{"id":79829,"date":"2022-01-17T09:00:06","date_gmt":"2022-01-17T08:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79829"},"modified":"2026-01-27T11:41:08","modified_gmt":"2026-01-27T10:41:08","slug":"wenn-es-darauf-ankommt-haben-die-wissenschaftler-nicht-mehr-viel-zu-sagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79829","title":{"rendered":"\u201eWenn es darauf ankommt, haben die Wissenschaftler nicht mehr viel zu sagen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Sprechen Sie mal mit Doktoranden, auch in der Grundlagenwissenschaft, die wissen genau, von welchen Themen sie besser die Finger lassen&ldquo; &ndash; das sagt der Physiker <strong>Alexander Unzicker<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Unzicker setzt sich in dem gerade erschienenen Buch &bdquo; Einsteins Albtraum &ndash; Amerikas Aufstieg und der Niedergang der Physik&ldquo; unter anderem mit der Instrumentalisierung der Wissenschaft auseinander. Im NachDenkSeiten-Interview erkl&auml;rt er, was er mit &bdquo;Einsteins Albtraum&ldquo; meint, spricht &uuml;ber die Atombombe und eine manchmal arrogante Wissenschaft. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Unzicker, Sie sind Physiker und haben gerade ein Buch &uuml;ber &bdquo;Einsteins Albtraum&ldquo;, den Aufstieg Amerikas und den &bdquo;Niedergang der Physik&ldquo; geschrieben. Was ist mit Einsteins Albtraum gemeint? <\/strong><\/p><p>Die Grundlagenphysik ist seit langem in einem Zustand der Degeneration: Die Theorien sind zu Science Fiction mit Gleichungen geworden, die Experimente oft eine recht hirnlose Gigantomanie. Wissenschaft war fr&uuml;her, sagen wir vor hundert Jahren, die kompromisslose Wahrheitssuche Einzelner, heute ist sie oft ein b&uuml;rokratisches Monstrum, das mehr Pfr&uuml;nde sichert als Erkenntnis bringt. Wenn man sich damit besch&auml;ftigt, wie Einstein und seine Zeitgenossen an die gro&szlig;en Fragen der Natur herangegangen waren, kann man sagen: Ja, das ist ein Albtraum.<\/p><p><strong>Und wie kam es zu dieser Ver&auml;nderung?<\/strong><\/p><p>Eine Ursache und, wenn Sie so wollen, auch ein Alptraum ist, dass die Physik, basierend zum Teil auf Einsteins Erkenntnissen, die furchtbarsten Vernichtungswaffen entwickelt hat. Das hat ihm sicher auch schlaflose N&auml;chte bereitet, gerade ihm, der sich mehr als andere Wissenschaftler zum Pazifismus bekannte.<\/p><p><strong>Die Atombombe nimmt in Ihrer Betrachtung eine zentrale Stelle ein.<\/strong><\/p><p>Sie hat mehr ver&auml;ndert, als man gemeinhin denkt. Die Atomphysik wurde in der Zeit von 1930 bis 1950 von einer &bdquo;harmlosen&ldquo; Besch&auml;ftigung im Elfenbeinturm zu einem Machtwissen, das &uuml;ber die Weltherrschaft entschied. Es gab einen Bruch in der Forschungstradition, weg von dem gr&uuml;ndlichen, naturphilosophischen Verstehen und hin zu anwendungsorientierter Forschung, die an Modellen herumwurstelt, die vor allem funktionieren sollen. Das sieht man bis heute.<\/p><p><strong>Was hat sich denn durch die Forschung an der Atombombe ver&auml;ndert? <\/strong><\/p><p>Sie m&uuml;ssen sich das vorstellen: Um 1930 arbeiteten zum Beispiel in G&ouml;ttingen Forscher aus allen L&auml;ndern friedlich an der Atomphysik. Dann kamen die Nazis, parallel dazu einige gef&auml;hrliche Entdeckungen&hellip; und 15 Jahre sp&auml;ter arbeitet praktisch die ganze intellektuelle Elite in riesigen Geheimlaboratorien, um eine Bombe mit nie dagewesener Sprengkraft zu bauen. Davon hat sich die Physik nie wieder ganz erholt.<\/p><p><strong>Kann man denn sagen, jemand war verantwortlich f&uuml;r die Atombombe?<\/strong><\/p><p>Seit Entdeckung der Radioaktivit&auml;t 1896 war die Entwicklung wohl vorgezeichnet. Von dort f&uuml;hrt eigentlich ein direkter Weg zur Nukleartechnik. F&uuml;r die verschiedenen Entdeckungen waren wohl Kreativit&auml;t und Geschicklichkeit n&ouml;tig, aber kein genialer Geistesblitz. Letztlich war es sorgf&auml;ltiges und systematisches Ausprobieren. Insofern tr&auml;gt auch niemand eine Schuld daf&uuml;r, fr&uuml;her oder sp&auml;ter w&auml;re die Bombe gebaut worden. Und man will sich nicht ausmalen, was geschehen w&auml;re, h&auml;tte sie Hitler zuerst in die H&auml;nde bekommen. Es gab Leute, die fr&uuml;h die Gefahren erkannt haben.<\/p><p><strong>Es gab Wissenschaftler, die sich weigerten, bei der Entwicklung der Atombombe mitzuarbeiten. Sie erw&auml;hnen in Ihrem Buch, dass etwa russische Atomphysiker, die ihre Expertise nicht zur Verf&uuml;gung stellen wollten, verhaftet und deportiert wurden.<\/strong><\/p><p>Pjotr Kapitza, ein bekannter Physiker, der viel sp&auml;ter den Nobelpreis erhalten sollte, kam noch mit sieben Jahren Hausarrest davon. So eine Situation in einem Regime wie unter Stalin oder Hitler muss man sich konkret vorstellen, wenn man beispielsweise Werner Heisenberg beurteilen will, der als junger Physiker die Quantenmechanik mitbegr&uuml;ndet hatte, aber nach 1933 in Deutschland blieb und am Uranprojekt mitarbeitete.<\/p><p><strong>Wie sehen Sie im Allgemeinen das Spannungsverh&auml;ltnis zwischen Wissenschaft und politischer Macht? <\/strong><\/p><p>Wenn es darauf ankommt, haben die Wissenschaftler nicht mehr viel zu sagen. In Los Alamos waren sie zum Beispiel mit deutlicher Mehrheit gegen einen Abwurf &uuml;ber bewohntem Gebiet in Japan, aber die Waffe war den Milit&auml;rs nicht mehr aus der Hand zu nehmen. Umgekehrt sitzt die Wissenschaft, &uuml;ber gro&szlig;e Zeitr&auml;ume betrachtet, am l&auml;ngeren Hebel. Denn die von ihr generierte Technologie bestimmt die Lebensbedingungen der Zivilisation viel mehr als sogar Kriege und manche Schurken, die die Welt als Staatsoberh&auml;upter erlebt hat. Auf lange Sicht haben die Gesellschaften einen Evolutionsvorteil, in denen Wissenschaft gedeihen kann.<\/p><p><strong>Immer wieder ist zu h&ouml;ren, dass Wissenschaft &bdquo;frei&ldquo; sei. In der Konsequenz wird Wissenschaft als eine Art Sph&auml;re betrachtet, die &bdquo;frei&ldquo;, also unabh&auml;ngig von &auml;u&szlig;eren Einfl&uuml;ssen und Interessen ist. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Im Idealfall, ja! In der Praxis leidet die Wissenschaft, sobald ihre ergebnisoffene, vielschichtige und evidenzbasierte Arbeitsweise von politischem Schwarzwei&szlig;denken okkupiert wird, das ist offensichtlich. Untersch&auml;tzt wird aber, wie sehr die Freiheit in der Wissenschaft von ihr selbst bedroht ist. Damit meine ich B&uuml;rokratisierung, gro&szlig;e Institutionen, Dogmen in vielen Fachgebieten, die Effekte des Gruppendenkens sind enorm. Sprechen Sie mal mit Doktoranden, auch in der Grundlagenwissenschaft, die wissen genau, von welchen Themen sie besser die Finger lassen. Das h&auml;ngt auch mit der Art und Weise zusammen, wie Wissenschaft seit 70 Jahren betrieben wird &ndash; mit viel Geld und gro&szlig;en Institutionen. Aber wie Karl Popper sagte: Big Science may destroy great science.<\/p><p><strong>Was hat das nun mit Amerika und Europa zu tun, wie Sie im Untertitel suggerieren?<\/strong><\/p><p>Es gab gro&szlig;e Unterschiede in der Mentalit&auml;t und in der Denkkultur. In Europa ging man naturphilosophisch an die Physik heran, man wollte etwas verstehen, die Erfindungen ergaben sich als Folge. In Amerika stand die Anwendung ganz im Vordergrund, es sollte funktionieren. Heisenberg wundert sich zum Beispiel in seiner Autobiographie dar&uuml;ber, dass die konzeptionellen Probleme der Quantenmechanik, wor&uuml;ber man sich in Europa die K&ouml;pfe hei&szlig; diskutierte, in Amerika einfach niemanden interessierten. Man entwickelte diese sogenannten Standardmodelle mit vielen anpassbaren Parametern, und gut war es. Keine Fragen. Warum beschenkt uns die Natur mit irgendwelchen willk&uuml;rlichen Zahlen? Vielleicht wiederhole ich mich: Da h&auml;tte sich Einstein an den Kopf gefasst.<\/p><p><strong>Stehen Sie mit Ihrer Kritik an der modernen Physik allein? <\/strong><\/p><p>Ich glaube nicht. Viele Wissenschaftler sp&uuml;ren, dass da etwas falsch l&auml;uft. Sabine Hossenfelder schreibt zum Beispiel, dass sich die Physiker heute mehr mit mathematischen Phantasien besch&auml;ftigen als mit der Realit&auml;t und kritisiert ebenfalls neue Teilchenbeschleuniger, die nur um ihrer selbst willen gebaut werden. Aber ich denke, diese Entwicklung hat Ursachen, die noch weiter zur&uuml;ckreichen. Deswegen war es mir wichtig, die historische Entwicklung zu beleuchten. Und da springen die verschiedenen Traditionen in Europa und Amerika ins Auge.<\/p><p><strong>Was sehen Sie positiv an den USA, was negativ? <\/strong><\/p><p>Machen wir uns nichts vor: Im 19. Jahrhundert war es eine Auswahl von mutigen und tatkr&auml;ftigen Leuten, die in die USA ausgewandert sind. Das begr&uuml;ndete letztlich ihren Aufstieg zur Weltmacht. Sie waren einmalig, was Kooperation und Organisation betraf, und wie Einstein es ausdr&uuml;ckte: freundlich, hilfsbereit und &ndash; neidlos. Da k&ouml;nnten sich die Europ&auml;er etwas abschneiden. Trotzdem: Reflexionen &uuml;ber elementare Naturgesetze, dieses manchmal gr&uuml;blerlische Nachdenken &uuml;ber die letzten Ursachen, war nicht so ihr Ding. Dennoch galten die Bastler der Bombe &ndash; ich &uuml;berzeichne jetzt etwas &ndash; wie Compton, Lawrence und Oppenheimer nach dem Krieg pl&ouml;tzlich als die gro&szlig;en Physiker. Auch der sympathische Richard Feynman entspringt dieser Tradition. Man muss aber leider sagen: Hinsichtlich elementarer Fragen &ndash; beispielsweise die Ursache der Gravitation, wie sie von Ernst Mach thematisiert wurde &ndash; waren sie ziemlich ignorant, um nicht zu sagen arrogant.<\/p><p><strong>Und im Hinblick auf Europa?<\/strong><\/p><p>Die Art und Weise, wie in Europa fr&uuml;her Physik getrieben wurde, ist letztlich mit Einstein, Schr&ouml;dinger und Dirac ausgestorben. Was die Forschungstradition betrifft, wurde Europa rekolonialisiert, eigentlich die ganze Welt, die ja von der westlichen, eigentlich amerikanischen, Zivilisation dominiert ist. Ich spreche hier von Denkweisen.<\/p><p><strong>Was bedeutet die Entwicklung, die Sie beschreiben und analysieren, f&uuml;r die Zukunft der Physik, aber auch f&uuml;r die Zukunft der Zivilisation?<\/strong><\/p><p>Wir erleben hier, wie sehr oft in der Geschichte, eine Parallele zwischen wissenschaftlicher und politisch-milit&auml;rischer Vormachtstellung. Aber ich glaube, jeder kann heute sehen, dass das Imperium USA sich im Niedergang befindet: wirtschaftlich, moralisch, aber auch wissenschaftlich. Ich sehe das als eine Langzeitfolge einer pragmatischen, jedoch zu kurzfristigen Denkweise. Wie sich die Zivilisation weiterentwickelt, spielt sich also auch in unseren K&ouml;pfen ab.<\/p><p><em>Lesetipp: Alexander Unzicker: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/einsteins-albtraum.html?listtype=search&amp;searchparam=alexander%20unzicker%20Einsteins%20Albtraum\">Einsteins Albtraum &ndash; Amerikas Aufstieg und der Niedergang der Physik<\/a>. Westend. 17.01.22. 240 Seiten. 22 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Sprechen Sie mal mit Doktoranden, auch in der Grundlagenwissenschaft, die wissen genau, von welchen Themen sie besser die Finger lassen&ldquo; &ndash; das sagt der Physiker <strong>Alexander Unzicker<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. 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