{"id":80224,"date":"2022-01-28T10:07:29","date_gmt":"2022-01-28T09:07:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80224"},"modified":"2026-01-27T11:41:06","modified_gmt":"2026-01-27T10:41:06","slug":"journalisten-sind-lohnschreiber-und-leider-manchmal-hofnarren-unter-wegfall-der-hoefe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80224","title":{"rendered":"\u201eJournalisten sind Lohnschreiber, und leider manchmal Hofnarren unter Wegfall der H\u00f6fe\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wie bringt man Journalisten, aber auch interessierten B&uuml;rgern das Recherchehandwerk bei? Und: Wie vermittelt man ihnen dazu auch noch solide Macht- und Herrschaftskritik? Der Journalist und Autor <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=baab-patrik\">Patrik Baab<\/a><\/strong> zeigt, wie das geht. In seinem gerade erschienenen Buch <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/recherchieren\/\">&bdquo;Recherchieren &ndash; ein Werkzeugkasten zur Kritik der herrschenden Meinung&ldquo;<\/a> erl&auml;utert er, was in vielen Redaktionen nicht bekannt zu sein scheint: Journalistische Recherche und Machtkritik haben bei einem Journalismus, der diese Bezeichnung verdient, Hand in Hand zu gehen. Im NachDenkSeiten-Interview zeigt Patrik Baab, wie ein Werkzeugkasten zur kritischen Recherche aussieht und spricht Klartext &uuml;ber den Journalismus unserer Zeit. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&bdquo;Nie waren Kritik und Kontrollen der Eliten so aktuell und wichtig wie in der Corona-Krise. Denn der Kampf gegen die Viren, warnt die Menschenrechtsaktivistin Eda Seyhan, ist &sbquo;die perfekte Ausrede f&uuml;r den Griff nach der Macht.&lsquo;&ldquo; Herr Baab, diese Zeilen sind Ihrem aktuellen Buch entnommen, das sich um die journalistische Recherche dreht. Wie passt das Thema &bdquo;Recherche&ldquo; zu den Themen &bdquo;Macht&ldquo; und &bdquo;Herrschaft&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Recherchieren hei&szlig;t Aufkl&auml;ren. Aufkl&auml;ren hei&szlig;t, den Standpunkt der Kritik einnehmen. Immanuel Kant schreibt in der &bdquo;Kritik der reinen Vernunft&ldquo;: &bdquo;Der kritische Weg ist allein noch offen.&ldquo; In der Philosophie der Aufkl&auml;rung kreisen die &Uuml;berlegungen um die Einhegung von Macht. Dies ist die zentrale Lehre aus den jahrhundertelangen Erfahrungen mit unbeschr&auml;nkter Machtaus&uuml;bung der Eliten gegen die Bev&ouml;lkerung. Wer recherchiert, hat deshalb zu fragen, wem die Ansichten n&uuml;tzen. In der Corona-Debatte n&uuml;tzt die Eingrenzung des Debattenraumes auf Fragen des Impfschutzes jenen Politikern und Konzernen, die seit vier Jahrzehnten die Privatisierung, Rationalisierung und Profitorientierung des Gesundheitswesens vorangetrieben haben. Sie lenken damit von ihren eigenen Fehlern ab, deren Folgen in der Pandemie die Kranken zu tragen haben. Der neoliberale Umbau des Gesundheitswesens zugunsten privater Profitaneignung hinterl&auml;sst bei den Betroffenen eine ungeheure Wut. Denn sie arbeiten oft f&uuml;r schmalen Lohn, damit in einem weithin privatisierten Klinikwesen 8 bis 10 Prozent Rendite in die Taschen der Aktion&auml;re flie&szlig;en. Diese Wut wollen die Verantwortlichen nun von sich weg- und auf Andere hinlenken &ndash; im Inneren auf Ungeimpfte oder Fl&uuml;chtlinge, im &Auml;u&szlig;eren gegen Russland.<\/p><p><strong>Lassen Sie uns Ihre Arbeit n&auml;her beleuchten. Zun&auml;chst: Recherche ist vor allem etwas f&uuml;r Journalisten. Geh&ouml;ren zu der Zielgruppe Ihres Buches also nur Journalisten?<\/strong><\/p><p>Nein. Wer Journalist ist, das wird zunehmend unscharf. Deshalb richtet sich das Buch nicht nur an Journalistinnen und Journalisten, sondern auch an Blogger und Internet-Aktivisten, an Studentinnen und Mitarbeiter von NGO&rsquo;s oder B&uuml;rgerinitiativen und auch an alle, die Medien-Berichterstattung und Informationsgebung einmal auf den Pr&uuml;fstand stellen wollen. Das Buch bietet dazu eine Reihe von Werkzeugk&auml;sten mit einem Arsenal von Fragen, die dabei helfen, herauszufinden, wes&rsquo; Geistes Kind die Autoren von Texten sind und welche Fragen an M&auml;chtige gerichtet werden sollten.<\/p><p><strong>Wir leben in einer Zeit, in der Medien von so manchen B&uuml;rgern sehr genau beobachtet werden. Und: Viele B&uuml;rger versuchen sich auch auf die eine oder andere Weise durch das Medium Internet im Journalismus. Das hei&szlig;t: Sie suchen sich selbst Informationen, bereiten diese auf und ver&ouml;ffentlichen sie auf einem Blog oder &auml;hnlichem. Wie kommt es zu diesem Einsatz der &bdquo;Laien&ldquo;? Braucht der Journalismus Unterst&uuml;tzung von au&szlig;erhalb, weil die Professionellen zu oft nicht das tun, was Journalismus eigentlich ausmacht: herrschaftskritisch zu recherchieren und zu berichten? <\/strong><\/p><p>Journalismus bedeutet, mit Schreiben und Informieren Geld zu verdienen. Dieser Arbeitsprozess verl&auml;uft unter kapitalistischen Bedingungen. Information ist eine Ware, sie wird verkauft. Die journalistische Arbeit ist ebenso eine Ware, die unter zunehmend prek&auml;ren Bedingungen verkauft werden muss. Viele Journalistinnen und Journalisten sind freie Mitarbeiter. Sie entwickeln ein sensibles Gesp&uuml;r daf&uuml;r, welche Themen die Leitungsebene haben will. Denn sie erhalten St&uuml;cklohn und wollen auch morgen noch Geld verdienen. Wer die Chefebene erreicht hat, teilt h&auml;ufig Umfeld und Lebenslage mit den Machteliten aus Politik und Wirtschaft. So bilden sich &auml;hnliche Haltungen und Ansichten heraus. Im Ergebnis verengt sich der Diskurs tendenziell auf die Interessen der Machteliten und blendet die Interessen der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten aus. So werden Journalisten zu affirmativen Intellektuellen, wie der italienische Philosoph Antonio Gramsci sagte, die den Interessen der M&auml;chtigen folgen. Das Gerede von der &bdquo;Vierten Gewalt&ldquo; geht deshalb an der Sache vorbei. Journalisten sind Lohnschreiber, und leider manchmal Hofnarren unter Wegfall der H&ouml;fe. Das sage ich nicht von oben herab, sondern als ein Mensch, der seit 45 Jahren Teil des Geschehens ist.<\/p><p><strong>Was ist aus Ihrer Sicht eine journalistische Recherche, die die Bezeichnung verdient?<\/strong><\/p><p>Recherchieren hei&szlig;t, etwas gegen Widerst&auml;nde herauszufinden. Recherche hat nichts damit zu tun, die Pressestelle anzurufen, sondern bedeutet, gerade das herauszufinden, was die Pressestelle nicht preisgeben will; etwas herauszufinden, das eben den Interessen der M&auml;chtigen entgegensteht. Recherchieren ist deshalb ein oppositionelles Konzept. Recherchieren bedeutet nicht, ein Gleichgewicht in der Berichterstattung herzustellen, solange es kein Gleichgewicht der Macht in der Realit&auml;t gibt. Gerade in der Corona-Pandemie ist es den Eliten gelungen, Kapital und Macht zu ihren Gunsten und zum Nachteil der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten zu verschieben. Das reichste Prozent hat sein Verm&ouml;gen verdoppelt, w&auml;hrend Geringverdiener und kleine Selbstst&auml;ndige mit finanziellen Problemen durch Lockdowns, Kurzarbeit oder Entlassung zu k&auml;mpfen haben und einem h&ouml;heren Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Hat nicht der jetzige Gesundheitsminister &ndash; und ehemalige Aufsichtsrat bei der R&ouml;hn-Klinik AG &ndash; 2019 gefordert, jede zweite Klinik zu schlie&szlig;en &ndash; ganz im Sinne des privaten Klinikkonzerns? Hat er nicht die Fallpauschalen im Gesundheitswesen durchgesetzt, die den Menschen zu einem Kostenfaktor gemacht haben? Aufgabe von Recherche ist es, diese Zusammenh&auml;nge herauszufinden und immer wieder dar&uuml;ber zu informieren. Nur dann wird klar, welche Interessen die handelnden Personen verfolgen und oft mit wohlfeilen Phrasen kaschieren. Wenn sich die Leitmedien dieser Aufgabe nicht mehr stellen, treten andere Akteure wie Blogger auf den Plan.<\/p><p><strong>Wenn Recherche bedeutet, etwas gegen Widerst&auml;nde herauszufinden &ndash; wie muss man dann vorgehen? <\/strong><\/p><p>Recherchieren hat nichts mit Talent zu tun, sondern ist ein Handwerk. Daf&uuml;r liefert mein Buch einige Werkzeuge. Ein Werkzeug ist nat&uuml;rlich nur so gut wie der Handwerker, der es verwendet. Man sollte also vermeiden, alles zu einem Nagel zu erkl&auml;ren, weil man gerade einen Hammer in der<strong> <\/strong>Hand hat. Der erste Schritt bei der Recherche ist oft, Themen zu finden. Ein Thema ist nicht das, was in der Zeitung steht, sondern das, was dort nicht steht. Das l&auml;sst sich herausfinden mit der Frage: Was fehlt? Oder indem man die Dinge vor Ort in Augenschein nimmt und sich selbst umsieht, statt am Computer zu sitzen. Dann geht es darum, Quellen zu finden. Quellen sind Personen oder Dokumente, die mit einem Thema zu tun haben. Der n&auml;chste Schritt muss sein, die Quellen zu pr&uuml;fen &ndash; also nicht einfach herumzutelefonieren, sondern herauszufinden, wer welche Interessen auf dem Spielfeld hat. <\/p><p>Wichtig ist dann zu lernen, wie insbesondere in der digitalen Welt Quellen gesch&uuml;tzt werden k&ouml;nnen. Denn wir wissen sp&auml;testens seit Edward Snowden, dass sich Geheimdienste um einen m&ouml;glichst umfassenden Daten-Zugriff bem&uuml;hen, und die Firma Horch und Guck sollte m&ouml;glichst nicht mitlesen. Die Hinweise von Informanten sollten in Memos dokumentiert werden. Auf dieser Basis k&ouml;nnen wir eine Hypothese bilden. Dies soll helfen, eine Kausalit&auml;t in das Thema zu bekommen und so in die Tiefe und nicht in die Breite zu recherchieren. All das geht ein in einen Rechercheplan, zu dem auch ein Befragungsplan geh&ouml;rt. Indem wir den Rechercheplan abarbeiten, entsteht ein Rechercheprotokoll. Dieses Protokoll wiederum ist die Basis der Darstellung, also eines Artikels, Films, einer Website oder eines H&ouml;rfunkbeitrags. Wenn alles fertig ist, kommt nochmal ein Fakten-Check. Er reicht von der richtigen Schreibweise der Namen bis zur Belastbarkeit der Quellen. Am Ende wertet der Rechercheur das Feedback aus. So findet man Ans&auml;tze f&uuml;r weiterf&uuml;hrende &Uuml;berlegungen. Im Zentrum dieser &Uuml;berlegungen steht die Ideologiekritik: Gehe den M&auml;chtigen nicht auf den Leim, glaube ihnen nichts, sondern decke die unterschwelligen Werturteile ihrer Einlassungen und ihre Interessen auf.<\/p><p><strong>Wie l&auml;sst sich Ideologiekritik lernen?<\/strong><\/p><p>Ideologie ist falsches, interessengeleitetes Bewusstsein. Ich folge damit den &Uuml;berlegungen des jungen Karl Marx und nicht denen von Karl Mannheim und Wladimir I. Lenin. Wir m&uuml;ssen uns klarmachen: Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden. Was das hei&szlig;t, l&auml;sst sich herausfinden, wenn wir uns fragen: Wem n&uuml;tzt diese Darstellung? Dient sie den Interessen der Menschen oder wollen die Machteliten ihre Macht- und Profitgier kaschieren? Ideologiekritik hei&szlig;t: Nach den Interessen der Beteiligten zu fragen. Ein Beispiel: Die &uuml;berwiegende Zahl der Leitmedien bezeichnet in der Ukraine-Krise Russland als den Aggressor. Die Realit&auml;tsprobe zeigt: Dabei unterschlagen sie, dass die Vereinigten Staaten pro Jahr etwa 800 Milliarden Dollar f&uuml;r R&uuml;stung ausgeben, Russland 62 Milliarden. Weltweit haben die USA mehr als 500 St&uuml;tzpunkte, Russland nur wenige, beispielsweise in Syrien. <\/p><p>Wem n&uuml;tzt diese L&uuml;cke in der Berichterstattung? Sie n&uuml;tzt jedenfalls nicht jenen, die an einer Entspannungspolitik interessiert sind, wie sie Bundeskanzler Willy Brandt erfolgreich betrieben hat, sondern jenen, welche an die russischen Bodensch&auml;tze herankommen und deshalb die Menschen in einen neuen Krieg in Europa hineintreiben wollen. Rund um die Verurteilung von Nawalny herrscht gro&szlig;es Geschrei, &uuml;ber die strafrechtliche Verfolgung von Julian Assange wird kaum noch berichtet. Das zeigt: Hier wird mit zweierlei Ma&szlig; gemessen. L&uuml;gen l&auml;sst sich am besten durch Weglassen. Um die wahren Interessen zu verschleiern, wird dann oft von Werten geredet. Egon Bahr, der Brandts Entspannungspolitik mitkonzipierte, hat dazu einmal gesagt: &bdquo;In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man ihnen im Geschichtsunterricht erz&auml;hlt.&ldquo;<\/p><p><strong>Meiner Beobachtung nach scheint vielen Journalisten gar nicht so recht klar zu sein, dass es einen Unterschied zwischen der realen Realit&auml;t und der Medienrealit&auml;t gibt &ndash; die sie ja miterzeugen. Das Ergebnis ist dann, dass auch bei den eigenen Recherchen Journalisten sich in einer mitunter ziemlich verzerrten Medienrealit&auml;t verheddern. Wie sehen Sie das? <\/strong><\/p><p>Ich kann dem zustimmen. Journalisten befinden sich in einer Meinungsblase, einer schreibt vom anderen ab. In diesem schnellen, aktuellen Gesch&auml;ft bildet sich in Redaktionen ein Meinungsklima aus gemeinsamen Vorurteilen, die den Akteuren Sicherheit gibt und gew&auml;hrleistet, dass es nicht zu Endlosdiskussionen kommt. Denn redaktionelle Arbeit besteht oft aus schnellem Ausw&auml;hlen: Was heben wir ins Blatt, was lassen wir weg? Der Journalist, Schriftsteller und Medienkritiker Walter Lippmann hat 1922 in seinem Buch &bdquo;Public Opinion&ldquo; geschrieben, dass es daf&uuml;r keine klaren Regeln, sondern nur Konventionen gebe. Wichtig w&auml;re demgegen&uuml;ber, die Voraussetzungen der eigenen Werturteile immer wieder auf den Pr&uuml;fstand zu stellen. Das geht aber nicht in einem streng hierarchischen System, in dem am Ende die Verleger das Sagen haben. Denn Zeitungen sind Tendenzbetriebe: Die Redakteure m&uuml;ssen die weltanschaulichen Tendenzen der Verleger teilen. Ihre Unabh&auml;ngigkeit endet am Geldbeutel. Und in einer Zeit, in der die Sparkommissare durch die Redaktionen marschieren, ist es leicht, Journalisten mit Widerspruchsgeist loszuwerden.<\/p><p><strong>Wenn Journalisten sich in der eigenen, fehlerhaften Medienrealit&auml;t verfangen, kann das ziemlich weitreichende Konsequenzen haben. Nehmen wir mal die Berichterstattung zu Russland. Man traut seinen Augen kaum, aber derzeit wird in Medien allen Ernstes die Frage aufgeworfen, ob es aufgrund der Spannungen zwischen Russland und der Ukraine zu einem neuen gro&szlig;en Krieg in Europa kommen wird. Was ist dem vorangegangen im Hinblick auf eine kritische Berichterstattung, aber auch auf die journalistische Recherche? Ein Totalausfall von beidem? <\/strong><\/p><p>Hier wird Recherche nur vorgespiegelt. Tatsache ist, dass die meisten Kommentatoren weder Russland noch die Ukraine kennen. Sie orientieren sich recherchefrei an der Meinungsblase, die in ihrem sozialen Umfeld herrscht. Das sind die Menschen, die in denselben Vorort-Vierteln wohnen, denselben Golf- oder Tennisclubs angeh&ouml;ren, in derselben VIP-Lounge bei einem Fu&szlig;ballspiel sitzen, ihre Autos in denselben Automobilvertretungen leasen, derselben Partei angeh&ouml;ren, in denselben Biol&auml;den einkaufen, also derselben sozialen Klasse angeh&ouml;ren. Man teilt dieselbe Lebenslage, dieselben Ansichten, dieselben Interessen und man macht sich bei h&ouml;hergestellten Entscheidern dadurch interessant, dass man im vorauseilenden Gehorsam deren Urteile &uuml;bernimmt und nach unten weitertr&auml;gt. B&uuml;rgerlicher Journalismus steht nicht mehr in Opposition zur Feudalaristokratie, sondern hat einen Funktionswandel erlebt. Heute unterliegt er &uuml;berwiegend selbst einem Prozess der Refeudalisierung. Private Macht- und Profitinteressen haben den &ouml;ffentlichen Auftrag der Presse stark eingeschr&auml;nkt. Der heutige Journalismus ist &uuml;berwiegend keine Kontrollinstanz mehr, sondern teilt die Werturteile der M&auml;chtigen. <\/p><p>Vergessen ist, dass im vergangenen Jahrhundert Deutschland zweimal der Aggressor war, die Russen 27 Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg zu beklagen hatten und trotzdem die deutsche Einheit erm&ouml;glicht haben. Vergessen sind auch die Versprechungen, die ihnen 1990 gemacht wurden, vergessen ist Gorbatschows Versuch, ein gemeinsames Haus Europa zu schaffen. Vergessen ist, dass der Warschauer Pakt aufgel&ouml;st wurde, die Nato aber nicht. In der Region, aus der ich komme, k&auml;mpfte der Journalist Philipp Jakob Siebenpfeiffer in der ersten H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts f&uuml;r Pressefreiheit und Demokratie. Er geh&ouml;rte 1832 zu den Organisatoren des Hambacher Festes. Daf&uuml;r schickten ihn die Feudalherren f&uuml;r zwei Jahre in den Knast. Siebenpfeiffer floh unter abenteuerlichen Bedingungen in die Schweiz. Pressefreiheit und Demokratie sind auch heute bedroht: Demokratie bleibt auf die politische Sph&auml;re beschr&auml;nkt, klammert Wirtschaft und Geheimdienste weitgehend aus. Es g&auml;be also genug zu tun f&uuml;r engagierte Journalisten. Doch viele leitende Journalisten geh&ouml;ren innenpolitischen oder transatlantischen Netzwerken an. Manchmal hat man den Eindruck, sie handeln wie Propagandisten politischer Beutegemeinschaften.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch schwingt immer wieder auch Medienkritik mit. Wie ordnen Sie den Zustand unserer Medien ein? <\/strong><\/p><p>Weite Teile des Mediensystems haben sich zunehmend von den Interessen der Bev&ouml;lkerung entfernt und r&uuml;cken immer n&auml;her an die Interessen der Machteliten. Wer wirklich recherchiert, steht deshalb zunehmend vor Recherche-Barrieren. Sie liegen zun&auml;chst darin begr&uuml;ndet, dass der Journalismus ein sehr narzisstischer Beruf ist, und der narzisstisch veranlagte Mensch sucht eben Lob und Anerkennung. Zuspruch verteilen aber Vorgesetzte. Das macht die Branche anf&auml;llig f&uuml;r autorit&auml;re Pers&ouml;nlichkeiten. Zweitens hat sich in den Redaktionen zunehmend prek&auml;re Besch&auml;ftigung eingeschlichen, die vorauseilenden Gehorsam bef&ouml;rdert. Drittens unterliegt das gesamte Mediensystem einem Strukturwandel: Werbung und Public Relations werden immer m&auml;chtiger, der Einfluss der Politik immer unversch&auml;mter. J&uuml;rgen Habermas hat bereits 1962 diesen Prozess als Refeudalisierung der &Ouml;ffentlichkeit bezeichnet. <\/p><p>Dazu kommt, dass &Ouml;ffentlichkeit zunehmend &uuml;ber Plattformunternehmen im Internet stattfindet. Diese Unternehmen bieten Dienstleistungen an und sind zugleich private Marktpl&auml;tze, auf denen Dienstleistungen angeboten werden. Diese Plattformen extrahieren massenhaft unsere Daten, um &uuml;ber Algorithmen Nutzerverhalten zu lenken. Sie zwingen die Presse, auf den Plattformen pr&auml;sent zu sein, wollen die Angebote aber umsonst nutzen. So extrahieren sie gro&szlig;e Teile der Wertsch&ouml;pfung und genau diese Ressourcen fehlen dann den Verlagen. Das investive Kapital wandert nach oben zu den Plattform-Betreibern. Die Risikokaskaden verlaufen nach unten und f&uuml;hren zu prek&auml;rer Besch&auml;ftigung und knappen Recherche-Budgets in den Redaktionen. Nebenbei entscheiden die Plattformunternehmen nach dem Hausrecht, was sie pr&auml;sentieren. Dies ist nichts anderes als eine Privatisierung der Zensur. Weiter planen Unternehmen wie Facebook digitale W&auml;hrungen und streben damit eine Privatisierung der W&auml;hrungshoheit an, die derzeit noch bei den Zentralbanken liegt. Dies kann nicht im Sinne demokratischer Willensbildung sein. All diesen Entwicklungen haben die Medien nichts entgegengesetzt, sondern achselzuckend zugesehen, wie die Politik den Internet-Plattformen den Weg bereitet hat.<\/p><p><strong>Was raten Sie jenen B&uuml;rgern, die Interesse an der journalistischen Arbeit haben, aber journalistische Laien sind und trotzdem journalistisch t&auml;tig sein wollen? Was sollten Sie besser machen als das, was so mancher der &bdquo;Professionellen&ldquo; an den Tag legt? <\/strong><\/p><p>Sie sollten sich selbst ein Bild machen und nicht alles glauben, was in der Zeitung steht oder im Fernsehen kommt. Sofern es ihre Zeit zul&auml;sst, w&auml;re es klug, mehrere Medien parallel zu nutzen, auch aus unterschiedlichen politischen Richtungen, so dass die Informationen verglichen und vervollst&auml;ndigt werden k&ouml;nnen. Und sie sollten konsequent die Ansichten hinterfragen, wem sie n&uuml;tzen. In der Diskussion um die Impfpflicht beispielsweise pr&uuml;geln sich derzeit auf den billigen Pl&auml;tzen Impfbef&uuml;rworter und Impfskeptiker. Die Eliten in Politik und Krankenhauskonzernen sitzen derweil in der Loge und lachen. Dar&uuml;ber, dass sie 40 Jahre lang das Gesundheitswesen heruntergespart und den Profitinteressen ge&ouml;ffnet haben und dies die jetzigen Engp&auml;sse provoziert hat, redet niemand mehr. Dies ist genauso wenig im Interesse der Bev&ouml;lkerung wie ein Krieg gegen Russland. Deshalb ist wichtig, dass sich die Menschen nicht gegeneinander oder gegen vermeintliche innere oder &auml;u&szlig;ere Feinde aufwiegeln lassen und dass sie nicht vergessen, was die Gesellschaft wirklich spaltet: Das ist der Inhalt des Geldbeutels.<\/p><p><em>Anmerkung: Patrik Baab arbeitete seit 1977 f&uuml;r die Alternativzeitung &bdquo;Provinzblatt&ldquo; in Homburg\/Saar, dann folgten Beitr&auml;ge f&uuml;r Zeitungen und Magazine wie &bdquo;die horen&ldquo; oder &bdquo;Lettre International&ldquo;, dann Ausbildung beim Saarl&auml;ndischen Rundfunk, seither &uuml;berwiegend Arbeit f&uuml;rs Fernsehen. Er ist seit 45 Jahren als Journalist t&auml;tig. Patrik Baab publizierte zusammen mit Robert E. Harkavy im Westend-Verlag: &bdquo;Im Spinnennetz der Geheimdienste. Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet?&ldquo;<\/em><\/p><p><em>Lesetipp: Patrik Baab: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/recherchieren.html\">Recherche &ndash; ein Werkzeugkasten zur Kritik der herrschenden Meinung<\/a>, Westend, 31. Januar 2022, 20 Euro, 256 Seiten.<\/em><\/p><p>Titelbild: wellphoto\/shutterstock und Westend Verlag<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie bringt man Journalisten, aber auch interessierten B&uuml;rgern das Recherchehandwerk bei? Und: Wie vermittelt man ihnen dazu auch noch solide Macht- und Herrschaftskritik? Der Journalist und Autor <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=baab-patrik\">Patrik Baab<\/a><\/strong> zeigt, wie das geht. In seinem gerade erschienenen Buch <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/recherchieren\/\">&bdquo;Recherchieren &ndash; ein Werkzeugkasten zur Kritik der herrschenden Meinung&ldquo;<\/a> erl&auml;utert er, was in vielen Redaktionen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80224\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":80225,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,209,41,182],"tags":[2505,1672,2108,1471,3111,288,1415,408,244],"class_list":["post-80224","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-medienanalyse","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","tag-baab-patrik","tag-embedded-journalism","tag-filterblase","tag-investigativer-journalismus","tag-plattformoekonomie","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-pressefreiheit","tag-soziale-herkunft","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/shutterstock_1922231618-Kopie.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80224","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=80224"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80224\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80698,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80224\/revisions\/80698"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/80225"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=80224"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=80224"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=80224"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}