{"id":7957,"date":"2011-01-10T14:40:38","date_gmt":"2011-01-10T13:40:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7957"},"modified":"2019-07-30T12:17:55","modified_gmt":"2019-07-30T10:17:55","slug":"die-euro-krise-und-die-debatte-um-einen-paradigmenwechsel-in-den-sozial-und-wirtschaftswissenschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7957","title":{"rendered":"Die Euro-Krise und die Debatte um einen Paradigmenwechsel in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften"},"content":{"rendered":"<p>Eine Literatur&uuml;bersicht von Volker Bahl.<br>\n<!--more--><\/p><p>Unterschiedliche Wissensformen &ndash; von Thomas S. Kuhn Paradigmen oder sp&auml;ter passender &ldquo;diziplin&auml;re Matrix&rdquo; genannt, bzw. von Michel Foucault &ldquo;episteme&rdquo; bezeichnet &ndash; begleiten und pr&auml;gen Diskontinuit&auml;ten (&ldquo;Br&uuml;che&rdquo;) in der Geschichte.<br>\nSo wurde etwa vor ca. 40 Jahren, also Anfang der 70-er Jahre des letzten Jahrhunderts das neoliberale Paradigma nicht nur in der Wirtschaft und zumal auf den Finanzm&auml;rkten(Schulmeister)  sondern auch in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen von der Sozial- bis hin zur Bildungspolitik durchgesetzt.<br>\nDer Neoliberalismus als &ouml;konomische Lehre unterscheidet sich vom Keynesianismus wie die klassische Physik von der Quantenphysik, wie <a href=\"\/?p=7775%20\">Heiner Flassbeck konstatiert<\/a> (<a href=\"\/?p=7500\">bildhaft<\/a>).&nbsp; <\/p><p>Schulmeister beschreit das so, dass der sog. Neoliberalismus als doktrin&auml;re Ideologie der freien M&auml;rkte sich mit simplen Kausalit&auml;tsbeziehungen begn&uuml;ge &ndash; nach dem Muster Arbeitslosigkeit k&ouml;nne nur mit den L&ouml;hnen zusammenh&auml;ngen oder Staatsverschuldung k&ouml;nne nur als Problem des Staatshaushalts gesehen werden. Das Wirtschaftsgeschehen in seinen komplexen Zusammenh&auml;ngen k&ouml;nne damit aber keine Erkl&auml;rung finden &ndash; und so m&uuml;sse dieses &ldquo;simple&rdquo; Denken auch krisenbehaftet bleiben.<\/p><p>Ein erforderlicher Paradigmenwechsel, um aus der Sackgasse herauszukommen, bleibe aber dennoch aus, wie Frank Nullmeier zun&auml;chst in seiner Beschreibung eines anstehenden Paradigmenwechsels resignierend einr&auml;umt: &bdquo;In den Sozial- und Kommunikationswissenschaften verf&uuml;gen wir noch nicht &uuml;ber eine dauerhaft systematische Beobachtung der &ouml;ffentlichen Debatten, die neben Themenschwerpunkten auch noch die Vorherrschaft bestimmter Denkfiguren analysieren k&ouml;nnte. (Siehe Frank Nullmeier, &ldquo;Kritik neoliberaler Menschen &ndash; und Gesellschaftsbilder und Konsequenzen f&uuml;r ein neues Verst&auml;ndnis von &ldquo;<a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/wiso\/07649.pdf\">sozialer Gerechtigkeit [PDF &ndash; 279 KB]<\/a>&ldquo;)<br>\n&nbsp;<br>\nAls Quintessenz des bisherigen Verlaufes der &ldquo;Diskurse&rdquo; (er teilt sie in 5 Phasen ein) h&auml;lt Nullmeier fest: Die seit einigen Jahren schwindende Dominanz dieses (neoliberalen) Denkansatzes und ihm zuzurechnender politischer Konzepte hat aber keineswegs Platz gemacht f&uuml;r Modelle&hellip;eines in der Tradition&nbsp;&nbsp;des &Ouml;konomen John Maynard Keynes stehenden Denkens. Vielmehr hat der Neoliberalismus durch seine Folgeprobleme zur Entwicklung politischer und theoretischer Entw&uuml;rfe gef&uuml;hrt, die er als Post-Neoliberalismus oder kurz: Post-Liberalismus bezeichnet. Diese neueren Konzepte setzten an den Kernelementen neoliberalen Denkens an und suchten dessen Probleme in der neuerlichen Verteidigung und Rechtfertigung des Marktes als zentrales Steuerungsinstrument und dessen negativen Verteilungseffekte insbesondere durch unterschiedliche Begr&uuml;ndungen und Legitimierungen von sozialen&nbsp;Ungleichheiten auszugleichen (siehe die medial&nbsp;stark aufgenommene und breitgetretene Sloterdijk- und&nbsp;Sarrazin-Debatten).<br>\nNullmeier&nbsp;beschreibt in seinen Phasen damit auch das von Thomas S. Kuhn angesprochene Element des Widerstandes eines alten Paradigmas&nbsp;und des sozialen&nbsp;Kampfes um ein eventuell neues Paradigma&hellip;<\/p><p>Mit Nullmeier k&ouml;nnten aber die Sozialwissenschaften vielleicht endlich wieder einen angemessenen, wenn nicht sogar bedeutenden Teil in diesen Auseinandersetzungen um einen Paradigmenwechsel zur&uuml;ckgewinnen &ndash;&nbsp;sie&nbsp;k&ouml;nnten sozusagen auf&nbsp;die &ldquo;H&ouml;he&rdquo; der Zeit kommen.&nbsp;<br>\nBis jetzt bef&auml;nden wir uns&nbsp;jedoch allenfalls auf dem Weg zu einem neuen Paradigma bzw. pr&auml;ziser einer neuen &ldquo;disziplin&auml;ren Matrix&rdquo;&hellip;.&nbsp;&nbsp;<br>\n&nbsp;<br>\nAuch in der &ouml;konomischen Diskussion (&ldquo;Diskurs&rdquo;) geht die Auseinandersetzung um ein alternatives Paradigma weiter &ndash; er spiegelt sich in den Debatten um die &ouml;konomischen Ungleichgewichte in Europa.<\/p><p><strong>Zu den &ldquo;Ungleichgewichten im Euro-Raum&rdquo; \/ IMK und FES<\/strong><\/p><p>&ndash; Finanzm&auml;rkte bleiben erst einmal &ldquo;unangetastet&rdquo; &ndash;<\/p><p>Gustav Horn u.a. ( IMK ) &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_imk_report_59_2011.pdf%20\">Der Euro-Raum in Tr&uuml;mmern&rdquo; &ndash; Herausforderungen f&uuml;r die Wirtschaftspolitik 2011 \/ IMK-Report Nr.59 vom Januar 2010 [PDF &ndash; 492 KB]&rdquo;<\/a><br>\n&ldquo;Die enge nationale Perspektive muss von der Wirtschaftspolitik aufgegeben werden und einer europ&auml;ischen Perspektive Platz machen.&rdquo;&nbsp;<br>\n&nbsp;<br>\nSebastian Dullien , &ldquo;Ungleichgewichte im Euroraum&rdquo;<br>\n&ndash; Akuter Handlungsbedarf auch f&uuml;r Deutschland &ndash;<br>\n(Expertise im Auftrag der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung &ndash; 52 Seiten)<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/wiso\/07696.pdf\">FES [PDF &ndash; 515 KB]<\/a><\/p><p>Man beachte dar&uuml;ber hinaus auch den Aufsatz von Sebastian Dullien (zusammen mit Daniela Schwarzer): &ldquo;Die Zukunft der Euro-Zone nach der Griechenlandhilfe und dem Euro-Schutzschirm&rdquo;, in : &ldquo;Leviathan&rdquo; Heft 4 \/ 2010, S. 509 bis 532 )<\/p><p>Fazit:&nbsp;bisher hat die Politik nicht das Notwendige getan, um den Euro und damit Europa zu &ldquo;retten&rdquo;.  (Allgemein zu den Arbeiten von <a href=\"http:\/\/www.dullien.net\/akad.html\">Sebastian Dullien<\/a>)<br>\n&nbsp;<br>\nDem speziellen Problem f&uuml;r diese &ldquo;Ungleichgewichte&rdquo; &ndash; den deutschen Export&uuml;bersch&uuml;ssen &ndash; gehen Heike Joebges, Camille Logeay, Sabine Stephan und Rudolf Zwiener nach: &ldquo;<a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/wiso\/07718.pdf\">Deutschlands Export&uuml;bersch&uuml;sse gehen zu Lasten der Besch&auml;ftigten [PDF &ndash; 306 KB]<\/a>&rdquo;&nbsp;. <\/p><p>Die Exporterfolge der deutschen Wirtschaft im Euroraum lie&szlig;en sich zu einem wesentlichen Teil auf die jahrelange Lohnzur&uuml;ckhaltung zur&uuml;ckf&uuml;hren. So wurde nicht nur den Handelspartner vor allem in der Eurozone geschadet, da wesentlich Wachstumsimpulse dort unterblieben, sondern es wurde auch den Besch&auml;ftigten selbst in Deutschland geschadet, da sie nicht in angemessener Weise an der eigenen Wertsch&ouml;pfung beteiligt wurden.&nbsp;<br>\n&nbsp;<br>\nP.S.: Ein kleines &ldquo;ceterum censeo&rdquo;:&nbsp; Es muss betont werden, dass die politische Umsetzung dieser Analysen nebst den Konsequenzen daraus&nbsp;allein&nbsp;schon ein enormer Fortschritt w&auml;re in dieser so doktrin&auml;r verseuchten neoliberalen &Auml;ra &ndash; die Herrschaft der Finanzm&auml;rkte &uuml;ber die Politik w&auml;re dann zwar&nbsp; abgemildert und eingeschr&auml;nkt, jedoch nicht wie unter Roosevelt 1933&nbsp; mit dem &bdquo;Glass-Steagall-Act&rdquo; grunds&auml;tzlich gebrochen. (&ldquo;Glass-Steagall-Act&rdquo; = Aufteilung der Banken in Gesch&auml;ftsbanken und Investmentbanken, sodass die &ldquo;Zocker&rdquo; mit ihrem hohen Risiko&nbsp;nicht den Gesch&auml;ftsbankenteil sozusagen als &ldquo;Geisel&rdquo; nehmen k&ouml;nnen , um dann als &ldquo;systemrelevant&rdquo; mit den Milliarden der Steuerzahler immer wieder&nbsp;bei ihrer Zockerei gerettet zu werden &hellip; )<\/p><p>Dazu eine <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/diskussion\/eu\/wipo\/krise_bahl.html%20%20\">kleine Anmerkung von mir<\/a>:<br>\ndazu weiter auch noch Wieslaw Jurczenko , <a href=\"http:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2011\/januar\/euroland-in-bankenhand\">&ldquo;Euroland in Bankenhand&rdquo; \/ Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und Internationale Politik Heft 1 \/ 2011<\/a> <\/p><p><strong>Und wo bleibt der B&uuml;rger in diesem Prozess?<\/strong><br>\nEs wird dabei nicht unwesentlich sein, dass die B&uuml;rger gegen&uuml;ber dem Total-Versagen der Parlamente gegen&uuml;ber dem Finanzkapital einen st&auml;rkeren Einfluss erhalten.<br>\nEs wird allerdings die Frage sein, ob das &ldquo;abstrakt&rdquo; mit <a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/\/wiso\/07652.pdf\">dem Ruf nach gr&ouml;&szlig;erer Beteiligung angegangen wird [PDF &ndash; 281 KB]<\/a>&nbsp;oder dem B&uuml;rger einfach &ndash; wie in anderen (vor allem nord-)europ&auml;ischen L&auml;ndern &ndash; <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/diskussion\/gewerkschaft\/erfahrung\/polstreik_bahl.html\">st&auml;rkere soziale Rechte gew&auml;hrt werden<\/a>?&nbsp;<br>\n&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Literatur&uuml;bersicht von Volker Bahl.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,205],"tags":[925,555,477,705,417],"class_list":["post-7957","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-foucault-michel","tag-horn-gustav","tag-keynesianismus","tag-sarrazin-thilo","tag-sloterdijk-peter"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7957","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7957"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7957\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53806,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7957\/revisions\/53806"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7957"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7957"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7957"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}