{"id":7884,"date":"2011-01-04T09:11:51","date_gmt":"2011-01-04T08:11:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7884"},"modified":"2014-07-28T11:38:38","modified_gmt":"2014-07-28T09:38:38","slug":"bertelsmann-als-weichspueler-einer-oecd-studie-ueber-wachsende-ungleichheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7884","title":{"rendered":"Bertelsmann als Weichsp\u00fcler einer OECD-Studie \u00fcber wachsende Ungleichheit"},"content":{"rendered":"<p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Deutschland ist ungerechter als viele andere L&auml;nder&ldquo; berichtete gestern (3.1.2011) <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/oecd150.html\">tagesschau.de<\/a> &uuml;ber eine Studie der Bertelsmann Stiftung, wonach es in Deutschland deutlich ungerechter zugeht als in vielen anderen Industriel&auml;ndern. Bei einem Vergleich von 31 Mitgliedstaaten der OECD landete unser Land nur auf Platz 15. So weit, so schlecht.<br>\nStatt aber &uuml;ber das Original der OECD-Studie <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/dataoecd\/45\/27\/41525386.pdf\">&bdquo;Growing Unequal?: Income Distribution and Poverty in OECD Countries [PDF &ndash; 251 KB]<\/a> zu berichten, erspart sich die ARD die Kosten von 70 Euro und vor allem die M&uuml;he der Auswertung und &uuml;bernimmt eine weichgesp&uuml;lte Interpretation der Bertelsmann Stiftung. Dabei h&auml;tte man den Kernsatz der OECD-Studie im Original sogar auf deutsch nachlesen k&ouml;nnen:<br>\n&bdquo;Seit dem Jahr 2000 haben in Deutschland Einkommensungleichheit und Armut st&auml;rker zugenommen als in jedem anderen OECD Land. <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/dataoecd\/45\/27\/41525386.pdf\">Der Anstieg zwischen 2000 und 2005 &uuml;bertraf jenen in den gesamten vorherigen 15 Jahren (1985 &ndash; 2000) [PDF &ndash; 251 KB].<\/a>&ldquo; Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Die entsprechenden Grafiken sehen bei der OECD wie folgt aus:<\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/110104_einkommensungleichheit_2000.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110104_einkommensungleichheit_2000_small.jpg\" alt=\"Einkommensungleichheiten\"><\/a><\/p><p>&bdquo;Die steigende Ungleichheit ist arbeitsmarktinduziert. Einerseits nahm die Spreizung der L&ouml;hne und Geh&auml;lter seit 1995 drastisch zu &ndash; notabene nach einer langen Periode der Stabilit&auml;t. Andererseits erh&ouml;hte sich die Anzahl der Haushalte ohne jedes Erwerbseinkommen auf 19% &ndash; den h&ouml;chsten Wert innerhalb der OECD&ldquo;, hei&szlig;t es u.a. in der OECD-Anmerkung zu Deutschland. <\/p><p>Schon der Titel der OECD-Untersuchung wird von Bertelsmann weichgesp&uuml;lt: Aus &bdquo;Wachsende Ungleichheit?&ldquo; wird &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/cps\/rde\/xbcr\/SID-C584E17A-247C309C\/bst\/xcms_bst_dms_33013_33014_2.pdf\">Soziale Gerechtigkeit in der OECD [PDF &ndash; 3.1 MB]<\/a>&ldquo;.<\/p><p>Die Bertelsmann-Auswertung mildert die OECD-Aussage, dass in &bdquo;Deutschland Einkommensungleichheit und Armut st&auml;rker zugenommen als in jedem anderen OECD Land&ldquo; ab und schreibt die Ungleichverteilung der Einkommen habe so stark zugenommen &bdquo;wie in kaum einem Land. Schon im ersten Satz wird relativiert: &bdquo;Deutschland hat in Sachen sozialer Gerechtigkeit noch einigen Nachholbedarf.&ldquo; Deutschland ist danach also nicht etwa zur&uuml;ckgefallen, sondern hat nur &bdquo;einigen Nachholbedarf&ldquo;.<br>\nOder: Die Einkommensarmut habe in der Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten eben nur &bdquo;deutlich zugenommen&ldquo;. <\/p><p>Der Skandal, dass in Deutschland &uuml;ber 11 Prozent der Kinder unter der Armutsgrenze leben, w&auml;hrend es in den skandinavischen L&auml;ndern nur 2,7 Prozent sind, wird als &bdquo;Besorgnis erregend&ldquo; verharmlost.  <\/p><p>Die ziemlich blamable Feststellung der OECD, dass bei den Chancen auf sozialen Aufstieg durch Ausbildung auf Rang 22 der 31 untersuchten L&auml;ndern landet, wird bei Bertelsmann wie folgt abgefedert:<br>\n<em>&bdquo;Trotz verbesserter PISA-Werte &ndash; das deutsche Bildungssystem hat unter dem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit klare Defizite. Hier rangiert Deutschland im OECD-Vergleich nur im unteren Mittelfeld.&ldquo;<\/em><br>\nOder:<br>\nDie Investitionen in fr&uuml;hkindliche Bildung seien &bdquo;<em>noch stark ausbauf&auml;hig<\/em>&ldquo;, hei&szlig;t des da besch&ouml;nigend. <\/p><p>Nicht zu bestreitende negative Aussagen, wie etwa, dass Deutschland bei der Vermeidung von Langzeitarbeitslosigkeit im OECD-Vergleich auf dem vorletzten Platz landet, werden bei Bertelsmann in Erfolgsmeldungen &uuml;ber den Arbeitsmarkt eingepackt:<br>\n<em>&bdquo;Die weltweite Wirtschaftskrise ist in Deutschland am Arbeitsmarkt trotz der starken Exportabh&auml;ngigkeit der inl&auml;ndischen Wirtschaft deutlich weniger sp&uuml;rbar als in anderen L&auml;ndern. Die Zahl der Arbeitslosen ist zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf einen Wert unter drei Millionen gesunken, die Besch&auml;ftigungsquote hat die 70-Prozent-Marke geknackt und liegt inzwischen klar &uuml;ber dem OECD-Mittelwert (66,3 Prozent). Fortschritte wurden zudem bei der Erwerbsintegration von Frauen und &auml;lteren Arbeitskr&auml;ften erzielt. Doch unter dem Gesichtspunkt sozialer Gerechtigkeit gibt es durchaus noch einige Schattenseiten. So haben einige gesellschaftliche Gruppen &ndash; wie Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte &ndash; nach wie vor gro&szlig;e Schwierigkeiten, in Besch&auml;ftigung zu kommen.&ldquo;<\/em><\/p><p>Faktum ist, dass jeder zweite Erwerbslos in Deutschland von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen ist, in Kanada und in den USA nur jeder zehnte und in Norwegen ist dieses Problem sogar vernachl&auml;ssigbar. Deutschland liegt beim internationalen Vergleich der Langzeitarbeitslosigkeit auf dem zweitletzten Platz. (Und dennoch geh&ouml;rte Deutschland zu den ersten L&auml;ndern, das die Rente mit 67 eingef&uuml;hrt hat, m&uuml;sste man hinzuf&uuml;gen.) <\/p><p>Bertelsmann kann es nicht lassen, selbst bei der Auswertung einer fremden Studie auf die eigenen politischen Bewertungen zu verzichten. Dass Deutschland hinter Schweden, Norwegen, D&auml;nemark, Finnland, der Schweiz, Frankreich, Island, Neuseeland, Gro&szlig;britannien und Luxemburg das Prinzip Generationengerechtigkeit &bdquo;<em>vergleichsweise gut verwirklicht<\/em>&ldquo; habe, kommentiert Bertelsmann mit dem Satz: &bdquo;<em>Die Verankerung einer Schuldenbremse im Grundgesetz soll verhindern, dass nachfolgende Generationen finanzielle Lasten in &uuml;berm&auml;&szlig;iger H&ouml;he tragen m&uuml;ssen.<\/em>&ldquo; Nun hat die Schuldenbremse ja noch gar keine Wirkung und ist somit f&uuml;r den gegenw&auml;rtigen Zustand der &bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo; v&ouml;llig irrelevant. Dar&uuml;ber hinaus aber ist die gr&ouml;&szlig;te Zeitbombe f&uuml;r <strong>intergenerative<\/strong> Gerechtigkeit, die in der OECD-Studie konstatierte dramatische Zunahme der <strong>intragenerative<\/strong> Ungerechtigkeit. Denn die Schulden der einen sind zu jedem Zeitpunkt auch in Zukunft die Verm&ouml;gen der anderen. <\/p><p>Auch bei der Darstellung der Arbeitsmarktsituation &uuml;bernimmt Bertelsmann die Propagandafloskeln der Regierung: &bdquo;<em>Gerechtigkeitsl&uuml;cke trotz <strong>Jobwunder<\/strong><\/em>&ldquo; hei&szlig;t es da. Und weiter geht es mit dem Lob der Agenda-Politik: &bdquo;<em>Der Gesetzgeber hat in den vergangenen Jahren einschneidende Reformen auf den Weg gebracht, die die Situation in der Bundesrepublik deutlich verbessert haben.<\/em>&ldquo;<\/p><p>Immerhin res&uuml;miert Bertelsmann:<br>\n<em>&bdquo;Der internationale Vergleich zeigt jedoch eindeutig: Soziale Gerechtigkeit und marktwirtschaftliche Leistungsf&auml;higkeit m&uuml;ssen sich keineswegs gegenseitig ausschlie&szlig;en; dies belegen insbesondere die Erfolgsbeispiele der nordeurop&auml;ischen L&auml;nder. Auch wenn diese L&auml;nder nicht bei jedem der hier ber&uuml;cksichtigten Indikatoren durchweg an der Spitze stehen, so sind die &bdquo;universalistischen Wohlfahrtsstaaten&ldquo; Nordeuropas doch offenbar insgesamt am besten in der Lage, f&uuml;r gleiche Verwirklichungschancen innerhalb ihrer Gesellschaften zu sorgen.&ldquo;<\/em><br>\nAllerdings nicht, ohne dass gleich wieder einschr&auml;nkend hinzugef&uuml;gt wird:<br>\n<em>&bdquo;Freilich hei&szlig;t dies nicht, dass Politikmuster, die in einem Land erfolgreich sind, zwangsl&auml;ufig auch im Rahmen eines anderen politischen Systems genauso funktionieren.&ldquo;<\/em><\/p><p>Am besten man schaut sich in dieser Bertelsmann-Auswertung der OECD-Studie nur die Tabellen und Grafiken an. Dann kann man sich ein eigenes Bild verschaffen, ohne dass man von den Weichsp&uuml;lungen der Bertelsmann Stiftung auf ideologische F&auml;hrten gelenkt wird. <\/p><p>Siehe das <a href=\"\/upload\/pdf\/110104_bericht.pdf\">Inhaltsverzeichnis des OECD-Berichts<\/a>.<br>\nSiehe auch <a href=\"\/upload\/pdf\/110104_zusammenfassung.pdf\">die Zusammenfassung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Deutschland ist ungerechter als viele andere L&auml;nder&ldquo; berichtete gestern (3.1.2011) <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/oecd150.html\">tagesschau.de<\/a> &uuml;ber eine Studie der Bertelsmann Stiftung, wonach es in Deutschland deutlich ungerechter zugeht als in vielen anderen Industriel&auml;ndern. Bei einem Vergleich von 31 Mitgliedstaaten der OECD landete unser Land nur auf Platz 15. So weit, so schlecht.<br \/> Statt aber &uuml;ber<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7884\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,11,132],"tags":[232,319,602,451],"class_list":["post-7884","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-strategien-der-meinungsmache","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-bertelsmann","tag-lohnentwicklung","tag-oecd","tag-tagesschau"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7884","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7884"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7884\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22537,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7884\/revisions\/22537"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7884"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7884"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7884"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}