{"id":79776,"date":"2022-01-16T11:45:26","date_gmt":"2022-01-16T10:45:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79776"},"modified":"2022-01-16T14:03:14","modified_gmt":"2022-01-16T13:03:14","slug":"beispielhaftes-bio-projekt-man-muss-das-mal-vom-wildtier-her-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79776","title":{"rendered":"Beispielhaftes Bio-Projekt: \u201eMan muss das mal vom Wildtier her denken\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Es ist riskant. Wir wagen es trotzdem: Wir erh&ouml;hen unseren Milchpreis um 20 Cent.&ldquo; So steht es seit ein paar Wochen auf den Milcht&uuml;ten der Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof, die im Norden Deutschlands Biomilch anbietet. Mit der Preiserh&ouml;hung will die Bauerngemeinschaft von fast vierzig Betrieben einen Umbau der Tierhaltung und der Landbewirtschaftung finanzieren, der weit &uuml;ber die Standards ihres Anbauverbandes Bioland hinausgeht und mittenrein zielt in die gesamtgesellschaftliche Diskussion um die Agrarwende. Von <strong>Florian Schwinn<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nHier wird das gemacht, wovon alle reden: Klimaschutz, Tierwohl, Biodiversit&auml;t und faire, zukunftsf&auml;hige Arbeitsbedingungen auf dem Land &ndash; einmal alles und das schnell. In einem ersten Schritt bis 2025 und einem zweiten bis 2030 will die Bauerngemeinschaft die Zukunft der Landwirtschaft aufbauen. Mit zwanzig Cent mehr pro Liter verkaufter Milch. Anscheinend machen die Verbraucherinnen und Verbraucher das mit. Sie zahlen, oder genauer: sie investieren beim Einkaufen von Milchprodukten &ndash; und der Umbau ist gestartet.<\/p><p><strong>Projekt Zukunft<\/strong><\/p><p>Entstanden ist die Bauerngemeinschaft, die sich eine Meierei aufgebaut hat und eigene Vertriebswege f&uuml;r ihre Milchprodukte, aus einem Hof im schleswig-holsteinischen Hamfelde. Im Tschernobyl-Jahr 1986 haben die Eltern von Janosch Raymann, dem heutigen Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Meierei, ihren Hof auf Bio umgestellt. Damals gab es in Norddeutschland noch keine Meierei, die Biomilch separat verarbeiten wollte. Also musste der Vertrieb selbst organisiert werden. Nach und nach haben sich immer mehr Milchbetriebe dem Anbauverband Bioland und den Hamfeldern angeschlossen und nach mehreren Versuchen mit ans&auml;ssigen Molkereien wurde dann die Bauerngemeinschaft gegr&uuml;ndet und 2015 die eigene Meierei er&ouml;ffnet.<\/p><p>&bdquo;Das war von Anfang an eine Initiative, die nicht nur Milchprodukte vermarkten wollte, sondern auch die &Ouml;kolandwirtschaft weiterentwickeln,&ldquo; sagt Janosch Raymann. Und nachdem sich die Hamfelder im regionalen Biomarkt Norddeutschlands etabliert hatten, gingen sie dann dieses Ziel an. Von der Ideensammlung bis zur Projektentwicklung hat es mehrere Jahre gedauert, bis ein von der Bauerngemeinschaft gew&auml;hlter Beirat dann das Konzept vorstellen konnte. Im Beirat eine B&auml;uerin, drei Bauern, der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer und ein Mitarbeiter aus dem Qualit&auml;tsmanagement der Meierei, die sich auch externe Expertise holten.<\/p><p>Das Projekt, f&uuml;r das die Hamfelder jetzt die Verbraucherinnen und Verbraucher &uuml;ber den Milchpreis um Finanzierung bitten, st&uuml;tzt sich im Wesentlichen auf drei S&auml;ulen:<\/p><p>Die Familienbetriebe, die die Meierei tragen, sollen zukunftsf&auml;hig werden und erhalten bleiben. Sie sollen gute Arbeit zu ausk&ouml;mmlichen L&ouml;hnen bieten. Diesen Punkt nennt Janosch Raymann zuerst, weil er in der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung gerne untergeht. &bdquo;Aber&ldquo;, sagt er, &bdquo;wenn die Betriebe keine Zukunft haben, m&uuml;ssen wir uns &uuml;ber die Art, wie sie wirtschaften sollen, keine Gedanken mehr machen.&ldquo;<\/p><p>Dann kommt das, was die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher und auch Journalisten wie mich immer zuerst interessiert: das Tierwohl!<\/p><p>Das soll das Gro&szlig;projekt der Hamfelder gleich in mehreren Schritten verbessern. Zun&auml;chst &uuml;ber die sogenannte muttergebundene K&auml;lberaufzucht. Dieser manchem wohl widersinnig klingende Begriff &ndash; denn wer soll die K&auml;lber aufziehen, wenn nicht die Mutter &ndash; beschreibt das Gegenteil des in der Milchwirtschaft &uuml;blichen Weges. &bdquo;Normalerweise&ldquo; werden die K&auml;lber direkt oder kurz nach der Geburt von den M&uuml;ttern getrennt und dann mit Milcheimern und Saugnippeln aufgezogen. Das soll jetzt wieder anders werden. Die K&auml;lber sollen von den M&uuml;ttern oder wenigstens von Ammenk&uuml;hen aufgezogen werden.<\/p><p>Um das zu erm&ouml;glichen, m&uuml;ssen wohl die meisten der beteiligten H&ouml;fe ihre Stallungen umbauen oder neu bauen. Jede Kuh, die ein Kalb s&auml;ugt, soll im Stall mindestens achtzehn Quadratmeter Platz haben, auf Stroheinstreu, versteht sich.<\/p><p>Dazu kommt Weidegang f&uuml;r K&uuml;he, K&auml;lber und Jungtiere &ndash; an mindestens 180 Tagen im Jahr. Da viele H&ouml;fe nicht mittig im eigenen Weideland liegen, bedeutet das den Ausbau und die Pflege von Triebwegen f&uuml;r die Rinder, das Zusammenlegen von Weidefl&auml;chen und bei manchen H&ouml;fen auch das t&auml;gliche Queren von Landstra&szlig;en. Also reichlich Organisationsarbeit. Dennoch sollen diese Schritte in nur drei Jahren getan sein.<\/p><p><strong>Auch f&uuml;r Jungtiere<\/strong><\/p><p>Bis 2030 dann sollen zus&auml;tzlich alle K&auml;lber, also auch die m&auml;nnlichen Tiere, entweder auf den eigenen H&ouml;fen aufgezogen werden oder auf befreundeten Bioh&ouml;fen. Die Hamfelder wollen also ihre Nachzucht nicht mehr in konventionelle Haltung abgeben. Das wird der vielleicht schwierigste Teil des Projekts, denn die Aufzucht der Bullenk&auml;lber nach Biostandard ist ein &ouml;konomisches Risiko.<\/p><p>Heinrich Pothmer, Mitglied der Bauerngemeinschaft mit Hof im nieders&auml;chsischen Wendland, vergleicht die Bullenk&auml;lber der Milchviehrassen mit den Bruderh&auml;hnen der Legehennen. Der Vergleich passt, denn wie bei den Legehennenlinien wurde in der Zucht auch bei den Milchviehrassen in den letzten Jahrzehnten ausschlie&szlig;lich auf weibliche Eigenschaften selektiert: dort die Eier-, hier die Milchproduktion. Und wie bei den Legehennen sind auch die Br&uuml;der der Milchk&uuml;he f&uuml;r die Mast wenig geeignet. Sie wachsen zu langsam. &bdquo;&Ouml;konomisch im Biostandard leider noch nicht darstellbar&ldquo;, sagt Heinrich Pothmer und berichtet von seinem schlechten Gewissen, wenn er die Bullenk&auml;lber in die konventionelle Mast abgibt. Er wei&szlig;, was ihnen bl&uuml;ht: Stallhaltung in engen Boxen auf Spaltenb&ouml;den.<\/p><p>Wenn die Hamfelder durchf&uuml;hren wollen, was sie sich vorgenommen haben, m&uuml;ssen sie sich am Ende auch um die Vermarktung des Fleischs der erwachsenen Bullen k&uuml;mmern oder einen Verbund von Biobetrieben aufbauen, der ihnen die K&auml;lber abnimmt.<\/p><p><strong>Mit Naturschutz<\/strong><\/p><p>Und dann der dritte Knackpunkt der Zukunftsplanung der Hamfelder: die Biodiversit&auml;t. Mindestens zehn Prozent der Fl&auml;che sollen die H&ouml;fe f&uuml;r den Naturschutz reservieren.<\/p><p>Bei einem Hof wie dem der Pothmers im Wendland sind das 35 Hektar. Als Heinrich Pothmer in den 1980er Jahren den Betrieb von seinen Eltern &uuml;bernahm, war das seine gesamte Landfl&auml;che.<\/p><p>Jetzt fordert die Bauerngemeinschaft von sich selbst, dass jeder der beteiligten H&ouml;fe ein Naturschutzkonzept erarbeitet. Es geht dabei nicht darum, ein gro&szlig;es St&uuml;ck Land einfach aus der Nutzung zu nehmen und sich selbst zu &uuml;berlassen. Es geht im Gegenteil darum, vorhandene Biotope zu erg&auml;nzen, ihnen mehr Raum zu geben und sie vor allem mit weiteren Fl&auml;chen zu einem Verbund zu vernetzen.<\/p><p>&bdquo;In Schleswig-Holstein sind wir da im Vorteil &ndash; wir haben die Knicks&ldquo;, sagt Johannes Tams, der im Beirat der Bauerngemeinschaft das Projekt mit ausgearbeitet hat. Er betreibt in Ausacker auf der Halbinsel Angeln zusammen mit dem Sohn den Milchhof Tams. Die Knicks sind die traditionellen Windschutzhecken zwischen den &Auml;ckern und Weiden, die ohnehin unter Schutz stehen. &bdquo;Die lassen sich schnell erweitern und gut vernetzen&ldquo;, sagt Johannes Tams.  Au&szlig;erdem hat er schon auf einer Strecke von mehr als anderthalb Kilometern einen zehn Meter breiten Streifen entlang der Kielstau an den Naturschutz abgegeben. Damit wurde das Quellfl&uuml;sschen der Treene, in den 60er Jahren kanalisiert, wieder renaturiert. Und auch sein Vater hat schon Biotope angelegt oder entstehen lassen, wo etwa nasse Senken waren und sich Landwirtschaft nicht wirklich lohnte.<\/p><p>&bdquo;Man muss das mal vom Wildtier her denken&ldquo;, sagt der Bauer. Er nimmt als Beispiel ein Fasanenk&uuml;ken, das sofort nach dem Schl&uuml;pfen etwas zu fressen braucht. &bdquo;Was fressen die? Zum Beispiel die Samen vom Storchschnabel. Und wenn es die nicht findet und es dann bald keine Fasanen mehr gibt, dann ist das mein Fehler, weil ich den Tisch nicht gedeckt habe.&ldquo; Also werden die &Auml;cker bei den Tams nicht gestriegelt, wie das viele Biobauern machen. Der Striegel ist ein Ger&auml;t zur mechanischen Unkrautbek&auml;mpfung. Er rei&szlig;t die unerw&uuml;nschten Pflanzen aus und verschafft den Kulturpflanzen Platz. &bdquo;Unsere Kulturen sind stark genug, sich auch ohne Striegeln durchzusetzen, das Bodenleben hilft ihnen &ndash; und wir striegeln keine Lerchennester mehr weg und keine Kiebitzeier und keine Junghasen.&ldquo;<\/p><p>Die Hamfelder haben sich straffe Ziele gesetzt. Bis 2025 soll der erste Teil, bis 2030 alles umgesetzt sein. Neben den gro&szlig;en Zielen, die ich genannt habe, gibt es noch viele Details, die zu ber&uuml;cksichtigen sind. Und Baugenehmigungen werden sich kaum beschleunigen lassen, weil neue St&auml;lle zu einem &Ouml;kokonzept geh&ouml;ren. Es wird nicht einfach, aber sicher spannend. &bdquo;Und es wird gemacht&ldquo;, sagt Johannes Tams, &bdquo;wir haben einen Vertrag mit den Verbrauchern!&ldquo; Die sind den Hamfeldern bislang gefolgt. &bdquo;Wir erkennen keine Umsatzeinbr&uuml;che durch die Erh&ouml;hung des Milchpreises&ldquo;, sagt Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Janosch Raymann. &bdquo;Die Verbraucherinnen und Verbraucher schenken uns ihr Vertrauen, und wir m&uuml;ssen und wollen dem jetzt gerecht werden.&ldquo;<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<a href=\"https:\/\/hamfelderhof.de\">Die Website der Hamfelder Hof Bauernmeierei<\/a>\n<p><a href=\"https:\/\/hamfelderhof.de\/mission\">Die Darstellung des Projekts<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/ffe-was-tun\">Mehr zum Projekt auch im Podcast<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Es ist riskant. Wir wagen es trotzdem: Wir erh&ouml;hen unseren Milchpreis um 20 Cent.&ldquo; So steht es seit ein paar Wochen auf den Milcht&uuml;ten der Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof, die im Norden Deutschlands Biomilch anbietet. 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