{"id":79327,"date":"2021-12-23T13:00:10","date_gmt":"2021-12-23T12:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79327"},"modified":"2026-01-27T11:41:11","modified_gmt":"2026-01-27T10:41:11","slug":"russland-als-aggressor-im-ukraine-konflikt-die-politischen-fakten-sprechen-eine-andere-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79327","title":{"rendered":"Russland als Aggressor im Ukraine-Konflikt? \u201eDie politischen Fakten sprechen eine andere Sprache\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Russland wird als ein Feind f&uuml;r den Frieden aufgebaut. Dabei reagiert <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77227\">Russland<\/a> mit seiner Ukrainepolitik in Wirklichkeit auf die Expansionspolitik der NATO.&ldquo; Das sagt der Journalismusforscher <strong>Florian Zollmann<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Zollmann, der sich viel mit politischer Propaganda in den Medien auseinandersetzt, sagt, Medien stellen bei der Einordnung der Spannungsverh&auml;ltnisse zwischen Russland und der Ukraine &bdquo;die Realit&auml;t auf den Kopf&ldquo;. &bdquo;Die russische Seite, die eine fortschreitende Osterweiterung der NATO unter Missachtung von auf h&ouml;chster politischer Ebene getroffenen Vereinbarungen wahrnimmt, wird in den Medien marginalisiert&ldquo;, so Zollmann, der an der Newcastle University in England lehrt. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8498\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-79327-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211223_Russland_als_Aggressor_im_Ukraine_Konflikt_Die_politischen_Fakten_sprechen_eine_andere_Sprache_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211223_Russland_als_Aggressor_im_Ukraine_Konflikt_Die_politischen_Fakten_sprechen_eine_andere_Sprache_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211223_Russland_als_Aggressor_im_Ukraine_Konflikt_Die_politischen_Fakten_sprechen_eine_andere_Sprache_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211223_Russland_als_Aggressor_im_Ukraine_Konflikt_Die_politischen_Fakten_sprechen_eine_andere_Sprache_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=79327-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/211223_Russland_als_Aggressor_im_Ukraine_Konflikt_Die_politischen_Fakten_sprechen_eine_andere_Sprache_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"211223_Russland_als_Aggressor_im_Ukraine_Konflikt_Die_politischen_Fakten_sprechen_eine_andere_Sprache_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Zollmann, derzeit konzentrieren sich Medien wieder auf Russland im Zusammenhang mit der Ukraine. Vor kurzem wurde berichtet, Russland habe 175.000 Soldaten an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen. Was geschieht da gerade?<\/strong> <\/p><p>Vertreter f&uuml;hrender NATO-Staaten sind emp&ouml;rt, weil Russland angeblich Truppen an die Grenze zur Ukraine verlegt hat. Ein Blick auf die Fakten zeigt aber, dass Russland so handelt, wie jeder andere Staat auch handeln w&uuml;rde, der sich in einer &auml;hnlichen geopolitischen Lage befindet. <\/p><p><strong>Schon seit langem steht in der &bdquo;Berichterstattung&ldquo; gro&szlig;er Medien au&szlig;er Frage: Russland ist der Aggressor! Wie sieht Ihre Analyse aus?<\/strong> <\/p><p>Genau. Die Medienberichterstattung erweckt den Eindruck, bei Russland handele es sich um eine imperiale Macht und der Westen m&uuml;sse sich und seine Alliierten vor dieser sch&uuml;tzen. <\/p><p><strong>Was hat diese Sicht mit der Realit&auml;t zu tun?<\/strong><\/p><p>Nichts. Die Realit&auml;t wird auf den Kopf gestellt. Denn der historische Kontext wird in den Medien kaum angemessen beleuchtet. Die russische Seite, die eine fortschreitende Osterweiterung der NATO unter Missachtung von auf h&ouml;chster politischer Ebene getroffenen Vereinbarungen wahrnimmt, wird in den Medien marginalisiert. Man stelle sich folgenden hypothetischen Sachverhalt vor: Russland h&auml;tte lateinamerikanische Staaten wie Guatemala, Nikaragua, Costa Rica, Panama und Honduras in sein internationales Milit&auml;rb&uuml;ndnis Organisation des Vertrags &uuml;ber kollektive Sicherheit (OVKS) aufgenommen und beanspruche, in diesen L&auml;ndern Atomwaffen zu installieren. Man stelle sich des Weiteren vor: Die OVKS startete eine Milit&auml;rkooperation mit Mexiko und versuchte, das an den S&uuml;den der USA grenzende Land in die OVKS aufzunehmen. W&auml;re es in diesem Fall nicht zu erwarten, dass die USA Truppen an die Grenze von Mexiko verlegten? Und genau dieses Szenario spielt sich derzeit ab, allerdings an der Grenze zu Russland. <\/p><p><strong>Wer nur die &bdquo;Berichterstattung&ldquo; der Leitmedien verfolgt, d&uuml;rfte wahrscheinlich im Hinblick auf Ihre Ausf&uuml;hrungen irritiert sein.<\/strong> <\/p><p>In den Medien wird suggeriert, Russland sei der Aggressor. Der Spiegel schreibt etwa: &bdquo;Wie Angst ist Gewalt f&uuml;r Putin ein legitimes Mittel, um politische Ziele zu erreichen. Ob er sie einsetzt, h&auml;ngt davon ab, ob ihm noch andere Mittel zur Verf&uuml;gung stehen. Aber wenn Alternativen schwinden, dann w&auml;chst im Kreml die Versuchung, milit&auml;risch zu handeln.&ldquo; (aus: <em>Der Spiegel 49\/2021<\/em>, Seite 103)<\/p><p><strong>Sie haben es angesprochen: Um den Konflikt einzuordnen, gilt zu verstehen, was es mit der &bdquo;Osterweiterung&ldquo; auf sich hat.<\/strong> <\/p><p>Ein Blick in die Geschichte kann helfen. 1990 machte die Administration des US-Pr&auml;sidenten George H. W. Bush dem damaligen Pr&auml;sidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, eine <a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/3569191\">kategorische Zusicherung<\/a>: Sollte Gorbatschow zustimmen, dass ein wiedervereinigtes Deutschland der NATO angeh&ouml;re, dann werde sich die NATO nicht weiter nach Osten erweitern und keine ehemaligen Warschauer Paktstaaten in das B&uuml;ndnis aufnehmen. Freigegebene US-Regierungsdokumente, <a href=\"https:\/\/nsarchive.gwu.edu\/briefing-book\/russia-programs\/2017-12-12\/nato-expansion-what-gorbachev-heard-western-leaders-early\">abrufbar<\/a> &uuml;ber das National Security Archive, belegen, wie der damalige US-Au&szlig;enminister James Baker (und auch der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl) Gorbatschow versicherte, dass die NATO ihre Einflusssph&auml;re nicht nach Osten ausbreiten w&uuml;rde. <\/p><p><strong>Diese Zusage ist also klar und eindeutig?<\/strong><\/p><p>Es gibt in den Medien Berichte, in denen die Bedeutung dieser Zusagen anders interpretiert wird. <\/p><p><strong>Was hei&szlig;t das?<\/strong><\/p><p>So hei&szlig;t es beispielsweise in einem Artikel vom Faktenfinder auf <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/faktenfinder\/nato-erweiterung-mittel-ost-europa-101.html\">tagesschau.de<\/a> vom 03. Dezember 2021, es sei bei Bakers Zusagen von 1990 lediglich um das Gebiet der ehemaligen DDR gegangen und nicht um eine NATO-Erweiterung, die weitere Warschauer-Pakt-Staaten miteinbeziehe. &bdquo;Gemeint war jedoch das Gebiet der DDR &ndash; an eine NATO-Mitgliedschaft von Staaten des 1990 noch bestehenden Warschauer Paktes war damals nicht zu denken,&ldquo; so <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/faktenfinder\/nato-erweiterung-mittel-ost-europa-101.html\">tagesschau.de<\/a>. <\/p><p>Es wird in solchen Artikeln nahegelegt: Bei den Verhandlungen ging es damals lediglich um das DDR-Gebiet. Daher konnten Zusagen vom Westen an Russland, was eine NATO-Erweiterung auf staatliche Territorien au&szlig;erhalb des ehemaligen DDR-Gebietes angeht, gar nicht gebrochen werden. Denn staatliche Territorien au&szlig;erhalb des ehemaligen DDR-Gebietes waren ja nicht Teil der Verhandlungen.<\/p><p><strong>Das klingt dubios. Wenn man sich in die Situation von Russland versetzt, liegt es doch auf der Hand, dass Russland, vermutlich, eine Zusage haben wollte, die &uuml;ber das Gebiet der DDR hinausgeht.<\/strong> <\/p><p>Es ging nat&uuml;rlich auch um die DDR, weil sich die Verhandlungen um die Wiedervereinigung drehten. Dennoch erscheint es schon auf den ersten Blick plausibel, dass es der sowjetischen Seite auch um weitreichendere Sicherheitsgarantien gehen musste. Und genau so sehen das auch Experten, die die Regierungsdokumente &uuml;ber die diplomatischen Gespr&auml;che zur deutschen Wiedervereinigung ausgewertet haben. In einem Briefing des National Security Archives <a href=\"https:\/\/nsarchive.gwu.edu\/briefing-book\/russia-programs\/2017-12-12\/nato-expansion-what-gorbachev-heard-western-leaders-early\">schrieben<\/a> Svetlana Savranskaya und Tom Blanton am 12. Dezember 2017: Die Dokumente zeigten, dass viele nationale F&uuml;hrer zwischen 1990 und 1991 eine NATO-Mitgliedschaft zentral- und osteurop&auml;ischer L&auml;nder ablehnten, dass Diskussionen &uuml;ber die NATO w&auml;hrend der Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung keinesfalls nur eng auf das Territorium der DDR begrenzt gewesen seien und dass nachfolgende sowjetische und russische Beschwerden dar&uuml;ber, &uuml;ber eine NATO-Erweiterung in die Irre gef&uuml;hrt worden zu seien, sich in schriftlichen Protokollen von Gespr&auml;chen, die auf h&ouml;chster Ebene gef&uuml;hrt worden seien, begr&uuml;ndeten.<\/p><p>Laut dieser Lesart der offiziellen Dokumente handelte es sich also um Zusagen, die der russischen Seite gemacht wurden. Und diese Zusagen wurden von der Regierung des US-Pr&auml;sidenten Bill Clinton und <a href=\"https:\/\/www.simonandschuster.com\/books\/War-with-Russia\/Stephen-F-Cohen\/9781510745810\">allen republikanischen und demokratischen US-Regierungen, die Clinton folgten<\/a>, im Prinzip gebrochen. Clinton leitete in den 1990er Jahren eine Politik der NATO-Erweiterung ein. Die ehemaligen L&auml;nder des Warschauer Paktes (Rum&auml;nien, Polen, Bulgarien, Ungarn, Slowakei, Tschechien und Albanien) wurden in den folgenden Jahren in die <a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/3569191\">NATO absorbiert<\/a>, zusammen mit den drei <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/estlands-mitgliedschaft-in-der-nato-100.html\">baltischen Staaten Estland<\/a>, Lettland und Litauen. <\/p><p><strong>Und jetzt die Ukraine?<\/strong><\/p><p>So ist es. Der NATO geht es nun darum, auch die Ukraine in das B&uuml;ndnis aufzunehmen oder sich zumindest diese Option offenzuhalten. Schon seit Jahren besteht eine <a href=\"https:\/\/www.lpb-bw.de\/ukraine-eu-nato\">milit&auml;rische Zusammenarbeit<\/a> zwischen der NATO und der Ukraine. Auch <a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/3569191\">beansprucht die NATO f&uuml;r sich das Recht<\/a>, Nuklearwaffen auf den Territorien neuer Mitgliedstaaten zu installieren. Russland wird damit von der NATO, einem feindlich gesinnten Milit&auml;rb&uuml;ndnis, an seiner westlichen Flanke unter Druck gesetzt. Russlands Milit&auml;rbewegungen an der Grenze zur Ukraine sind beunruhigend, m&uuml;ssen aber in diesem Kontext gesehen werden.<\/p><p><strong>Bevor Sie weiter ausf&uuml;hren, vorab: Die Ukraine ist von geostrategischer Bedeutung. Sowohl f&uuml;r die USA bzw. die NATO, aber auch f&uuml;r Russland. Wo liegen auf den jeweiligen Seiten die Interessen?<\/strong> <\/p><p>Es geht allen Beteiligten darum, ihre geostrategischen Optionen zu verbessern. Die Ukraine befindet sich auf der Schwelle zwischen Europa und Asien (Eurasien). Wer die Ukraine kontrolliert, dem wird auch der wirtschaftliche Zugang zu Europa und Asien erleichtert. Au&szlig;erdem spielen Bodensch&auml;tze, Gas und Zutritt zum Schwarzen Meer eine Rolle. In seinem Buch <em>Die Einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft<\/em> bezeichnete Zbigniew Brzezinski, der ehemalige Sicherheitsberater des US-Pr&auml;sidenten Jimmy Carter, die Ukraine als einen geopolitischen Dreh- und Angelpunkt auf dem eurasischen Schachbrett. F&uuml;r Russland ist die Ukraine aber wohl von einer gr&ouml;&szlig;eren Bedeutung als f&uuml;r die USA und die NATO. <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Die USA sind bereits eine imperiale Weltmacht. Mit ihrem weitverzweigten Netz aus Milit&auml;rbasen kontrollieren sie praktisch jeden Winkel auf der Erde. Die USA sind mit den wichtigsten EU-Staaten eng verflochten. Russland hat dagegen Schwierigkeiten, Zugang zum eurasischen Kontinent zu erhalten. So schrieb Brzezinski, dass ein Verlust der Ukraine Russlands geostrategische Lage drastisch beschneide. Dazu kommen historische und ethnische Faktoren, die f&uuml;r eine gewisse N&auml;he zwischen Russland und der Ukraine sprechen. Die Ukraine war bis zu ihrer Unabh&auml;ngigkeit im Jahr 1991 Teil der ehemaligen Sowjetunion. Die Ukraine ist des Weiteren ein Anrainerstaat Russlands und beherbergt eine gro&szlig;e ethnisch-russische Minderheit. Aber es gibt einen Sachverhalt, der noch wichtiger ist. <\/p><p><strong>Welcher denn?<\/strong><\/p><p>John J. Mearsheimer, einer der f&uuml;hrenden US-Experten f&uuml;r internationale Beziehungen, <a href=\"https:\/\/www.foreignaffairs.com\/articles\/russia-fsu\/2014-08-18\/why-ukraine-crisis-west-s-fault\">schrieb<\/a> in der Fachzeitschrift <em>Foreign Affairs<\/em>, die Ukraine diene als Pufferstaat mit einer enormen strategischen Bedeutung f&uuml;r Russland. Aus einer geostrategischen Sicht reagierten Gro&szlig;m&auml;chte immer empfindlich auf potenzielle Bedrohungen in der N&auml;he ihres Heimatterritoriums, schrieb Mearsheimer. So w&uuml;rden es die USA auch nicht akzeptieren, wenn ferngelegene Gro&szlig;m&auml;chte Milit&auml;rkr&auml;fte in der westlichen Hemisph&auml;re stationierten oder Nachbarstaaten wie Mexiko und Kanada in ihre Milit&auml;rallianzen eingliederten. Das geh&ouml;re zum geopolitischen Einmaleins. Mearsheimer verwies au&szlig;erdem auf einen wichtigen historischen Zusammenhang: Die Ukraine sei eine gro&szlig;e Ebene aus flachem Land, die schon vom Napoleonischen Frankreich, vom Deutschen Kaiserreich und von Nazi-Deutschland &uuml;berschritten worden sei, um Russland anzugreifen. Daher k&ouml;nne es kein russischer Staatsf&uuml;hrer tolerieren, dass eine Milit&auml;rallianz, die bis vor kurzem noch als der Erzfeind von Moskau angesehen werden konnte, in die Ukraine vordringe.<\/p><p><strong>In den Medien wird der Eindruck erweckt, nur Russland habe Interessen und verfolge diese eiskalt. Ihre Analyse zeichnet ein anderes Bild.<\/strong> <\/p><p>Ja. Russland werden Machtkalk&uuml;l und bellizistisches Verhalten vorgeworfen. Was die Situation in der Ukraine angeht, sprechen allerdings die politischen Fakten eine andere Sprache. Das eben dargelegte geopolitische Einmaleins scheint nicht in die Medien vorgedrungen zu sein. Russland wird als ein Feind f&uuml;r den Frieden aufgebaut. Dabei reagiert Russland mit seiner Ukrainepolitik in Wirklichkeit auf die Expansionspolitik der NATO. <\/p><p><strong>In Ihrer Forschung setzen Sie sich auch mit Propaganda in den Medien auseinander. Sehen Sie in der Berichterstattung der Medien in Deutschland im Hinblick auf Russland den Einsatz von Propaganda?<\/strong> <\/p><p>Eindeutig. In den deutschen Medien werden russisches Verhalten und Fehlverhalten oftmals im Einklang mit politischen Interessen instrumentalisiert. Russische Handlungen werden schnell als Aggressionen abgetan, auch wenn sie rationalen realpolitischen Motiven folgen. Die gef&auml;hrliche Erweiterung der NATO wird dagegen kaum mit einer &auml;hnlichen Emp&ouml;rung in den Medien tituliert. Das ist den Interessen der NATO sowie den Hegemonieanspr&uuml;chen der USA und des westlichen Staatenbundes dienlich. <\/p><p><strong>W&uuml;rden Sie diese Propaganda bitte n&auml;her beschreiben?<\/strong> <\/p><p>Diese Propaganda ist selektiv und blendet historische Basisfakten aus. Auch kann von einer D&auml;monisierungspropaganda gesprochen werden. Denn milit&auml;risch gesehen ist Russland den USA und der NATO nicht gewachsen. Nur was die gef&auml;hrlichen Atomwaffenarsenale anbelangt, kann von einem Machtgleichgewicht gesprochen werden. Die USA operieren derzeit mit etwa <a href=\"https:\/\/tomdispatch.com\/david-vine-our-base-nation\/\">800 Milit&auml;rbasen<\/a> auf ausl&auml;ndischen Gebieten, <a href=\"https:\/\/tomdispatch.com\/david-vine-our-base-nation\/\">250.000 US-Truppen<\/a> sind in etwa 160 L&auml;ndern stationiert. Russland operiert dagegen nur mit einer Handvoll Milit&auml;rbasen au&szlig;erhalb des Territoriums der ehemaligen Sowjetunion. <\/p><p>Die USA geben j&auml;hrlich etwa <a href=\"https:\/\/www.iiss.org\/blogs\/military-balance\/2019\/02\/european-nato-defence-spending-up\">zehnmal<\/a> so viel Geld f&uuml;r Milit&auml;r- und R&uuml;stung aus wie Russland (f&uuml;r das Jahr 2022 haben die USA ein R&uuml;stungsbudget von <a href=\"https:\/\/comptroller.defense.gov\/Portals\/45\/Documents\/defbudget\/FY2022\/FY2022_Budget_Request.pdf\">752,9 Milliarden Dollar<\/a> veranschlagt). Schaut man sich die NATO-Staaten ohne die USA an, so haben diese zusammengenommen einen <a href=\"https:\/\/nationalinterest.org\/blog\/the-buzz\/5-ways-americas-military-would-crush-russia-war-25316\">dreimal so gro&szlig;en<\/a> Verteidigungshaushalt wie Russland. Jede Kombination der NATO-L&auml;nder Deutschland, Frankreich und Gro&szlig;britannien <a href=\"https:\/\/nationalinterest.org\/blog\/the-buzz\/5-ways-americas-military-would-crush-russia-war-25316\">verzeichnet wesentlich h&ouml;here<\/a> Verteidigungsausgaben als Russland. F&uuml;r den Westen stellt Russland also keine Gefahr dar. <\/p><p>Trotzdem muss auch gesagt werden, dass es sich bei Russland um eine Oligarchie handelt. Es gibt innenpolitische Repressionen und au&szlig;enpolitische Machtanspr&uuml;che. Russland kann der Ukraine in der Tat Schaden zuf&uuml;gen. Die westliche Propaganda verdeckt jedoch die Tatsache, dass eine offensive Vorgehensweise Russlands in der Ukraine viel mit der offensiven Politik der NATO zu tun hat. Der Ukraine-Konflikt k&ouml;nnte diplomatisch gel&ouml;st werden, wenn die USA und m&auml;chtige NATO-Staaten wie Deutschland ihre historischen Versprechen einhalten w&uuml;rden.<\/p><p>Titelbild: danielo\/shutterstock.com<\/p><p><em><a href=\"https:\/\/www.ncl.ac.uk\/sacs\/people\/profile\/florianzollmann.html\">Florian Zollmann<\/a> ist Senior Lecturer in Journalism an der Newcastle University in Gro&szlig;britannien. K&uuml;rzlich ver&ouml;ffentlichte er zum Thema Russland und westliche Propaganda den Text: <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-319-32103-5_49\">&sbquo;Manufacturing a New Cold War: The National Security State, &ldquo;Psychological Warfare&rdquo; and the &ldquo;Russiagate&rdquo; Deception&lsquo;<\/a>, erschienen im Handbook of Global Media Ethics, herausgegeben von Stephen J. R. Ward bei Springer International Publishing, Seiten 985-1012.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Russland wird als ein Feind f&uuml;r den Frieden aufgebaut. Dabei reagiert <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77227\">Russland<\/a> mit seiner Ukrainepolitik in Wirklichkeit auf die Expansionspolitik der NATO.&ldquo; Das sagt der Journalismusforscher <strong>Florian Zollmann<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Zollmann, der sich viel mit politischer Propaganda in den Medien auseinandersetzt, sagt, Medien stellen bei der Einordnung der Spannungsverh&auml;ltnisse zwischen Russland<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79327\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":79328,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,209,123,183],"tags":[1543,2102,2069,466,1367,259,2147,2868,260,1556,2633],"class_list":["post-79327","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-interviews","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","tag-deutsche-einheit","tag-geostrategie","tag-militaerstuetzpunkte","tag-nato","tag-ruestungsausgaben","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-truppenverlegung","tag-ukraine","tag-usa","tag-warschauer-vertrag"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/shutterstock_235016254.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79327","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=79327"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79327\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80711,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79327\/revisions\/80711"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/79328"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=79327"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=79327"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=79327"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}