{"id":79861,"date":"2022-01-17T15:50:26","date_gmt":"2022-01-17T14:50:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79861"},"modified":"2022-01-17T17:34:12","modified_gmt":"2022-01-17T16:34:12","slug":"wenn-linke-sich-ueber-grossrussischen-chauvinismus-aufregen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79861","title":{"rendered":"Wenn Linke sich \u00fcber \u201egro\u00dfrussischen Chauvinismus\u201c aufregen"},"content":{"rendered":"<p>Die antirussische Propaganda der deutschen Mainstream-Medien hinterl&auml;sst auch bei Linken Spuren. Die Hamburger Monatszeitung &bdquo;Analyse und Kritik&ldquo; (ak, bis 1991 &bdquo;Arbeiterkampf&ldquo;), die vorwiegend &uuml;ber &bdquo;K&auml;mpfe von Unten&ldquo; oder Diskriminierung von Migranten und sexuellen Minderheiten berichtet, schwenkt auf plumpen Anti-Russismus ein. Im Web-Auftritt der Zeitung prangt als Aufmacher ein Artikel mit der &Uuml;berschrift &bdquo;Russlands imperiale Eroberungen&ldquo;. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/gesellschaft\/kolonialismus-in-russland-sowjetunion\/\">Der Artikel<\/a> stammt von der &bdquo;freien Journalistin&ldquo; Anastasia Tikhomirowa, die auch f&uuml;r die taz schreibt und im Rahmen des Internationalen Journalisten Programm e.V. ein Stipendium bekam, um als Gastredakteurin bei der oppositionellen Novaja Gaseta in Moskau zu arbeiten. <\/p><p>In ihrem Artikel f&uuml;r &bdquo;ak&ldquo; mixt Tikhomirowa verschiedene Ereignisse der russischen Geschichte zu einem wilden Gebr&auml;u. Russland habe sich als Kolonialmacht in den letzten Jahrhunderten gewaltt&auml;tig nach S&uuml;den und Osten ausgedehnt. Im 19. Jahrhundert seien indigene V&ouml;lker von den Russen angeblich in die Arktis verdr&auml;ngt worden. Von Massakern, wie sie die westlichen Kolonisatoren in Afrika, Mittel- und Nordamerika an der indigenen Bev&ouml;lkerung ver&uuml;bten, kann die Autorin in Bezug auf Russland allerdings nicht berichten. <\/p><p>Aber Tikhomirowa meint, die F&ouml;rderung der Sprachen von 135 Minderheitsnationalit&auml;ten in Russland werde heute vernachl&auml;ssigt. Viele Sprachen seien vom Aussterben bedroht. Dass die F&ouml;rderung der Sprachen der kleinen V&ouml;lker in Russland zu w&uuml;nschen &uuml;brig l&auml;sst, ist unbestritten. Doch f&uuml;r die Autorin ist die Sprachen-Frage nur ein kleiner Baustein f&uuml;r ein gro&szlig;es Grusel-Bild. Dass die Sowjetunion in den 1920er Jahren die Entwicklung nationaler Kulturen f&ouml;rderte und viele Ethnien der Sowjetunion damals ihre ersten W&ouml;rterb&uuml;cher und Theater bekamen, erw&auml;hnt die Autorin nur in einem Nebensatz. <\/p><p>&bdquo;<strong>Sowjetischer Chauvinismus noch erfolgreicher als zu Zarenzeiten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die sowjetische und russische Realit&auml;t beschreibt Tikhomirowa in d&uuml;steren Farben. In der Sowjetunion seien die V&ouml;lker zwangsweise russifiziert worden. Es habe sich ein &bdquo;gro&szlig;russischer Chauvinismus&ldquo; entwickelt, der &bdquo;noch erfolgreicher war, als zu Zeiten des zaristischen Russlands&ldquo;. <\/p><p>Halt! Kennt Tikhomirowa denn die sowjetische Geschichte nicht? Wie passt es zum &bdquo;gro&szlig;russischen Chauvinismus, wenn am 2. Mai 1945 auf dem Dach des Reichstags in Berlin der Georgier Meliton Kantarija<strong> <\/strong>und der Russe Michail Jegorow gemeinsam die rote Fahne hissten? Wei&szlig; denn die Autorin nicht, dass im Zweiten Weltkrieg auf sowjetischer Seite Russen, Ukrainer, Kasachen, Georgier, Tschetschenen und sogar Mongolen Seite an Seite k&auml;mpften? <\/p><p>Von den 15 Fronten im &bdquo;Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieg&ldquo; (russische Bezeichnung des Zweiten Weltkrieges) waren mehr als die H&auml;lfte der Marschalle und Gener&auml;le <a href=\"https:\/\/nvo.ng.ru\/realty\/2019-01-18\/6_1030_ukraine.html\">ukrainischer Abstammung<\/a>. Zu ihnen geh&ouml;rten die Gener&auml;le Ijosif Apanasenko und Michail Kirponos sowie die Marschalle Semjon Timoschenko und Andrej Jeremenko. 2,5 Millionen ukrainische Soldaten wurden mit Orden und Medaillen ausgezeichnet. Von 115 &bdquo;Helden der Sowjetunion&ldquo; waren 32 Ukrainer oder wurden in der Ukraine geboren. Der Kommandeur der 756. Sch&uuml;tzen-Regiments, Fjodr Sintschenko, war der erste Kommandant des Reichstages.<\/p><p><strong>Sowjetischer Schlagers&auml;nger aus Aserbaidschan<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich wurde zugunsten des sowjetischen Projekts die Entwicklung der nationalen Kulturen &ndash; &uuml;brigens auch der russischen &ndash; gebremst. Allerdings wurden ausnahmslos alle Nationalit&auml;ten in das sowjetische Projekt integriert. Alle Sowjetb&uuml;rger profitierten von einem exzellenten Bildungssystem. Auch Menschen aus Gebieten in der Provinz konnten in h&ouml;chste &Auml;mter aufsteigen. <\/p><p>Nicht-Russen spielten eine bedeutende Rolle in der sowjetischen und russischen Kultur. Zu den bekanntesten sowjetischen Schauspielern geh&ouml;rte der in einer ukrainischen Bauernfamilie geborene Wasili Lanowoj (1934 bis 2021) und der in einer armenischen Familie in Tbilissi geborene Armen Dschigarchanjan (1935-2020). Einer der popul&auml;rsten sowjetischen Schlagers&auml;nger, Muslim Magomajew (1942 bis 2008), wurde in Baku in einer aserbaidschanischen K&uuml;nstler-Familie geboren. <\/p><p>Dass die postsowjetischen Unabh&auml;ngigkeitsbewegungen Anfang der 1990er Jahre durchweg nationalistisch ausgerichtet waren und zum Teil mit Gewalt gegen die russische Zivilbev&ouml;lkerung vorgingen, verschweigt Tikhomirowa. Hunderttausende Russen mussten Anfang der 1990er Jahre aus den zentralasiatischen, ehemaligen Sowjetrepubliken und aus <a href=\"https:\/\/asiaplustj.info\/ru\/news\/centralasia\/20180903\/skolko-grazhdan-stran-tsentralnoi-azii-emigrirovalo-s-1990-po-2017-gg\">Tschetschenien fliehen<\/a>. &Uuml;brigens stellte ich selbst bei Reisen in Tschetschenien in den 1990er Jahren verwundert fest, dass viele Tschetschenen der &auml;lteren Generation sich mit Sehnsucht an die Sowjetzeiten erinnerten, weil es dort Stabilit&auml;t und Vollbesch&auml;ftigung gab.<\/p><p>Ganz und gar nicht zum &bdquo;gro&szlig;russischen Chauvinismus&ldquo; passt auch, dass nicht wenige Spitzenbeamte und Unternehmer in Russland Nicht-Russen sind. Das russische Innenministerium wurde von 2004 bis 2012 von Raschid Nurgalijew und die russische Zentralbank wird seit 2013 von Elvira Nabiullina gef&uuml;hrt. Nurgalijew und Nabiullina kommen aus tatarischen Familien. <\/p><p>Die Leiterin von RT DE, Margarita Simonjan, kommt aus einer armenischen Familie. Der viertreichste Mann Russlands, der Generaldirektor von Lukoil, Wagit Alekperow, kommt aus einer aserbaidschanisch-russischen Familie. Der Medien-Unternehmer und sechzehnfache Dollar-Milliard&auml;r Alischer Usmanow ist Usbeke.<\/p><p>&bdquo;<strong>Die Annexion der Krim&ldquo; und die &bdquo;Unterdr&uuml;ckung der Krim-Tataren&ldquo;<\/strong><\/p><p>Anastasia Tikhomirowa versteigt sich in &bdquo;ak&ldquo; zu dem Satz: &bdquo;Das moderne Russland ist bis heute eine zu gro&szlig;e F&ouml;deration&ldquo;. Das soll offenbar hei&szlig;en, Russland m&uuml;sse, wie schon die Sowjetunion, verkleinert werden. Ein verkleinertes Russland w&auml;re der Traum der westlichen transnationalen Konzerne, die scharf sind auf Rohstoffe und ein zerteiltes Russland viel besser auspl&uuml;ndern k&ouml;nnten. Aber kann sowas auch ein Traum einer linken Zeitung sein, die in einem Land erscheint, welches einen Krieg entfesselte, in dem 27 Millionen Sowjetb&uuml;rger starben? <\/p><p>Die &bdquo;Annexion der Krim 2014&ldquo; &ndash; so Tikhomirowa &ndash; stelle &bdquo;ein weiteres, aggressives Ereignis innerhalb der siedlungskolonialistischen Struktur dar, nicht nur gegen den Willen der UkrainerInnen, sondern auch gegen den der indigenen KrimtatarInnen&ldquo;. Eines der &bdquo;inspirierendsten Beispiele f&uuml;r die Infrastruktur des dekolonialen Widerstandes&ldquo; sei die &bdquo;zivilgesellschaftliche Initiative Crimean Solidarity&ldquo;. Diese von Krim-TatarInnen gef&uuml;hrte Organisation habe sich zum Ziel gesetzt, &bdquo;Menschen zu unterst&uuml;tzen, die vom russischen Staat auf der Krim diskriminiert werden&ldquo;.<\/p><p>Da ich selbst nach 2014 mehrmals auf der Krim war, muss ich widersprechen. Die Bev&ouml;lkerung der Krim <a href=\"https:\/\/crimea.mk.ru\/articles\/2016\/01\/20\/kak-v-krymu-25-let-nazad-prokhodil-pervyy-sovetskiy-referendum.html\">stimmte<\/a> schon am 20. Januar 1991 f&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit von der Ukraine. Das war nicht &uuml;berraschend, denn auf der Krim wohnen mehrheitlich Russen und von dem schon damals aufkeimenden ukrainischen Nationalismus f&uuml;hlten sich die Russen auf der Krim nicht angezogen. Am 16. M&auml;rz 2014 stimmten bei einem Referendum auf der Krim 96 Prozent f&uuml;r die Vereinigung mit Russland. <\/p><p>Es stimmt, auf der Krim werden Krim-Tataren verfolgt, aber nur die, welche im Untergrund gegen die Vereinigung mit Russland arbeiten. Der Status der Sprache der Krim-Tataren wurde nach der &bdquo;Annexion&ldquo; durch Russland erh&ouml;ht. Krim-Tatarisch ist seit 2014 &ndash; neben Russisch und Ukrainisch &ndash; eine der drei offiziellen Sprachen auf der Halbinsel. Im September 2017 wurde in Simferopol, der Hauptstadt der Krim, eine neue Schule f&uuml;r 760 Sch&uuml;ler er&ouml;ffnet. 95 Prozent der Sch&uuml;ler sind Krim-Tataren. Wie passt das alles mit der angeblichen Kolonisierungspolitik Russlands zusammen, von der Frau Tikhomirowa in &bdquo;ak&ldquo; schreibt?<\/p><p><strong>Einrei&szlig;en &bdquo;linker Dogmen&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Merkw&uuml;rdig ist, dass &bdquo;ak&ldquo; sich einerseits seiner revolution&auml;ren Wurzeln in den 1970er Jahren r&uuml;hmt &ndash; damals hie&szlig; die Zeitung &bdquo;Arbeiterkampf&ldquo; und wurde vom Kommunistischen Bund herausgegeben &ndash; sich aber mit dem Leitartikel von Tikhomirowa an der D&auml;monisierung Russlands beteiligt. Merkw&uuml;rdig ist auch, dass &bdquo;ak&ldquo; in den letzten Jahren &uuml;ber die Ukraine &ndash; das Treiben der rechtsradikalen Freiwilligenbataillone, die Unterdr&uuml;ckung der russischen Sprache und die Abschaltung oppositioneller Fernsehkan&auml;le &ndash; nicht berichtete. <\/p><p>Wenn eine linke Zeitung ihre Leser beim gro&szlig;en Thema Krieg und Frieden in Europa dem Mainstream &uuml;berl&auml;sst, stimmt da was nicht.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/80c6a40f399e477bba6ab0c9ca894f55\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die antirussische Propaganda der deutschen Mainstream-Medien hinterl&auml;sst auch bei Linken Spuren. Die Hamburger Monatszeitung &bdquo;Analyse und Kritik&ldquo; (ak, bis 1991 &bdquo;Arbeiterkampf&ldquo;), die vorwiegend &uuml;ber &bdquo;K&auml;mpfe von Unten&ldquo; oder Diskriminierung von Migranten und sexuellen Minderheiten berichtet, schwenkt auf plumpen Anti-Russismus ein. Im Web-Auftritt der Zeitung prangt als Aufmacher ein Artikel mit der &Uuml;berschrift &bdquo;Russlands imperiale Eroberungen&ldquo;.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79861\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":78899,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,183],"tags":[339,1313,3151,259,2147],"class_list":["post-79861","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","tag-chauvinismus","tag-krim","tag-nationale-minderheiten","tag-russland","tag-sowjetunion"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/shutterstock_1787410079.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79861","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=79861"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79861\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":79866,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/79861\/revisions\/79866"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/78899"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=79861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=79861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=79861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}