{"id":79877,"date":"2022-01-18T09:57:00","date_gmt":"2022-01-18T08:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79877"},"modified":"2022-01-19T07:55:40","modified_gmt":"2022-01-19T06:55:40","slug":"macht-vor-recht-wichtige-forschungsergebnisse-zum-thema-nato-osterweiterung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79877","title":{"rendered":"Macht vor Recht \u2013 Wichtige Forschungsergebnisse zum Thema Nato-Osterweiterung"},"content":{"rendered":"<p>NachDenkSeiten-Leser Karl-J&uuml;rgen M&uuml;ller[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79877#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>] hat uns einen interessanten Text zur NATO-Osterweiterung geschickt. Er passt zu der gerade laufenden Diskussion mit und &uuml;ber Russland. Ich erg&auml;nze am Ende mit einem Hinweis auf einen Kommentar von G&uuml;nter Verheugen und Anmerkungen zum eigentlich notwendigen Ende beider Bl&ouml;cke. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Karl-J&uuml;rgen M&uuml;ller:<\/strong><\/p><p>(Am 19. Januar leicht ge&auml;nderte Fassung)<\/p><p>Aus den Wochen vor Beginn des v&ouml;lkerrechtswidrigen Nato-Krieges gegen die Bundesrepublik Jugoslawien ist folgendes &uuml;berliefert: Bei einem Treffen in Belgrad dr&auml;ngte ein US-General einen hochrangigen serbischen Politiker, er solle nicht weiterhin die vom Kosovo ausgehenden terroristischen Angriffe auf Zivilisten oder auch Polizei und Milit&auml;r auflisten. Seine Begr&uuml;ndung: &laquo;F&uuml;r die serbische Politik ist die amerikanische Wahrnehmung der Wirklichkeit entscheidend, nicht die Wirklichkeit als solche.&raquo; Das Beispiel bringt sehr anschaulich zum Ausdruck, was es bedeutet, wenn in den internationalen Beziehungen Macht vor Recht geht.<\/p><p>Dass in den internationalen Beziehungen nun schon lange Macht vor Recht geht, ist ein offenes Geheimnis. Wenn Macht vor Recht geht, k&ouml;nnen diejenigen, die der Macht den Vorrang geben, aber &ouml;ffentlich nicht so offen sprechen wie der US-General in Belgrad. Also wird versucht, die &ouml;ffentlichen Worte so zu w&auml;hlen, dass es klingt, als wenn man nur das &laquo;Rechte&raquo; wolle. Die Geschichte ist voll von solchen amtlichen Zurechtbiegungen. Auch unsere Gegenwart.<\/p><p><strong>Gegens&auml;tzliche Behauptungen zur Nato-Osterweiterung<\/strong><\/p><p>Hier soll nur ein aktuelles Beispiel herausgegriffen werden, das bei den laufenden Verhandlungen zwischen USA und Nato auf der einen und Russland auf der anderen Seite eine wichtige Rolle spielt: Die russische F&uuml;hrung behauptet, w&auml;hrend der Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung sei der damaligen sowjetischen F&uuml;hrung zugesagt worden, es werde keine Nato-Osterweiterung geben. USA und Nato behaupten das Gegenteil: Eine solche Zusage habe es nie gegeben, es sei nur um Deutschland gegangen, vor allem aber liege kein schriftlicher Vertrag &uuml;ber eine solche Zusage vor. &hellip; Au&szlig;erdem h&auml;tte Russland 1997 die Nato-Osterweiterung vertraglich akzeptiert.<\/p><p>Eine der vielen prominenten Nato-Stimmen, die so argumentieren, ist der Leiter der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz und fr&uuml;here deutsche Diplomat, Wolfgang Ischinger. So ist in einem Interview mit dem Deutschlandfunk vom 10. Januar 2022 zu lesen:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Deutschlandfunk: Herr Ischinger, Moskau argumentiert ja immer wieder, der Westen habe zugesagt, dass sich die Nato nicht weiter Richtung Osten ausweitet &ndash; nach dem Fall der Mauer 89, dann 90 auch. [&hellip;] Ist da nichts dran?<\/p>\n<p>Ischinger: Nein, da ist nichts dran. Richtig ist, dass es damals im Zusammenhang mit den Verhandlungen &uuml;ber den 2+4-Vertrag Gespr&auml;che und einen m&uuml;ndlichen Austausch gegeben hat &uuml;ber die Beschr&auml;nkungen, die man westlicherseits akzeptieren w&uuml;rde. Da ging es um die Einbeziehung der fr&uuml;heren DDR in die Bundesrepublik Deutschland, um die Vereinigung. Es ging um die Frage einer Nato-Mitgliedschaft und so weiter. [&hellip;] Dieses Gewispere, dieses Geraune &uuml;ber gebrochene Versprechungen, das ist doch sp&auml;testens seit 1997 v&ouml;llig vom Tisch, weil 1997 [&hellip;] die Russische F&ouml;deration amtlich und schriftlich die Nato-Erweiterung als Prinzip akzeptiert und die Modalit&auml;ten der Nato-Erweiterung mit dem Westen ausverhandelt hat. Die Nato-Russland-Grundakte ist das Dokument, mit dem Russland schriftlich die Nato-Erweiterung vor nunmehr 25 Jahren akzeptiert hat.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Was ist davon zu halten?<\/p><p><strong>1997 tat Russland noch, was USA und Nato forderten<\/strong><\/p><p>In den 90er Jahren haben sich die russische F&uuml;hrung und der russische Pr&auml;sident Boris Jelzin in fast allen Politikbereichen weitgehend an den Vorgaben aus den USA orientieren m&uuml;ssen. USA und Nato waren damals ganz offensichtlich m&auml;chtiger, Russland hatte den &Uuml;bergang vom Sowjetsystem und die ihm vom Westen aufgezwungene &laquo;Schockstrategie&raquo; (Naomi Klein) zu verarbeiten. 1997 &ndash; das Jahr, in dem die Nato-Russland-Grundakte von Russland unterzeichnet wurde &ndash; ist das Jahr, in dem auch Zbigniew Brzezinskis Buch &laquo;The Grand Chessboard&raquo; &ndash; in deutscher &Uuml;bersetzung 1999: &laquo;Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft&raquo; &ndash; erschienen ist. Im Fr&uuml;hjahr 1997 hatten US-amerikanische Neokonservative in Washington D.C. das &laquo;Project for the New American Century&raquo; (PNAC) gegr&uuml;ndet, mit dem f&uuml;r die weltweite F&uuml;hrerschaft der USA geworben werden sollte. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] USA und Nato betrachteten Russland 1997 nicht als gleichwertigen Partner &ndash; dar&uuml;ber k&ouml;nnen auch die zum Teil &laquo;sch&ouml;nen&raquo; Formulierungen in der Nato-Russland-Grundakte [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] nicht hinwegt&auml;uschen. Etwas zugespitzt muss man sagen: USA und Nato machten die Vorgaben &hellip; und Russland musste akzeptieren.<\/p><p><strong>Offener Brief aus den USA warnte vor Nato-Osterweiterung<\/strong><\/p><p>Und wie passt es zu den Aussagen von Herrn Ischinger, dass es einen Monat nach der Unterzeichnung der Nato-Russland-Grundakte, im Juni 1997, einen Offenen Brief an den damaligen US-Pr&auml;sidenten Bill Clinton gegeben hatte, der eindringlich vor einer Nato-Osterweiterung warnte?[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Unterzeichnet hatten 50 ehemalige US-Senatoren, Regierungsmitglieder, Botschafter, Abr&uuml;stungs- und Milit&auml;rexperten. Zu ihnen geh&ouml;rten der Verteidigungsexperte des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Senat_der_Vereinigten_Staaten\">Senats<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sam_Nunn\">Sam Nunn<\/a>, die Senatoren <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gary_Hart\">Gary Hart<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bennett_Johnston\">Bennett Johnston<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mark_Hatfield\">Mark Hatfield<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gordon_J._Humphrey\">Gordon J. Humphrey<\/a> sowie die Botschafter in Moskau <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jack_Matlock\">Jack Matlock<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Arthur_Hartman&amp;action=edit&amp;redlink=1\">Arthur Hartman<\/a>, Reagans Abr&uuml;stungsunterh&auml;ndler <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Nitze\">Paul Nitze<\/a>, Verteidigungsminister a.D. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_McNamara\">Robert McNamara<\/a>, der ehemalige Direktor des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Central_Intelligence_Agency\">CIA<\/a>, Admiral <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/James_D._Watkins\">James D. Watkins<\/a>, Admiral <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stansfield_Turner\">Stansfield Turner<\/a>, der Diplomat <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Philip_Merrill&amp;action=edit&amp;redlink=1\">Philip Merrill<\/a>, die Wissenschaftler <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Pipes\">Richard Pipes<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marshall_D._Shulman\">Marshall D. Shulman<\/a> und auch die Enkeltochter des US-Pr&auml;sidenten Eisenhower. <\/p><p>Der Brief bezeichnet die Beitrittsangebote der Nato als &laquo;politischen Irrtum von historischen Ausma&szlig;en&raquo; und wies unter anderem darauf hin, dass in Russland die Nato-Osterweiterung &laquo;im gesamten politischen Spektrum&raquo; abgelehnt wird. Zudem sei Russland f&uuml;r keinen seiner Nachbarn eine Bedrohung.<\/p><p>Aber schon im Juli 1997, zwei Monate nach der Unterzeichnung der Nato-Russland-Grundakte und einen Monat nach dem Offenen Brief aus den USA, wurden den ersten drei Beitrittskandidaten &ndash; Polen, Tschechien und Ungarn &ndash; Beitrittsverhandlungen angeboten. Die Nato-Osterweiterung war schon lange vorher beschlossene Sache, nicht das Ergebnis von Verhandlungen mit Russland. Und die wenigen Zugest&auml;ndnisse an Russland &ndash; wie sich seit ein paar Jahren zeigt &ndash; leicht zu unterlaufen.<\/p><p><strong>Studie einer US-Universit&auml;t: Nato-Osterweiterung gegen gegebene Zusagen<\/strong><\/p><p>Marc Trachtenberg, Professor f&uuml;r Politikwissenschaft an der Universit&auml;t von Kalifornien in Los Angeles, hat im November 2020 eine rund 50 Seiten umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung vorgelegt, die 30 Jahre nach 1990 nochmals der Frage nachging, was der sowjetischen F&uuml;hrung in den Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung mit Blick auf die Nato-Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands, aber auch mit Blick auf eine denkbare Nato-Osterweiterung m&uuml;ndlich zugesagt wurde. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Der Titel der Untersuchung lautet: &laquo;The United States and the NATO Non-extension Assurances of 1990. New Light on an Old Problem?&raquo; (&laquo;Die USA und die Zusicherungen aus dem Jahr 1990, die Nato nicht zu erweitern. Neues Licht auf ein altes Problem?&raquo;)<\/p><p>Das gut belegte Ergebnis der Studie ist: Anders als bei uns im Westen weithin und auch von Herrn Ischinger behauptet, beinhalteten die Zusagen an die sowjetische F&uuml;hrung sehr wohl auch, dass es keine Nato-Osterweiterung &ndash; &uuml;ber Ostdeutschland hinaus &ndash; geben sollte. Die verhandelnden Politiker der USA, Deutschlands und der Sowjetunion waren sich schon bei den Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung der Tatsache bewusst, dass sich der Warschauer Pakt bald aufl&ouml;sen k&ouml;nnte &ndash; tats&auml;chlich l&ouml;ste er sich erst am 1. Juli 1991 auf &ndash; und einige der ehemaligen Mitgliedsstaaten eine Mitgliedschaft in der Nato anstreben k&ouml;nnten. Eben deshalb machte der damalige deutsche Au&szlig;enminister Hans-Dietrich Genscher &ndash; mit Zustimmung des US-amerikanischen Amtskollegen James Baker &ndash; die erw&auml;hnten Zusagen. Und diese waren, obwohl nur m&uuml;ndlich gegeben, auch bindend. <\/p><p>An dieser Stelle soll die Studie von Marc Trachtenberg nicht ausf&uuml;hrlich wiedergegeben werden. Mit der Empfehlung, den gesamten Text (auf Englisch) zu lesen, soll hier lediglich auf einen Vorgang (Seite 15ff.) hingewiesen werden. <\/p><p><strong>Genscher und Baker 1990: keinerlei Absicht, die Nato Richtung Osten auszuweiten<\/strong><\/p><p>In einer gemeinsam mit James Baker abgehaltenen Pressekonferenz am 3. Februar 1990, eine Woche vor entscheidenden Verhandlungen mit der sowjetischen F&uuml;hrung in Moskau, sagte der deutsche Au&szlig;enminister Genscher: &laquo;Vielleicht darf ich hinzuf&uuml;gen, dass wir [Baker und Genscher] voll darin &uuml;bereinstimmten, dass es keinerlei Absicht gibt, den Nato-Verteidigungs- und Sicherheitsbereich in Richtung Osten zu erweitern. Das gilt nicht nur f&uuml;r die DDR [&hellip;], sondern auch f&uuml;r alle anderen &ouml;stlichen L&auml;nder. Wir sind derzeit Zeugen dramatischer Entwicklungen im gesamten Osten, im Rat f&uuml;r gegenseitige Wirtschaftshilfe [Wirtschaftsorganisation des Ostblocks] und im Warschauer Pakt. Ich denke, das ist ein Teil der Partnerschaft f&uuml;r Stabilit&auml;t, die wir dem Osten anbieten k&ouml;nnen, indem wir ganz klar machen: Was auch immer innerhalb des Warschauer Paktes passiert, auf unserer Seite gibt es keinerlei Absicht, unser Verteidigungsgebiet &ndash; das Verteidigungsgebiet der Nato &ndash; Richtung Osten auszuweiten.&raquo; [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Beim Treffen in Moskau am 9. und 10. Februar 1990 wurde dies auch gegen&uuml;ber den sowjetischen Verhandlungsf&uuml;hrern nochmals unterstrichen. Genscher sagte am 10. Februar dem sowjetischen Au&szlig;enminister Schewardnadse: &laquo;F&uuml;r uns stehe aber fest: Die Nato werde sich nicht nach Osten ausdehnen. [&hellip;] Was im &uuml;brigen die Nichtausdehnung der Nato anbetreffe, so gelte dies ganz generell.&raquo; Interessant ist auch: Der US-Au&szlig;enminister hatte am 9. Februar die Nato-Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands gegen&uuml;ber dem sowjetischen Pr&auml;sidenten Gorbatschow mit dem Argument begr&uuml;ndet, mit der Einbindung in die Nato k&ouml;nne ein Deutschland wie vor dem Zweiten Weltkrieg verhindert werden.<\/p><p><strong>Was ist &laquo;clever&raquo;? <\/strong><\/p><p>Sp&auml;ter haben Genscher und Baker ihre Aussagen vom Februar 1990 relativiert. Es sei alles nicht so gemeint gewesen, wie es gesagt wurde. Man habe &laquo;der sowjetischen F&uuml;hrung &lsaquo;&uuml;ber die H&uuml;rde helfen&rsaquo; wollen, einem wiedervereinigten Nato-Mitglied Deutschland zustimmen zu k&ouml;nnen&raquo;. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Auch US-Pr&auml;sident Bush wollte schon Ende Februar 1990 nichts mehr von solchen Zusagen wissen. Ende Februar 1990 sagte er dem deutschen Kanzler Kohl: &laquo;Wir werden das Spiel gewinnen, aber wir m&uuml;ssen clever dabei sein.&raquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><p>Dass die US-Regierung schon 1990 kein wirkliches Einvernehmen unter gleichberechtigten Verhandlungspartnern suchte, machen verschiedene Forschungsarbeiten deutlich. Christian N&uuml;nlist hat diese Forschungsarbeiten 2018 in einer Zusammenschau, &laquo;Krieg der Narrative &ndash; Das Jahr 1990 und die Nato-Osterweiterung&raquo;8, &ndash; ein Artikel, der ansonsten ganz die offizielle Nato-Position verteidigt &ndash; referiert. So ist dort &ndash; im Zusammenhang mit damaligen europ&auml;ischen Vorschl&auml;gen zur Entwicklung einer gesamteurop&auml;ischen Friedensordnung mit gr&ouml;sserer Bedeutung der KSZE &ndash; zu lesen: &laquo;Aber die USA sperrten sich letztlich gegen eine neue Friedensordnung, die auf kollektiver Sicherheit und einer paneurop&auml;ischen KSZE-L&ouml;sung beruhen w&uuml;rde.&raquo; Interne Akten der US-Regierung Bush h&auml;tten gezeigt, &laquo;dass diese 1990 anstelle einer neuen kooperativen Sicherheitsstruktur inklusive der Sowjetunion bewusst eine Nato-L&ouml;sung und damit eine exklusive Sicherheitsordnung (ohne Moskau) f&ouml;rderte, die auf der fortw&auml;hrenden US-Milit&auml;rpr&auml;senz in Europa beruhte und damit auch &uuml;ber den Kalten Krieg hinaus die US-Dominanz in Europa best&auml;tigen w&uuml;rde. [&hellip;] Bushs &lsaquo;neue Weltordnung&rsaquo; basierte [&hellip;] nicht auf der Idee einer Partnerschaft mit der Sowjetunion.&raquo; Verschiedene Forscher h&auml;tten deutlich gemacht, dass die Bush-Regierung &laquo;1990 eine triumphale US-Aussenpolitik durchsetzte, die einerseits die US-Milit&auml;rpr&auml;senz in Europa und die Dominanz der Nato in der sich wandelnden europ&auml;ischen Sicherheitsarchitektur sicherte und die andererseits auch die Sowjetunion aus der Ordnung Europas nach dem Kalten Krieg so weit wie m&ouml;glich ausschloss&raquo;.<\/p><p>So bleibt die Frage, wie gut diese Art von &laquo;Cleverness&raquo;, die bis heute zum Zuge kommt, f&uuml;r die internationalen Beziehungen, f&uuml;r das Recht und f&uuml;r den Frieden ist und wie lange eine solche &laquo;Cleverness&raquo; noch akzeptiert wird.<\/p><p>Titelbild: Pavlo Lys \/ Shutterstock<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Der Autor ist pensionierter Lehrer f&uuml;r die F&auml;cher Deutsch, Geschichte und Politik.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] vgl. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Project_for_the_New_American_Century\">de.wikipedia.org\/wiki\/Project_for_the_New_American_Century<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.nato.int\/cps\/en\/natohq\/official_texts_25468.htm?selectedLocale=de\">nato.int\/cps\/en\/natohq\/official_texts_25468.htm?selectedLocale=de<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.armscontrol.org\/act\/1997-06\/arms-control-today\/opposition-nato-expansion\">armscontrol.org\/act\/1997-06\/arms-control-today\/opposition-nato-expansion<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Der Text vom 25. November 1990 kann im Internet heruntergeladen werden: <a href=\"http:\/\/www.sscnet.ucla.edu\/polisci\/faculty\/trachtenberg\/cv\/1990.pdf\">sscnet.ucla.edu\/polisci\/faculty\/trachtenberg\/cv\/1990.pdf<\/a>. Die etwas k&uuml;rzere Fassung der Ver&ouml;ffentlichung in der Zeitschrift International Security, Ausgabe Winter 2020\/21, S. 162&ndash;203, ist zwar auch &uuml;ber das Internet erh&auml;ltlich, aber kostenpflichtig.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] R&uuml;ck&uuml;bersetzung aus dem bei Trachtenberg in Englisch wiedergegebenen Text<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] So rechtfertigte zum Beispiel Hans-Dietrich Genscher sp&auml;ter laut Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. April 2014 (&laquo;Ost-Erweiterung der Nato. Das gro&szlig;e R&auml;tsel um Genschers angebliches Versprechen&raquo;) seine Zusagen aus der ersten Februarh&auml;lfte 1990.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Trachtenberg zitiert den US-Pr&auml;sidenten auf Seite 33 oben und verweist dabei auf einen 2016 erschienenen Beitrag von Joshua R. Itzkowitz Shifrinson. &laquo;Deal or No Deal? The End of the Cold War and the U.S. Offer to Limit NATO Expansion&raquo; (<a href=\"https:\/\/www.belfercenter.org\/sites\/default\/files\/files\/publication\/003-ISEC_a_00236-Shifrinson.pdf\">belfercenter.org\/sites\/default\/files\/files\/publication\/003-ISEC_a_00236-Shifrinson.pdf<\/a>), wo das Zitat auf Seite 40 mit Belegstelle wiedergegeben wird.<\/p>\n<\/div><p><strong>Nachbemerkungen:<\/strong><\/p><ol type=\"A\">\n<li>Ich verweise wie schon des &Ouml;fteren darauf, dass die SPD in ihrem Berliner Grundsatzprogramm vom 20. Dezember 1989 beschlossen hatte, dass zus&auml;tzlich zur Aufl&ouml;sung des Warschauer Paktes auch die Aufl&ouml;sung der NATO in Betracht gezogen werden sollte. So vern&uuml;nftig war man damals. Zum Ende der Block-Konfrontation geh&ouml;rte auch die Frage, was f&uuml;r einen Sinn die NATO insgesamt noch hat. Diese Frage zu stellen, war berechtigt, wie man im weiteren Verlauf sieht. Die NATO suchte mit der Unterst&uuml;tzung der R&uuml;stungswirtschaft Bet&auml;tigungsfelder auch au&szlig;erhalb des eigentlich vereinbarten Bet&auml;tigungsfeldes, der Verteidigung ihrer Mitglieder. Die NATO und die hinter ihr steckenden Kr&auml;fte starteten Auslandseins&auml;tze wie zum Beispiel in Afghanistan.<\/li>\n<li>Wie vern&uuml;nftig und anders als die zurzeit herrschende Meinung man den ganzen Komplex sehen kann, wird in einem Gastkommentar G&uuml;nter Verheugens sichtbar, der am 7.1.2022 ver&ouml;ffentlicht wurde. Siehe hier:\n<p> \t<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220118-Macht-vor-Recht.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220118-Macht-vor-Recht.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a>\n \t<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>NachDenkSeiten-Leser Karl-J&uuml;rgen M&uuml;ller[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79877#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>] hat uns einen interessanten Text zur NATO-Osterweiterung geschickt. Er passt zu der gerade laufenden Diskussion mit und &uuml;ber Russland. Ich erg&auml;nze am Ende mit einem Hinweis auf einen Kommentar von G&uuml;nter Verheugen und Anmerkungen zum eigentlich notwendigen Ende beider Bl&ouml;cke. 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