{"id":79159,"date":"2021-12-20T09:45:17","date_gmt":"2021-12-20T08:45:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79159"},"modified":"2026-01-27T11:41:13","modified_gmt":"2026-01-27T10:41:13","slug":"anschlag-breitscheidplatz-die-manipulation-stand-am-anfang-der-geschichte-und-sie-durchzieht-sie-komplett-bis-zum-bitteren-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79159","title":{"rendered":"Anschlag Breitscheidplatz: \u201eDie \u201aManipulation\u2018 stand am Anfang der Geschichte, und sie durchzieht sie komplett bis zum bitteren Ende\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Journalist und Autor <strong>Thomas Moser<\/strong> setzt sich seit Jahren intensiv mit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz auseinander.<br>\nAm 19. Dezember soll der islamistische Terrorist Anis Amri einen LKW auf den Markt gesteuert haben. 12 Menschen sind bei dem Anschlag ums Leben gekommen, mindestens 67 wurden dabei verletzt, teilweise schwer. In seinem brisanten Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/der-amri-komplex.html\">Der Amri-Komplex. Ein Terroranschlag, 12 Tote und die Verstrickung des Staates<\/a> hat Moser akribisch dargelegt, wie gro&szlig; die Unterschiede zwischen der staatsoffiziellen Erz&auml;hlung im Hinblick auf den Anschlag sind und den Widerspr&uuml;chen, die er aufgedeckt hat. Im NachDenkSeiten-Interview beleuchtet Moser den Anschlag im Hinblick auf seine Recherchen und sagt unmissverst&auml;ndlich: &bdquo;Der Anschlag ist nicht aufgekl&auml;rt.&ldquo; Das Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9068\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-79159-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211221_Anschlag_Breitscheidplatz_Manipulation_bis_zum_bitteren_Ende_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211221_Anschlag_Breitscheidplatz_Manipulation_bis_zum_bitteren_Ende_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211221_Anschlag_Breitscheidplatz_Manipulation_bis_zum_bitteren_Ende_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211221_Anschlag_Breitscheidplatz_Manipulation_bis_zum_bitteren_Ende_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=79159-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211221_Anschlag_Breitscheidplatz_Manipulation_bis_zum_bitteren_Ende_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211221_Anschlag_Breitscheidplatz_Manipulation_bis_zum_bitteren_Ende_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Der Anschlag am Breitscheidplatz j&auml;hrt sich zum f&uuml;nften Mal. Sie haben sich in einem Buch <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gK65tGFP3mU\">genauer mit dem Anschlag befasst<\/a>. Was sind heute, an diesem Tag, Ihre Gedanken?<\/strong><\/p><p>Die h&auml;ngen nat&uuml;rlich nicht am Jahrestag, sondern an dem, was in den letzten f&uuml;nf Jahren auf erschreckende Weise zutage getreten ist.  Und da ist dann auch der Jahrestag, sagen wir, ziemlich doppeldeutig.  Der Anschlag ist nicht aufgekl&auml;rt. Und diejenigen, die zulassen, dass er nicht aufgekl&auml;rt wird, die politischen Eliten n&auml;mlich, inszenieren sich nun erneut im Namen der Opfer und missbrauchen die Erinnerung an die Tat. Sie enteignen die Opfer in gewisser Weise. Sie entrei&szlig;en ihnen die Tat und missbrauchen sie. Vielleicht erleben wir irgendwann, dass diese miesen Machtspiele entlarvt und unm&ouml;glich werden. Leider sieht es zurzeit nach dem Gegenteil aus. Es herrscht das gro&szlig;e Corona-Rollback.<\/p><p><strong>Wer sich mit bestimmten Terroranschl&auml;gen und Terrorgruppen auseinandersetzt, wei&szlig;, dass es oft ein sehr komplexes Gewirr an Informationen, Desinformationen, Wahrheiten und Halbwahrheiten gibt. Ob der Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, der Oktoberfest-Anschlag, der Fall NSU: Offizielle Wahrheiten stehen neben inoffiziellen Lesarten. <\/strong><\/p><p>Bevor wir uns n&auml;her &uuml;ber den Breitscheidplatz unterhalten: K&ouml;nnen Sie gewisse Grundmuster erkennen, die identisch sind oder sich &auml;hneln? <\/p><p>Ja. Dass die offizielle Version nicht stimmt, zum Beispiel.  Wir k&ouml;nnen zwar nicht sagen, wie es war. Was wir aber sagen k&ouml;nnen: So wie es offiziell dargestellt wird, war es nicht. Das eint Oktoberfest-Bombe, Buback-Attentat, NSU-Mordkomplex und den Anschlag vom Breitscheidplatz. Zu den &auml;hnlichen Grundmustern geh&ouml;rt auch die Behauptung von den Einzelt&auml;tern, zumindest f&uuml;r drei der genannten Terrorf&auml;lle. Gundolf K&ouml;hler in M&uuml;nchen, B&ouml;hnhardt und Mundlos, Amri waren aber zumindest keine Einzelt&auml;ter. Bei Amri ziehe ich ja sogar die Hauptt&auml;terschaft, der LKW-Fahrer gewesen zu sein, in Zweifel. In allen F&auml;llen wussten Sicherheitsbeh&ouml;rden vorher von den mutma&szlig;lichen oder angeblichen T&auml;tern. In allen F&auml;llen waren Agenten in staatlichen Diensten, Spitzel, V-Leute, verwickelt.  Und in allen F&auml;llen werden Unterlagen zur&uuml;ckgehalten oder Dokumente vernichtet. Ich finde, das ist eine &bdquo;Menge Holz&ldquo;.<\/p><p><strong>Wann sind Sie zum ersten Mal skeptisch geworden, dass an dem Anschlag in Berlin etwas nicht stimmt?<\/strong> <\/p><p>Als der Sonderermittler in Berlin, der fr&uuml;here Bundesanwalt Bruno Jost, davon sprach, dass im LKA die Akte Amri nach dem Anschlag programmatisch manipuliert wurde. Danach bin ich zu den diversen Aussch&uuml;ssen hingegangen, um mehr Informationen zu bekommen. Die &bdquo;Manipulation&ldquo; stand gewisserma&szlig;en am Anfang der Geschichte, und sie durchzieht sie komplett bis zum bitteren Ende. Zum Teil sind diese Manipulationen und Beweiskonstruktionen unglaublich primitiv. Das kommt schon einer Beleidigung der &ouml;ffentlichen Intelligenz gleich.  Zum Beispiel, dass eines der Handys des angeblichen T&auml;ters Amri au&szlig;en in einem Loch der LKW-Karosserie steckte.  Das muss eine dritte Person dort platziert haben. Oder, dass Amri bei seiner Flucht ein Handy mit sich f&uuml;hrte, das die Polizei offensichtlich verschwinden lie&szlig;. Das Handy w&auml;re nat&uuml;rlich ein unschlagbares Beweismittel. Oder, dass es ernstzunehmende Hinweise darauf gibt, dass der Berliner Soufiane A., mutma&szlig;licher Spitzname &bdquo;Fuffy&ldquo;, mit der Tat in Verbindung stand. Der Mann war aus anderen Gr&uuml;nden in Haft und l&auml;uft inzwischen wieder frei herum.<\/p><p><strong>Eine der Schwierigkeiten bei der Auseinandersetzung mit dem Anschlag scheint zu sein, dass es sehr viele Informationen gibt, die sich widersprechen oder &uuml;berlagern. Wir k&ouml;nnen in diesem Interview nicht alle Zusammenh&auml;nge im Detail beleuchten, das w&uuml;rde  den Rahmen sprengen. Aber k&ouml;nnen Sie unseren Lesern dennoch n&auml;herbringen, was Sie wissen? Anders gefragt: Was sind f&uuml;r Sie die wichtigsten Erkenntnisse?<\/strong> <\/p><p>Dass Anis Amri nicht der Hauptt&auml;ter war, der den LKW in den Weihnachtsmarkt steuerte. Das ergibt sich aus den Spuren am LKW, aus Zeugenbeobachtungen und anderen Ermittlungsergebnissen.  Man kann ihn aber zu den Tatbeteiligten z&auml;hlen. Wir h&auml;tten dann bereits zwei T&auml;ter und insofern eine Organisation. Amris Freund Bilel Ben Ammar wurde zun&auml;chst &ndash; zurecht &ndash; als zweiter Mordverd&auml;chtiger gef&uuml;hrt, ehe er unter der Patronage der Bundesregierung abgeschoben wurde. Da er meiner Meinung nach den Lastwagen ebenfalls nicht gefahren hat, h&auml;tten wir bereits drei T&auml;ter. Amri hat mit dem Tunesier Khaled A. in einem Zimmer gewohnt. Der war am Anschlagsabend m&ouml;glicherweise vor Ort und danach dann zwei Wochen verschwunden. Auch andere Personen aus dem Umfeld waren zur Tatzeit vor Ort. Mitbewohner von Amri und Khaled A. war der Tunesier Kamel A., von Beruf Lastwagenfahrer. Seine DNA wurde an der Tatpistole, mit der der polnische Speditionsfahrer erschossen wurde, sichergestellt. F&uuml;r das BKA allerdings kein Grund f&uuml;r einen Tatverdacht. Meine Tat- und T&auml;ter-Hypothese ist, wenn ich gefragt werde, dass der Anschlag etwa ein Jahr lang vorbereitet wurde und mindestens f&uuml;nf bis zehn Personen daran beteiligt waren. Darunter oder ganz in der &bdquo;N&auml;he&ldquo; auch V-Leute der Sicherheitsbeh&ouml;rden.<\/p><p><strong>Wenn tats&auml;chlich so viele Leute involviert w&auml;ren, spr&auml;che das f&uuml;r eine gr&ouml;&szlig;ere Operation.<\/strong><\/p><p>Es ist Vieles denkbar, alles w&auml;re aber auf jeden Fall gr&ouml;&szlig;er als die banale Einzel- und Spontant&auml;tertheorie. Ich gehe auch von einer Operation aus, wahrscheinlich gab es auch Planungsentwicklungen, Ver&auml;nderungen, Anpassungen. Und dann muss man in die Analyse noch mit einbeziehen, dass es m&ouml;glicherweise eine Operation mit doppeltem Boden war, dass nicht jeder der Tatbeteiligten wusste, welche Rolle er tats&auml;chlich spielt. Es m&uuml;ssen Alibis vorbereitet werden, und es wurde m&ouml;glicherweise ein &bdquo;T&auml;ter&ldquo; vorbereitet. Der &bdquo;Gundolf K&ouml;hler vom Breitscheidplatz&ldquo; sozusagen. F&uuml;r so ein Szenario sprechen die zahllosen, komplexen und widerspr&uuml;chlichen Details der Geschichte.<\/p><p><strong>Was gilt es noch zu hinterfragen?<\/strong><\/p><p>Zum Beispiel eben die Rolle dieser V-Leute. Ihre Anzahl im Umfeld von Amri und Co. ist zweistellig. In der Fussilet-Moschee in Berlin, von der aus mutma&szlig;lich der Anschlag geplant wurde, bewegten sich mindestens f&uuml;nf V-Leute. Das Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz hat wiederholt erkl&auml;rt, es habe dort eine Quelle gef&uuml;hrt, nur eine. Anfang Juni 2021, wenige Tage vor Abgabe seines Abschlussberichtes, bekam der Untersuchungsausschuss des Bundestages noch einmal Akten des BfV, die angeblich versehentlich nicht geliefert worden waren. Aus diesen Akten geht hervor, dass es eben eine zweite Quelle in besagter Moschee gab. Das falsche Spiel der Sicherheitsbeh&ouml;rden gegen&uuml;ber der Legislative, aber auch der &Ouml;ffentlichkeit und letztlich gegen&uuml;ber den Opfern muss aufh&ouml;ren. Das ist anti-demokratisch. Aus dem NSU-Komplex wissen wir, dass Staatsschutz und Verfassungsschutz mit ihren V-Leuten Neonazi-Gruppen aufgebaut und angef&uuml;hrt haben. So etwas &Auml;hnliches entdecken wir auch im islamistischen Bereich, V-Leute an der Spitze gewaltbereiter Gruppierungen. Und wenn wir dann noch lesen, so im Abschlussbericht des Bundestagsausschusses, dass Ben Ammar m&ouml;glicherweise ein V-Mann des BfV gewesen sein kann, wird es regelrecht kriminell. <\/p><p><strong>Was kann aus Ihrer Sicht noch nicht stimmen?<\/strong><\/p><p>Die Rolle, die Amri genau spielte, ist unklar. Er geh&ouml;rte zu den Tatbeteiligten, zu den Profis, die aus Tunesien kamen, das scheint klar zu sein. Daneben gab es aber auch die &bdquo;deutsche&ldquo;, die Berliner Gruppierung, die vor allem die Infrastruktur f&uuml;r den Anschlag stellte. Unter denen befindet sich eine Person mit demselben Nachnamen, Amri. Das ist m&ouml;glicherweise kein Zufall, sondern Teil des Plans. Aus den Unterlagen geht noch hervor, dass es von Anis Amri nach der Tat mindestens zwei Dementis gab. Dar&uuml;ber berichtet niemand, obwohl die Bundesanwaltschaft dazu ermittelt. Vielleicht hatte Amri realisiert, dass er allein f&uuml;r den Anschlag verantwortlich gemacht werden soll und hat deshalb widersprochen. Jedenfalls sind das alles Details, die gegen die banale offizielle Version vom sich selbst radikalisierten und spontanen Einzelt&auml;ter spricht. Der Anschlag war hochkomplex. <\/p><p><strong>Weitere Punkte, die es zu ber&uuml;cksichtigen gilt?<\/strong><\/p><p>Wichtig ist zum Beispiel zu wissen, seit wann genau der Anschlag vorbereitet wurde. Ich gehe, wie gesagt, von etwa einem Jahr aus, vom Weihnachtsmarkt 2015 bis zum Weihnachtsmarkt 2016. Es gibt zum Beispiel Wohnungen der potentiellen T&auml;ter oder Mitwisser am Breitscheidplatz oder in der N&auml;he. Wohnungen sind St&uuml;tzpunkte zur Vorbereitung und Absicherung der Tat. Eine wurde Ende November 2015 angemietet. Der Mieter, der sich auch in der Fussilet-Moschee bewegte, hielt sich zur Tatzeit am Breitscheidplatz auf. Das N&auml;chste ist die Frage der Terrorfinanzierung. Potentielle Terroristen brauchen Geld, f&uuml;r sich, f&uuml;r Mieten, Mobilit&auml;t, Waffen und so weiter.  Hier gibt es zwangsl&auml;ufig Ber&uuml;hrungspunkte von Islamisten mit der Organisierten Kriminalit&auml;t (OK). Amri und etliche aus seinem Umfeld waren beispielsweise Drogenh&auml;ndler. Woher bezogen sie die Drogen? Wie kam der Stoff nach Deutschland? Sie hatten auch Kontakt zu reichen und einflussreichen Clans in Berlin. Doch dieses Feld haben Polizei und Bundesanwaltschaft programmatisch nicht untersucht. Es habe mit dem Anschlag nichts zu tun, so BKA und Bundesanwaltschaft vor dem Bundestagsausschuss.<\/p><p><strong>2018 wurde ein Untersuchungsausschuss eingerichtet, der im Juni dieses Jahres seinen Abschlussbericht ver&ouml;ffentlichte. Was war das Ergebnis?<\/strong><\/p><p>Unter anderem das, was ich hier bisher geschildert habe. Einen Gro&szlig;teil meiner Erkenntnisse ziehe ich aus den Untersuchungsaussch&uuml;ssen. Daneben gibt es aber auch das Ergebnis, dass die Sicherheitsbeh&ouml;rden erneut gemauert, wenn nicht sogar gelogen haben. Akten und Zeugen wurden vorenthalten. Das bedeutet, dass es eine Involvierung dieser Beh&ouml;rden in den Anschlagskomplex geben muss und dass die wirkliche Aufkl&auml;rung eben noch nicht erfolgt ist. Die Bundeskanzlerin hat ihr Versprechen nicht eingel&ouml;st. Ihr Nachfolger ist aufgerufen, das nachzuholen. Die Aufkl&auml;rung m&uuml;sste also weitergehen, die parlamentarischen Untersuchungsaussch&uuml;sse m&uuml;ssten fortgesetzt werden. Das fordern &uuml;brigens auch Opfer des Anschlags. <\/p><p><strong>Wie haben Sie den Abschlussbericht aufgenommen?<\/strong> <\/p><p>Ambivalent. Es gibt ein Sondervotum der drei kleinen Fraktionen FDP, Linkspartei und Gr&uuml;ne, in dem steht, dass es in der Fussilet-Moschee in Berlin nicht nur eine, sondern mindestens eine zweite Quelle des BfV gab. Und dann gibt es eigentlich noch eine dramatischere Bemerkung in diesem Sondervotum. Ben Ammar sei V-Mann des BfV gewesen, was, w&ouml;rtlich, &bdquo;andere vermuten&ldquo; w&uuml;rden. Dann wird eingeschr&auml;nkt, es haben sich keine &bdquo;ausreichenden Belege&ldquo; gefunden, um das zu &bdquo;beurteilen&ldquo;. Gleichwohl blieben &bdquo;viele Fragen offen&ldquo;. Bei diesen &bdquo;anderen&ldquo; soll es sich um Personen in den Sicherheitsbeh&ouml;rden selbst handeln. Dass die Abgeordneten diese Vermutung zu Ben Ammar lancieren, zeigt mir, dass sie Informationen haben, die sie als werthaltig einsch&auml;tzen, nur eben nicht &uuml;berpr&uuml;fen konnten. Was wiederum an der Kooperationsverweigerung des BfV liegt. Die Ausschussminderheit von FDP, Linkspartei und Gr&uuml;nen schreibt zum Beispiel, die &bdquo;umfassende Aufkl&auml;rung&ldquo; sei &bdquo;faktisch nicht m&ouml;glich&ldquo; gewesen.<\/p><p><strong>Die Ausschussmitglieder von CDU, CSU und SPD sehen das aber anders.<\/strong><\/p><p>Ja, sie schreiben, dass Anis Amri zweifelsfrei der T&auml;ter sei.  Das ist nat&uuml;rlich auch ein &bdquo;Ergebnis&ldquo;. Allerdings ein bitteres, denn sie wissen genau, dass das so nicht stimmt, dass es begr&uuml;ndete Zweifel gibt. Vor allem auch der Ausschussvorsitzende Klaus-Dieter Gr&ouml;hler hat eine andere Arbeit geleistet und immer wieder durchaus Zweifel formuliert. Sie sind komplett umgefallen. Doch um zu so einer entgegengesetzten, unfundierten Bewertung zu kommen, m&uuml;ssen sie Sachverhalte &ndash; tut mir leid, das sagen zu m&uuml;ssen &ndash;  f&auml;lschen. Sie verschweigen die DNA einer nicht identifizierten Person im LKW. Sie behaupten, der LKW sei durch das automatische Notbremssystem gestoppt worden, dabei wissen sie, dass der Notbremsassistent gar nicht aktiviert war. Wider besseres Wissen sagen sie, den BKA-Ermittlern seien in Italien die Asservate Amris inklusive Tatpistole gezeigt worden. Tats&auml;chlich wurden ihnen nur Fotos gezeigt, und damit gab sich das BKA zufrieden. Die Ausschussmehrheit behauptet, f&uuml;r eine Tatbeteiligung Ben Ammars habe die Bundesanwaltschaft keine &bdquo;hinreichenden Anhaltspunkte&ldquo; gesehen. Tats&auml;chlich sprach die BAW von &bdquo;hinreichenden Anhaltspunkten&ldquo;, reklamiert aber, dass kein &bdquo;dringender Tatverdacht&ldquo; vorgelegen habe, um Ben Ammar nicht abzuschieben. Und so weiter und so fort. Die Frage ist nat&uuml;rlich, warum sind sie umgefallen? Warum verleugnen sie ihre eigene Arbeit?<\/p><p><strong>Wenn dem tats&auml;chlich so ist, dann stellt sich nat&uuml;rlich die Frage: Warum? Haben Sie einen Verdacht? Oder anders gefragt: Wie erkl&auml;ren Sie sich die Diskrepanz zwischen Ihrer Betrachtung und der Betrachtung von offizieller Seite?<\/strong><\/p><p>Die Offiziellen geben eigenes Verschulden nat&uuml;rlich nicht ohne weiteres zu, und Verstrickungen m&uuml;ssen sie einfach bestreiten. Hier geht es aber um Parlamentarier, die unterschiedliche Bewertungen treffen.<\/p><p>Die jeweilige Betrachtung muss Folgen haben &ndash; Folgen, die entgegengesetzt sind und sich widersprechen. Wer nur von Pannen redet oder von L&uuml;cken in der Sicherheitsarchitektur, der kann weiter innere Aufr&uuml;stung betreiben. Der l&auml;sst die Geheimdienste und die Staatsschutzabteilungen der Polizei unangetastet bzw. st&auml;rkt sie mit Geld, Personal und Kompetenzen. Wenn aber eine Verstrickung vorliegt, F&auml;lschungen, Manipulationen, Wissen um den Anschlag, m&ouml;glicherweise Beteiligung von V-Leuten, dann m&uuml;ssen die Konsequenzen anders aussehen. Dann sind die Beh&ouml;rden Beschuldigte, dann muss es Ermittlungen gegen sie geben, freien Aktenzugang, maximale Transparenz. In letzter Konsequenz eine Entmachtung oder gar Abschaffung der Dienste. Wer das aber nicht will, der favorisiert die erste &bdquo;L&ouml;sung&ldquo;. <\/p><p><strong>Wie sieht es mit der weiteren Aufkl&auml;rung aus?<\/strong> <\/p><p>Sie hat nicht stattgefunden, sie steht noch aus. Wer war der LKW-Fahrer? Welche Rolle spielte Anis Amri? Wie viel Leute waren beteiligt? Waren darunter auch V-Leute? Und so weiter. Streng genommen m&uuml;sste man die U-Aussch&uuml;sse fortsetzen. Aber nicht auf dem Level von bisher. Sie d&uuml;rfen nicht vom Goodwill der Beh&ouml;rden und vorgesetzten Ministerien abh&auml;ngen. Sie m&uuml;ssen sich als legitime hoheitliche staatliche Gewalt begreifen, die sich nicht von einer Beh&ouml;rde auf der Nase herumtanzen l&auml;sst. Die einen Zeugen, den sie benennt, auch tats&auml;chlich verh&ouml;ren kann und Akten tats&auml;chlich beizieht, die sie haben will. Notfalls muss ein Ausschuss selbstst&auml;ndig in die Registraturen gehen und sich das Material beschaffen. <\/p><p>Leider erwarte ich das von den Abgeordneten nicht automatisch aus sich heraus. Deshalb braucht es ein bisschen &bdquo;Unterst&uuml;tzung&ldquo; von au&szlig;en, von Seiten der &Ouml;ffentlichkeit. Ich bin zum Beispiel f&uuml;r Sitz- , Antrags- und Fragerecht f&uuml;r Opfer, entsprechend der Nebenklage in einem Prozess. In einem weiteren Schritt k&ouml;nnte man ein &ouml;ffentliches Fragerecht einf&uuml;hren. Fragen, die die Ausschussmitglieder nicht stellen, weil sie nicht darauf kommen oder es nicht wollen, k&ouml;nnten dann vom Publikum kommen. Ganz im Sinne der res publica sozusagen. Das w&auml;re eine notwendige Demokratisierung der parlamentarischen Demokratie.<\/p><p>Titelbild: Sergey Kohl\/shutterstock.com<\/p><p><em>Lesetipp: Thomas Moser: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/der-amri-komplex.html\">Der Amri-Komplex. Ein Terroranschlag, 12 Tote und die Verstrickung des Staates<\/a>. Westend. 239 Seiten. 18 Euro.<\/em><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/b29e2ecf2cfe4b8ab090547ce7540b93\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Journalist und Autor <strong>Thomas Moser<\/strong> setzt sich seit Jahren intensiv mit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz auseinander.<br \/> Am 19. Dezember soll der islamistische Terrorist Anis Amri einen LKW auf den Markt gesteuert haben. 12 Menschen sind bei dem Anschlag ums Leben gekommen, mindestens 67 wurden dabei verletzt, teilweise schwer. 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