{"id":7950,"date":"2011-01-10T14:31:15","date_gmt":"2011-01-10T13:31:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7950"},"modified":"2014-07-28T11:42:33","modified_gmt":"2014-07-28T09:42:33","slug":"das-k-wort-als-politisches-totschlagargument","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7950","title":{"rendered":"Das K-Wort als politisches Totschlagargument"},"content":{"rendered":"<p>Wer in Deutschland das Wort &bdquo;Kommunismus&ldquo; gebraucht, muss damit rechnen, dass ihm reflexartig das Etikett eines Bef&uuml;rworters des &bdquo;Sowjetkommunismus&ldquo; russischer Pr&auml;gung bzw. eines unbelehrbaren Sympathisanten des <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/33\/33975\/1.html\">&bdquo;Realsozialismus&ldquo; der SED-Diktatur<\/a> angeheftet wird. Und damit blo&szlig; kein Widerspruch mehr gewagt werden kann, setzt die vor allem in Deutschland im konservativen Lager verbreitete &bdquo;Totalitarismus&ldquo;-Ideologie meist dann noch den Stalinismus mit dem NS-Regime gleich, um so die Ungeheuerlichkeit der Verbrechen des Nationalsozialismus mit dem Archipel Gulag aufzurechnen, um damit zugleich den Holocaust als historischen Ausrutscher zu verharmlosen, der eben auch anderswo seine Parallelen f&auml;nde.<br>\nDas h&auml;tte Gesine L&ouml;tzsch auch als geb&uuml;rtige Ostdeutsche und jetzige Vorsitzende einer gesamtdeutschen Partei wissen m&uuml;ssen, als sie ihren Beitrag &bdquo;Wege zum Kommunismus&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2011\/01-03\/001.php?sstr=Gesine%7CL%F6tzsch\">ver&ouml;ffentlichte<\/a>.<br>\nMan muss ihr vorwerfen, dass sie den gleichen dummen Fehler machte, den zwar auch ihre politischen Gegner machen, den diese aber jetzt gegen sie selbst und gegen die gesamte Linke wenden k&ouml;nnen. Von Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Der grundlegende Fehler ist, dass man (aus mangelnder Wahrnehmung der historischen und politischen Debatten oder eben umgekehrt ganz bewusst) nicht differenziert und so tut, als g&auml;be es &bdquo;den&ldquo; Kommunismus genauso wie es den historisch (hoffentlich) einmaligen  Nationalsozialismus gegeben hat. Gerade wenn man sich, wie L&ouml;tzsch, der Geschichte der Arbeiterbewegung verpflichtet f&uuml;hlt, m&uuml;sste man doch unterscheiden und genauer bezeichnen k&ouml;nnen, wor&uuml;ber man spricht, wenn man das Wort &bdquo;Kommunismus&ldquo; im Munde f&uuml;hrt. <\/p><p>Meint man damit etwa den &bdquo;Urkommunismus&ldquo; der seine Wurzeln im Urchristentum und der seine praktischen Auspr&auml;gungen bis heute in der Kibbuzbewegung im Judentum hat. Denkt man an den &bdquo;Fr&uuml;hkommunismus&ldquo;, aus dem die Franz&ouml;sische Revolution ihre Gleichheitsidee ableitete? Ist es der &bdquo;Marxismus&ldquo; des Karl Marx oder der R&auml;tegedanke, dem auch Rosa Luxemburg (zeitweise) anhing, und auf den sich L&ouml;tzsch in ihrem Beitrag bezieht? Sind es der &bdquo;Bolschewismus&ldquo;, der &bdquo;Leninismus&ldquo;, der &bdquo;Stalinismus&ldquo; oder gar der &bdquo;Trotzkismus&ldquo; oder sind es die Herrschaftsstrukturen Chinas oder gar Nordkoreas, deren F&uuml;hrer den Begriff &bdquo;Kommunismus&ldquo; nach wie vor f&uuml;r sich beanspruchen, an die man denken k&ouml;nnte? Oder reflektiert man den sog. &bdquo;Eurokommunismus&ldquo; etwa nach den Vorstellungen des Italieners Antonio Gramsci? Hat L&ouml;tzsch nicht zur Kenntnis genommen, dass etwa f&uuml;r einen der Gr&uuml;ndungsv&auml;ter des Neoliberalismus, Friedrich August Hayek, auf dessen Gedankenwelt sich noch heute viele &bdquo;Liberalen&ldquo; beziehen, schon der kleinsten Eingriff des Staates in den &bdquo;Markt&ldquo; als &bdquo;Sozialismus&ldquo; oder als Weg in den &bdquo;Kommunismus&ldquo; galt? <\/p><p>Weil L&ouml;tzsch v&ouml;llig undifferenziert solche Formulierungen wie etwa den &bdquo;Pfad zum Kommunismus&ldquo; im Munde f&uuml;hrt, macht sie es ihren Gegnern leicht, sie genauso undifferenziert zu diffamieren. Ihr letztendliches Bekenntnis zu einem &bdquo;demokratischen Sozialismus&ldquo; oder dadurch, dass sie sich (nachtr&auml;glich) vom Stalinismus oder der SED-Diktatur distanziert, helfen ihr aus dieser <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/33\/33986\/1.html\">Zwickm&uuml;hle nicht mehr heraus<\/a>. <\/p><p>Sie hat all jenen eine Vorlage geliefert, die in Deutschland schon immer mit dem &bdquo;Anti-Kommunismus&ldquo; sozialen Fortschritt und mehr Demokratie bek&auml;mpft haben &ndash; beginnend gegen die demokratische Bewegung des &bdquo;Vorm&auml;rz&ldquo; in der ersten H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts, &uuml;ber das Kaiserreich, w&auml;hrend der Weimarer Zeit und vor allem &uuml;ber die Jahre der Naziherrschaft, aber auch in Zeiten der Adenauer-&Auml;ra (siehe das Plakat unten) bis hinein in die Hessische Landtagswahl 2008 (bei der die FDP mit dem Slogan &bdquo;Freiheit oder Sozialismus&ldquo; auftrat). Mit der b&uuml;rgerlichen Angst vor dem &bdquo;Kommunismus&ldquo; haben alle reaktion&auml;ren bis konservativen Kr&auml;fte alle politischen Gegner bek&auml;mpft, die &bdquo;links&ldquo; von Aristokratie oder von kapitalistischer Elite oder dem besitzindividualistischen Liberalismus und den Verfechtern des Marktradikalismus oder dem vom konservativen Klerus weltanschaulich kritisch oder ablehnend gegen&uuml;ber standen und stehen. <\/p><p>Selbst die Gr&uuml;nen, aber vor allem der SPD wurden und werden vom konservativen und reaktion&auml;ren Lager dem st&auml;ndigen Verdacht ausgesetzt, mit &bdquo;Kommunismus&ldquo; zu paktieren und damit politisch bek&auml;mpft. Und genauso wenig wie L&ouml;tzsch wollen offenbar auch die Sozialdemokraten dieses politische Totschlagargument zur Kenntnis nehmen und zu durchschauen. So f&auml;llt Sigmar Gabriel einmal mehr auf diesen uralten Trick rechter politischer Volksverf&uuml;hrung herein, indem dem SPD-Vorsitzenden keine intelligentere Reaktion einfiel, als auch f&uuml;r die weitere Zukunft jede Zusammenarbeit mit der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/spd-chef-sigmar-gabriel-im-gespraech-die-linke-kommt-als-partner-im-bund-nicht-in-frage-1.1043846-3\">Linkspartei auszuschlie&szlig;en<\/a>. Und das obwohl er doch inzwischen selbst h&auml;tte erfahren m&uuml;ssen, dass er und die SPD von CDU\/CSU und FDP auch im Wahljahr 2013 wieder mit dem &bdquo;Kommunismus&ldquo;-Verdacht politisch bek&auml;mpft werden wird, egal wie sehr er sich auch immer von der LINKEN distanzieren mag. Westerwelle hat diese verleumderische Bosheit doch erst vor wenigen Tagen auf dem Dreik&ouml;nigstreffen der FDP mit der Ausrufung eines Lagerwahlkampfs gegen eine &bdquo;linke Mehrheit&ldquo; wieder einmal eingesetzt. Und wenn die Linkspartei bei den Landtagswahlen (jedenfalls im Westen) abst&uuml;rzt, dann hat das nur wenig damit zu tun, dass die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler gegen eine linke Politik stimmen w&uuml;rden, sondern damit, dass die Parteif&uuml;hrung der LINKEN mit undifferenzierten und deshalb politisch t&ouml;richten &Auml;u&szlig;erungen dem konservativen Lager treffliche Vorlagen zur politischen Demagogie liefert. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110110_darum_cdu.jpg\" alt=\"Darum CDU\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.hdg.de\/lemo\/objekte\/pict\/JahreDesAufbausInOstUndWest_plakatCDUAlleWegedesMarxismus1953\/index.html\">Haus der Geschichte<\/a><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110110_csu.png\" alt=\"CSU\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/cdu-politik.de\/2008\/01\/14\/freiheit-statt-sozialismus\/\">CDU-Politik.de<\/a><\/p><p>Thomas Mann, 1943 zum 10. Jahrestag der faschistischen B&uuml;cherverbrennungen: <\/p><blockquote><p>&ldquo;Sie sehen, da&szlig; ich in einem Sozialismus, in dem die Idee der Gleichheit die der Freiheit vollkommen &uuml;berwiegt, nicht das menschliche Ideal erblicken und ich glaube, ich bin vor dem Verdacht gesch&uuml;tzt, ein Vork&auml;mpfer des Kommunismus zu sein. Trotzdem kann ich nicht umhin, in dem Schrecken der b&uuml;rgerlichen Welt vor dem Wort Kommunismus, diesem Schrecken, von dem der Faschismus so lange gelebt hat, etwas Abergl&auml;ubisches und Kindisches zu sehen, die Grundtorheit unserer Epoche.&rdquo; <\/p><\/blockquote><p>Zitiert nach <a href=\"http:\/\/redblog.twoday.net\/stories\/11564958\/?utm_source=feedburner&amp;utm_medium=email&amp;utm_campaign=Feed%3A+redblogsfeed+%28redblog+-+nachrichten+gegen+den+mainstream%29\">redblog<\/a>. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer in Deutschland das Wort &bdquo;Kommunismus&ldquo; gebraucht, muss damit rechnen, dass ihm reflexartig das Etikett eines Bef&uuml;rworters des &bdquo;Sowjetkommunismus&ldquo; russischer Pr&auml;gung bzw. eines unbelehrbaren Sympathisanten des <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/33\/33975\/1.html\">&bdquo;Realsozialismus&ldquo; der SED-Diktatur<\/a> angeheftet wird. 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