{"id":79201,"date":"2021-12-21T12:28:33","date_gmt":"2021-12-21T11:28:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79201"},"modified":"2021-12-22T07:43:14","modified_gmt":"2021-12-22T06:43:14","slug":"und-es-oeffneten-sich-die-grossen-alleen-gabriel-borics-wahl-zum-neuen-praesidenten-chiles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79201","title":{"rendered":"\u201eUnd es \u00f6ffneten sich die gro\u00dfen Alleen&#8230;\u201c \u2013 Gabriel Borics Wahl zum neuen Pr\u00e4sidenten Chiles"},"content":{"rendered":"<p>Die Wahllokale &ouml;ffneten um Punkt 8 Uhr morgens, doch die wenigsten von ihnen befanden sich in der N&auml;he der &uuml;ber Wochen hinweg per Radio, Fernsehen, sozialen Netzwerken und mit Lokaltreffen der beiden Pr&auml;sidentschaftskandidaten mobilisierten W&auml;hlerInnen in den Vorst&auml;dten und Au&szlig;enbezirken der 7-Millionen-Metropole Santiago. Hunderttausende wahlbereite B&uuml;rgerInnen str&ouml;mten auf die nahezu perfekt funktionierende U-Bahn zu, deren letzte Stationen jedoch nur mit Zubringerbussen zu erreichen sind. In den Nobelvierteln von Santiago Oriente fuhren fast leere Busse mit gelangweilten Fahrern die Avenidas auf und ab. Doch siehe da, in armen S&uuml;den der Hauptstadt keine Spur von Bussen an den Haltestellen. Die Wartezeiten dehnten sich auf eineinhalb Stunden aus, die Menschen schwitzten ihre Ungeduld unter mehr als 30 Grad im Schatten aus. Eine Vor-Ort-Reportage von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_722\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-79201-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211221-Und-es-oeffneten-sich-die-grossen-Alleen-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211221-Und-es-oeffneten-sich-die-grossen-Alleen-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211221-Und-es-oeffneten-sich-die-grossen-Alleen-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211221-Und-es-oeffneten-sich-die-grossen-Alleen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=79201-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211221-Und-es-oeffneten-sich-die-grossen-Alleen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211221-Und-es-oeffneten-sich-die-grossen-Alleen-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Geplante Wahlbehinderung oder schlechte Planung?<\/strong><\/p><p>Am fr&uuml;hen Nachmittag wuchs sich der Mangel zu Protesten aus. Izkia Siches, Sprecherin des Pr&auml;sidentschaftskandidaten Gabriel Boric, kritisierte, nach genauen Berechnungen sei nur die H&auml;lfte der Busflotte eines normalen Tages im Betrieb, allerdings sei der Wahlsonntag kein &bdquo;normaler&ldquo;, sondern ein au&szlig;ergew&ouml;hnlicher Tag, f&uuml;r den die Regierung nicht vorgesorgt habe. Daniel Jadue &ndash; B&uuml;rgermeister des Bezirks Recoleta, Mitglied der Kommunistischen Partei sowie des <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78180\">Apruebo-Dignidad-B&uuml;ndnisses zwischen Borics Frente Amplio und der KP<\/a> &ndash; warf der Regierung <a href=\"https:\/\/www.latercera.com\/politica\/noticia\/izkia-siches-llama-al-gobierno-a-garantizar-el-transporte-de-los-votantes-ante-reclamos-de-falta-de-buses-en-la-rm\/FA5UELY6FZHGJCSDCT45HRFP4U\/\">&bdquo;schamlosen Boykott&ldquo;<\/a> vor. Die Linken reichten sodann gegen Verkehrsministerin Gloria Hutt in Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;eras konservativem Kabinett eine Klage wegen &bdquo;Verz&ouml;gerung oder Verweigerung der W&auml;hler-Bef&ouml;rderung&ldquo; ein.<\/p><p>Parallel dazu protestierte Santiagos christdemokratischer Gouverneur Claudio Orrego und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Orrego\/status\/1472673216120320003\">twitterte<\/a>: &bdquo;Genau der Tag, an dem das tadellos h&auml;tte ablaufen sollen, wird von schlechter Planung und schlechten Erkl&auml;rungen der Regierung &uuml;berschattet. Die Tatsache ist unbestreitbar, es gab besorgniserregende Menschenmengen. Rote Karte f&uuml;r die Verkehrspolitik der Regierung an einem Tag, an dem dies NICHT passieren darf&ldquo;. Inzwischen posteten erboste W&auml;hler auf Twitter Fotos von hunderten geparkter Busse auf Anlagen privater Verkehrsunternehmen. F&uuml;r deren Betriebskonzessionen weder die B&uuml;rgermeisterin noch der Gouverneur Santiagos, sondern ausschlie&szlig;lich Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;eras Zentralregierung Befugnisse besitzt. Derart unbeweglich und anachronistisch ist das noch in Kraft befindliche Verwaltungssystem, auf das die neoliberalen Konservativen nicht verzichten, das die Progressiven jedoch mit Karacho durch eine neue F&ouml;deration ersetzen wollen.<\/p><p>Es war inzwischen 2 Uhr nachmittags, als diesmal kein Politiker oder Mandatstr&auml;ger, sondern Andr&eacute;s Tagle, Vorsitzender der nationalen Wahlbeh&ouml;rden (Servel), bei Ministerin Hutt Alarm schlug und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ServelChile\/status\/1472610451196424199\">sie zur Handlung aufforderte<\/a>. Erst danach kam etwas Schwung in die B&uuml;rgerbef&ouml;rderung zu den Wahllokalen, vor denen sich teilweise lange Schlangen bis nach der offiziellen &Ouml;ffnungszeit um 18 Uhr abends bildeten. Knapp anderthalb Stunden sp&auml;ter gab Servel die erste &bdquo;nicht offizielle und nicht einklagbare&ldquo; Hochrechnung bekannt.<\/p><p><strong>Rekordbeteiligung der Frauen und Jugendlichen sicherte Boric den Sieg<\/strong><\/p><p>Als die erste Hochrechnung auf einen nahezu 12-prozentigen Vorsprung Borics (55,87 Prozent zu 44,13 Prozent der Stimmen) gegen&uuml;ber Jos&eacute; Antonio Kast hindeutete, geriet das rechtsradikale Lager in Panik, akzeptierte jedoch resigniert seine eigene Prognose eines &bdquo;knappen Sieges zu unseren Gunsten&ldquo; als simple Propaganda und dass die Wahl verloren war.<\/p><p>Trotz mehrfacher Kritik an den falschen Voraussagen der chilenischen Umfrage-Institute behielten die Demoskopen des Instituts Pulso Ciudadano doch recht. In der letzten gesetzlich erlaubten Umfrage vom 4. Dezember hatten sie einen Vorsprung von gut 13 Prozent zugunsten Borics vorausgesagt. Womit der 35-j&auml;hrige Kandidat den Mythos beerdigte, wonach der Unterlegene in der ersten Runde &ndash; in der Kast mit 28 zu 26 Prozent Boric besiegte &ndash; kaum je als Sieger aus einer Stichwahl hervorgeht. Der entscheidende Aspekt, den die Institute nicht vorauszusehen vermochten, war die &uuml;berraschend hohe Wahlbeteiligung von 56 Prozent. Von den 15 Millionen Wahlberechtigten gaben 8,3 Millionen W&auml;hler ihre Stimmen ab; 1,2 Millionen Stimmen zus&auml;tzlich gegen&uuml;ber der ersten Wahlrunde. Davon entfielen 970.000 Mehrstimmen an Gabriel Boric.<\/p><p>Interessante Aussagen gehen aus der Kartierung der Stimmenabgabe hervor. Die dem Big-Data-Konzern Unholster geh&ouml;rende Plattform Decide Chile untersuchte Tabellen mit aufgeschl&uuml;sselten Daten der Wahlbeh&ouml;rde Servel und entwarf eine vollkommen neue &bdquo;Landkarte in Sachen Wahlen&ldquo;. Sie signalisiert, dass zwei Drittel der potentiellen W&auml;hlerInnen unter 50 Jahren zur Wahl gingen, und zwar insbesondere unter den unter 30-J&auml;hrigen. Von denen w&auml;hlten <a href=\"https:\/\/www.latercera.com\/la-tercera-pm\/noticia\/mujeres-menores-de-50-anos-el-motor-del-triunfo-de-boric-como-fue-la-participacion-y-preferencias-por-edad-y-sexo\/7EIMTWYA2VB7NFVOBVRQCG52XU\/\">nahezu 70 Prozent Gabriel Boric<\/a>. Diese Mehrheit, so die ersten Sch&auml;tzungen, setzt sich wiederum aus zwei Gruppen zusammen, n&auml;mlich aus Frauen und Jungw&auml;hlern, den Hauptverantwortlichen f&uuml;r die Differenz von 970.000 Stimmen zugunsten Gabriel Borics. Was nahelegt, dass Chiles Frauen die nach der ersten Wahlrunde von Kast unglaubw&uuml;rdig zur&uuml;ckgenommene Androhung der Abschaffung des Frauenministeriums, ferner der Rechte nicht verheirateter Frauen sowie des staatlichen Instituts f&uuml;r Menschenrechte mit ihrer Stimme f&uuml;r Boric heimzahlten.<\/p><p>Doch das war sicherlich nur eine der Motivationen. Chiles Frauen reagierten beeindruckt auf die k&auml;mpferische Pers&ouml;nlichkeit der Izkia Siches, die innerhalb von drei Wochen mit ihrer Wahlagenda &bdquo;1 Million T&uuml;ren &ouml;ffnen&ldquo; das Land von Arica, an der Grenze zu Peru, bis zum Feuerland am Ende der Welt mit einer Ausdehnung von 4.500 Kilometern bereiste, mit ihrem Team wahrhaftig an die T&uuml;ren der W&auml;hlerinnen klopfte und einen direkten Kontakt herstellte. Eine Professionalit&auml;t, die der Dampfplauderer Kast nicht im Ansatz zustande brachte.<\/p><p><strong>Die schmutzigste Wahlkampagne seit der Pinochet-Diktatur<\/strong><\/p><p>Nach Borics Sieg erprobte der geschlagene Kast eine &bdquo;republikanische Geste&ldquo; und gab im Handumdrehen <a href=\"https:\/\/twitter.com\/joseantoniokast\/status\/1472692985598910467\">per Twitter<\/a> seine Niederlage bekannt: &bdquo;Ich habe gerade mit @gabrielboric gesprochen und ihm zu seinem gro&szlig;en Triumph gratuliert. Ab heute ist er der gew&auml;hlte Pr&auml;sident Chiles und verdient unseren ganzen Respekt und unsere konstruktive Zusammenarbeit. Chile steht immer an erster Stelle&ldquo;.<\/p><p>Kasts von den Medien und ihren &bdquo;Analysten&ldquo; gew&uuml;rdigte &bdquo;republikanische Attit&uuml;de&ldquo; war indes reine Show f&uuml;r den Gebrauch von Naivlingen. So wie seinem Freund, Verb&uuml;ndeten und psychopathisch veranlagten Jair Bolsonaro ist dem deutschst&auml;mmigen Rechtsradikalen kaum ein Wort oder Auftritt zu glauben.  <\/p><p>&bdquo;Chile hat seit der R&uuml;ckkehr zur Demokratie (Anm. FF: 1990) keine schmutzigere Kampagne erlebt als die von Jos&eacute; Antonio Kast&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.elmostrador.cl\/destacado\/2021\/12\/15\/la-propaganda-sucia\/\">mahnte der Politologe und Hochschul-Professor Mladen Yopo<\/a> mit Hinweis auf die perfiden Methoden der Pinochet-Diktatur beim Referendum von 1988 &uuml;ber seinen weiteren Verbleib als Staatschef, das mit einem massenhaften &bdquo;Nein&ldquo; der Diktatur ein vorzeitiges Ende setzte. Als damals junger Mitl&auml;ufer geh&ouml;rte Kast zu den Mitverlierern, erlernte jedoch das Handwerk der indezenten Bek&auml;mpfung politischer Gegner.<\/p><p>Am Tiefpunkt der nach der Massenimpfung abklingenden Infektionskurve der Covid-19-Pandemie installierten Kast und seine rechtsradikalen Wahlkampfstrategen im Dezember 2021 sozusagen die Pandemie des <em>dirty campaigning<\/em>. Diese erfolgte <a href=\"https:\/\/www.biobiochile.cl\/especial\/una-constitucion-para-chile\/noticias\/2021\/11\/23\/convencionales-se-reunieron-en-madrid-con-lideres-de-vox-para-recoger-propuestas-de-los-espanoles.shtml\">mit Instruktionen der spanischen Vox<\/a> sowie der <a href=\"https:\/\/elsiglo.cl\/2021\/12\/01\/pistas-sobre-el-viaje-de-kast-a-estados-unidos\/\">Ultrarechten in den USA<\/a>. Letzteren stattete Kast pers&ouml;nlich einen verd&auml;chtigen Blitzbesuch zwischen der ersten Wahlrunde und der Stichwahl ab, der angeblich zur &bdquo;Beruhigung&ldquo; von US-Investoren mit seinem Regierungsplan gedient habe. In Wahrheit standen wahltaktische Dringlichkeits-Ma&szlig;nahmen auf der Tagesordnung, die der Pinochet-Verehrer mit dem republikanischen Rechtsau&szlig;en-Senator Marco Rubio, mit Funktion&auml;ren des Inter-American Dialogue und des Council of the Americas beriet. <\/p><p>Dem Beispiel der erfolgreichen Donald-Trump- und Jair-Bolsonaro-Wahlkampagnen von 2016 und 2018 folgend, wollten Kast und sein Wahlkampfteam mit direkten pers&ouml;nlichen Angriffen und massenhaft per WhatsApp, Facebook, Telegram und Twitter verbreiteten Fake News in der W&auml;hlerschaft Zweifel an der Integrit&auml;t und dem Charakter Borics und seines Teams streuen. Die Versuche bedienten sich der perversen Logik &bdquo;Schuldzuweisung beweist Kriminalit&auml;t&ldquo;, entbehrten jeder Grundachtung und rechtlicher Grundlage und ersetzten die eigentliche Debatte &uuml;ber programmatische Inhalte durch pers&ouml;nliche Angriffe und moralische Diskreditierung des Gegners.<\/p><p>Zum einen diffamierte der deutschst&auml;mmige Kast Borics Kampagnen-Sprecherin und ehemalige Vorsitzende des chilenischen &Auml;rzteverbandes, Izkia Siches, sowie Borics j&uuml;ngeren Bruder Sim&oacute;n. Letztgenannter g&auml;be nicht zu, der Vater von Siches&lsquo; erst wenige Monate altem Baby zu sein. Kast wurde im Handumdrehen wegen l&auml;cherlicher Falschinformation und &uuml;bler Nachrede verklagt, woraufhin Sim&oacute;n Boric gar in verschiedenen Netzwerken von Kasts Anh&auml;ngern <a href=\"https:\/\/twitter.com\/sboric\/status\/1196005397682884608\">ein Mordanschlag angedroht<\/a> wurde. Doch Kasts infame L&uuml;gen, Verleumdungen und orchestrierten Beleidigungen nahmen kein Ende.<\/p><p>Erst wenige Tage vor der Stichwahl, w&auml;hrend der vom Verband der chilenischen Rundfunkgesellschaften (Archi) veranstalteten vorletzten Fernsehdebatte, verbl&uuml;ffte derselbe Kast Millionen chilenischer ZuschauerInnen mit der &uuml;blen Unterstellung, sein Kontrahent Gabriel Boric habe sich des &bdquo;sexuellen Missbrauchs&ldquo; schuldig gemacht, er solle nun mal damit herausr&uuml;cken. Auf die Richtigstellung der anwesenden Journalisten, es habe sich h&ouml;chstens um eine angebliche <em>Bel&auml;stigung<\/em> und keinesfalls um Missbrauch gehandelt, musste sich der Rechtsradikale falsche Angaben und &uuml;ble Nachrede live vorwerfen lassen. Die angebliche Anschuldigung gegen Boric war Tage zuvor mehrfach und selbst vom mutma&szlig;lichen Opfer &ndash; einer ehemaligen Mitarbeiterin des linken Pr&auml;sidentenanw&auml;rters &ndash; mit einem &ouml;ffentlichen Brief zur&uuml;ckgewiesen worden. Doch Kast ging zu einem erneuten, abscheulichen Angriff &uuml;ber: &bdquo;Es gibt sicherlich viele Dinge, die wir noch nicht &uuml;ber Dich wussten und die herauskommen k&ouml;nnen&ldquo;. Davor hatte er Boric Drogenabh&auml;ngigkeit unterstellt und einen &bdquo;Drogentest f&uuml;r Politiker&ldquo; vorgeschlagen.<\/p><p>Doch die Verd&auml;chtigung wurde Kast zum Verh&auml;ngnis: Boric nahm die Herausforderung ernst, wartete auf die n&auml;chste Provokation und dann lie&szlig; er die Katze aus dem Sack, denn er zog einen Drogentest aus seinen Unterlagen und hielt ihn vor laufender Kamera Kast vor die Nase. Der Provokateur Kast hatte keinen Drogentest gemacht und schaute <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xzyCoSrp-Eo\">von Borics List und eigener Scham &uuml;berrumpelt<\/a> hilflos in Raum und Kamera. Doch schon Minuten sp&auml;ter wollte der rechtsradikale Randalierer die Peinlichkeit mit einem neuen Angriff ausgleichen und bezweifelte die Echtheit des &auml;rztlichen Befundes, was von seinen Anh&auml;ngern tausendfach weiterverbreitet wurde. Doch an diesem Abend hatte Kast in der Wahrnehmung der Zuschauer die rote Linie &uuml;berschritten und den ersten Spatenstich seiner bevorstehenden Niederlage vollzogen. Eine landesweite Diskussion &uuml;ber professionelle und ethische Grenzen sowie rechtliche Sanktionen kam in Chile in Gang, die <em>dirty campaigning<\/em> unter rigorose Bestrafung setzen soll.<\/p><p><strong>Der Volkstanz auf &bdquo;den gro&szlig;en Alleen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Am Sonntagabend versammelte sich auf Santiagos weltbekannter Alameda Bernardo O Higgins <a href=\"https:\/\/twitter.com\/SebaiRomero\/status\/1472743649674870784\">ein hunderttausendfaches Menschenmeer<\/a> zur Feier von Borics Wahlsieg. Der Massenaufmarsch fand nur wenige Stra&szlig;enblocks vom Regierungspalast La Moneda entfernt statt. Dort hatte Salvador Allende, bevor er am Morgen des 11. September 1973 den Tod fand, seine letzten Worte per Radio w&auml;hrend der Bombardierung durch die eigene Luftwaffe gesprochen. Es waren verzweifelte, aber hoffnungsweisende Worte. Er sagte: &bdquo;Die gro&szlig;en Alleen werden sich f&uuml;r den freien Menschen &ouml;ffnen&hellip; und ich bin sicher, dass mein Opfer nicht umsonst sein wird&ldquo;.<\/p><p>Da stand nun Gabriel Boric vor einem Meer freier Menschen und hielt seine erste, beeindruckende Rede als gew&auml;hlter Pr&auml;sident. Ohne nostalgische Romantisierung, jedoch sicherlich an Allendes &bdquo;Nachlass&ldquo; erinnernd, als er sagte, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=0628zW4rPgo\">&bdquo;wir sind die Erben&ldquo;<\/a>. Er trug in Stichworten noch einmal sein Regierungsprogramm vor: soziale Umverteilung mit &ouml;kologischer Nachhaltigkeit und tiefgreifenden Ver&auml;nderungen im Steuersystem, im Gesundheits-, Renten- und Bildungswesen, Ausbau der Frauen-, Minderheiten- und Indigenen-Rechte. In seiner langen Dankesliste f&uuml;hrte Boric Verb&uuml;ndete, aber auch deklarierte Feinde an, darunter Jos&eacute; Antonio Kast, den er noch Tage zuvor &ouml;ffentlich der schmutzigen Wahlkampagne beschuldigte. Der junge, linke Pr&auml;sident streckte die Hand zur allgemeinen Vers&ouml;hnung aus.<\/p><p>Tage zuvor war General Augusto Pinochets 99-j&auml;hrige korrupte und mehrfach wegen illegaler Aneignung staatlichen Besitzes verklagte Witwe Lucia Hiriart straffrei verstorben. Linke Kom&ouml;dianten l&auml;sterten in den sozialen Netzwerken, &bdquo;es gibt kein &Uuml;bel, das 100 Jahre dauert!&ldquo;. Landesweit verbreitete sich der Spruch &bdquo;der Pinochetismus ist tot!&ldquo;. Ist er es wirklich? Boric wei&szlig;, er ist es nicht, mit knapp 3 Millionen Anh&auml;ngern ist der Pinochet-Verehrer Kast der neue F&uuml;hrer von Chiles Rechten. Boric mahnte, Chile werde keine &bdquo;Impunidad&ldquo; (Straffreiheit) mehr dulden. Doch ist die mit einer unbelehrbaren, extremen Rechten vereinbar?<\/p><p>Titelbild: Mario T&eacute;llez<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wahllokale &ouml;ffneten um Punkt 8 Uhr morgens, doch die wenigsten von ihnen befanden sich in der N&auml;he der &uuml;ber Wochen hinweg per Radio, Fernsehen, sozialen Netzwerken und mit Lokaltreffen der beiden Pr&auml;sidentschaftskandidaten mobilisierten W&auml;hlerInnen in den Vorst&auml;dten und Au&szlig;enbezirken der 7-Millionen-Metropole Santiago. Hunderttausende wahlbereite B&uuml;rgerInnen str&ouml;mten auf die nahezu perfekt funktionierende U-Bahn zu, deren<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79201\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,20,190],"tags":[3177,669,3058,3164,2244,2220,255,426,1347],"class_list":["post-79201","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-landerberichte","category-wahlen","tag-boric-gabriel","tag-chile","tag-diffamierung","tag-kast-jose-antonio","tag-pinera-sebastian","tag-stichwahl","tag-wahlanalyse","tag-wahlbeteiligung","tag-wahlkampf"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79201","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=79201"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79201\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":79240,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79201\/revisions\/79240"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=79201"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=79201"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=79201"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}