{"id":79718,"date":"2022-01-13T17:02:16","date_gmt":"2022-01-13T16:02:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79718"},"modified":"2022-01-14T17:00:50","modified_gmt":"2022-01-14T16:00:50","slug":"experten-fuer-was","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79718","title":{"rendered":"Experten f\u00fcr was?"},"content":{"rendered":"<p>Gesundheitsminister Lauterbach hat als Antwort auf eine Studie, die einen Anstieg von Suizidversuchen unter Kindern im Lockdown feststellte, bezweifelt, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Lockdown und psychischen Folgen geben k&ouml;nne. Das ist typisch f&uuml;r viele Corona-Politiker. Sie besitzen einen engen Blickwinkel. Sie haben keinen Sinn f&uuml;r die und offenbar auch keine Ahnung von den Folgen ihrer politischen Entscheidungen, nicht f&uuml;r die gesellschaftlichen, die psychischen zum Beispiel bei Kindern und die wirtschaftlichen zum Beispiel bei Selbstst&auml;ndigen in vielen Teilen unserer Wirtschaft. Engstirnigkeit &ndash; das ist seit Jahrzehnten ein Grundzug der Politik, gelegentlich unterbrochen von etwas mehr Weitsicht. Ich will an mehreren Beispielen aus der Geschichte nach 1945 zeigen, welche Folgen die beschr&auml;nkte Sicht hatte und wie sie &uuml;berwunden wurde bzw. werden kann. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7723\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-79718-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220114_Experten_fuer_was_NachDenkSeiten.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220114_Experten_fuer_was_NachDenkSeiten.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220114_Experten_fuer_was_NachDenkSeiten.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220114_Experten_fuer_was_NachDenkSeiten.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=79718-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220114_Experten_fuer_was_NachDenkSeiten.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220114_Experten_fuer_was_NachDenkSeiten.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Dass sich die politisch Verantwortlichen bei ihren Entscheidungen an einem engen Kreis von Entscheidungsgrundlagen orientieren, ist ganz und gar nicht neu. Ich m&ouml;chte mit diesem Beitrag auf einige dieser Entscheidungen und Debatten in der Bundesrepublik Deutschland aufmerksam machen, meist auf Debatten und Entscheidungen, die ich selbst erlebt habe und deshalb aus dieser pers&ouml;nlichen Sicht heraus beschreibe und kommentiere.<\/p><p>Hier geht es um wichtige Fragen. Die Frage, wie wir zu einigerma&szlig;en vern&uuml;nftigen und guten Entscheidungen in der Politik kommen, muss uns besch&auml;ftigen. Es geht in dem folgenden Text konkret 1. um die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen aus Arbeitnehmerfamilien, 2. um Landschaftsschutz und Flurbereinigung, 3. um Umweltschutz, 4. um das Verh&auml;ltnis von personaler und elektronischer Kommunikation, konkret um die Folgen der Fernsehprogrammvermehrung und ihre Kommerzialisierung und 5. um die Coronapolitik. <\/p><ol>\n<li><strong>Nach 1945 zun&auml;chst nur begrenzte Chancen zur Weiterbildung f&uuml;r Kinder und Jugendliche aus Arbeitnehmerfamilien<\/strong>\n<p>Bei der Analyse der Situation m&uuml;ssen wir deutlich unterscheiden zwischen der DDR und dem westlichen Teil Deutschlands. Ich habe die Situation in einem konservativ regierten Bundesland (Baden-W&uuml;rttemberg) und in Nachbarschaft zu einem fortschrittlich regierten Bundesland (Hessen) erlebt. Aus unserem Dorf fuhren nach dem Krieg und weit hinein in die f&uuml;nfziger Jahre fast nur die Kinder aus Familien des gewerblichen Mittelstands mit dem Zug zur Schule nach Heidelberg. Meine Eltern mussten Schulgeld bezahlen. Die &bdquo;h&ouml;here&ldquo; Schule kostete und sie war mental weit weg von der Welt der meisten Eltern meiner Altersgruppe. Aber ein Thema war diese Ungerechtigkeit nicht. Auf dem Schulweg traf ich gelegentlich einen Klassenkameraden, der mit dem Zug aus einer am Neckar gelegenen hessischen Gemeinde kam. Seine Eltern mussten kein Schulgeld bezahlen. &bdquo;Hessen vorn&ldquo; war dann sp&auml;ter nicht nur eine Parole der politischen Werbung. Sie kennzeichnete auch die Wirklichkeit der Arbeiterfamilien und ihrer Kinder in Hessen im Vergleich zu den Nachbarl&auml;ndern Baden-W&uuml;rttemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.<\/p>\n<p>Im Blick der Politiker meiner Region war diese deutliche Ungerechtigkeit damals nicht. Es war kein Thema. Klassenzugeh&ouml;rigkeit entschied &uuml;ber die Chancen von Kindern und Jugendlichen &ndash; so war ihre Welt, so engstirnig.<\/p>\n<p>Das hat sich dann gl&uuml;cklicherweise ge&auml;ndert. In den sechziger Jahren bekamen viele Kinder aus dem Milieu der Lohnabh&auml;ngigen endlich eine Chance, auf weiterf&uuml;hrende Schulen zu gehen und zu studieren. Das Bildungswesen, die Schulen und die Universit&auml;ten wurden ausgebaut.<\/p><\/li>\n<li><strong>Flurbereinigung und Landschaftsschutz <\/strong>\n<p>Die f&uuml;nfziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren gepr&auml;gt von den Fanfaren des Wirtschaftswunders. Wachstum des Bruttoinlandsproduktes, steigende Einkommen, steigende Produktivit&auml;t in Industrie und Landwirtschaft &ndash; das waren die Orientierungspunkte.<\/p>\n<p>Die Landschaft in Deutschland, in Ost wie West, war noch in den f&uuml;nfziger Jahren gekennzeichnet von einer erstaunlichen Vielfalt. In meiner Heimatregion, einer H&uuml;gellandschaft zwischen Schwarzwald und Odenwald, waren die &Auml;cker und Wiesen unterbrochen von Str&auml;uchern und B&auml;umen, von Hohlwegen und Abbr&uuml;chen der Landschaft, von Klingen, wie man bei uns sagte. Klingen und Hohlwege waren von Str&auml;uchern und B&auml;umen bewachsen. Auch an den Feldr&auml;ndern und Chausseen, wie wir in Erinnerung an Jahrhunderte zur&uuml;ckliegende franz&ouml;sische Besatzungen sagten, standen B&auml;ume, meist Nussb&auml;ume oder Birnen- und Apfelb&auml;ume. Das waren alles zusammen nicht nur landschafts&auml;sthetisch wichtige Unterbrechungen der Landschaft, sie waren auch f&uuml;r die Artenvielfalt von V&ouml;geln und allerlei Kriechtieren, Hasen, Rebh&uuml;hnern u.a. wichtig.<\/p>\n<p>Dann hatten ein paar unselige Agrarexperten und Agrarpolitiker die Idee, diese vielf&auml;ltige Landschaft mit Flurbereinigungen plattzumachen &ndash; um so die Produktivit&auml;t der Landwirtschaft zu steigern. Mein &auml;lterer Bruder war &ndash; damals noch ohne Hintergrund eines Verbandes wie BUND oder NABU &ndash; ein engagierter Beobachter der Vogelwelt. Wir haben Ende der F&uuml;nfzigerjahre die Probleme der Flurbereinigung diskutiert und versucht, daraus ein &ouml;ffentliches Thema zu machen und den Flurbereinigungs- und Aussiedlungs-Projekten widersprochen. Aber die Sorgen und Einw&auml;nde von ein paar jungen Leuten spielten in der Entscheidungsbildung einer Gemeinde und des dahintersteckenden Landwirtschaftsministers von Baden-W&uuml;rttemberg keine Rolle. Die Entscheidung f&uuml;r eine radikale Flurbereinigung, noch dazu verbunden mit der Aussiedlung einiger Bauern aus dem kompakten Dorf in die unber&uuml;hrte Landschaft, wurde getroffen. Schon in den sechziger Jahren konnte man das Ergebnis bewundern: glatzk&ouml;pfige H&uuml;gel, eine Landschaft ohne Charakter und ein dramatischer Verlust der Artenvielfalt. Das eine oder andere hat sich inzwischen positiv ver&auml;ndert. Aber vieles ist kaputt. Es ist das Ergebnis von engstirnig getroffenen Entscheidungen, vor allem orientiert an der Produktivit&auml;t der Landwirtschaft.<\/p><\/li>\n<li><strong>&bdquo;Blauer Himmel &uuml;ber der Ruhr&ldquo; oder die Entdeckung des Umweltschutzes in Deutschland West.<\/strong>\n<p>Das Wirtschaftswunder der F&uuml;nfzigerjahre des letzten Jahrhunderts gr&uuml;ndete auf der industriellen Expansion. Der Schutz von Luft, Wasser und Umwelt ging nicht in das Kalk&uuml;l der Wirtschaftssubjekte und der Politik ein. Wir gingen r&uuml;cksichtslos mit diesen Ressourcen um. Ein pers&ouml;nliches Beispiel f&uuml;r die Ver&auml;nderung: 1948, 1949, 1950 gingen wir in Heidelberg noch ohne Angst um giftiges Wasser im Neckar schwimmen; etwa ab Mitte der F&uuml;nfzigerjahre schwamm auf dem Neckar der Schaum von eingeleiteten Chemikalien. Viel schlimmer war es an der Ruhr. Die Luftverschmutzung der Stahlwerke und anderer Industrien setzte vielen Menschen zu. Der Schutz von Umwelt und Natur ging nicht in die politischen Entscheidungen ein. <\/p>\n<p>Ein deutscher Politiker, den ich nicht nur wegen seiner friedenspolitischen Impulse sch&auml;tzte, hat das Thema Umweltschutz dann ab 1961 zum Thema gemacht: Willy Brandt versprach den &bdquo;blauen Himmel &uuml;ber der Ruhr&ldquo;. W&ouml;rtlich bei einer Rede in Bonn am 28. April 1961: &bdquo;Erschreckende Untersuchungsergebnisse zeigen, dass im Zusammenhang mit der Verschmutzung von Luft und Wasser eine Zunahme von Leuk&auml;mie, Krebs, Rachitis, Blutbildver&auml;nderungen sogar schon bei Kindern festzustellen sind. Es ist best&uuml;rzend, dass diese Gemeinschaftsaufgabe, bei der es um die Gesundheit von Millionen Menschen geht, bisher fast v&ouml;llig vernachl&auml;ssigt wurde. Verehrte Anwesende und besonders Freunde aus dem Revier: Der Himmel &uuml;ber dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!&ldquo;<\/p>\n<p>Das Umweltbundesamt hat dann 2011 immerhin festgestellt: &bdquo;Willy Brandts Forderung w&auml;hrend seiner Rede am 28. April 1961 &hellip; kann zu Recht als der Beginn umweltpolitischen Denkens in Deutschland gelten.&ldquo; <\/p>\n<p>Bis dann Umweltschutz ein wirklich politisch relevantes Thema wurde, dauerte es noch fast ein Jahrzehnt. Die sozialliberale Koalition, die ab 1969 regierte, begann damit. Bis dahin waren die Wirtschaftspolitiker Experten f&uuml;r das Wachstum, Experten f&uuml;r die Produktivit&auml;t und sie missachteten die sogenannten externen Wirkungen &ndash; external diseconomies &ndash; ihrer wirtschaftspolitischen Entscheidungen und der unternehmerischen Entscheidung. In der &ouml;konomischen Literatur und bei manchen Professoren der Volkswirtschaftslehre spielte die Erkenntnis, dass wirtschaftliche T&auml;tigkeit und wirtschaftspolitische Entscheidungen negative Effekte, eben external diseconomies, haben k&ouml;nnen und in der Regel haben, schon lange vorher eine Rolle. <\/p>\n<p>Das einschl&auml;gige Buch von E.J. Mishan <em>The Cost of Economic Growth<\/em> erschien 1967, immerhin 5 Jahre vor der Ver&ouml;ffentlichung des Club of Rome &uuml;ber die Grenzen des Wachstums. Vorher gab es schon seit den zwanziger Jahren Literatur zum Thema. Das zweib&auml;ndige Werk &bdquo;Trade and Welfare&ldquo; von James E. Meade gab es 1955. Darin werden im Detail die Wirkungen und Nebenwirkungen &ouml;konomischer Entscheidungen diskutiert. Das Werk war zum Beispiel Gegenstand von Seminaren und Vorlesungen von Professor Hans M&ouml;ller in M&uuml;nchen ausgangs der f&uuml;nfziger und Anfang der Sechzigerjahre. Politisch relevant wurden diese ungemein politischen Debatten in Universit&auml;tsseminaren allerdings nicht. Einen Zusammenhang zwischen den zeitlich beisammen liegenden Studien und Willy Brandts &ouml;ffentlicher Forderung nach sauberer Luft &uuml;ber der Ruhr gab es vermutlich nicht. Sp&auml;ter dann flossen diese Erkenntnisse 1971 in die SPD-Steuerreformkommission mit der Forderung nach einer Abgabe auf umweltfeindliche Produkte und in das Wahlprogramm der SPD von 1972 ein. &bdquo;F&uuml;r Frieden, Sicherheit und eine bessere Qualit&auml;t des Lebens&ldquo; hie&szlig; der Titel. Die IG Metall hatte im April 1972 unter der F&uuml;hrung von Otto Brenner eine Tagung in Oberhausen organisiert. Thema: &bdquo;Aufgabe Zukunft: Qualit&auml;t des Lebens&ldquo;.<\/p>\n<p>Aber ein wirklich nachhaltiger Umweltschutz hatte es auch danach noch immer schwer. Besonders deutlich wurde das dann in der Zeit der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt und seinen Nachfolgern.<\/p>\n<p>Nebenbei: Die ersten Schritte zur &Uuml;berwindung der engstirnigen, auf Bruttoinlandsprodukts-Wachstum alleine konzentrierten Politik waren lange vor der Gr&uuml;ndung der Gr&uuml;nen gemacht worden. Dass ihre Gr&uuml;ndung n&ouml;tig geworden war, hat etwas damit zu tun, dass unter der Kanzlerschaft Helmut Schmidts die fr&uuml;heren Ans&auml;tze verloren gegangen sind oder absichtlich missachtet worden.<\/p>\n<p>Die Missachtung von Umweltschutz, von Naturschutz, von Artenschutz hat vermutlich den gr&ouml;&szlig;ten Schaden angerichtet, den eine engstirnige Politik anrichten kann. Vielleicht wird dies von der Coronapolitik noch &uuml;bertroffen werden. Aber das wissen wir noch nicht.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Folgen der Vermehrung und damit verbunden der Kommerzialisierung der Fernseh- und H&ouml;rfunkprogramme <\/strong>\n<p>Die Missachtung anderer als engstirniger &ouml;konomischer Gesichtspunkte kann man dem fr&uuml;heren Bundeskanzler Helmut Schmidt auf einem anderen Gebiet als dem Bereich des Umweltschutzes nicht vorwerfen. Er zeigte sich n&auml;mlich erstaunlich offen daf&uuml;r, die Folgen der Programmvermehrung und der Kommerzialisierung der elektronischen Medien bei einschl&auml;gigen politischen Entscheidungen zu beachten.<\/p>\n<p>Die Geschichte lief so: 1977 oder Anfang 1978 kamen der damalige Bundespost- und Fernmeldeminister Gscheidle zusammen mit interessierten Kreisen in der Wirtschaft und in der CDU\/CSU auf die Idee, die Verkabelung der Bundesrepublik Deutschland mit Fernsehverteilnetzen voranzutreiben und zu diesem Zweck ein Pilotprojekt zur Verkabelung von elf deutschen St&auml;dten zu installieren.<\/p>\n<p>Zur gleichen Zeit hatte die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes dem Bundeskanzler Schmidt vorgeschlagen, die wachsende Nutzung des Fernsehens durch Erwachsene und insbesondere durch Kinder zu einem politischen Thema zu machen. Es war deutlich zu erkennen, dass die wachsende Nutzung des Fernsehens sowohl mit dem Lernen und Wissen von Kindern als auch mit dem Zusammenleben in Familien und Vereinen kollidierte. Helmut Schmidt wollte deshalb einen Ansto&szlig; zum Nachdenken &uuml;ber dieses Problem einer vern&uuml;nftigen Aufteilung in personale Kommunikation und elektronische Kommunikation geben. Der kommunikative Hebel f&uuml;r die gew&uuml;nschte Diskussion sollte der Vorschlag f&uuml;r einen fernsehfreien Tag sein. Das war nicht ernst gemeint. Es sollte der Ansto&szlig; zu einer aus seiner Sicht und aus meiner Sicht auch objektiv betrachtet wichtigen Diskussion sein.<\/p>\n<p>Die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes hatte gerade den Text f&uuml;r einen Essay von Helmut Schmidt in der Wochenzeitung Die Zeit vorbereitet, als die Vorlage des f&uuml;r das Post- und Fernmeldewesen zust&auml;ndigen Abteilungsleiterkollegen mit dem Vorschlag f&uuml;r das Pilotprojekt Verkabelung von elf St&auml;dten auf den Tisch Bundeskanzlerb&uuml;ros kam. Dieses Vorhaben sollte bei einer Konferenz des Bundeskanzlers mit den Ministerpr&auml;sidenten (einer Einrichtung, die es damals schon gab) Anfang Mai 1978 beraten und verabschiedet werden. Zu den Hintergr&uuml;nden ist noch anzumerken: Die CDU\/CSU wollte mit der Programmvermehrung nicht nur ein neues Feld des &ouml;konomischen Wachstums schaffen. Sie kalkulierte und spekulierte auch darauf, dass das Bundesverfassungsgericht bei einer Ausweitung der Programme seine Vorbehalte gegen die Kommerzialisierung des Fernsehens aufgeben w&uuml;rde. Ein richtiges Kalk&uuml;l. Wie sich sp&auml;ter herausstellte und damals absehbar war.<\/p>\n<p>Die Kommerzialisierung und die damit verbundenen Gefahren f&uuml;r die demokratische Willensbildung und das Zusammenleben waren aber nicht das entscheidende Argument f&uuml;r den damaligen Bundeskanzler und seine Berater. Wir wollten die Menschen darauf aufmerksam machen, dass mehr Fernsehen, dass noch mehr Programme als die damaligen drei Programme Folgen f&uuml;r sie, f&uuml;r ihre Kinder und ihre Familien und auch f&uuml;r das gesellschaftliche Leben insgesamt haben w&uuml;rden. In heutiger Sprache der Pandemiebek&auml;mpfung: Wir wollten Sorge daf&uuml;r tragen, dass der Blickwinkel der Experten erweitert wird. Vom Ausgangspunkt &ouml;konomisches Wachstum durch mehr Telekommunikation erweitert um die Einsicht, dass damit die personale Kommunikation wie auch zum Beispiel die F&auml;higkeit von Kindern zum Lernen ber&uuml;hrt sein w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Helmut Schmidt hat seinen Widerstand durchgehalten. Das Programm und die Subvention zur Verkabelung von 11 deutschen St&auml;dten wurde nicht verabschiedet. Als die CDU\/CSU zusammen mit der FDP dann ab September 1982 regierte, hat Schwarz-Schilling, der daf&uuml;r zust&auml;ndige CDU-Politiker, sofort an der Programmvermehrung und der Kommerzialisierung gearbeitet. 1984 war es dann soweit. Es wurde massiv geworben f&uuml;r die neue M&ouml;glichkeit der kommerziellen Kommunikation. Alle Postautos zum Beispiel fuhren als fahrende Litfa&szlig;s&auml;ulen mit den Spr&uuml;chen zur Programmvermehrung durch die Gegend: Verziert mit einem Kabelbaum wurde f&uuml;r <em>Mehr Programme<\/em> geworben. Im Jahrbuch der ARD von 1994 wurde dann &uuml;brigens kritisch beschrieben, was mit diesem Urknall von Ludwigshafen, wie man es auch nennen konnte, weil dort ein Pilotprogramm gestartet wurde, angerichtet worden war. Die Folgen kann man &uuml;brigens auch daran erkennen, dass die ARD sich unter dem Einfluss der Kommerzialisierung so gewandelt hat, dass sie heute nicht mehr auf die Idee k&auml;me, ein kritisches Jahrbuch zur Programmvermehrung und Kommerzialisierung auf den Tisch zu legen.<\/p>\n<p><strong>Fazit: Die Programmvermehrung und die damit verbundene Kommerzialisierung der elektronischen Medien ist ein Musterbeispiel f&uuml;r die gro&szlig;e Bedeutung der Engstirnigkeit, der Vernachl&auml;ssigung wichtiger Wirkungen politischer Entscheidungen. <\/strong><\/p><\/li>\n<li><strong>Die Coronapolitik ist ein Musterbeispiel f&uuml;r praktizierte Engstirnigkeit<\/strong>\n<p>Das kann man schon an der Zusammenstellung der verschiedenen herangezogenen Expertenkreise sehen. Sie ber&uuml;cksichtigen vor allem die medizinische Seite und ganz wenig die Folgen der Coronapolitik f&uuml;r die Gesellschaft, f&uuml;r die Psyche, f&uuml;r das Zusammenleben. Wie einseitig und engstirnig die Sache angelegt ist, kann man schon alleine daran erkennen, dass vermutlich keines der Mitglieder des neuen Expertenrates oder des Ethikrates oder anderer Gremien um seinen Arbeitsplatz und seine &ouml;konomische Versorgung bangen muss. Dieser Teil unseres Volkes, die Abh&auml;ngigarbeitenden, die auf gelegentliche Jobs angewiesenen Geringverdiener und Studenten und auch die um ihre Existenz bangenden Einzelh&auml;ndler und Freiberufler kommen in diesen Gremien nicht vor. <\/p>\n<p>Die Engstirnigkeit ist vorprogrammiert.<\/p>\n<p><strong>Wissenschaftliches Expertengremium<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Prof. Reinhard Berner (Uni Dresden)<\/li>\n<li>Prof. Cornelia Betsch (Uni Erfurt)<\/li>\n<li>Prof. Melanie Brinkmann (TU Braunschweig)<\/li>\n<li>Prof. Alena Buyx (TU M&uuml;nchen, Deutscher Ethikrat)<\/li>\n<li>Prof. J&ouml;rg D&ouml;tsch (Deutsche Gesellschaft f&uuml;r Kinder- und  Jugendmedizin)<\/li>\n<li>Prof. Christian Drosten (Charit&eacute;)<\/li>\n<li>Prof. Christine Falk (Medizinische Hochschule Hannover)<\/li>\n<li>Prof. Ralph Hertwig (MPI f&uuml;r Bildungsforschung, Risikokommunikation)<\/li>\n<li>Prof. Lars Kaderali (Uni Greifswald)<\/li>\n<li>Prof. Christian Karagiannidis (Leiter ARDS und ECMO Zentrum K&ouml;ln-Merheim)<\/li>\n<li>Prof. Heyo Kroemer (Charit&eacute;)<\/li>\n<li>Prof. Thomas Mertens (STIKO)<\/li>\n<li>Prof. Michael Meyer-Hermann (Uni Braunschweig)<\/li>\n<li>Dr. Johannes Niessen (Gesundheitsamt K&ouml;ln)<\/li>\n<li>Dr. Viola Priesemann (MPI)<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol><p>Titelbild: bundesregierung.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gesundheitsminister Lauterbach hat als Antwort auf eine Studie, die einen Anstieg von Suizidversuchen unter Kindern im Lockdown feststellte, bezweifelt, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Lockdown und psychischen Folgen geben k&ouml;nne. 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