{"id":79210,"date":"2021-12-27T09:00:33","date_gmt":"2021-12-27T08:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79210"},"modified":"2021-12-27T11:06:35","modified_gmt":"2021-12-27T10:06:35","slug":"der-exportismus-von-andreas-noelke-ein-buch-ueber-den-entzug-von-der-deutschen-droge-export","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79210","title":{"rendered":"Der \u201eExportismus\u201c von Andreas N\u00f6lke \u2013 ein Buch \u00fcber den Entzug von der deutschen Droge Export"},"content":{"rendered":"<p>Falls Sie mal wieder etwas lesen m&ouml;chten, das nichts mit Corona zu tun hat und dennoch von aktueller Relevanz ist, dann k&ouml;nnen Sie gerne zu dem Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/exportismus.html?listtype=search&amp;searchparam=exportismus\">&bdquo;Exportismus &ndash; die deutsche Droge&ldquo;<\/a> des Frankfurter Politikwissenschaftlers Andreas N&ouml;lke greifen. Dieser stellt darin die interessante These auf, dass die Gelegenheit, aus dem zerst&ouml;rerischen deutschen Exportmodell auszusteigen, derzeit g&uuml;nstig ist wie nie. Einziger Haken: Die neue Ampel-Koalition m&uuml;sste dabei mitmachen. Von <strong>Thomas Trares<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDie Kernthesen des Buches sind schnell erz&auml;hlt. Die deutsche Wirtschaft ist abh&auml;ngig von einer Droge namens Export. Und wie bei jeder g&auml;ngigen Droge muss die Dosis immer weiter steigen, damit der &bdquo;Kick&ldquo; kommt. Mehr als 120 Prozent Exportwachstum seit dem Jahr 2000, fast die H&auml;lfte der Wirtschaftsleistung geht inzwischen in den Export, sieben Prozent Export&uuml;berschuss im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt, all das sind extrem hohe Werte.<\/p><p><strong>Gef&auml;hrliche Ideologie<\/strong><\/p><p>N&ouml;lke bezeichnet diese einseitige Ausrichtung der deutschen Wirtschaft als &bdquo;Exportismus&ldquo;. Dieser sei eine &bdquo;gef&auml;hrliche Ideologie&ldquo;, ein &bdquo;egoistisches Wirtschaftsmodell&ldquo;. Er schreibt: &bdquo;Der Exportismus redet uns ein, dass die extreme Abh&auml;ngigkeit von der Nachfrage aus dem Ausland in unser aller Interesse liegt, obwohl sie nur einem kleinen Teil von Dealern (den schwerreichen Clans der deutschen Familienunternehmer) wirklich n&uuml;tzt. Diese Ideologie hat sich in den letzten Jahrzehnten tief in unserer Gesellschaft verbreitet, gest&uuml;tzt auf Komponenten wie der Neigung zur Lohnm&auml;&szlig;igung, der Angst vor Hyperinflation, der Verehrung der schw&auml;bischen Hausfrau und dem Kult der (W&auml;hrungs-)Unterbewertung&ldquo; (S. 8).<\/p><p>Die Wurzeln reichen zur&uuml;ck bis hin zu den Exporterfolgen des sp&auml;ten 19. Jahrhunderts. Richtig Fahrt aufgenommen hat der Exportismus aber erst in der Nachwendezeit der neunziger Jahre bzw. mit der Einf&uuml;hrung des Euro Anfang der nuller Jahre. Charakteristisch f&uuml;r diese Ideologie sind die Diskussion um den &bdquo;Standortwettbewerb&ldquo;, die positive W&uuml;rdigung der Hartz-Reformen, der Stolz auf die &bdquo;Exportweltmeisterschaft&ldquo;, die unzul&auml;ssige Vermischung der Begriffe Schuld und Schulden oder auch die Dominanz einzelwirtschaftlichen Denkens. Indikator f&uuml;r den Erfolg einer Volkswirtschaft ist im Exportismus eine positive Handels- und Leistungsbilanz, wichtigster Leistungsindikator die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit.<\/p><p><strong>Kulturelle Hegemonie<\/strong><\/p><p>N&ouml;lke zufolge hat der Exportismus in Deutschland inzwischen den Status &bdquo;kultureller Hegemonie&ldquo; erlangt. Der Ausdruck geht zur&uuml;ck auf den italienischen Intellektuellen Antonio Gramsci. Gemeint ist damit, dass bestimmte Positionen oder Ansichten in der Gesellschaft gar nicht mehr hinterfragt werden, sie gelten als selbstverst&auml;ndlich, als &bdquo;Common Sense&ldquo;. Im Buch bringt N&ouml;lke dazu ein Beispiel aus dem Bundestagswahlkampf von 2017. Obwohl es eigentlich ein sozialdemokratisches Anliegen sein sollte, hatte sich der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz bei seiner wirtschaftspolitischen Grundsatzrede vor der Berliner IHK jegliche Kritik an den hohen deutschen Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen verbeten (S. 183).<\/p><p>Das Interessante an N&ouml;lkes Buch jedoch ist die These, dass jetzt der Zeitpunkt g&uuml;nstig ist wie nie, um aus dieser fatalen Exportabh&auml;ngigkeit auszusteigen. Doch wie kommt er zu diesem Schluss? Schon vor der Coronakrise hatte sich angedeutet, dass die Lage auf den globalen Absatzm&auml;rkten f&uuml;r die deutsche Wirtschaft schwieriger wird. Beispiele sind der Brexit, der Konflikt zwischen China und den USA und die Ungleichgewichte im Euroraum. Aber auch im Innern wurden die Fehlentwicklungen des Exportismus wie die dauerhaft niedrigen L&ouml;hne oder die Zunahme prek&auml;rer Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse immer sichtbarer.<\/p><p><strong>Fixierung auf &bdquo;Schwarze Null&ldquo; aufgegeben<\/strong><\/p><p>Mit der Coronakrise jedoch, so glaubt N&ouml;lke, hat die Globalisierung nun endg&uuml;ltig ihren Zenit &uuml;berschritten. Die globalen wirtschaftlichen Verflechtungen werden sich aus seiner Sicht k&uuml;nftig eher verringern als intensivieren. Zudem wurde in der Krise mit den milliardenschweren St&uuml;tzungsprogrammen nicht nur die Fixierung auf die &bdquo;Schwarze Null&ldquo; aufgegeben, sondern auch die Schuldenbremse tempor&auml;r au&szlig;er Kraft gesetzt. Und den Mindestlohn gibt es bereits seit 2015. N&ouml;lke bezeichnet dessen Einf&uuml;hrung als &bdquo;erste Herausforderung des exportorientierten Lohndumpings&ldquo;. Unter dem Strich sind somit schon einige Ma&szlig;nahmen umgesetzt, die man auf dem Weg raus aus der Exportabh&auml;ngigkeit ohnehin irgendwann h&auml;tte treffen m&uuml;ssen (S. 198f). <\/p><p>Parallel dazu beginnt nun auch in konservativen Kreisen das Narrativ zu br&ouml;ckeln, dass Staatsschulden per se schlecht f&uuml;r die Wirtschaft sind. N&ouml;lke verweist hier auf den Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael H&uuml;ther. Dieser hatte sich f&uuml;r ein umfangreiches schuldenfinanziertes Investitionsprogramm ausgesprochen und die Schuldenbremse in einem gemeinsam mit dem &Ouml;konomen Jens S&uuml;dekum verfassten Forschungspapier als &bdquo;falsche Fiskalregel am falschen Platz&ldquo; bezeichnet (S. 138). <\/p><p><strong>Macht der Autoindustrie schwindet<\/strong><\/p><p>Am auff&auml;lligsten zeigt sich N&ouml;lke zufolge die Schw&auml;chung des deutschen Exportmodells jedoch an der schwindenden Macht der deutschen Autoindustrie. Dies sei nicht nur die Branche, die exportistische Positionen bislang besonders radikal vertreten hat, sondern auch der mit Abstand m&auml;chtigste Sektor der deutschen Wirtschaft, vergleichbar mit der Finanzbranche in Gro&szlig;britannien und den USA. In der Coronakrise jedoch war es der Autoindustrie trotz heftigem Lobbying nicht gelungen, eine Kaufpr&auml;mie f&uuml;r Verbrennerfahrzeuge durchzusetzen (S. 200).<\/p><p>Zur &Uuml;berwindung der fatalen Exportabh&auml;ngigkeit schl&auml;gt N&ouml;lke nun eine Strategie des &bdquo;Rebalancing&ldquo; vor. Darunter versteht er eine Kombination aus florierender Binnenwirtschaft und erfolgreicher Exportwirtschaft. Eine derart ausbalancierte &Ouml;konomie sollte in langfristiger Perspektive gr&ouml;&szlig;ere Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse genauso vermeiden wie Leistungsbilanzdefizite. Die tragenden S&auml;ulen dieser Strategie sind einerseits h&ouml;here L&ouml;hne auf Basis einer produktivit&auml;tsorientierten Lohnpolitik und andererseits verst&auml;rkte staatliche Investitionen, beispielsweise zur Verhinderung des Klimawandels (S. 102ff).<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong><\/p><p>Die Strategie des Rebalancing w&auml;re eigentlich die Strategie, die einer Mitte-Links-Regierung im klassischen Sinne gut zu Gesicht stehen w&uuml;rde. Ob es sich bei der k&uuml;nftigen Ampel-Koalition um eine solche handelt, erscheint jedoch mehr als fraglich. Im Koalitionsvertrag jedenfalls wurde auf eine &bdquo;gezielte Ausbalancierung des &uuml;berm&auml;&szlig;ig exportlastigen Wirtschaftsmodells verzichtet&ldquo;, wie N&ouml;lke gerade in einem <a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/44-2021\/linke-zukunft-getrennt-marschieren-vereint-schlagen\/\">Beitrag<\/a> f&uuml;r das Magazin &bdquo;Makroskop&ldquo; schrieb. Nichtsdestotrotz ist das Buch f&uuml;r jeden, der sich kritisch mit dem Thema &bdquo;deutsche Exportabh&auml;ngigkeit&ldquo; auseinandersetzen will, ein Muss. Hier ist im Grunde alles zu finden, was wichtig ist: Argumente, Erkl&auml;rungen und ein breiter Fundus an weiterf&uuml;hrender Literatur.<\/p><p><strong>Andreas N&ouml;lke: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/exportismus.html\">Exportismus &ndash; Eine deutsche Droge<\/a>, Westend Verlag, 2021, 256 Seiten, Softcover, 22 Euro<\/strong><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/f564a0b2a16140afabf3b8428d9d0c1b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Falls Sie mal wieder etwas lesen m&ouml;chten, das nichts mit Corona zu tun hat und dennoch von aktueller Relevanz ist, dann k&ouml;nnen Sie gerne zu dem Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/exportismus.html?listtype=search&amp;searchparam=exportismus\">&bdquo;Exportismus &ndash; die deutsche Droge&ldquo;<\/a> des Frankfurter Politikwissenschaftlers Andreas N&ouml;lke greifen. 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