{"id":79216,"date":"2021-12-28T09:00:22","date_gmt":"2021-12-28T08:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79216"},"modified":"2021-12-28T11:26:49","modified_gmt":"2021-12-28T10:26:49","slug":"wiederstand-der-kuenstler-in-der-kulturbranche-entstehen-parallele-strukturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79216","title":{"rendered":"Widerstand der K\u00fcnstler \u2013 In der Kulturbranche entstehen parallele Strukturen"},"content":{"rendered":"<p>K&uuml;nstler und Kulturschaffende sind die gro&szlig;en Verlierer der Corona-Politik. Sie leiden nicht nur wirtschaftlich, sondern bleiben im Ungewissen, wann sie ihrem Beruf uneingeschr&auml;nkt nachgehen k&ouml;nnen. Wer die Ma&szlig;nahmen kritisiert, muss weitere Nachteile bef&uuml;rchten. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, bauen mehrere Akteure an parallelen Strukturen in der Kulturbranche. Von <strong>Eugen Zentner<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDie Corona-Ma&szlig;nahmen haben Kulturschaffende besonders hart getroffen. Nicht wenigen wurde von einem Tag auf den anderen die Existenzgrundlage entzogen. Lange Zeit mussten K&uuml;nstler aus den unterschiedlichsten Bereichen praktisch mit einem Berufsverbot leben. Mittlerweile d&uuml;rfen sie ihrer Arbeit wieder nachgehen, allerdings sorgen die 2G\/3G-Regeln f&uuml;r neue Probleme. Die Kulturbranche d&uuml;mpelt weiter vor sich hin. So richtig rund l&auml;uft es noch nicht, am allerwenigsten f&uuml;r K&uuml;nstler und Kulturschaffende, die die Corona-Politik kritisieren und ihre Arbeit nicht unter den momentan geltenden Bedingungen aus&uuml;ben wollen. Doch es gibt Hoffnung. Die Betroffenen bauen parallele Strukturen auf, sie schaffen freie R&auml;ume, in denen neue Ideen und Projekte entstehen. <\/p><p><strong>Neue Heimat f&uuml;r kritische Musiker<\/strong><\/p><p>Zu den Taktgebern geh&ouml;rt unter anderem die Komplett-Agentur <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/a.maze.ing.music\/\">A-MAZE-ING music<\/a> aus Stuttgart. Das Medienunternehmen agiert seit f&uuml;nf Jahren als Schnittstelle zwischen gro&szlig;en Labels und neuen talentierten Musikern. Mittlerweile bietet es vor allem kritischen Musikern eine neue Heimat. &bdquo;Die Idee war, K&uuml;nstlern eine M&ouml;glichkeit zu geben, ihre Meinung zu &auml;u&szlig;ern, ohne gleich berufliche Nachteile zu bef&uuml;rchten&ldquo;, sagt Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Matthias Niemyt. Der studierte Musikfachwirt spricht einen heiklen Punkt an. Im Laufe der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass K&uuml;nstler, die die Ma&szlig;nahmenpolitik und den Regierungskurs kritisieren, nicht nur medial an den Pranger gestellt werden, sondern auch bef&uuml;rchten m&uuml;ssen, ihre Verleger oder Auftraggeber zu verlieren. Aufgrund dieses beruflichen Risikos halten sich die meisten zur&uuml;ck. Zu gro&szlig; ist die Angst, es sich mit den Entscheidungstr&auml;gern in der Kulturbranche zu verscherzen. <\/p><p>A-MAZE-ING music will diesem Trend entgegenwirken und kritische K&uuml;nstler ermutigen, Stellung zu beziehen. &bdquo;Sie sollen wissen, dass wir ihnen die T&uuml;ren &ouml;ffnen, wenn alle anderen sie verschlie&szlig;en&ldquo;, so Niemyt. Das gilt nicht nur f&uuml;r bereits etablierte Musiker, sondern auch f&uuml;r Newcomer. Die Komplett-Agentur f&uuml;hrt sie durch ein komplexes Labyrinth aus Produktion, Videodreh, Marketing und Vertrieb &ndash; so wie es der Firmenname bereits andeutet. Es handelt sich um ein Wortspiel, das je nach L&auml;nge zwei Begriffe enth&auml;lt. W&auml;hrend der volle Unternehmensname f&uuml;r &laquo;amazing&raquo;, also &laquo;erstaunlich&raquo; oder &laquo;gro&szlig;artig&raquo; steht, steckt in dem mittleren Teil &laquo;maze&raquo; das englische Wort f&uuml;r Labyrinth. Ihm gleicht auch das Musikgesch&auml;ft, weshalb die Komplett-Agentur den K&uuml;nstlern wegweisend unter die Arme greift. &bdquo;Wir betreuen den ganzen Prozess&ldquo;, sagt Niemyt, &bdquo;von der Idee bis zum fertigen Musikvideo.&ldquo;<\/p><p>Das Konzept von A-MAZE-ING scheint aufzugehen. Immer mehr Musiker nutzen die M&ouml;glichkeit, ihre kritischen Songs &uuml;ber die Komplett-Agentur auf den Markt zu bringen. Zugleich entstehen spannende Projekte, bei denen Musiker aus den unterschiedlichsten Genres und L&auml;ndern zusammenarbeiten. Auf diese Weise ist im Mai der Sampler &laquo;bHERZt&raquo; entstanden. Die CD versammelt insgesamt 17 Acts, die sich in ihren Liedern f&uuml;r Frieden und Freiheit einsetzen. W&auml;hrend sie &uuml;berwiegend aus dem deutschsprachigen Raum stammen, treten auf dem nachfolgenden Sampler &laquo;Freedom of Sound&raquo; internationale K&uuml;nstler auf. In ihren Songs geben die Musiker eine stimmgewaltige Antwort auf die vielen politischen wie medialen Kampagnen, die seit Beginn der Corona-Krise daf&uuml;r sorgen, dass sich die Gesellschaft immer weiter spaltet. <\/p><p>Momentan arbeitet A-MAZE-ING music an einem weiteren Projekt, bei dem wieder mehrere Musiker mitwirken. Sie produzieren Lieder von Kindern f&uuml;r Kinder. Dabei werden liebevolle Texte und lebhafte Melodien so arrangiert, dass der Nachwuchs in dieser schwierigen Zeit wieder zu mehr Mut, Lebensfreude und Zuversicht findet. &laquo;bHERZte Kinderlieder&raquo; lautet der Titel und bringt die Idee gut auf den Punkt. Finanziert wird das Projekt &uuml;ber Crowdfunding, wobei die ben&ouml;tigte Geldsumme dank vielen Unterst&uuml;tzern bereits erreicht ist. Sie erhalten die frisch gepresste CD als Erste. W&auml;hrend der Sampler bei ihnen noch vor Weihnachten eintrifft, k&ouml;nnen alle anderen ihn erst am 24. Dezember erwerben.<\/p><p><strong>&laquo;Menschlich wirtschaften&raquo; &ndash; Eine Genossenschaft f&ouml;rdert die Vernetzung<\/strong><\/p><p>Um Resilienz und neue Kraft geht es auch der Genossenschaft &laquo;Menschlich wirtschaften&raquo;. Sie bem&uuml;ht sich, &uuml;ber verschiedene Marktpl&auml;tze parallele Strukturen aufzubauen, die ein Miteinander f&ouml;rdern und innerhalb derer alle Beteiligten besser auf eine &uuml;bergriffige Verbotspolitik reagieren k&ouml;nnen. Wie in Wissenschaft, Bildung, Gesundheitswesen, Wirtschaft oder Presse sollen unter anderem auch in der Kulturbranche freie R&auml;ume und stabile Verbindungen geschaffen werden, damit die Akteure ihrem Beruf in schwierigen Zeiten nachgehen oder im Fall eines Totalverbots auf Hilfe hoffen k&ouml;nnen. Die Genossenschaft zieht eine Lehre aus den vergangenen knapp 20 Monaten. Aufgrund der Zwangsma&szlig;nahmen wurden Kulturschaffende lange Zeit daran gehindert, ihr k&uuml;nstlerisches Handwerk auszu&uuml;ben. Selbst Proben waren in manchen F&auml;llen untersagt. <\/p><p>Der dadurch entstandene Schaden ist immens. Die Fertigkeiten verk&uuml;mmern, das Ausbildungsniveau sinkt. Zudem haben viele Kulturschaffende ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage verloren und m&uuml;ssen mittlerweile ihren Unterhalt mit T&auml;tigkeiten sichern, die fernab ihres eigentlichen Metiers liegen. &bdquo;Der Kunst ist ein gro&szlig;er Teil weggebrochen, der uns noch fehlen wird&ldquo;, sagt Sabine Langer im Hinblick auf die Auswirkungen der Corona-Politik. Sie ist die Ideengeberin und hat in der Genossenschaft ehrenamtlich den Vorstandsposten &uuml;bernommen. Noch befindet sich &laquo;Menschlich wirtschaften&raquo; in der Gr&uuml;ndungsphase, doch die Grundpfl&ouml;cke sind eingeschlagen. Die Genossenschaft hat bereits eine Satzung. Was noch fehlt, ist die Eintragung ins Register.<\/p><p>Die Unterst&uuml;tzung der K&uuml;nstler und Kulturschaffenden soll auf vielerlei Weise geschehen. Um ihnen eine gewisse finanzielle Basis zu garantieren, will die Genossenschaft einen Fond schaffen. Ihre eigentliche Aufgabe sieht sie aber in der Vernetzung. &laquo;Menschlich wirtschaften&raquo; soll zu einem offenen Forum werden, wo K&uuml;nstler und alle, die an den neuen Strukturen mitarbeiten, in einen Austausch kommen. Hier k&ouml;nnen sie in Kontakt treten und gemeinsame Projekte schmieden, die anschlie&szlig;end im privaten Bereich realisiert werden. Wohnzimmerkonzerte, Gartenlesungen oder Filmabende in der Garage &ndash; der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. <\/p><p>Die Genossenschaft versteht sich als Plattform, auf der Projekte entstehen, dann aber nach au&szlig;en getragen werden. Sie will zur Bildung einer gro&szlig;en Menschengemeinschaft beitragen, die Kultur wieder sch&auml;tzen lernt und ganz intensiv lebt. &bdquo;Das gelingt nur, wenn die Kultur- und Kunstr&auml;ume und das gesamte Geisteswesen frei sind&ldquo;, sagt Langer und zeigt sich dabei sehr optimistisch: &bdquo;Wir k&ouml;nnen unsere Gesellschaft selber bauen, wir m&uuml;ssen das nur verstehen. Wir haben alle die Kraft dazu. Dabei ist jeder gefragt. Wachsen bedeutet Miteinanderwachsen und gemeinsam daran arbeiten.&ldquo;<\/p><p><strong>Protestnoten mit lyrischer Ausrichtung<\/strong><\/p><p>Wie solche Projekte aussehen k&ouml;nnen, f&uuml;hrt Kunstbeirat Jens Fischer Rodrian vor Augen. Der Lyriker und Musiker produziert derzeit mit mehreren K&uuml;nstlern ein Album, das Anfang 2022 unter dem Titel &laquo;Protestnoten&raquo; erscheint. Die darauf versammelten St&uuml;cke bekommen zum gro&szlig;en Teil eine sehr poetische Ausrichtung. Sie setzen sich mit der gegenw&auml;rtigen Corona- und Demokratie-Krise lyrisch auseinander, indem sie zwar keinem klaren Versma&szlig; folgen, sich aber durch Klang und Ausdrucksform von der Alltagssprache abheben. Jens Fischer Rodrian, der unter anderem mehrere Jahre mit Liedermacher Konstantin Wecker auf Tour war, sieht in der Dichtkunst den Vorteil, dass sie nachhaltig wirkt. &bdquo;Lyrische St&uuml;cke gewinnen an Tiefe&ldquo;, sagt er. &bdquo;Das intelligente, poetische Wort sorgt daf&uuml;r, dass sich die Menschen mit dem Inhalt intensiver besch&auml;ftigen.&ldquo;<\/p><p>Neben ihm wirken an den &laquo;Protestnoten&raquo; so gro&szlig;e Namen wie Uli Masuth oder Gunnar Kaiser, aber auch junge Talente wie Fischers gro&szlig;e Tochter Lou Rodrian. Von 21 bis 74 ist jede Altersgruppe vertreten. Ihre lyrischen Werke werden vertont und durch drei St&uuml;cke erg&auml;nzt, die als Electro-Tracks daherkommen. &bdquo;Sie sind ein sch&ouml;ner Kontrapunkt&ldquo;, kommentiert Rodrian diese Abweichung. Das Album soll dazu beitragen, klugen Stimmen aus Kunst und Kultur Geh&ouml;r zu verschaffen. Es setzt ein Zeichen und bringt zum Ausdruck, dass keineswegs alle Kulturschaffenden die Corona-Ma&szlig;nahmen f&uuml;r gerechtfertigt halten. Sie wollen nicht schweigen, sondern ihre Kritik pointiert in die &Ouml;ffentlichkeit tragen.<\/p><p>Zus&auml;tzlich zum Album erscheint ein Buch mit den vertonten Texten und solchen, die die Folgeplatte pr&auml;gen werden. Als Herausgeber fungiert der Philosoph und Publizist Gunnar Kaiser. W&auml;hrend er einige Essays beisteuert, liefert Jens Fischer Rodrian unter anderem eine l&auml;ngere Beschreibung seines &bdquo;Wegs in den Widerstand&ldquo;. Das Buch enth&auml;lt aber auch Portr&auml;ts der teilnehmenden K&uuml;nstler sowie Kurzgespr&auml;che mit Akteuren, die unter anderem bei der Aktion #allesaufdentisch mitwirkten. Der Erscheinungstermin f&auml;llt ebenfalls ins n&auml;chste Jahr, wobei der Rubikon-Verlag die Ver&ouml;ffentlichung &uuml;bernimmt. Das &laquo;Protestnoten&raquo;-Album gibt es zu dem Buch dazu.<\/p><p>Diese Initiativen und Projekte veranschaulichen, dass im Kulturbetrieb parallele Strukturen entstehen. W&auml;hrend ein Teil der Branche zum Erf&uuml;llungsgehilfen staatlicher Anordnungen mutiert und sich als verl&auml;ngerter Arm der Regierungsdoktrin begreift, erobern kritische K&uuml;nstler den in den letzten 20 Monaten verlorenen Raum zur&uuml;ck. Sie bauen eine Gegenbewegung auf, die sich neu organisiert. Dabei setzt sie auf Menschlichkeit, Selbstbestimmung und Solidarit&auml;t, die ihren Namen verdient. Sie will als Korrektiv gesellschaftlicher Fehlentwicklungen fungieren und den Finger immer wieder in die Wunde legen. Sie will den Diskurs f&ouml;rdern und den Austausch von Argumenten in den Mittelpunkt stellen. Vor allem aber will sie Bedingungen schaffen, unter denen Freiheit ein hohes gesellschaftliches Gut bleibt.<\/p><p>Titelbild: Lightspring\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K&uuml;nstler und Kulturschaffende sind die gro&szlig;en Verlierer der Corona-Politik. Sie leiden nicht nur wirtschaftlich, sondern bleiben im Ungewissen, wann sie ihrem Beruf uneingeschr&auml;nkt nachgehen k&ouml;nnen. Wer die Ma&szlig;nahmen kritisiert, muss weitere Nachteile bef&uuml;rchten. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, bauen mehrere Akteure an parallelen Strukturen in der Kulturbranche. 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