{"id":79106,"date":"2021-12-19T11:00:21","date_gmt":"2021-12-19T10:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79106"},"modified":"2021-12-19T15:34:34","modified_gmt":"2021-12-19T14:34:34","slug":"oekofonds-notwendiger-klimaschutz-oder-akt-kollektiver-selbsttaeuschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79106","title":{"rendered":"\u00d6kofonds \u2013 notwendiger Klimaschutz oder Akt kollektiver Selbstt\u00e4uschung?"},"content":{"rendered":"<p>Das Gesch&auml;ft mit nachhaltigen Finanzen brummt. Das verwaltete Verm&ouml;gen von Fonds mit europ&auml;ischem &Ouml;kolabel &uuml;berschritt im Oktober erstmals die Marke von einer Billion Euro. Rund ein F&uuml;nftel des gesamten deutschen Fondsverm&ouml;gens entf&auml;llt inzwischen auf nachhaltige Produkte. Doch die sch&ouml;ne neue gr&uuml;ne Finanzwelt bekommt erste Kratzer. Greenwashing-Vorw&uuml;rfe kommen aus der Finanzbranche selbst und nun auch von der unabh&auml;ngigen B&uuml;rgerbewegung Finanzwende. Von <strong>Thomas Trares<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nLetztere hat zusammen mit dem Analyseunternehmen Morningstar &uuml;ber 300 in Deutschland angebotene gr&uuml;ne Fonds <a href=\"https:\/\/www.finanzwende.de\/ueber-uns\/aktuelles\/fonds-greenwashing-weit-verbreitet\/\">unter die Lupe genommen<\/a>. Das Ergebnis: Die Verteilung der angelegten Gelder zwischen nachhaltigen und konventionellen Fonds unterscheidet sich kaum. Oftmals werden weder besonders problematische Unternehmen noch sch&auml;dliche Sektoren ausgeschlossen. Auch ein Schwerpunkt auf klar zukunftstr&auml;chtige Investments ist nicht erkennbar. Das Fazit der Studie: Nachhaltige Geldanlagen tragen in vielen F&auml;llen nicht zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise bei. Ohne klare Vorgaben des Gesetzgebers bleibt Nachhaltigkeit oft nur ein Werbeversprechen.<\/p><p>Das Ergebnis deckt sich weitgehend mit den Schilderungen zweier Brancheninsider, die zuletzt f&uuml;r Schlagzeilen sorgten. Einer davon ist Desir&eacute;e Fixler, ehemalige Nachhaltigkeitschefin bei der Deutschen-Bank-Tochter DWS, der nach Allianz Global Investors zweitgr&ouml;&szlig;ten deutschen Verm&ouml;gensverwalterin. Ein halbes Jahr lang hat Fixler das Ressort geleitet, im M&auml;rz dieses Jahres wurde sie gefeuert. Nun wirft Fixler ihrem fr&uuml;heren Arbeitgeber vor, die Anleger zu t&auml;uschen. &bdquo;Es ist schrecklich, wenn F&uuml;hrungskr&auml;fte dieses Thema als Marketinginstrument missbrauchen&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.finanznachrichten.de\/nachrichten-2021-08\/53820281-ex-nachhaltigkeitschefin-wirft-dws-falschdarstellung-vor-015.htm\">sagte sie<\/a>.<\/p><p><strong>Insider packen aus<\/strong><\/p><p>Konkret geht es um Anlageprodukte mit dem K&uuml;rzel ESG, das sich an den M&auml;rkten inzwischen als der Nachhaltigkeitsstandard etabliert hat. ESG steht f&uuml;r Environment, Social und Governance, also f&uuml;r &Ouml;kologie, Soziales und (gute) F&uuml;hrung. In ihrem Jahresabschluss 2020 schreibt die DWS, dass mehr als die H&auml;lfte des verwalteten Verm&ouml;gens, n&auml;mlich 459 Milliarden Euro, in Portfolien &bdquo;mit ESG Integrationsansatz&ldquo; stecken w&uuml;rden. In einer internen Bestandsaufnahme vom Februar 2021 war aber anderes zu lesen: &bdquo;Nur ein kleiner Teil der Investmentplattform wendet die ESG-Integration an&ldquo;, hie&szlig; es dort. Fixlers Enth&uuml;llungen haben hohe Wellen geschlagen. Anfang August <a href=\"https:\/\/www.wsj.com\/articles\/fired-executive-says-deutsche-banks-dws-overstated-sustainable-investing-efforts-11627810380\">griff<\/a> die US-Finanzzeitung &bdquo;Wall Street Journal&ldquo; den Fall auf. Nun <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/finanzen\/banken-versicherungen\/banken\/nach-whistleblower-affaere-deutscher-bank-droht-neuer-aerger-mit-der-us-justiz\/27875864.html?ticket=ST-7372344-jF7OzkVADwXnbeGtpnIq-cas01.example.org\">droht<\/a> der DWS &Auml;rger mit der US-Justiz. <\/p><p>Ein weiterer Insiderbericht kommt von dem Kanadier Tariq Fancy. Er war von Januar 2018 bis September 2019 Chefanlagestratege f&uuml;r nachhaltige Investments bei Blackrock, dem mit rund neun Billionen Dollar verwaltetem Verm&ouml;gen gr&ouml;&szlig;ten Verm&ouml;gensverwalter der Welt. Ende August stellte Fancy sein Essay <a href=\"https:\/\/medium.com\/@sosofancy\/the-secret-diary-of-a-sustainable-investor-part-1-70b6987fa139\">&bdquo;Das geheime Tagebuch eines nachhaltigen Investors&ldquo;<\/a> ins Internet. Darin bezeichnete er nachhaltige Investments als &bdquo;gef&auml;hrliches Placebo&ldquo;. Das Pamphlet schlug ebenfalls hohe Wellen. Pikant dabei: Fancys fr&uuml;herer Chef ist kein Geringerer als Blackrock-Gr&uuml;nder Larry Fink, der sich inzwischen gern als Klimaretter inszeniert und seinen j&auml;hrlichen <a href=\"https:\/\/www.blackrock.com\/ch\/privatanleger\/de\/larry-fink-ceo-letter\">Brief<\/a> an die CEOs dazu nutzt, den Firmenchefs dieser Welt ins &bdquo;gr&uuml;ne Gewissen&ldquo; zu reden. <\/p><p><strong>Was taugen die gr&uuml;nen Investments wirklich?<\/strong><\/p><p>All diese F&auml;lle werfen Fragen auf: Sind gr&uuml;ne Investments tats&auml;chlich ein Gewinn f&uuml;r die Umwelt, wie die Finanzbranche unterstellt, oder doch nur ein Marketinginstrument, wie die Kritiker behaupten? Klar ist: Angesichts des Megatrends Nachhaltigkeit kann sich die Finanzbranche eine Verweigerungshaltung wie vor 20, 30 Jahren, als man Umweltschutz noch als &bdquo;Jobkiller&ldquo; bezeichnete, gar nicht mehr leisten. Heute pr&auml;sentiert sie sich viel lieber als Teil der L&ouml;sung. Auf der Homepage der DWS hei&szlig;t es beispielsweise: &bdquo;Anleger spielen im Kampf gegen den Klimawandel wie auch im Hinblick auf grundlegende &ouml;kologische und soziale Fragen in Zukunft eine wichtige Rolle.&ldquo;<\/p><p>Kritiker indes sagen, dass sich das Gesch&auml;ft vor allem f&uuml;r die Fonds selbst lohnt, weil sie f&uuml;r nachhaltige Investments h&ouml;here Geb&uuml;hren kassieren k&ouml;nnen. Die britische &Ouml;konomin und fr&uuml;here Labour-Beraterin Daniela Gabor <a href=\"https:\/\/braveneweurope.com\/daniela-gabor-wall-street-will-not-save-the-planet-from-climate-crisis-only-you-can\">sprach<\/a> bereits vor zwei Jahren von einem &bdquo;Wall Street Climate Consensus&ldquo;, der letztlich nichts anderes bedeutet, als dass die Wall Street einen Weg gefunden hat, wie sie mit dem Klimawandel Geld verdienen kann. Die entscheidende Stellschraube daf&uuml;r seien die ESG-Kriterien. Hier k&ouml;nne die Finanzbranche selbst definieren, was nachhaltig ist und was nicht.<\/p><p><strong>&bdquo;Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit&ldquo;<\/strong><\/p><p>Doch sind es tats&auml;chlich nur Kapital- und Machtinteressen, die einer nachhaltigeren Finanzwelt bzw. einer sozial-&ouml;kologischen Transformation der Wirtschaft im Wege stehen? Oder handelt es sich bei all dem gr&uuml;nen Finanzzinnober nicht doch eher um einen Akt kollektiver Selbstt&auml;uschung, bei dem sich gerade die umweltbewussten Anleger besonders bereitwillig t&auml;uschen lassen? Letzteres zumindest unterstellt der Wiener Soziologe Ingolfur Bl&uuml;hdorn. Dieser hat bei dem Thema Nachhaltigkeit eine Art stillschweigende &Uuml;bereinkunft, ja eine Art Komplizenschaft zwischen Unternehmen, Verbrauchern und Politik ausgemacht. Demnach w&uuml;rden Umwelt- und Klimaschutz von allen Beteiligten so lange geduldet oder gar propagiert, so lange sie Wohlstand und Lebensstil nicht bedrohen.<\/p><p>Bl&uuml;hdorn zufolge hat sich die klimapolitische Debatte in einer Art Endlosschleife verfangen. Seit Jahren, ja seit Jahrzehnten w&uuml;rden immer die gleichen Forderungen und Warnungen ausgesprochen, ohne dass sich grundlegend etwas ge&auml;ndert hat. Was der SPD-Politiker Erhard Eppler 1975 in seinem Buch &bdquo;Wende oder Ende&ldquo; beschrieb, wiederhole exakt 45 Jahre sp&auml;ter die &Ouml;konomin Maja G&ouml;pel in ihrem Bestseller &bdquo;Unsere Welt neu denken&ldquo;. Der Tenor sei immer derselbe: &bdquo;Ja, es ist f&uuml;nf vor Zw&ouml;lf. Aber wenn wir jetzt handeln, ist es noch nicht zu sp&auml;t. Und zum Gl&uuml;ck nehmen Umweltbewusstsein und Handlungsbereitschaft der B&uuml;rger ja jetzt zu.&ldquo; Ungeachtet dessen setzt sich die Umweltzerst&ouml;rung immer weiter fort. Der Aussto&szlig; von Treibhausgasen liegt heute 60 Prozent h&ouml;her als zu Zeiten des Mauerfalls. Bl&uuml;hdorn <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-4516-3\/nachhaltige-nicht-nachhaltigkeit\/\">bezeichnet<\/a> all dies als &bdquo;nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit&ldquo;. <\/p><p><strong>Das Gr&uuml;nen-Paradoxon<\/strong><\/p><p>Dass es sich bei dieser &bdquo;nachhaltigen Nicht-Nachhaltigkeit&ldquo; um einen erstaunlich stabilen Zustand handelt, f&uuml;hrt Bl&uuml;hdorn darauf zur&uuml;ck, dass er von allen relevanten gesellschaftlichen Gruppen mitgetragen wird, selbst die NGOs sind Teil des Spiels. So l&auml;sst sich denn wohl auch das Paradoxon leichter verstehen, dass die meisten Vielflieger ausgerechnet unter den Anh&auml;ngern von B&uuml;ndnis90\/Die Gr&uuml;nen zu finden sind. Dies zumindest hatte 2014 eine Umfrage im Auftrag des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/gruenen-waehler-halten-rekord-bei-flugreisen-a-1002376.html\">ergeben<\/a>. Besonders kurios: Unter den Befragten, die noch nie in ihrem Leben geflogen waren, befanden sich W&auml;hler aller Parteien, nur nicht von den Gr&uuml;nen.<\/p><p>Titelbild: sarayut_sy \/shutterstock.com<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/9f6f02920d47475390245e2f3151182d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gesch&auml;ft mit nachhaltigen Finanzen brummt. Das verwaltete Verm&ouml;gen von Fonds mit europ&auml;ischem &Ouml;kolabel &uuml;berschritt im Oktober erstmals die Marke von einer Billion Euro. Rund ein F&uuml;nftel des gesamten deutschen Fondsverm&ouml;gens entf&auml;llt inzwischen auf nachhaltige Produkte. 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Greenwashing-Vorw&uuml;rfe kommen aus der Finanzbranche selbst und nun auch von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79106\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":79107,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,85,176],"tags":[872,3176,1619,3146,1031,1848],"class_list":["post-79106","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-pr","category-umweltpolitik","tag-blackrock","tag-dws","tag-green-economy","tag-greenwashing","tag-investmentfonds","tag-nachhaltigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/shutterstock_1421546837.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79106","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=79106"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79106\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":79147,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79106\/revisions\/79147"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/79107"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=79106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=79106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=79106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}