{"id":79984,"date":"2022-01-20T11:45:53","date_gmt":"2022-01-20T10:45:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79984"},"modified":"2022-01-20T12:22:57","modified_gmt":"2022-01-20T11:22:57","slug":"die-strategische-bedeutung-von-militaerbasen-in-zeiten-der-konfrontation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=79984","title":{"rendered":"Die strategische Bedeutung von Milit\u00e4rbasen in Zeiten der Konfrontation"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Welt gibt es ca. 1.000 ausl&auml;ndische Milit&auml;rbasen, davon ca. 800 in 80 L&auml;ndern unter der Kontrolle der Vereinigten Staaten von Amerika. Gro&szlig;britannien verwaltet ca. 20, ungef&auml;hr die gleiche Anzahl franz&ouml;sischer Milit&auml;rbasen sind weltweit in Funktion, im Wesentlichen in ihren ehemaligen Kolonialgebieten, aber auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Russland verf&uuml;gt &uuml;ber neun ausl&auml;ndische Milit&auml;rbasen, davon sechs in den L&auml;ndern der ehemaligen Sowjetunion, zwei in Syrien sowie eine in Vietnam. China verf&uuml;gt bisher &uuml;ber eine Basis in Dschibuti. Weitere L&auml;nder mit Milit&auml;rbasen sind Indien (Seychellen, Malediven und Madagaskar mit Radarstationen), Italien in Dschibuti und die T&uuml;rkei in der VAE und Irak. Einige der westlichen Milit&auml;rbasen sind gleichzeitig NATO-Basen. Von <strong>Reiner Braun<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNicht ber&uuml;cksichtigt bei dieser Aufz&auml;hlung wird die Stationierung von Milit&auml;r in okkupierten L&auml;ndern\/Gebieten wie in Pal&auml;stina oder wie bis Sommer 2021 in Afghanistan durch die NATO\/USA und weitere L&auml;nder. Die genannten Zahlen haben einen weiteren Unsicherheitsfaktor durch die &bdquo;dual-use&ldquo;-Nutzung von zivilen H&auml;fen und Flugpl&auml;tzen, die sich unter der Kontrolle (Verpachtung, Vermietung) von Firmen in verschiedenen L&auml;ndern befinden, wie z.B. in China, Sri Lanka oder Pakistan.<\/p><p>Diese kostspielige Stationierung von Milit&auml;r au&szlig;erhalb des eigenen Landes folgt strategischen Zielsetzungen der jeweiligen Politik. Die Steuerzahlenden in den USA finanzieren diese Politik j&auml;hrlich mit 156 Milliarden Dollar. Betroffene L&auml;nder m&uuml;ssen oft einen eigenen Finanzierungsanteil zu den fremden Truppen leisten. Deutschland &uuml;berwies in den Jahren 2003 bis 2012 ca. 1 Milliarde Euro an das Finanzministerium der USA und leistete weitere indirekte Finanzierung, u.a. durch die Beteiligung an Modernisierungsma&szlig;nahmen.<\/p><p><strong>Strategische Bedeutung der Milit&auml;rbasen im &bdquo;kalten Frieden&ldquo;<\/strong><\/p><p>Geostrategisches Denken war schon immer Teil des politischen Handelns der herrschenden Eliten, erst recht in Zeiten knapper werdender Ressourcen und einer internationalen Konfrontationspolitik um die &bdquo;Neuaufteilung&ldquo; der Welt nach dem Ende der US-Hegemonie. Lag der Fokus in der ca. 500 Jahre langen Epoche des Kolonialismus im Wesentlichen auf der Kontrolle des Landes, dominiert heute ein integrierter geostrategischer Ansatz von raumbezogener Machtpolitik (Territorium), auf See und politischen Entwicklungen, wie z.B.  Regime Change. Ein Beispiel f&uuml;r diese gro&szlig; angelegte und viel besprochene Geostrategie ist das &bdquo;Grand Chessboard&ldquo; (Gro&szlig;e Schachbrett) von Zbigniew Brzezinski aus dem Jahr 1997, ein Konzept, das vorgab, wie die USA regional, u.a. mit Milit&auml;rbasen, ihre f&uuml;hrende hegemoniale Rolle sichern und erhalten k&ouml;nnten &ndash; besonders &uuml;ber Eurasien.<\/p><p><strong>Milit&auml;rbasen in Zeiten der Konfrontation<\/strong><\/p><p>Die Entwicklung und der Ausbau der Milit&auml;rbasen dienen der Absicherung, Verst&auml;rkung und Untermauerung der aktuellen Politik:<\/p><ul>\n<li>Der NATO\/USA zur Einkreisung Russlands.<br>\nDiesem Ziel dienen die Milit&auml;rbasen der USA, aber aktuell auch wieder Gro&szlig;britanniens. In Deutschland sind das u.a. die US-Base in Ramstein und das EUCOM in Stuttgart. Hinzu kommen die neuen Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte in den L&auml;ndern Osteuropas: von Deutschland in Litauen, den USA in Polen und Rum&auml;nien, von Gro&szlig;britannien und Kanada in Estland und Lettland (permanent, wenn auch mit wechselnder Besatzung &ndash; eine aus meiner Sicht nur scheinbare Nicht-Verletzung der NATO-Russland-Vereinbarung) sowie die verst&auml;rkte milit&auml;rische Kooperation mit L&auml;ndern wie Ukraine oder Georgien. Intensiv militarisiert wird auch das Schwarze Meer, u.a. mit Milit&auml;rst&uuml;tzpunkten der USA und der NATO in der T&uuml;rkei.<\/li>\n<li>Zur Einkreisung Chinas.<br>\nHier sind die Milit&auml;rbasen der USA in S&uuml;d-Korea zentral, in Japan (Okinawa), auf den Philippinen und im Pazifik (GUAM), aber auch die neuen milit&auml;rischen Kooperationen, u.a. mit Vietnam, Kambodscha, Malaysia und Singapur, partiell auch mit Indien. Intensiviert wurde auch die milit&auml;rische Kooperation mit Indonesien und Malaysia. Diese Politik wird erg&auml;nzt durch die milit&auml;rischen Kooperationsvereinbarungen der NATO mit weiteren asiatischen L&auml;ndern.<\/li>\n<li>Unverzichtbar f&uuml;r diese Einkreisungspolitik der USA besonders gegen China sind auch die Flugzeugtr&auml;ger, kaum versenkbar und oft mit Atomwaffen bewaffnet, die die Einkreisung vervollst&auml;ndigen. Die USA besitzen 19 Flugzeugtr&auml;ger, weitere 15 sind im Bau oder in Planung. (China hat drei Flugzeugtr&auml;ger im Einsatz oder im Bau, Russland einen.) Mit 65-70 Kampfjets und bis zu 7.500 Seeleuten k&ouml;nnen die Flugzeugtr&auml;ger durchaus als Milit&auml;rbasis angesehen werden.<\/li>\n<li>Wie in Europa (NATO) erg&auml;nzen sich auch in Asien Milit&auml;rbasen und Milit&auml;rpakte &ndash; QUAD (Quadrilateral Security Dialogue) zwischen Australien, USA, Indien und Japan sowie AUKUS, die milit&auml;rische Zusammenarbeit zwischen Australien, USA und Gro&szlig;britannien.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Sicherung von regionaler Hegemonie und politischem Wohlverhalten<\/strong><\/p><p>Die Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte in Lateinamerika, besonders in Kolumbien, Peru, Paraguay und Ecuador, aber auch auf den ABC-Inseln dienen der Sicherung Lateinamerikas als Hinterhof der USA, der Organisierung von Regime-Change- und Putsch-Aktivit&auml;ten gegen die progressiven Kr&auml;fte Lateinamerikas (u.a. Venezuela, Bolivien) und der Ressourcensicherung besonders auch von Lithium und Kupfer. Hervorzuheben ist der Milit&auml;rst&uuml;tzpunkt Guant&aacute;namo als Foltergef&auml;ngnis der USA und zur Bek&auml;mpfung einer unabh&auml;ngigen sozialistischen Entwicklung in Kuba &ndash; die strategische Bedeutung liegt auf der Hand.<\/p><p>Es ist bezeichnend, dass die gerade politisch unabh&auml;ngig gewordenen Staaten Afrikas au&szlig;er den Basen der Kolonialm&auml;chte keine US-Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte auf ihrem Gebiet haben wollten. Deshalb ist das Einsatzkommando Afrika der USA mit ihrem Hauptquartier immer noch in Stuttgart angesiedelt. Hervorzuheben sind die Milit&auml;rbasen Frankreichs in der ganzen Sahel-Zone (u.a. Niger, Mali, Burkina Faso) sowie Gro&szlig;britanniens in seinen fr&uuml;heren Kolonien. Die USA haben zwei Drohnen-Milit&auml;rbasen in Afrika aufgebaut bzw. bauen an ihnen und zwar beide in Niger (in Nyamai und in &ndash; im Bau befindlich &ndash; Agadez). Angeblich zur Abwehr des Terrorismus dienen die St&uuml;tzpunkte vornehmlich der Stabilisierung der Ausbeutung der vielf&auml;ltigen Rohstoffe und der Auspl&uuml;nderung der Bev&ouml;lkerung. Elemente von progressiver Entwicklung sollen einged&auml;mmt werden. Frankreich hat z.B. eine Rolle bei verschiedenen Putschen in Zentralafrika gespielt.<\/p><p><strong>Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte sichern Ressourcenwege<\/strong><\/p><p>Die Schifffahrtswege von China nach Europa sind besonders an den strategisch und politisch &bdquo;kritischen&ldquo; geographischen Orten, z.B. um den Iran und den Nahen und Mittleren Osten (Katar, Bahrein, Saudi-Arabien, Oman u.a.), durch US-Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte &bdquo;gesichert&ldquo;. Dabei geht es nicht allein um &Ouml;l, sondern um die Sicherung der imperialen Handelswege und -ketten, Behinderung der Transportwege von politischen &bdquo;Konkurrenten&ldquo; wie China und Iran, aber auch der Aussp&auml;hung Russlands von der S&uuml;dflanke. Es geht um die br&ouml;ckelnde politische und &ouml;konomische Dominanz in Eurasien. Dazu existiert ein eigenes US-Oberkommando Centcom mit Hauptquartieren in Tampa\/Florida und Katar. Mindestens 50.000 Soldat*innen unterstehen diesem Kommando. Weggebrochen sind im Sommer 2021 die St&uuml;tzpunkte in Afghanistan.<\/p><p>Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte sind trotz Satelliten und weltweiter Luft&uuml;berwachung, trotz Drohnen und Weltraumbewaffnung nach wie vor ein Kernelement milit&auml;rdominanter Politik, die Interventionskriege aus politischen und geostrategischen Gr&uuml;nden grunds&auml;tzlich einschlie&szlig;t. Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte von Guam &uuml;ber Okinawa bis Ramstein waren und sind unverzichtbar f&uuml;r diese Interventionskriege und Ramstein erg&auml;nzend f&uuml;r v&ouml;lkerrechtswidrigen Drohnenkrieg.<\/p><p>Deshalb bleibt das Ringen um die Schlie&szlig;ung aller Milit&auml;rbasen eine Aufgabe der Friedensbewegung. Globale Gerechtigkeit mit Milit&auml;rbasen wird es nicht geben.<\/p><p>F&uuml;r die deutsche Friedensbewegung hei&szlig;t das zuallererst: Ramstein muss geschlossen werden. Auch an die neue Bundesregierung geht die Forderung nach der K&uuml;ndigung des Stationierungsabkommens.<\/p><p><em>Reiner Braun ist Executive Director des International Peace Bureau.<\/em><\/p><p><strong>Nachbemerkung Albrecht M&uuml;ller:<\/strong><\/p><p>Reiner Braun sieht das &bdquo;Ende der US-Hegemonie&ldquo;. Ich sehe das nicht, im Gegenteil, wir beobachten doch &uuml;berall US-Anstrengungen zur Ausweitung der Hegemonie. Was anderes sollen die Erweiterung der NATO bis zur russischen Grenze und was anderes soll denn die stattgefundene Erweiterung der Funktion der NATO vom Verteidigungsb&uuml;ndnis zum Interventionsb&uuml;ndnis sein? Diese Bedenken sind jedoch kein Einwand gegen die ansonst wichtigen Informationen des Textes von Reiner Braun.<\/p><p>Titelbild: VanderWolf Images \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Welt gibt es ca. 1.000 ausl&auml;ndische Milit&auml;rbasen, davon ca. 800 in 80 L&auml;ndern unter der Kontrolle der Vereinigten Staaten von Amerika. Gro&szlig;britannien verwaltet ca. 20, ungef&auml;hr die gleiche Anzahl franz&ouml;sischer Milit&auml;rbasen sind weltweit in Funktion, im Wesentlichen in ihren ehemaligen Kolonialgebieten, aber auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten. 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