{"id":79512,"date":"2022-01-06T08:46:57","date_gmt":"2022-01-06T07:46:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79512"},"modified":"2022-01-07T07:26:38","modified_gmt":"2022-01-07T06:26:38","slug":"bunte-revolution-nun-auch-im-bisher-stabilen-kasachstan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79512","title":{"rendered":"\u201eBunte Revolution\u201c nun auch im bisher stabilen Kasachstan"},"content":{"rendered":"<p>Kasachstan war ein recht ruhiger, stabiler Staat. Wegen der reichen &Ouml;l- und Gasvorkommen war die soziale Situation besser als in allen anderen mittelasiatischen Republiken. Doch vor drei Tagen brachen in Kasachstan &uuml;berraschend gewaltt&auml;tige Unruhen aus. Im ganzen Land kam es zu Ausschreitungen gegen Regierungsgeb&auml;ude und zu Pl&uuml;nderungen. Ausl&ouml;ser der Unruhen war eine Preiserh&ouml;hung f&uuml;r Fl&uuml;ssiggas, welches Autofahrer als Treibstoff nutzen. Russische Beobachter meinen, es g&auml;be Anzeichen, dass der soziale Protest von Kr&auml;ften aus dem Ausland finanziert wird. Putins Sprecher, Dmitri Peskow, erkl&auml;rte am Mittwochmittag, die Macht in Kasachstan werde &bdquo;alleine mit der Situation fertig&ldquo;. Das &bdquo;Wichtigste sei es, ausl&auml;ndische Einmischung zu verhindern.&ldquo; Am Mittwochabend bat der Pr&auml;sident von Kasachstan, Kasym-Schomart Tokajew, um Hilfe der ODKB, einem Milit&auml;rb&uuml;ndnis ehemaliger sowjetischer Staaten, dem auch Russland angeh&ouml;rt. Der Leiter der ODKB, der armenische Ministerpr&auml;sident Nikol Paschinjan, teilte in der Nacht auf Donnerstag mit, das Milit&auml;rb&uuml;ndnis werde die von Kasachstan erbetene Hilfe schicken. Aus Moskau berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3864\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-79512-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220106_Bunte_Revolution_nun_auch_im_bisher_stabilen_Kasachstan_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220106_Bunte_Revolution_nun_auch_im_bisher_stabilen_Kasachstan_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220106_Bunte_Revolution_nun_auch_im_bisher_stabilen_Kasachstan_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220106_Bunte_Revolution_nun_auch_im_bisher_stabilen_Kasachstan_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=79512-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220106_Bunte_Revolution_nun_auch_im_bisher_stabilen_Kasachstan_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220106_Bunte_Revolution_nun_auch_im_bisher_stabilen_Kasachstan_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Pr&auml;sident von Kasachstan, Kasym-Schomart Tokajew, hat versucht, die Proteste zu bremsen, doch erfolglos. Tokajew versprach, &bdquo;gesetzliche Forderungen&ldquo; der Protestierenden &bdquo;zu pr&uuml;fen&ldquo;. Die Gas-Preise und die Preise f&uuml;r Grundnahrungsmittel lie&szlig; er einfrieren. Gleichzeitig forderte er die Bev&ouml;lkerung auf, keinen &bdquo;destruktiven Elementen&ldquo; zu folgen, welche &bdquo;die Stabilit&auml;t und Einheit unserer Gesellschaft sprengen wollen.&ldquo; <\/p><p>In der Nacht auf den 5. Januar entlie&szlig; Tokajew die Regierung und verh&auml;ngte den Ausnahmezustand in Almaty und im westkasachischen Bezirk Mangistaussk. Au&szlig;erdem entlie&szlig; der Pr&auml;sident den Leiter des Sicherheitsrates, Nursultan Nasarbajew, der von 1991 bis 2019 Pr&auml;sident von Kasachstan war. <\/p><p>Doch die Proteste versch&auml;rften sich. In Almaty, der mit zwei Millionen Einwohnern gr&ouml;&szlig;ten Stadt von Kasachstan, st&uuml;rmten Demonstranten das Geb&auml;ude des Geheimdienstes und der Stadtverwaltung. Die Stadtverwaltung brannte. 190 Personen wurden verletzt, berichtete das Portal Tengrinews.kz. unter Berufung auf das Gesundheitsministerium. Auch die Residenz des Pr&auml;sidenten wurde besetzt. Acht Polizisten wurden get&ouml;tet. Das Korrespondentenb&uuml;ro des GUS-Fernsehkanals MIR wurde verw&uuml;stet. Auf Videos war zu sehen, wie Demonstranten Jagd auf Polizisten machten, sie verpr&uuml;gelten und entwaffneten. <\/p><p><strong>Polizei ist den Demonstranten unterlegen<\/strong><\/p><p>Nach Medienberichten &uuml;bersteigt die Zahl der Demonstranten die Zahl der Polizisten um ein Weites. Die russische Nachrichtenagentur Ria berichtet, dass Polizisten teilweise zu den Demonstranten &uuml;bergelaufen seien. Insgesamt wirkt das Agieren der kasachischen Sicherheitsorgane unentschlossen und erinnert an das zur&uuml;ckhaltende Agieren der Polizei w&auml;hrend des Maidan in Kiew 2013\/14. <\/p><p>Die Unruhen haben ganz Kasachstan erfasst. In zahlreichen Landesteilen wurde der Ausnahmezustand und eine n&auml;chtliche Ausgangssperre ausgerufen. Das Internet wurde abgestellt. Der bargeldlose Zahlungsverkehr wurde eingestellt. Aeroflot stellte seine Fl&uuml;ge nach Kasachstan ein. Gleichzeitig meldete Radio Echo Moskwy, ein russisches Flugzeug sei auf dem Weg nach Kasachstan, um den gest&uuml;rzten Chef des Sicherheitsrates, Nasarbajew, auszufliegen. Best&auml;tigungen f&uuml;r diese Meldung gab es nicht.<\/p><p>Nasarbajew ist eine Schl&uuml;sselfigur der guten Beziehungen zwischen Russland und Kasachstan. Er war der Initiator Eurasischen Wirtschaftsunion. Die Entwicklungen in Kasachstan seien auch eine Gefahr f&uuml;r die S&uuml;dgrenze Russlands, schrieb die Moskauer Nesawisimaja Gaseta. &bdquo;Moskau kann in seiner Nachbarschaft noch eine Ukraine bekommen.&ldquo;<\/p><p>Die Beziehungen zwischen Russland und Kasachstan sind seit der Aufl&ouml;sung der Sowjetunion gut. 3,5 Millionen der 18 Millionen B&uuml;rger Kasachstans sind russischsprachig. Russisch ist die zweite offizielle Sprache des Landes. <\/p><p><strong>Sch&uuml;sse in Almaty<\/strong><\/p><p>In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag kam es in Almaty, der mit zwei Millionen Einwohnern gr&ouml;&szlig;ten Stadt von Kasachstan, zu Schie&szlig;ereien. Es waren Sch&uuml;sse aus automatischen Waffen <a href=\"https:\/\/t.me\/rian_ru\/137922\">zu h&ouml;ren<\/a>. <\/p><p>Am Mittwochabend schlie&szlig;lich bat Pr&auml;sident Tokajew das Milit&auml;rb&uuml;ndnis ODKB, dem neben Kasachstan auch Russland, Wei&szlig;russland, Armenien, Kirgistan und Tadschikistan angeh&ouml;ren, um Hilfe gegen &bdquo;terroristische Banden&ldquo;. Der Pr&auml;sident erkl&auml;rte, gro&szlig;e Infrastrukturobjekte seien von &bdquo;terroristischen Banden&ldquo; besetzt worden. &bdquo;Man muss wissen, dass diese terroristischen Banden im Grunde ausl&auml;ndisch sind. Sie haben eine Ausbildung im Ausland erhalten. Ihren Angriff auf Kasachstan muss man als Akt der Aggression begreifen.&ldquo; Kirgistan erkl&auml;rte sich bereit, Kasachstan bei der Wiederherstellung der staatlichen Ordnung zu helfen.<\/p><p><strong>Macht-Tandem Tokajew-Nasarbajew funktionierte nicht<\/strong><\/p><p>Nach Meinung des kasachischen Politologen Viktor Kowtunowski richtet sich der Protest insbesondere gegen den fr&uuml;heren Pr&auml;sidenten und Sicherheitschef Nursultan Nasarbajew. Dies dr&uuml;cke sich aus in der Parole &bdquo;Schal ket!&ldquo; (Der Alte muss weg). Die Gesellschaft sei m&uuml;de von der 30-j&auml;hrigen Herrschaft von Nasarbajew und habe genug von Armut und Ungerechtigkeit. <\/p><p>Bisher hatten sich Pr&auml;sident Tokajew und der ehemalige Pr&auml;sident Nasarbajew &ndash; als Leiter des Sicherheitsrates &ndash; die Macht in Kasachstan geteilt. <\/p><p>Der Plan einer geordneten Macht&uuml;bergabe von Nasarbajew an Tokajew habe nicht geklappt, sagte der Politologe gegen&uuml;ber der Nesawisimaja Gaseta. Dass die Sicherheitskr&auml;fte &ndash; sollte der Befehl erteilt werden &ndash; auf Demonstranten schie&szlig;en, h&auml;lt der Politologe f&uuml;r unwahrscheinlich.  <\/p><p><strong>Russischer GUS-Experte: &bdquo;Teile der Macht sind mitverantwortlich&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die Proteste in Kasachstan begannen am 2. Januar in der westkasachischen Stadt Schanaosen. Ausl&ouml;ser war die Verdoppelung des Preises f&uuml;r einen Liter Fl&uuml;ssiggas von 60 Tenge auf 120 Tenge (24 Cent). In der Stadt Schanaosen war es bereits im Dezember 2011 zu einem Aufstand von entlassenen &Ouml;larbeitern <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Der-Fluch-des-Oels-in-Kasachstan-3392477.html\">gekommen<\/a>, bei dem es auch Tote gab. <\/p><p>Der Leiter des russischen Duma-Komitees f&uuml;r Fragen der Gemeinschaft unabh&auml;ngiger Staaten, Leonid Kalaschnikow, bezeichnete die von der kasachischen Regierung verf&uuml;gte Preiserh&ouml;hung als &bdquo;Fehler der Regierung&ldquo;. Die Bev&ouml;lkerung von Kasachstan leide bereits an erh&ouml;hter Inflation. Wer die Proteste in Kasachstan finanziere, wisse nur der kasachische Geheimdienst. Aber bei den meisten Revolutionen der letzten Jahrzehnte h&auml;tten sich &bdquo;immer London und New York eingemischt.&ldquo;<\/p><p>Der stellvertretende Leiter des russischen Duma-Komitees f&uuml;r Fragen der Gemeinschaft unabh&auml;ngiger Staaten, Konstantin Satulin, erkl&auml;rte gegen&uuml;ber Radio Echo Moskau am fr&uuml;hen Mittwochabend, Russland werde sich nur auf Wunsch der kasachischen Regierung in den Konflikt einmischen. Bisher sehe er noch keinen Grund. Satulin erkl&auml;rte, die treibende Kraft der Unruhen in Kasachstan seien &bdquo;junge Leute, die im Internet unterwegs sind&ldquo;. Satulin erkl&auml;rte, &bdquo;Teile der kasachischen Macht&ldquo; seien mit verantwortlich, dass es zu den Protesten kam.<\/p><p><strong>Eskalationsmuster nach Kiewer Vorbild?<\/strong><\/p><p>Bei den Protesten in Kasachstan gibt es Parallelen zum Maidan in Kiew. Erst nachdem Polizisten dort am 30. November 2013 hart gegen eine Gruppe von Studenten vorgegangen waren, war es zu einer Massendemonstration von 100.000 Menschen f&uuml;r die Assoziierung der Ukraine mit der EU gekommen. Sp&auml;ter meinten Beobachter aus der Ukraine, der Polizeieinsatz gegen die Studenten sei eine von einzelnen Personen in der damaligen ukrainischen Regierung inszenierte Provokation gewesen, mit dem Ziel, Massenproteste f&uuml;r die EU-Assoziierung zu entfachen.<\/p><p>Nach Meinung der Moskauer Nesawisimaja Gaseta spielt der ehemalige kasachische Minister Muchtar Abljasow eine Schl&uuml;sselrolle bei den Unruhen in Kasachstan. Abljasow koordiniere die Proteste in Kasachstan von Kiew aus. &Uuml;ber Facebook rufe er seine Anh&auml;nger zu &bdquo;koordinierter Aktion&ldquo; auf. Die Kontakt-Telefonnummern des Ex-Ministers h&auml;tten alle eine ukrainische Vorwahl.<\/p><p>Die Moskauer Nesawisimaja Gaseta schrieb, &bdquo;die Tatsache, dass sich der Protest innerhalb von zwei Tagen auf das ganze Land ausdehnte, legt den Gedanken nahe, dass es ein Organisations-Zentrum gibt.&ldquo; <\/p><p>F&uuml;r die Falken in London, Washington und Berlin kommen die Unruhen in Kasachstan gerade zur rechten Zeit. Russland kommen die Unruhen an seiner S&uuml;dflanke, unmittelbar vor den Gespr&auml;chen &uuml;ber Sicherheitsgarantien der Nato, h&ouml;chst ungelegen.<\/p><p>Titelbild: AliaksaB \/ Shutterstock<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/1cee8451b5be4235b02ebf40734ec8b4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kasachstan war ein recht ruhiger, stabiler Staat. 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