{"id":7986,"date":"2011-01-12T11:08:42","date_gmt":"2011-01-12T10:08:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7986"},"modified":"2014-07-28T12:00:05","modified_gmt":"2014-07-28T10:00:05","slug":"zdf-aufstand-der-jungen-genauer-betrachtet-eine-kritik-am-herrschenden-kurs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7986","title":{"rendered":"ZDF: \u201eAufstand der Jungen\u201c \u2013 genauer betrachtet, eine Kritik am herrschenden Kurs"},"content":{"rendered":"<p>Man nehme die eindimensionalen Fortschreibungen der Untergangspropheten des Sozialstaats, wie etwa die von <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFmediathek\/beitrag\/interaktiv\/1227916\/2030---Wie-werden-wir-leben%253F#\/beitrag\/interaktiv\/1227916\/2030---Wie-werden-wir-leben%3F\">Meinhard Miegel<\/a>, schreibe deren apokalyptischen Vorhersagen in ein Drehbuch und konstruiere darum eine abstruse Geschichte eines &bdquo;Millenniumkindes&ldquo;, das im Jahre 2030 gleich zweimal untertauchen musste und dann von einer auf der Sonnenseite des Systems lebenden gleichaltrigen Freundin gesucht wird. Und man nenne dann diesen abstrusen Film &bdquo;Doku-Fiction&ldquo;. Abschlie&szlig;end erkl&auml;rt man noch bedeutungsschwer den ganzen Unsinn als die &bdquo;Geschichte einer Generation&ldquo;, die so verlaufen k&ouml;nne, aber nicht m&uuml;sse, &bdquo;wenn jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen werden&ldquo;. Von Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Die &bdquo;Doku&ldquo; l&auml;sst keine Parole der Alarmisten aus: die &bdquo;Rentenfalle&ldquo; in die junge Leute gerieten, weil sie gleichzeitig f&uuml;r die Alten bezahlen und f&uuml;r sich selbst privat vorsorgen m&uuml;ssten; nach 35 Jahren Einzahlung in die Pflegeversicherung bleibe nur noch die Grundversorgung; die Erben von Pflegebed&uuml;rftigen oder Kranken erbten nur noch Schulden;  Krankheiten m&uuml;ssen verschwiegen werden, um die Beitragss&auml;tze niedrig zu halten; pr&auml;dikative Diagnostik senkt den Beitrag zur Krankersicherung; Kliniken suchen sich nur noch die Patienten aus, die zahlen k&ouml;nnen; Operationen in st&auml;dtischen Kliniken, die noch alle aufnehmen m&uuml;ssen, werden verschoben, bis dass die Patienten sterben; drastisch erh&ouml;hte Studiengeb&uuml;hren zwingen die Studierenden, zum Studium nach Indien auszuwandern; die Schule kann nur noch mit teurer privater Nachhilfe bew&auml;ltigt und mit einer Erbschaft finanziert werden; die Mittelschicht st&uuml;rzt ab; Festangestellte werden wegen der Konkurrenz aus Indien in Tochterfirmen als freie Mitarbeiter oder als Zeitarbeiter mit 2.50 Euro ausgelagert; es entstehen &bdquo;Arbeitsnomaden&ldquo;; Stadtteile werden zu No-Go-Areas von Untergetauchten mit eigenen Gesetzen und einer eigenen Subsistenzwirtschaft; die Illegalen trauen sich wegen der Video&uuml;berwachung nicht mehr zu den Discountern und kaufen &uuml;berteuerte Waren und rezeptpflichtige Medikamente bei Schwarzh&auml;ndlern.<\/p><p>Um der Geschichte &uuml;berhaupt einen roten Faden zu geben, wird das zweifache Untertauchen des Doku-Helden damit erkl&auml;rt, dass er sich in die total&uuml;berwachende zentrale Datenbank einhacken wollte, um Krankenversicherungspolicen f&uuml;r seine krebskranke Frau zu f&auml;lschen. Was bei seiner Verfolgung durch ein Sondereinsatzkommando zu t&ouml;dlichen Schussverletzungen f&uuml;hrt, wird nach der R&uuml;ckholung des Helden durch seine Freundin ins gutb&uuml;rgerliche Leben, dann &ndash; des Happy-Ends zu liebe &ndash; nur noch mit einer harmlosen zweij&auml;hrigen Bew&auml;hrungsstrafe aufgefangen. Ein Schluss, der genauso unschl&uuml;ssig ist, wie die ganze sog. Doku-Fiction. <\/p><p>Die schwersten sozialen Unruhen &bdquo;seit Bestehen der Bundesrepublik&ldquo; brechen in vielen St&auml;dten aus, selbst die Bewohner der besseren Stadtteile ereilt &bdquo;Todesangst&ldquo;. &bdquo;Aus einem Generationenkonflikt ist ein Klassenkonflikt geworden&ldquo;, wir dann aus dem Pulverdampf der Stra&szlig;enk&auml;mpfe verk&uuml;ndet. Und als Erkl&auml;rung f&uuml;r die ganze Katastrophe kommt dann die klassische Antwort der Katastrophisten: Das alles sei &bdquo;der Preis f&uuml;r die jahrelang vers&auml;umten Sozialreformen&ldquo;. <\/p><p>Zwar wurden im Hintergrundtext an zahlreichen Stellen, ohne Zusammenhang mit den filmischen Szenen, immer wieder so S&auml;tze eingeworfen, wie etwa der &bdquo;Solidarpakt sei in den Tr&uuml;mmern untergegangen&ldquo; oder es wurde &uuml;ber den &bdquo;Generationenvertrag&ldquo; oder den &bdquo;langsamen Abstieg der Mittelschicht&ldquo; geschwafelt. Der Film hat an kaum einer Stelle den Zusammenhang zwischen einer angeblich schrumpfenden und vergreisenden Gesellschaft, mit dem &bdquo;Aufstand der Jungen&ldquo; herstellen k&ouml;nnen. Im Gegenteil: die nach dem Verbleib des Helden recherchierenden Damen haben versinnbildlicht, dass es sich auch 2030 f&uuml;r die Oberschicht noch ganz gut leben l&auml;sst. Sie werden Gesellschafter von Beraterb&uuml;ros oder Fernsehjournalistinnen, kleiden sich in modischem Outlook und fahren Sportwagen (l&auml;cherlich wirkende Volkswagen Prototypen). Und das High-Life geht offenbar auch nach dem &bdquo;Aufstand&ldquo; fr&ouml;hlich weiter. <\/p><p>Wohl eher unfreiwillig und geradezu kontr&auml;r zur Absicht der Autoren wurde in dem Film, wenn man genauer hinschaut, eigentlich dargestellt, was uns bl&uuml;hen k&ouml;nnte, wenn der schon derzeit eingeschlagene politische Kurs beibehalten wird. Folgt man dem Film &bdquo;muss&ldquo; die Bundesregierung (trotz aller derzeitigen &bdquo;Konsolidierung&ldquo;) tiefe Einschnitte vornehmen, die gesetzliche Rente wird vollends abgeschafft, die private Rentenversicherung rechnet sich ausschlie&szlig;lich f&uuml;r hohe Einkommen, die Pflegeversicherung reicht nur noch f&uuml;r die Grundversorgung, der Einstieg in die Studiengeb&uuml;hren war nur der Anfang f&uuml;r eine drastische Erh&ouml;hung, prek&auml;re Arbeit weitet sich noch weiter aus. Usw. usf. All das, was in diesem Film zum &bdquo;Aufstand f&uuml;hrt&ldquo;, ist mit der &bdquo;Reformpolitik&ldquo; der letzten Jahre angelegt und vorgezeichnet.<br>\nWenn man diese &bdquo;Doku-Fiktion&ldquo; also nur ein bisschen mit einem kritischen Auge auf die zur&uuml;ckliegenden Entscheidungen auf den Feldern der Renten-, Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik betrachtet, k&ouml;nnte man auch sagen, dieser Film f&uuml;hrt vor, was bei einer Fortsetzung und Intensivierung des neoliberalen politischen Kurses in zwei Jahrzehnten herauskommt. <\/p><p>Offenbar hat das ZDF erkannt, dass die Sache mit dem &bdquo;Generationenkonflikt&ldquo; in dem Film eigentlich gar nicht vorkommt. Sonst h&auml;tte man sich die aufdringlichen Interpretationsvorgaben um diese &bdquo;Doku-Fiction&ldquo; herum wohl auch erspart. Die Vorgabe der Bortschaften wirkt so aufdringlich, als h&auml;tte das ZDF Angst, dass der Film wom&ouml;glich als massive Kritik am bestehenden Kurs verstanden werden k&ouml;nnte. <\/p><p>So res&uuml;miert schon die Inhaltsbeschreibung: &bdquo;Die Geschichte von Tim Burdenski zeigt einen jungen Menschen als Opfer eines Staates, der keine Vorsorge betrieben hat und jetzt, im Jahr 2030, durch die hohen Kosten f&uuml;r Renten, Alters- und Gesundheitsversorgung der jungen Generation die <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFde\/inhalt\/16\/0,1872,8175824,00.html\">Luft zum Atmen nimmt.<\/a>&ldquo;<br>\nDa musste das ZDF in den tats&auml;chlichen Ablauf der Story ganz sch&ouml;n viel hineindichten, um zu diesem Fazit zu kommen. Wo der Held doch an den Studiengeb&uuml;hren scheitert ein Studium aufzunehmen und trotz seiner Begabung aus einer Festanstellung entlassen wird und als Billigl&ouml;hner wieder eingestellt wird und deswegen seine Krankenkassenbeitr&auml;ge zu senken versuchen muss. Was sollte diese Biografie mit der &bdquo;Vergreisung&ldquo; der Gesellschaft zu tun haben? <\/p><p>Oder nehmen wir die ZDF-Rubriken &bdquo;Tipp Interaktiv, Wie werden wir leben? &ndash; Thesen zur Gesellschaft von morgen&ldquo;: Da werden etwa in der <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFmediathek\/beitrag\/interaktiv\/1227916\/2030---Wie-werden-wir-leben%253F\">Rubrik Rente<\/a> der <a href=\"upload\/pdf\/gbosbach_demogr.pdf\">eindimensionale Blick [PDF &ndash; 183 KB]<\/a> die Kaffeesatzleserei aus den Modellrechnungen &uuml;ber die demografische Entwicklung angeboten. Mit der platten Werbebotschaft: &bdquo;Private Vorsorge hei&szlig;t das Gegenmodell. Junge Leute sollen Kapital f&uuml;r ihr Alter ansparen. Mit der Riester-Reform ist diese zweite S&auml;ule der Altersversorgung bereits auf den Weg gebracht.&ldquo;  Aus dem Film selbst kann man eigentlich nur die Botschaft entnehmen, dass die Pflegeversicherung (bei der Oma des Helden) kaputt gemacht worden ist und die Gesundheitsversorgung davon abh&auml;ngt, wie viel (Zusatzversicherungen) man zahlen kann (auch wenn man privat versichert ist). <\/p><p>Da wird dann wahrheitswidrig in der Rubrik Pflege einfach behauptet: &bdquo;Die Pflegeversicherung gilt bereits jetzt als pleite&ldquo;. Dabei meldete j&uuml;ngst sogar das Bundesgesundheitsministerium:  &bdquo;Aktuelle Berichte, die finanzielle Lage der Pflegeversicherung habe sich verschlechtert, treffen nicht zu. Durch die steigenden Besch&auml;ftigtenzahlen hat sich die Einnahmesituation der Pflegeversicherung deutlich besser entwickelt. So ist auch f&uuml;r 2010 ein &Uuml;berschuss zu erwarten. Entgegen bisheriger Einsch&auml;tzung werden die R&uuml;cklagen der <a href=\"?p=7846\">Pflegeversicherung daher l&auml;nger reichen.<\/a>&ldquo; Nach neuen Berechnungen steigt der Beitrag im Jahr 2014 von 1,95 Prozent auf 2,1 Prozent und bis zum Jahr 2050 auf 2,8 Prozent. (Siehe dazu auch: <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/unternehmen\/versicherungen\/:pflegeversicherung-zu-laut-aber-richtig\/50211187.html\">Zu laut, aber richtig<\/a>) <\/p><p>Schon in der Vorank&uuml;ndigung versuchte das ZDF das Publikum und die anderen Medien darauf einzustimmen, dass der Film die Botschaft habe, dass die junge Generation aufgrund des demografischen Wandels zu den <a href=\"?p=7961\">&bdquo;Verlierern&ldquo; geh&ouml;re<\/a>, damit blo&szlig; niemand auf den falschen Gedanken kommen k&ouml;nnte, der Film sei eine Kritik an der herrschenden Politik.<br>\nSo ist das halt beim ZDF, bei dem der fr&uuml;here hessische Ministerpr&auml;sident Roland Koch bestimmen kann, wer ihm ein angenehmer Chefredakteur ist. Es ist und bleibt ein Propagandasender f&uuml;r den herrschenden konservativen Kurs. Das war auch beim Vorl&auml;ufer dieses teuren Machwerks, beim <a href=\"?p=2021\">&bdquo;Aufstand der Alten&ldquo;<\/a> schon so. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man nehme die eindimensionalen Fortschreibungen der Untergangspropheten des Sozialstaats, wie etwa die von <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFmediathek\/beitrag\/interaktiv\/1227916\/2030---Wie-werden-wir-leben%253F#\/beitrag\/interaktiv\/1227916\/2030---Wie-werden-wir-leben%3F\">Meinhard Miegel<\/a>, schreibe deren apokalyptischen Vorhersagen in ein Drehbuch und konstruiere darum eine abstruse Geschichte eines &bdquo;Millenniumkindes&ldquo;, das im Jahre 2030 gleich zweimal untertauchen musste und dann von einer auf der Sonnenseite des Systems lebenden gleichaltrigen Freundin gesucht wird. Und man<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7986\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[158,41,39],"tags":[811,288,273,234,1540],"class_list":["post-7986","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-generationenkonflikt","category-medienanalyse","category-rente","tag-miegel-meinhard","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-privatvorsorge","tag-studiengebuehren","tag-zdf"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7986","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7986"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7986\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7987,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7986\/revisions\/7987"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7986"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7986"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7986"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}