{"id":80260,"date":"2022-01-30T11:45:32","date_gmt":"2022-01-30T10:45:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80260"},"modified":"2022-01-30T13:08:45","modified_gmt":"2022-01-30T12:08:45","slug":"von-giorgio-agamben-ueber-karl-heinz-roth-bis-zu-verlockenden-endzeitstimmungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80260","title":{"rendered":"Von Giorgio Agamben, \u00fcber Karl Heinz Roth bis zu \u201averlockenden\u2018 Endzeitstimmungen"},"content":{"rendered":"<p>Vieles an der Corona-Politik der Bundesregierung ist widerspr&uuml;chlich, wissenschaftlich evidenzlos, kurzum haarstr&auml;ubend. Das verleitet einige dazu, anzunehmen, dass die Bundesregierung kopflos sei und dabei selbst die &sbquo;Wirtschaft&lsquo; mit in den Abgrund rei&szlig;en w&uuml;rde. Dieser Erkl&auml;rungsversuch deckt mehr zu als auf. Von <strong>Wolf Wetzel.<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1510\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-80260-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220128-Von-Giorgio-Agamben-ueber-Karl-Heinz-Roth.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220128-Von-Giorgio-Agamben-ueber-Karl-Heinz-Roth.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220128-Von-Giorgio-Agamben-ueber-Karl-Heinz-Roth.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220128-Von-Giorgio-Agamben-ueber-Karl-Heinz-Roth.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=80260-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220128-Von-Giorgio-Agamben-ueber-Karl-Heinz-Roth.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220128-Von-Giorgio-Agamben-ueber-Karl-Heinz-Roth.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Giorgio Agamben ist ein italienischer Philosoph, der in der Debatte der 1970er und 1980er Jahre eine wichtige Rolle spielte: Dazu geh&ouml;rt auch sein Buch &bdquo;<em>Ausnahmezustand<\/em>&ldquo;, das ich zum Geburtstag geschenkt bekommen habe &ndash; mitten im Lockdown 2021. Er ist mir als wichtige Quelle bekannt, bei dem Versuch, den &bdquo;<em>Deutschen Herbst<\/em>&ldquo; 1976\/77, die &bdquo;<em>Krisenstab-Diktatur<\/em>&ldquo; gegen das Virus RAF (Rote-Armee-Fraktion) oder den Ausnahmezustand nach &bdquo;9\/11&ldquo; (2001) einzuordnen.<\/p><p>Ehrlich gesagt, haben wir nicht viel von den Ausf&uuml;hrungen des italienischen Philosophen verstanden, den Grundtenor hingegen schon: Ausnahmezust&auml;nde verschwinden nicht mit ihrem Anlass, sondern nutzen ihn, um in einen Normalzustand &uuml;berf&uuml;hrt zu werden. Dazu geh&ouml;rt u.a. ein solcher Satz, dass sich der Ausnahmezustand als die legale Form dessen zeige, &bdquo;<em>was keine legale Form annehmen kann<\/em>.&ldquo; (S.7) Ein sehr komplexer Gedanke, der nicht gerade nach sofortigem Applaus ruft.<\/p><p>Ein ganzes St&uuml;ck leichter ist seine Aussage zu verstehen und zu &uuml;bertragen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Angesichts der unaufhaltsamen Steigerung dessen, was als &sbquo;weltweiter B&uuml;rgerkrieg&lsquo; bestimmt worden ist, erweist sich der Ausnahmezustand in der Politik der Gegenwart immer mehr als das herrschende Paradigma des Regierens<\/em>.&ldquo; (S.9)\n<\/p><\/blockquote><p>Und noch etwas war f&uuml;r uns eine zentrale Erkenntnis: Die politischen, repressiven und extra-legalen Ma&szlig;nahmen zielen weit &uuml;ber den Anlass, die Zerschlagung der RAF, &uuml;ber 9\/11 (2001) hinaus. Sie haben so etwas wie eine &bdquo;<em>gesellschaftssanit&auml;re<\/em>&ldquo; (Ex-BKA-Chef Herold) Dimension. Nun kommt noch eine weitere Person aus den 1970er und 1980er Jahren dazu: Karl Heinz Roth. Ich habe mich sehr dar&uuml;ber gefreut, dass er sich mit dem Buch &bdquo;<em>Blinde Passagiere. Die Corona-Krise und die Folgen<\/em>&ldquo; (2022) zu Wort meldet.<\/p><p>Karl Heinz Roth ist aus vielerlei Hinsicht ein richtig echter Experte, also auf jeden Fall kein Mietmaul. Er kann fach- und disziplin&uuml;bergreifend viel zu diesem komplexen Thema sagen: Er hat Medizin studiert und hat jahrzehntelang als <em>Arzt<\/em> gearbeitet, verf&uuml;gt also durchaus von &bdquo;Haus aus&ldquo; &uuml;ber medizinische Kenntnisse, die er einbringen kann.<\/p><p>Er ist noch aus einem weiteren Grund ein wertvoller <em>Autor<\/em>. Er hat eine militante Geschichte, die er bis heute nicht verleugnet, aus der heraus er die heutigen Entwicklungen analysiert, in die er Ereignisse einordnet. Am 9. Mai 1975 geriet Karl Heinz Roth in K&ouml;ln in eine Polizeikontrolle. In seiner Begleitung war Werner Sauber, ein Mitglied der &sbquo;Bewegung 2. Juni&lsquo;. Es kam zu einem Schusswechsel, bei dem Werner Sauber und der Polizist Walter Pauli get&ouml;tet wurden. Karl Heinz Roth selbst wurde lebensgef&auml;hrlich verletzt und wegen Mordes angeklagt. 1977 wurde er freigesprochen.<\/p><p>Karl Heinz Roth ist also jemand, der nicht nur das aufgegriffen hat, was in der politischen Szene mit und nach &sbquo;19\/68&lsquo; gerade en vogue war. Er geh&ouml;rt zu den Menschen, die ihre eigene politische Praxis mit sehr viel theoretischer Arbeit und Analyse erg&auml;nzt bzw. miteinander verbunden haben. Er geh&ouml;rt zu den Mitbegr&uuml;ndern der Zeitschrift &bdquo;<em>Autonomie &ndash; Materialien gegen die Fabrikgesellschaft<\/em>&ldquo;. Sie war f&uuml;r uns junge Autonome ein ganz wichtiger Aussichtsturm, um &uuml;ber unsere eigene politische Praxis hinauszublicken. Nicht alles verstanden wir, aber wir gaben uns M&uuml;he. Kurzum, Karl Heinz Roth ist eben auch ein exzellenter <em>Theoretiker<\/em>.<\/p><p>All das ist ungemein wichtig, wenn man die Corona-Politik und die staatlichen Ma&szlig;nahmen eben nicht nur medizinisch zu verstehen versucht, sondern gerade auch in ihrem staatsimmanenten und klassentheoretischen Zusammenhang einordnen will.<\/p><p>In seinem neuen Buch widmet er ein Kapitel Giorgio Agambens &bdquo;Endzeitvisionen&ldquo;. Ich bin sehr, sehr froh &uuml;ber diesen Einwurf, der ganz ruhig und klar zwei zentralen Thesen von Agamben zu Corona-Zeiten widerspricht. Die erste bezieht sich auf die gegenw&auml;rtige Corona-Pandemie. Ich war selbst erstaunt und irritiert, auf welche Weise Agamben diese zu einer Inszenierung macht. Dieses Bild von einer &sbquo;<em>erfundenen Pandemie<\/em>&lsquo; wird recht oft auch von denen genutzt, die den staatlichen Corona-Ma&szlig;nahmen und dem mit Corona begr&uuml;ndeten Ausnahmezustand widersprechen.<\/p><p>Ich kann den Reflex verstehen, wenn man das Trommelfeuer der gewollten und sehr durchdachten &bdquo;Furchtappelle&ldquo; und &bdquo;Angst-Narrative&ldquo; vor Augen hat, die landauf landab verbreitet werden. Auch wenn diese &Uuml;berdosis verleitet, sollte man ihr auf keinen Fall erliegen: Es gibt diese Pandemie (in welchem Ausma&szlig; auch immer) und es gibt die Angst, die f&uuml;r ganz andere Vorhaben instrumentalisiert wird.<\/p><p>Um Letzteres entschieden zu kritisieren, muss jedoch nicht die Pandemie zu einer Erfindung erkl&auml;rt werden. Wenn man dies zum Ausgangspunkt macht, dann ist es unsere Aufgabe, die Ma&szlig;nahmen, die der Bek&auml;mpfung\/Eind&auml;mmung der Pandemie dienen, zu unterscheiden von jenen, die keinen medizinischen Sinn ergeben. Und nat&uuml;rlich muss man sich dann noch einer weiteren Schwierigkeit und Herausforderung stellen: Man muss (gemeinsam) eine Vorstellung entwickeln, wie man eine Pandemie bek&auml;mpft, ohne diese zum Spielball eines autorit&auml;ren Ma&szlig;nahmestaates zu machen. Das setzt &ndash; und das ist sicherlich angesichts der vulnerablen Linken eine gro&szlig;e Aufgabe &ndash; eine Vision von einer Gesellschaftlichkeit voraus, die gerade auch in einer Krise nicht Leviathans Staat bekniet und begr&uuml;&szlig;t, sondern ein wirklich gemeinschaftliches Handeln und Denken stark macht, das nicht der Logik der Einschr&auml;nkung der Handlungsmacht aller Vereinzelten folgt, sondern der Ausdehnung, der Erm&auml;chtigung des Kommunit&auml;ren.<\/p><p>Der zweite Punkt ist analytisch und in seiner Ausdeutung sehr wichtig, denn er hat tats&auml;chlich fatale Folgen. Wenn es die Pandemie gar nicht gibt, der Staat aber dennoch &ndash; nach Agamben &ndash; die Wirtschaft in den Ruin treibt, dann h&auml;tte der Staat seine wesentliche Aufgabe, die &bdquo;Wirtschaft&ldquo; zu f&ouml;rdern, das Akkumulationsregime zu sch&uuml;tzen, v&ouml;llig aus dem Blick verloren. Bemerkenswerter Weise gibt es diese Argumentationsfigur auch in den Reihen der QuerdenkerInnen: Der Staat ruiniere die &sbquo;Wirtschaft&lsquo;, laufe also gegen seine eigene Bestimmung Amok und w&uuml;rde uns Menschen mit in den Untergang rei&szlig;en. Diese Erkl&auml;rung hat nicht nur etwas Biblisches. Sie hat auch etwas Verlockendes. Irgendetwas Mysteri&ouml;ses hat demnach den Staat befallen, also etwas, was nicht in der Logik dieses kapitalistischen Systems passiert, sondern von irgendwo andersher kommt. Diese Argumentationsfigur l&auml;dt geradezu ein, irgendwelche geheimen, im Verborgenen agierende M&auml;chte f&uuml;r diesen Irrsinn verantwortlich zu machen.<\/p><p>Warum stellt man dann nicht die folgenden Fragen: Was sollte den Staat in ein Selbstmordkommando verwandeln? Welche Umst&auml;nde sollten daran schuld sein, dass der Staat den Kopf verliert? Warum sollte er ausgerechnet jetzt, in der Krise, die Interessen der Wirtschaft nicht ganz oben auf seiner Agenda halten? Mit &sbquo;Wirtschaft&lsquo; ist nicht ein Caf&eacute; oder ein Kunst-Kultur-Kleinbetrieb gemeint, sondern die systemrelevanten Teile des Kapitals, die bereits in der Finanzkrise 2008ff mit Milliarden-Hilfen gest&uuml;tzt und gest&auml;rkt wurden.<\/p><p>All diese naheliegenden Fragen beantwortet Agamben nicht. In dieser auch von ihm selbst bef&ouml;rderten Unerkl&auml;rlichkeit liegt in allerletzter Konsequenz etwas Schicksalhaftes, gegen das man eh nichts mehr machen kann. Karl Heinz Roth folgt den d&uuml;steren Prophezeiungen leicht ironisch:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Wenn alles der technokratischen Diktatur der Kontrollen, Verbote, Experten und &Auml;rzte unterworfen sei, bed&uuml;rfe es der neuen Horizonte der Verhei&szlig;ungen nicht mehr. Nur noch Panik und Schurkerei sowie deren Personifikationen, die M&ouml;nche und Schurken, bestimmten das neu heraufziehende Zeitalter.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Das Bild von einem durchdrehenden Staat, der selbst die Wirtschaft mit in den Abgrund rei&szlig;t, ist &ndash; wie bereits angerissen &ndash; auch eine beliebte und weit verbreitete Argumentationsfigur &ndash; gerade auf Seiten der Rechten, was bis ins postfaschistische Lager hineinreicht: Dort ist das Bild einer politischen Klasse\/Elite vorherrschend, die nur noch um ihrer selbst willen regiert, korrupt ist und aus purem Eigennutz alle mit in den Abgrund rei&szlig;t.<\/p><p>Karl Heinz Roth teilt dieses Bild nicht: <em>&bdquo;Auch f&uuml;r die Tatsache, dass die Akteure des politischen Systems zeitweilig ihre eigene materielle Machtbasis, die Gesamtheit des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses, weitgehend lahmlegten und eine schwere Wirtschafts- und Schuldenkrise ausl&ouml;sten, verlangt nach anderen Erkl&auml;rungen statt der von Agamben vertretenen Hypothese einer die Gesellschaftlichkeit zerst&ouml;renden absoluten Machtentfaltung &sbquo;schurkischer Souver&auml;ne&lsquo;.&ldquo;<\/em><\/p><p>Dennoch hat das Bild etwas sehr Verlockendes, und zwar aufgrund seines sehr hohen Verdunklungsanteils. Worin besteht er? Nun, wenn die politische Elite an allem schuld ist und selbst die Wirtschaft ihr zum Opfer f&auml;llt, dann hat die Krise nichts mit Kapitalismus zu tun, sondern ausschlie&szlig;lich mit korrupten Politikern (wozu sich die ehemaligen und neuen Gesundheitsminister Spahn und Lauterbach hervorragend eignen). Dann ist die L&ouml;sung der Krise eine ganz einfache: Man braucht nur noch ehrliche, ganz saubere Politiker &ndash; f&uuml;r die sich gerade rechte und postfaschistische Politiker wie Ariel-Br&uuml;der anbieten.<\/p><p>Vielleicht ist Agamben auch den Bildern, der Bildermacht erlegen: Der Lockdown in all seinen verschiedenen Varianten hat &uuml;berhaupt nicht &sbquo;die Wirtschaft&lsquo; getroffen &ndash; im Gegenteil: Die Lockdowns und die aktuellen 1-2-G-Plus-Sanktionen zielen im Wesentlichen auf den Privat-\/Freizeitbereich (also das Leben nach der Lohnarbeit), zum Schutz des Produktionsbereiches, der gro&szlig;en Fabriken, der ma&szlig;geblichen Glieder in der Wertsch&ouml;pfungskette: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Der Volkswagen-Konzern hat das schwierige Gesch&auml;ftsjahr 2020 mit einem Milliarden-Gewinn abgeschlossen: Rund 8,8 Milliarden Euro bleiben nach Steuern in der Kasse<\/em>.&ldquo; (ndr.de vom 16.3.2021)\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Mit einer Umsatzrendite von 14,6 Prozent d&uuml;rfte Porsche der am besten verdienende Serien-Fahrzeughersteller der Welt sein. Die Mitarbeiter, die vor einem Jahr in ihrer Kurzarbeitsphase mit der freudigen Nachricht &uuml;berrascht wurden, dass sie f&uuml;rs Vorjahr eine Pr&auml;mie von 10.000 Euro erhalten (was entsprechende Diskussionen in Politik und Gesellschaft entfacht hatte), bekommen nach der &uuml;berraschenden Aufholjagd im Corona-Jahr wieder einen hohen Bonus. Pro Mitarbeiter w&uuml;rden bis zu 7850 Euro bezahlt, k&uuml;ndigte Porsche-Vorstandschef Oliver Blume in der Pr&auml;sentation an, ohne ins Detail zu gehen<\/em>.&ldquo; (faz.net vom 19.3.2021)\n<\/p><\/blockquote><p>Und dass der Impfstoff vor allem ein gigantisches profitables Gesch&auml;ft ist, beweist Biontech:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Biontech sorgt f&uuml;r ein Achtel des deutschen Wirtschaftswachstums (&hellip;) &sbquo;Biontech k&ouml;nnte in diesem Jahr rund 0,5 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beitragen&lsquo;, sagte der wissenschaftliche Direktor des Instituts f&uuml;r Makro&ouml;konomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien (&hellip;). Viele Experten trauen Europas gr&ouml;&szlig;ter Volkswirtschaft in diesem Jahr ein Wachstum von etwa 4 Prozent zu, wovon laut Dullien etwa ein Achtel allein auf Biontech entfallen k&ouml;nnten. &sbquo;Ich kann mich an keinen Fall erinnern, in dem ein Unternehmen einen solchen Einfluss auf das deutsche BIP hatte&lsquo;, sagte Dullien. Als Makro&ouml;konom picke er sich normalerweise keine Unternehmen heraus. &sbquo;Manchmal gibt es jedoch seltene F&auml;lle, in denen einzelne Unternehmen eine gesamtwirtschaftliche Relevanz haben&lsquo;, sagte der Wissenschaftler. &sbquo;Biontech ist so ein seltenes Beispiel.&lsquo; (&hellip;) Das Gesch&auml;ft mit dem Vakzin befl&uuml;gelte das Mainzer Unternehmen: Im zweiten Quartal setzte Biontech dank des Impfstoffgesch&auml;fts 5,31 Milliarden Euro um nach lediglich 41,7 Millionen Euro im gleichen Vorjahreszeitraum. Der Nettogewinn betrug 2,79 Milliarden Euro nach einem Verlust von 88,3 Millionen Euro ein Jahr zuvor.&ldquo;<\/em> (manager-magazin.de vom 10.8.2021)\n<\/p><\/blockquote><p>Und dass die vorherrschende Pandemie-Bek&auml;mpfung vor allem die Armen noch &auml;rmer macht und die Reichen noch reicher, ist kein Zufall, kein Missgeschick, sondern ein globales kapitalistisches Prinzip:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>W&auml;hrend der Pandemie konnten die zehn reichsten Milliard&auml;re ihr Verm&ouml;gen auf insgesamt 1,5 Billionen Dollar verdoppeln. Gleichzeitig leben 163 Millionen Menschen wegen der Pandemie in Armut. Diese Ungleichheit t&ouml;tet jedes Jahr Millionen Menschen, etwa weil sie keine ad&auml;quate medizinische Versorgung bekommen. F&uuml;r Milliard&auml;r*innen gleicht die COVID-19-Pandemie einem Goldrausch. Regierungen haben Milliarden in die Wirtschaft gepumpt, doch ein Gro&szlig;teil ist bei Menschen h&auml;ngengeblieben, die von steigenden Aktienkursen besonders profitieren. (&hellip;) Auch in Deutschland hat die Corona-Pandemie die Ungleichheit versch&auml;rft: Das Verm&ouml;gen der 10 reichsten Personen ist seit Beginn der Pandemie von rund 144 Milliarden auf etwa 256 Milliarden US-Dollar gewachsen. Allein dieser Gewinn entspricht ann&auml;hernd dem Gesamtverm&ouml;gen der &auml;rmsten 40 Prozent, also von 33 Millionen Deutschen. W&auml;hrenddessen erreicht die Armutsquote in Deutschland mit 16,1 Prozent einen H&ouml;chststand.&ldquo;<\/em> (oxfam.de vom 17.1.2022)\n<\/p><\/blockquote><p>Dass die deutsche Bundesregierung in diesem Ranking nicht ganz unten steht, sondern ganz oben, best&auml;tigen die Gesch&auml;fts- und Bilanzdaten: Der Grundgedanke der deutschen Bundesregierung war und ist, dass die Dax-30-Unternehmen gest&auml;rkt aus der Krise hervorgehen. Und daran hat sich die Bundesregierung gehalten. Zum einem gab es dort keine Lockdowns, zum anderen wurden Milliardenhilfen daf&uuml;r ausgegeben, dass die internationale Rezession nicht auf die f&uuml;hrenden deutschen Unternehmen durchschl&auml;gt.<\/p><p>Nichts daran war also irrsinnig, sondern folgt einer sehr strikt eingehaltenen Staatslogik, dass der Schutz der Wertsch&ouml;pfungskette Vorrang gegen&uuml;ber dem Schutz vor einer Pandemie hat. Der Virologe und TV-Star der ersten Stunde Christian Drosten hat dies sehr klar formuliert:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Wir haben da im Moment &uuml;ber all die Verhandlungen mit verschiedenen Interessengruppen gegen&uuml;ber der Politik in Deutschland eine etwas schief verteilte Situation. Wir wissen alle, das Arbeitsleben ist relativ wenig eingeschr&auml;nkt. Das Freizeitleben ist stark eingeschr&auml;nkt. Das ist die Gewichtung, die wir in Deutschland gesamtgesellschaftlich so gew&auml;hlt oder erreicht haben. Nat&uuml;rlich ist das, was jetzt als Bundesnotbremse bezeichnet wird, dann noch mal eine st&auml;rkere Versch&auml;rfung in den Bereichen gerade au&szlig;erhalb dieses Wirtschaftslebens, wenn es eben um Ausgangssperren geht. (&hellip;). Das sind so Gebiete, in denen eigentlich schon Reduktionen gemacht worden sind und wo man jetzt noch mal die Reduktionen verst&auml;rkt. Man h&auml;tte das nat&uuml;rlich auch anders w&auml;hlen k&ouml;nnen. Man h&auml;tte auch in anderen Gebieten des Erwerbslebens, der Wirtschaft st&auml;rkere Reduktion machen k&ouml;nnen. (&hellip;) Wenn man solche Ma&szlig;nahmen gleichm&auml;&szlig;ig in allen Bereichen verteilt, dann haben sie auch eine st&auml;rkere Gesamtwirkung, als wenn man nur an einem Ende ganz stark quetscht und am anderen Ende alles noch so l&auml;sst wie vorher.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Christian Drosten wusste, was das f&uuml;r ein medizinischer Irrsinn ist:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Na ja, also man kann das (das Wirtschaftsleben, d.V.) mehr in den Blick nehmen. Man kann an diesen Stellen auch Ma&szlig;nahmen der Kontaktreduktion verh&auml;ngen. Aber das h&auml;tte nat&uuml;rlich Auswirkungen auf bestimmte Wirtschaftszweige. Da geht es um Lieferketten und Produktion und so weiter. Das sind eben Bereiche der Wirtschaft, die man nicht von zu Hause vom Homeoffice machen kann. (&hellip;) Alle diese Dinge bedingen sich nat&uuml;rlich. Die kann man so beschreiben. Sollte man aber nicht als Wissenschaftler tun, sondern vielleicht eher aus anderen Kompartimenten der Gesellschaft. Kann man auch kritisieren und anprangern. Und man kann &Auml;nderungen fordern. Aber ich glaube, im Moment ist es vor allem wichtig, dass man sich klarmacht, wie es ist.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Das hat Christian Drosten im April 2021 gesagt. Bei aller Druckserei kann man den Kern seiner Aussage kaum missverstehen. Interessant daran ist allerdings, dass dies weder bei den Lockdown-Bef&uuml;rwortern offen diskutiert wurde noch bei all denen hinreichend angekommen ist, die gegen die Grundrechtseinschr&auml;nkungen demonstrieren. Man kann es auch deutlicher formulieren: Es gibt &sbquo;etwas&lsquo;, was die Pole auf bedenkliche und sicherlich ungewollte Weise nahe aneinander bringt. Was ist das &sbquo;etwas&lsquo;?<\/p><p>Die Bef&uuml;rworter der Corona-Ma&szlig;nahmen (einschlie&szlig;lich Lockdown) wollen unter allen Umst&auml;nden ausblenden, dass die systemrelevanten Bereiche des Produktionsbereichs (dort gab es keinerlei verbindliche Ma&szlig;nahmen) absolute Priorit&auml;t haben. Gelingt das nicht, w&auml;re ein ganz zentrales Narrativ verbrannt: Der Regierung gehe es vor allem um den Schutz der Menschen.<\/p><p>Und auf Seiten von Corona-Ma&szlig;nahmen-Gegnern hat das gut gen&auml;hrte Bild von den korrupten Politikern, die selbst die Wirtschaft an die Wand fahren, einen hohen Selbstschutzfaktor: Wenn die Ma&szlig;nahmen in Wirklichkeit vor allem im Sinne der (systemischen) Wirtschaft getroffen wurden und werden, m&uuml;sste man dar&uuml;ber nachdenken, wer in diesem Land das Sagen hat, worauf es ankommt.<\/p><p>Dann steckt in fast allen Corona-Ma&szlig;nahmen mehr Kapitalismus, als uns allen lieb ist. Dann reicht es eben auch nicht, die korrupten Politiker zum Teufel zu schicken! Dann muss man auch &uuml;ber einen Kapitalismus nachdenken, den man eigentlich ganz gut findet, wenn nur andere seine zerst&ouml;rerische Kraft zu sp&uuml;ren bekommen. Dann geht es eben nicht mehr darum, zu dem Kapitalismus zur&uuml;ckzukehren, mit dem man (gut) leben kann, sondern selbst diesen infrage zu stellen.<\/p><p>Titelbild: Viacheslav Lopatin\/shutterstock.com<\/p><p><strong>Quellen und Hinweise:<\/strong><\/p><ul>\n<li><em>Ausnahmezustand.<\/em> Suhrkamp. Aus dem Italienischen von Ulrich M&uuml;ller-Sch&ouml;ll. Frankfurt am Main 2004, ISBN 978-3518123669<\/li>\n<li><em>Die Zivilisation wird nicht mehr dieselbe gewesen sein: Was es bedeutet, Zeugnis von unserer maskierten Gegenwart abzulegen<\/em>, Giorgio Agamben, in: NZZ Online vom 28.10.2020.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/politik\/deutschland\/biontech-steigert-bruttoinlandsprodukt-in-deutschland-um-0-5-prozent-a-c649697c-fde5-4af9-a425-3cbfef39d534\"><em>Biontech sorgt f&uuml;r ein Achtel des deutschen Wirtschaftswachstums<\/em><\/a>, manager-magazin.de vom 10.8.2021<\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/www.oxfam.de\/ueber-uns\/aktuelles\/corona-pandemie-ungleichheit-10-reichste-maenner-verdoppeln-vermoegen?utm_source=fb&amp;utm_medium=fb-paid&amp;utm_campaign=davos-2022-bericht&amp;utm_term=magazine&amp;fbclid=IwAR3Y_Ab0RFkxMxNJji6G29H4_wx0SNPhroDvHck6hkZf2TISZ8hL77qsvNE\">Corona-Pandemie und Ungleichheit. 10 reichste M&auml;nner verdoppeln ihr Verm&ouml;gen &ndash; &uuml;ber 160 Millionen Menschen zus&auml;tzlich in Armut<\/a><\/em>, oxfam.de vom 17.1.2022:<\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/86-Coronavirus-Update-Das-Beispiel-Indien,podcastcoronavirus308.html#Bundesnotbremse\">Coronavirus Update<\/a><\/em>, Folge 86, Korrina Henning (Wissenschaftsredakteurin\/NDR Info) und Christian Drosten (Virologe\/Charit&eacute; Berlin), April 2021, S.19\/20<\/li>\n<li><em>Blinde Passagiere. Die Corona-Krise und die Folgen<\/em>, Karl Heinz Roth, Kunstmann-Verlag (2022)<\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/coronakrise-europa.net\/\">Coronakrise Europa. Kritische Blicke auf die Coronakrise und ihre Folgen<\/a><\/em>, Blog, Herausgeber sind Roland Herzog (Bern) &ndash; Norbert Meder (K&ouml;ln) &ndash; Karl Heinz Roth (Bremen)<\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2021\/04\/21\/die-endlose-geschichte-der-ausnahmezustaende\/\">Die endlose Geschichte der Ausnahmezust&auml;nde<\/a><\/em>, Wolf Wetzel<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vieles an der Corona-Politik der Bundesregierung ist widerspr&uuml;chlich, wissenschaftlich evidenzlos, kurzum haarstr&auml;ubend. Das verleitet einige dazu, anzunehmen, dass die Bundesregierung kopflos sei und dabei selbst die &sbquo;Wirtschaft&lsquo; mit in den Abgrund rei&szlig;en w&uuml;rde. Dieser Erkl&auml;rungsversuch deckt mehr zu als auf. Von <strong>Wolf Wetzel.<\/strong><\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":80261,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,165,132,30],"tags":[3193,881,2169,1565,2983,909,2857,2931,3194,2834,402,2852],"class_list":["post-80260","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-agamben-giorgio","tag-armut","tag-ausnahmezustand","tag-automobilindustrie","tag-biontech","tag-kapitalismus","tag-lockdown","tag-reichtum","tag-roth-karl-heinz","tag-virenerkrankung","tag-wachstum","tag-wirtschaftsdepression"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/shutterstock_1510349468.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80260","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=80260"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80260\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80275,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80260\/revisions\/80275"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/80261"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=80260"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=80260"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=80260"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}