Menschenrechte&ldquo; die Kampagne: &bdquo;Den Friedensnobelpreis f&uuml;r Carl von Ossietzky!&ldquo;. Politiker, Schriftsteller, Wissenschaftler aus aller Welt schlossen sich dieser Bewegung an, Ossietzky wurde zum Symbol f&uuml;r das andere Deutschland. Das Nobelpreiskomitee wollte aber nicht die deutsche Regierung br&uuml;skieren und befreite sich aus der Zwickm&uuml;hle, indem es den Preis f&uuml;r 1935 gar nicht vergab. Als die internationale Kampagne aber nicht verebbte, verlieh das Komitee 1936 dem gefangenen Publizisten dann doch die Auszeichnung &ndash; nachtr&auml;glich f&uuml;r 1935. Die nationalsozialistische Regierung verbot Ossietzky aber, nach Oslo zu reisen und den Preis pers&ouml;nlich in Empfang zu nehmen. Zudem gelang es ihr, den Ausgezeichneten um das Preisgeld zu prellen. Schlie&szlig;lich wurde der Publizist nicht etwa in die Freiheit entlassen, sondern nur vom KZ in ein Berliner Krankenhaus verlegt. Dort starb er &ndash; streng bewacht &ndash; im Mai 1938 an den Folgen der Lagerhaft. Sein Grabstein tr&auml;gt die Inschrift: &bdquo;Frieden f&uuml;r immer.&ldquo;<\/p><p><strong>Adolf Hitler oder Mahatma Gandhi?<\/strong><\/p><p>1938, ein Jahr vor der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs in Europa, befand sich das Osloer Nobelpreiskomitee erneut in der Zwickm&uuml;hle. Es sollte sich zwischen zwei Personen entscheiden, die unterschiedlicher nicht h&auml;tten sein k&ouml;nnen &ndash; Adolf Hitler und Mahatma Gandhi. Dazu merkte der Publizist Tariq Ali an:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Entscheidung fiel den Mandarinen zu schwer, und so ging der Preis schlie&szlig;lich an die Internationale Nansen-Hilfe f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge und Staatenlose. Die Nominierung Hitlers wirkt heute schockierend, aber damals betrachteten viele im Westen den deutschen F&uuml;hrer als Bollwerk gegen den Bolschewismus. (&hellip;) 1938 hatte das Time-Magazin Adolf Hitler zum &sbquo;Mann des Jahres&rsquo; erkoren und manches Positive &uuml;ber ihn verfasst (&hellip;) Das Komitee kam dann eben zu dem Schluss, dass, wenn Hitler nicht akzeptabel war, es Gandhi ebenso wenig sein k&ouml;nne.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Einmalig in der Geschichte des Osloer Nobelkomitees wurde im Jahre 1961 der Friedenspreis posthum vergeben &ndash; und zwar an den schwedischen Politiker und fr&uuml;heren Generalsekret&auml;r der Vereinten Nationen, Dag Hammarskj&ouml;ld. Dieser war im September 1961 bei einer UN-Missionsreise in den Kongo ums Leben gekommen. Warum und wie er starb, ist bis heute nicht eindeutig gekl&auml;rt. Die offizielle Version lautete: ein Flugzeugungl&uuml;ck. Die inoffizielle: ein politischer Mord. Diese Vermutung liegt nahe, weil die Leichen von Hammarskj&ouml;lds Leibw&auml;chtern Schusswunden aufwiesen. Bemerkenswert bleibt, dass der Autopsie-Bericht Hammarskj&ouml;lds jahrzehntelang geheim gehalten wurde. Bis heute k&ouml;nnen die Vereinten Nationen nicht zweifelsfrei erkl&auml;ren, wie ihr ehemaliger Generalsekret&auml;r und Friedensnobelpreistr&auml;ger umgekommen ist.<\/p><p><strong>Gl&uuml;cksgriffe und schockierende Fehlgriffe<\/strong><\/p><p>1964 wurde der Anf&uuml;hrer der amerikanischen B&uuml;rgerrechtsbewegung Martin Luther King mit dem Nobelpreis geehrt, 1971 Willy Brandt. Der damalige Bundeskanzler erhielt den Preis f&uuml;r seine auf Vers&ouml;hnung gerichtete Ostpolitik. Das trug immerhin dazu bei, dass unverbesserliche Kalte Krieger im Bundestag weniger lautstark krakeelten. Willy Brandt selbst erkl&auml;rte damals:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich werde den Friedenspreis am 10. Dezember in Verbundenheit mit allen, an welcher Stelle auch immer, annehmen, die sich mit der ihnen gegebenen Kraft bem&uuml;hen, die Welt von Kriegen zu befreien und ein Europa des Friedens zu organisieren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In den 1970er Jahren ehrte das Osloer Nobelkomitee mehrmals zwei Preistr&auml;ger, die f&uuml;r ein und dasselbe Ziel eingetreten waren. Die ebenso unverst&auml;ndlichste wie finsterste Entscheidung fiel 1973: Neben US-Au&szlig;enminister Henry A. Kissinger wurde dem nordvietnamesischen Diplomaten und Politb&uuml;romitglied der Kommunistischen Partei, Le Duc Tho, der Preis zuerkannt. Beide hatten nach langwierigen Verhandlungen in Paris endlich einen Waffenstillstand im Vietnamkrieg vereinbart. Le Duc Tho winkte sofort ab und verweigerte sich dieser gemeinsamen Ehrung. Henry Alfred Kissinger, 1923 in F&uuml;rth geboren, nahm den Preis dankend an.<\/p><p>Von 1969 bis 1973 war Kissinger Sicherheitsberater Richard Nixons, von 1973 bis 1976 Au&szlig;enminister. Was immer dem Interesse der USA diente &ndash; Kissinger verfolgte es ebenso zielstrebig wie r&uuml;cksichtslos. Er war mitverantwortlich daf&uuml;r, dass der Vietnamkrieg unn&ouml;tig in die L&auml;nge gezogen wurde. Millionen von Toten in Vietnam, in Laos und Kambodscha wurden als notwendige Opfer im Rahmen der West-Ost- Konfrontation verbucht. Das Wort &bdquo;Kollateralschaden&ldquo; gab es damals noch nicht. Ohne den Kongress vorher informiert zu haben, weitete die amerikanische Regierung Ende der 1960er Jahre den Vietnamkrieg auch auf die Nachbarl&auml;nder Laos und Kambodscha aus.1969 ordnete Pr&auml;sident Richard M. Nixon den pausenlosen Einsatz von B-52-Bombern an. Dadurch sollten die Nachschubwege der Vietminh blockiert werden. &Uuml;ber das vormals neutrale K&ouml;nigreich Laos wurde mit ann&auml;hernd 2,5 Millionen Tonnen Bomben mehr Sprengstoff abgeworfen als im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland und Japan zusammen. Auf jeden Laoten kam demnach zirka eine Tonne Bomben! Noch heute f&uuml;gen t&uuml;ckische Blindg&auml;nger vor allem Kindern und Reisbauern t&ouml;dliche Verletzungen zu.<\/p><p>Der Vietnamkriegsveteran Fred Branfman konstatierte bitter:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn das T&ouml;ten hunderttausender unschuldiger Bauern durch den Abwurf von Millionen Tonnen Bomben auf zivile Ziele kein Kriegsverbrechen ist, dann gibt es keinerlei Kriegsverbrechen. Und wenn Kissinger f&uuml;r diese Verbrechen nicht verantwortlich ist, dann gibt es keine Kriegsverbrecher.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Seit langem liegt eine umfassende Anklageschrift gegen Kissinger vor &ndash; in Form eines Buches. In seiner<i> &bdquo;Akte Kissinger&ldquo;<\/i> wies der britische Journalist Christopher Hitchens dem heute 98-J&auml;hrigen massive Menschenrechtsverletzungen nach &ndash; in Indochina und Osttimor, am deutlichsten aber in Chile, wo er vor ann&auml;hernd f&uuml;nfzig Jahren mithalf, den Putsch von Augusto Pinochet gegen Salvador Allende zu organisieren. Der angesehene und mehrfach preisgekr&ouml;nte australische Investigativjournalist und Dokumentarfilmer John Pilger nennt Kissinger ohne Umschweife einen &bdquo;war criminal emeritus&ldquo;.<\/p><p>1978 erhielten der &auml;gyptische Pr&auml;sident Mohamed Anwar al-Sadat sowie der israelische Ministerpr&auml;sident Menachem Begin den Preis f&uuml;r den Friedensschluss zwischen beiden L&auml;ndern. Eine umstrittene Entscheidung. Sadat galt in der damaligen arabischen Welt als Opportunist, der sich dem Westen anbiederte. Begins unfriedliche Vergangenheit wurde durch den Preis erneut ins Bewusstsein ger&uuml;ckt. Begin f&uuml;hrte von 1943 bis 1948 die <i>Irgun<\/i>, eine j&uuml;dische Untergrundorganisation, die Terroranschl&auml;ge gegen die britische Mandatsmacht und gegen die Pal&auml;stinenser ver&uuml;bte. Mit seinem Namen ist auf fatale Weise der &Uuml;berfall auf das Dorf <i>Deir Yassin<\/i> verkn&uuml;pft. Dort &ndash; unweit von Jerusalem gelegen &ndash; war es am 9. und 10. April 1948, kurz vor der Staatsgr&uuml;ndung Israels, zu einem der blutigsten Massaker an der pal&auml;stinensischen Zivilbev&ouml;lkerung gekommen. Ein Terrorkommando der Irgun war zusammen mit anderen paramilit&auml;rischen Trupps in dem friedlichen Dorf eingefallen, hatte Frauen, M&auml;nner und Kinder ermordet. Durch Vertreibung der Pal&auml;stinenser sollte das Territorium des k&uuml;nftigen Israel vergr&ouml;&szlig;ert werden. Wohnh&auml;user wurden in die Luft gesprengt, danach die Stra&szlig;enz&uuml;ge systematisch durchk&auml;mmt.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Wir m&uuml;ssen die Araber bek&auml;mpfen, um sie zu unterjochen. Wir m&uuml;ssen sie als politischen Faktor vom Schauplatz entfernen&ldquo;,<\/i> hie&szlig; es dazu in einer Brosch&uuml;re der Irgun. &Uuml;ber Nacht ausgehobene Massengr&auml;ber sollten die Spuren des Grauens schnellstm&ouml;glich verwischen. Etwa 250 Leichen &ndash; meist von Frauen, Kindern und &Auml;lteren &ndash; verzeichnete dieses Katastrophenkataster, das eine Delegation des Roten Kreuzes erst Tage nach der Tat inspizieren konnte.\n<\/p><\/blockquote><p>1993 ging der Preis anteilig an den F&uuml;hrer des Afrikanischen Nationalkongresses und langj&auml;hrigen politischen Gefangenen Nelson Mandela sowie an den s&uuml;dafrikanischen Pr&auml;sidenten Frederik Willem de Klerk, einen Mann, der lange mitverantwortlich f&uuml;r das Apartheid-Regime und das Schicksal seines Mitgeehrten gewesen war. Ein Jahr darauf, 1994, wurden sogar drei Personen in Oslo geehrt: Yasser Arafat, Pr&auml;sident der Pal&auml;stinensischen Nationalbeh&ouml;rde, der israelische Au&szlig;enminister Shimon Peres und der israelische Ministerpr&auml;sident Yitzhak Rabin.<\/p><p>1996 wurden Jos&eacute; Ramos-Horta und Bischof Carlos Felipe Ximenes Belo wegen ihres sozialen und friedlichen Engagements f&uuml;r ein unabh&auml;ngiges Osttimor ausgezeichnet. F&uuml;r die indonesische Regierung war das im Nachhinein eine schallende Ohrfeige. Der engste Verb&uuml;ndete des Westens in S&uuml;dostasien n&auml;mlich, das diktatorische Suharto-Regime in Indonesien, hatte die ehemalige portugiesische Kolonie Osttimor Mitte der 1970er Jahre v&ouml;lkerrechtswidrig annektiert. Jakarta duldete damals kein unabh&auml;ngiges Osttimor, wo zudem die Befreiungsbewegung <i>Fretilin<\/i> gr&ouml;&szlig;ten R&uuml;ckhalt in der Bev&ouml;lkerung genoss. <i>Amnesty international<\/i> und andere internationale Menschen- und B&uuml;rgerrechtsorganisationen machen das Suharto-Regime f&uuml;r den Tod von &uuml;ber 200.000 der insgesamt 800.000 Einwohner Osttimors verantwortlich.<\/p><p>&bdquo;<strong>Sonnenschein-Politik&ldquo; mit Schattenseiten<\/strong><\/p><p>Im Dezember 2000 erhielt der damalige s&uuml;dkoreanische Pr&auml;sident Kim Dae-Jung den Friedensnobelpreis. Auf den ersten Blick keine schlechte Wahl, verk&ouml;rperte Kim doch in den 1970er Jahren, als S&uuml;dkorea fest im Griff einer Milit&auml;rjunta war, den Inbegriff eines aufrechten Oppositionellen, dem zudem die Todesstrafe gedroht hatte. Kim war auch ein Bewunderer der Ostpolitik Willy Brandts, dessen &bdquo;Wandel durch Ann&auml;herung&ldquo; er auch im Gewand einer &bdquo;Sonnenschein-Politik&ldquo; auf die Situation auf der koreanischen Halbinsel umgesetzt sehen wollte. In einem Kommentar des damaligen ARD-Korrespondenten in Ostasien, Torsten Huhn, hie&szlig; es zur Verleihung des Preises an Kim:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Mit Kim Dae Jung hat ein Politiker den Friedensnobelpreis bekommen, der wie nur wenige andere in Asien f&uuml;r Demokratie und Entspannung steht. (&hellip;) und daf&uuml;r gesorgt, dass sich das bis dahin h&ouml;chst feindselige Verh&auml;ltnis zu Pj&ouml;ngjang grundlegend gewandelt hat. (&hellip;) Es gibt viele Unterschiede zur deutschen Situation. (&hellip;) Wir haben so viele Probleme, die Deutschland nicht hatte. Daher ist die Situation nicht vergleichbar.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Gew&uuml;rdigt wurde Kim wegen seiner &bdquo;Sonnenschein-Politik&ldquo;. Mit ihr wollte er das seit dem Ende des Koreakrieges 1953 extrem angespannte Verh&auml;ltnis zum kommunistischen Norden entkrampfen &ndash; im Geiste der Entspannungspolitik Brandts. Doch in S&uuml;dkorea selbst galt Kim Dae-Jung schon wenige Jahre nach seinem Amtsantritt als eitler, machtbesessener und auch korrupter Politiker, der nach Anerkennung gierte. Das historische innerkoreanische Treffen Mitte Juni 2000 mit Kim Jong-Il, Nordkoreas neuem starken Mann, passte ihm vorz&uuml;glich ins Konzept. Unverst&auml;ndlich blieb, warum &ndash; entgegen fr&uuml;heren Gepflogenheiten &ndash; ausgerechnet diesmal nur eine Partei im Friedensprozess auf der koreanischen Halbinsel geehrt wurde, wo es doch zur Verst&auml;ndigung zwingend zweier Parteien bedarf! Offensichtlich sollte aus Sicht des Nobelkomitees unbedingt vermieden werden, den n&ouml;rdlichen Kim politisch-diplomatisch aufzuwerten &ndash; ein dumpfer R&uuml;ckfall ins &bdquo;Milieu&ldquo; des Kalten Krieges.<\/p><p>Pikant war zudem, dass sich der s&uuml;dliche Kim das Gipfeltreffen in der nordkoreanischen Hauptstadt Pj&ouml;ngjang wohl erkauft hatte. Seit Fr&uuml;hjahr 2003 n&auml;mlich geriet S&uuml;dkoreas Pr&auml;sident arg ins Zwielicht. Enge Vertraute Kim Dae-Jungs r&uuml;ckten von ihm ab. Andere gaben zu, im Auftrag ihres fr&uuml;heren Chefs umgerechnet etwa 100 Millionen US-Dollar geheim nach Nordkorea transferiert zu haben. Mit diesem Geld sollte der Nord-S&uuml;d-Gipfel gef&ouml;rdert, wenn nicht gar &bdquo;geschmiert&ldquo; werden.<\/p><p>Im Dezember 2003 konnte die engagierte iranische Juristin und Menschenrechtlerin Schirin Ebadi den Friedensnobelpreis in Empfang nehmen. Sie war damit die elfte Frau und erste Muslimin, die seit der ersten Vergabe 1901 den Preis zuerkannt bekam. Eine &Uuml;berraschung f&uuml;r alle, die fest damit gerechnet hatten, dass im selben Jahr entweder Papst Johannes Paul II. oder der fr&uuml;here tschechische Pr&auml;sident Vaclav Havel als gr&ouml;&szlig;te Favoriten galten. Ausgezeichnet wurde Frau Ebadi f&uuml;r ihren Einsatz bei der Demokratisierung Irans und im Kampf um mehr Rechte f&uuml;r Frauen und Kinder.<\/p><p><strong>Klima, Kinder &amp; aufs Neue ein US-Pr&auml;sident<\/strong><\/p><p>Das Thema &bdquo;Umwelt &amp; Klima&ldquo; schien in Oslo ab 2004 angekommen zu sein. In jenem Jahr n&auml;mlich zeichnete das Nobelpreiskomitee die kenianische Umweltaktivistin Wangari Maathai &bdquo;f&uuml;r ihren Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung, Demokratie und Frieden&ldquo; aus, w&auml;hrend der Preis drei Jahre sp&auml;ter dem Weltklimarat IPCC und Ex-US-Vizepr&auml;sident Al Gore zugesprochen wurde &ndash; &bdquo;f&uuml;r ihre Bem&uuml;hungen, ein besseres Verst&auml;ndnis f&uuml;r die von Menschen verursachten Klimaver&auml;nderungen zu entwickeln und zu verbreiten, und daf&uuml;r, dass sie die Grundlagen f&uuml;r die Anstrengungen gelegt haben, um diesen Ver&auml;nderungen zu begegnen&ldquo;.<\/p><p>H&ouml;chst zweifelhaft fiel die Entscheidung in Oslo wiederum im Jahre 2009 aus, als mit US-Pr&auml;sident Barack Obama eine Person lediglich aufgrund von Absichtserkl&auml;rungen geehrt wurde. W&ouml;rtlich hie&szlig; es: &bdquo;F&uuml;r seine au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Bem&uuml;hungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen den V&ouml;lkern zu st&auml;rken&ldquo;. Was den bekannten Linguisten und eloquenten Kritiker US-amerikanischer Au&szlig;enpolitik, Noam Chomsky, veranlasste, Obama als Produkt cleverer Marketing-Strategie zu bezeichnen. Er, so Chomsky &uuml;ber Obama im Rahmen eines <i>&bdquo;Kulturzeit&ldquo;-<\/i>Interviews im ZDF im Sommer 2013, sei verantwortlich f&uuml;r die Ausweitung des Drohnenkrieges gewesen und h&auml;tte eigentlich wegen seiner Anordnung au&szlig;ergerichtlicher Hinrichtungen &bdquo;von Terroristen&ldquo; im Rahmen alldienstt&auml;glicher Lagebesprechungen vor ein ordentliches Gericht gestellt werden m&uuml;ssen.<\/p><p>Mit Kailash Satyarthi und Malala Yousafzai r&uuml;ckten 2014 erstmalig Jugendliche in den Fokus der Osloer Preisrichter, die beide &bdquo;f&uuml;r ihren Kampf gegen die Unterdr&uuml;ckung von Kindern und jungen Menschen und f&uuml;r das Recht aller Kinder auf Bildung&ldquo; ausgezeichnet wurden.<\/p><p><strong>Stets zwischen Lob und Kritik<\/strong><\/p><p>2017 und 2020 ehrten die Osloer Preisrichter zwei Organisationen beziehungsweise Kampagnen und Programme, die sich explizit gegen Atomwaffen und f&uuml;r die Bek&auml;mpfung von Hunger einsetzen. Im Jahre 2017 wurde die ein Jahrzehnt zuvor aus der Taufe gehobene und in Genf ans&auml;ssige <i>Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN &ndash; International Campaign to Abolish Nuclear Weapons)<\/i> &bdquo;f&uuml;r ihre Arbeit, Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanit&auml;ren Konsequenzen von Atomwaffen zu lenken, und f&uuml;r ihre bahnbrechenden Bem&uuml;hungen, ein vertragliches Verbot solcher Waffen zu erreichen&ldquo;, ausgezeichnet. Drei Jahre sp&auml;ter erhielt den Preis das <i>Weltern&auml;hrungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP)<\/i> mit Sitz in Rom &bdquo;f&uuml;r die Bem&uuml;hungen zur Bek&auml;mpfung des Hungers, f&uuml;r den Beitrag zur Verbesserung der Bedingungen f&uuml;r den Frieden in von Konflikten betroffenen Gebieten und als treibende Kraft bei den Bem&uuml;hungen, den Einsatz von Hunger als Waffe f&uuml;r Krieg und Konflikte zu verhindern.&ldquo;<\/p><p>Am 10. Dezember dieses Jahres w&uuml;rdigt das Nobelkomitee die Arbeit der beiden Journalisten Maria Ressa aus den Philippinen sowie Dmitri Muratow aus Russland. Ausgezeichnet werden sie &bdquo;f&uuml;r ihre Bem&uuml;hungen um die Wahrung der Meinungsfreiheit, die eine Voraussetzung f&uuml;r Demokratie und dauerhaften Frieden ist.&ldquo; Eine Entscheidung, die wieder mal Kritik erntete. Von Instrumentalisierung, knallhartem politischen Kalk&uuml;l und im Falle Muratows von Russophobie war und ist die Rede. Besonders erbost zeigten sich Kollegen Ressas und die philippinische Regierung unter Pr&auml;sident Rodrigo R. Duterte. Sie attackierten unisono die Entscheidung in Oslo als &bdquo;unzul&auml;ssige Einmischung in innerphilippinische Angelegenheiten&ldquo;, als dumpfe Protektion einer wegen mehrerer Delikte angeklagten Journalistin sowie als gezielte Rufmordkampagne, die Philippinen auf eine Stufe mit hinterw&auml;ldlerischen Regimes zu stellen. Als ideeller Gesamttroll Dutertes fungiert dabei Rigoberto D. Tiglao, ein Kolumnist der &auml;ltesten philippinischen Tageszeitung, der <i>Manila Times<\/i>, und ein von links extrem nach reaktion&auml;r abgedrifteter Schreiberling mit psychopathisch-antikommunistischen Z&uuml;gen.<\/p><p><strong>Anachronistisch?!<\/strong><\/p><p>120 Jahre Friedensnobelpreis-Verleihungen &ndash; eine 120-j&auml;hrige Gratwanderung durch Schotter und Goldstaub, die den Preisstifter vielfach gefreut und wohl gleicherma&szlig;en h&auml;ufig gegr&auml;mt h&auml;tte. Als zutiefst arkan erwiesen sich oftmals die Entscheidungen seiner Sachwalter in Gestalt neuzeitlicher Druiden, als dass sie dem eigentlichen Ziel des Stiftungsgr&uuml;nders dienten &ndash; n&auml;mlich <i>&bdquo;<\/i><i>Personen und Organisationen zu ehren, die der Menschheit den gr&ouml;&szlig;ten Nutzen gebracht haben.&ldquo;<\/i><\/p><p>Wie w&auml;r&rsquo;s, bes&ouml;nne sich das Nobelkomitee in Oslo ebendieses Auftrags, setzte ein Jahrzehnt lang die Preisverleihungen aus und verwendete die so freiwerdenden Gelder f&uuml;r die Honorierung der international angesehensten Anw&auml;lte des Menschen- und V&ouml;lkerrechts zur Verteidigung &ndash; besser noch: schnellstm&ouml;glichen Freilassung &ndash; solcher Whistleblower wie Julian Assange und Daniel Hale. Deren Engagement kann nicht hoch genug gew&uuml;rdigt werden. Schlie&szlig;lich trugen sie mitentscheidend dazu bei, Ross und Reiter eines ungeschminkten Imperialismus zu benennen, dessen Schand- und Freveltaten weltweit gr&ouml;&szlig;te Sch&auml;den, Leid und Verzweiflung verursachten.<\/p><p>Titelbild: Bertil Jonsson\/shutterstock.com<\/p><p><strong>Quellen &amp; weiterf&uuml;hrende Literatur<\/strong><\/p><ul>\n<li>Tariq Ali (2002): <i>Ein verdienter Mann. Warum Jimmy Carter den Friedensnobelpreis erh&auml;lt<\/i>, in: S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 09.12., S. 15<\/li>\n<li>Carl Jacob Burckhardt &uuml;ber seine Begegnung mit Carl von Ossietzky, in: Christian Zentner (1983): <i>Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches. <\/i>M&uuml;nchen: S&uuml;dwest Verlag<\/li>\n<li>Noam Chomsky im Kulturzeit-Interview * 20. Juni 2013 &ndash; YouTube \/ <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DKGjgMPHKWA\">youtube.com\/watch?v=DKGjgMPHKWA<\/a><\/li>\n<li><i>Deir Yassin Remembered<\/i> (Website = <a href=\"https:\/\/www.deiryassin.org\/\">deiryassin.org\/<\/a>)<\/li>\n<li>Div. Ausgaben (2002 &amp; 2003) der von der <i>Gruppe f&uuml;r eine Schweiz ohne Armee (GSoA)<\/i> u.a. hrsg. Zeitschrift <i>KeinKrieg<\/i> (Z&uuml;rich) \/ <a href=\"https:\/\/www.gsoa.ch\/newspaper\/wwwgsoach_und_wwwkeinkriegch\/\">gsoa.ch\/newspaper\/wwwgsoach_und_wwwkeinkriegch\/<\/a><\/li>\n<li>David N. Gibbs (2000): <i>The United Nations, international peacekeeping and the question of &lsquo;impartiality&rsquo;: revisiting the Congo operation of 1960,<\/i> in: <i>The Journal of Modern<\/i> <i>African Studies<\/i> 38.3: 359-382. Cambridge University Press (UK)<\/li>\n<li>Christopher Hitchens (2001): <i>Die Akte Kissinger<\/i>. Stuttgart\/M&uuml;nchen: Deutsche Verlags-Anstalt<\/li>\n<li>Nobel Institute &ndash; Nobel Peace Prize \/ <a href=\"https:\/\/www.nobelpeaceprize.org\/about-us\/nobel-institute\/\">nobelpeaceprize.org\/about-us\/nobel-institute\/<\/a><\/li>\n<li><i>La Operaci&oacute;n C&oacute;ndor y la persecuci&oacute;n de la izquierda en Am&eacute;rica Latina<\/i> &ndash; El Orden Mundial &ndash; EOM \/ <a href=\"https:\/\/elordenmundial.com\/operacion-condor-izquierda-america-latina\/\">elordenmundial.com\/operacion-condor-izquierda-america-latina\/<\/a>; Operation Condor Verdict: GUILTY! * National Security Archive \/ <a href=\"https:\/\/nsarchive.gwu.edu\/briefing-book\/southern-cone\/2016-05-27\/operation-condor-verdict-guilty%20\/\">nsarchive.gwu.edu\/briefing-book\/southern-cone\/2016-05-27\/operation-condor-verdict-guilty \/<\/a> Operation Condor: Die Spur der &raquo;Operation Condor&laquo; (nd aktuell) * <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1122645.operation-condor-die-spur-der-operation-condor.html\">nd-aktuell.de\/artikel\/1122645.operation-condor-die-spur-der-operation-condor.html<\/a> sowie die entsprechenden de-klassifizierten Dokumente des State Department im <i>National Security Archive<\/i> der George Washington University = <a href=\"http:\/\/www.gwu.edu\/~nsarchiv\/NSAEBB\/NSAEBB77%20\/\">gwu.edu\/~nsarchiv\/NSAEBB\/NSAEBB77 \/<\/a> <a href=\"http:\/\/www.gwu.edu\/~nsarchiv\/NSAEBB\/NSAEBB73\">gwu.edu\/~nsarchiv\/NSAEBB\/NSAEBB73<\/a> <i>&amp;<\/i> Nixon, Kissinger, and the Madman Strategy during Vietnam War \/ <a href=\"https:\/\/nsarchive2.gwu.edu\/nukevault\/ebb517-Nixon-Kissinger-and-the-Madman-Strategy-during-Vietnam-War\/\">nsarchive2.gwu.edu\/nukevault\/ebb517-Nixon-Kissinger-and-the-Madman-Strategy-during-Vietnam-War\/<\/a><\/li>\n<li>Luu Van Loi &amp; Nguyen Anh Vu (1996): <i>Le Duc Tho &ndash; Kissinger: Negotiations in Paris<\/i>, Hanoi: The Gioi Publishers<\/li>\n<li>National Security Archive &ndash; George Washington University\/ <a href=\"https:\/\/nsarchive.gwu.edu\/about\">nsarchive.gwu.edu\/about<\/a><\/li>\n<li>John Pilger am 9. Oktober 2021 auf Twitter \/ <a href=\"https:\/\/twitter.com\/johnpilger\/status\/1446754626582290434\">twitter.com\/johnpilger\/status\/1446754626582290434<\/a> <i>&amp;<\/i> Daniel Hale: Enth&uuml;ller des Drohnenkriegs (nd aktuell) \/ <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1155021.daniel-hale-enthueller-des-drohnenkriegs.html\">nd-aktuell.de\/artikel\/1155021.daniel-hale-enthueller-des-drohnenkriegs.html<\/a><\/li>\n<li>William Shawcross (1979): <i>Sideshow &ndash; Kissinger, Nixon and the Destruction of Cambodia. <\/i>New York: Simon &amp; Schuster<\/li>\n<li>Ludwig Watzal (1994): <i>Frieden ohne Gerechtigkeit? Israel und die Menschenrechte der Pal&auml;stinenser. Mit einem Vorwort von Arnold Hottinger.<\/i> K&ouml;ln\/Weimar\/Wien: B&ouml;hlau Verlag<\/li>\n<li>Ludo De Witte (2001): <i>Regierungsauftrag Mord &ndash; Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise.<\/i> Leipzig: Forum Verlag<\/li>\n<\/ul><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/207d2eef303f4123b172478383941940\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 1901 wird allj&auml;hrlich am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Bernhard Nobel, der nach ihm benannte Friedenspreis vom norwegischen K&ouml;nig in Oslo &uuml;berreicht. Die Preistr&auml;ger erhalten eine Urkunde, eine Goldmedaille und einen Geldbetrag, der vom Jahreszinsertrag der Nobelstiftung abh&auml;ngt. 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