{"id":80276,"date":"2022-01-31T09:03:41","date_gmt":"2022-01-31T08:03:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80276"},"modified":"2022-02-01T14:42:01","modified_gmt":"2022-02-01T13:42:01","slug":"den-staat-schoensingen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80276","title":{"rendered":"Den Staat sch\u00f6nsingen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Versammlungsfreie Polemik &uuml;ber die Selbstbeschr&auml;nkung der Kultur.<\/strong> &bdquo;Man kann seine Meinung auch kundtun, ohne sich gleichzeitig an vielen Orten zu versammeln&ldquo;, findet die Bundesinnenministerin, die nach Artikel 56 des Grundgesetzes geschworen hat, &bdquo;das Grundgesetz zu verteidigen&ldquo;. Was will sie damit sagen? Dass Demokratie es nicht n&ouml;tig hat, gelebt zu werden, wenn die Guten an der Macht sind? #staythefuckathome! Ist ja auch l&auml;stig, wenn Zehntausende einfach nicht aufh&ouml;ren wollen, ihren Protest gegen fortgesetzte Grundrechtseinschr&auml;nkungen auf die Stra&szlig;e zu tragen. Oder meint die Ministerin die &ndash; deutlich weniger gut besuchten &ndash; &bdquo;Mahnwachen f&uuml;r die Corona-Toten&ldquo;? Ein Meinungsbeitrag von <strong>Katharina K&ouml;rting<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_706\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-80276-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220201-Den-Staat-schoensingen-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220201-Den-Staat-schoensingen-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220201-Den-Staat-schoensingen-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220201-Den-Staat-schoensingen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=80276-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220201-Den-Staat-schoensingen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220201-Den-Staat-schoensingen-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>W&auml;hrend &bdquo;Spazierg&auml;nger&ldquo; ihren Ruf ruinieren und den des einst unschuldigen Wortes &bdquo;Spaziergang&ldquo; gleich mit, polieren die Mahnw&auml;chter an der heimeligen Selbstgewissheit, f&uuml;r die &bdquo;solidarische Mehrheit&ldquo; zu sprechen. Sie bleiben mit ihren Gedanken zuhause, im wohlig Bew&auml;hrten, Medienverst&auml;rkten. Der Protest tut dies nicht. Er gehorcht nicht. Das hat er noch nie getan. Es w&auml;re ja auch noch unsch&ouml;ner, wenn sich Meinungsfreiheit (Artikel 5) und Versammlungsfreiheit (Artikel 8) auf regierungstreue B&uuml;rger beschr&auml;nkte. Da h&auml;tten dann wirklich diejenigen gewonnen, die sich in einer &bdquo;Corona-Diktatur&ldquo; w&auml;hnen.<\/p><p><strong>Was sagt eigentlich die Kultur dazu?<\/strong><\/p><p>&bdquo;Man kann Kunst auch machen, ohne gegen den Staat zu sein&ldquo;, sagt sie &ndash; und bleibt zuhause, bleibt privat. Die Kultur protestiert nicht &ndash; sie solidarisiert sich nicht mit ausgegrenzten Ungeimpften, sondern mit dem ausgrenzenden Staat. Sie h&auml;lt in den unsolidarischen Medien Pappschilder hoch, um auf ihre &bdquo;Systemrelevanz&ldquo; aufmerksam zu machen. Das h&auml;tte man mal K&uuml;nstlern in fr&uuml;heren bundesrepublikanischen Zeiten vorschlagen sollen: ausgerechnet <em>systemrelevant<\/em> zu sein! Sie w&auml;ren beleidigt gewesen. Aber Kultur heute definiert, im ohrenbet&auml;ubenden Chor der &bdquo;solidarischen Mehrheit&ldquo;, die Grundrechtseinschr&auml;nkungen als &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo; und findet kein Wort des Widerstands gegen den fortgesetzten staatlich verordneten Missbrauch dieses Wortes: Solidarit&auml;t. Die &bdquo;Kulturschaffenden&ldquo; &ndash; &uuml;brigens eine Erfindung der NS-Reichskulturkammer und sp&auml;ter auch gern in der DDR gebraucht &ndash; w&auml;hnen sich fortschrittlich und immer auf der richtigen Seite. Und die vertritt in der Corona-Politik der Staat. Sie posten Masken-Selfies. Sie lassen ihre Gewaltaufrufe im Namen der richtigen Sache von der Kunstfreiheit (ebenfalls Artikel 5!) decken und fordern eingeschr&auml;nkte Meinungsfreiheit f&uuml;r die auf der falschen Seite Verorteten. Sie ver&ouml;ffentlichen Propaganda-Fotos von Negativ-Test-Ergebnissen und Impfstempeln. Sie rufen penetrant zum Impfen auf. Den Staat wollen sie nicht pieksen, sie wollen ihm nicht weh tun, sondern von ihm geliebt werden, im Namen des Infektionsschutzes, der Gesundheit und der heiligen Ma&szlig;nahmen.<\/p><p>Niemals weichen sie vom Pfad der woken, maskentragenden Tugend ab &ndash; im Gegenteil: Sie ahnden jeden Versto&szlig;. Alles Uneindeutige, Ergebnisoffene, Hinterfragende wird h&ouml;chstens in den Ellbogen geh&uuml;stelt. Sie vernichten den Unterschied zwischen Kunstwerk und K&uuml;nstler, zwischen Ausdruck und Gesinnung, hat doch Kunst zuallererst auf den richtigen Weg zu f&uuml;hren. So ist sie pr&uuml;de und folgsam geworden. Sogar Kabarettisten wirken gehemmt, denn Lachen verbreitet zu viele Aerosole und ist unmoralisch. Lachen ist ansteckender als ein Virus. Lachen w&uuml;rde den Konsens der herbeimoralisierten &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo; infrage stellen. Im Namen der einzig wahren Wissenschaft, des einzig richtigen Denkens und F&uuml;hlens &auml;chten Kulturschaffende alles Abweichende, alle Zweifel, alle Proteste, alles vorl&auml;ufige, unfertige, nachdenkliche Herumprobieren des Gehirns als Sabotage, &bdquo;rechts&ldquo; oder gleich &bdquo;Nazi&ldquo; (und merken gar nicht, dass sie damit nicht nur die Kunstfreiheit beschr&auml;nken, sondern auch den Nationalsozialismus verharmlosen). Die Kunst ist zur Regierungssprecherin geworden. Da erscheint die Einrichtung des Amtes einer Parlamentsdichterin nur folgerichtig. Als N&auml;rrin der Demokratie soll diese den Schulterschluss von Kultur und Bessermenschenpolitik besingen. Allerdings h&auml;tte sie, anders als der mittelalterliche Hofnarr, keine Narrenfreiheit, weil sie nicht in eine Rolle schl&uuml;pfen d&uuml;rfte, sondern identisch zu sein h&auml;tte, mit sich, der Gesinnung und dem Amt.<\/p><p>Ein solches k&ouml;nne, formulierte die Vizepr&auml;sidentin des Deutschen Bundestags, &bdquo;mit Poesie einen diskursiven Raum zwischen Parlament und lebendiger Sprache &ouml;ffnen&ldquo;. Wie bitte?, wollte man da nachhaken? Diskursiver Raum? Zwischen Parlament und lebendiger Sprache? Demnach liefe das Parlament sich tot im politischen Diskurs? Oder ist es schon gestorben? Und die Parlamentss&auml;ngerin soll, einer sterbenden Schw&auml;nin gleich, dar&uuml;ber hinwegdichten, indem sie den eng werdenden Raum poetisch weitet? Oder handelt es sich doch eher um Geschwurbel der bildungsb&uuml;rgerlichen Art?<\/p><p>Der Verbeamtung der Kunst st&uuml;nde mit einer Parlamentsn&auml;rrin jedenfalls nichts mehr im Wege. Da ist sicherheitshalber auch nicht von einem Parlaments-DJ, -Rapper, -Schlangenbeschw&ouml;rer oder -T&auml;nzer die Rede oder was der zwielichtigen Gestalten mehr sind &ndash; ein Dichter soll es sein, divers, aber bildungsb&uuml;rgerdeutsch. Fort mit allem Widerborstigen, Ungeschliffenen, Staatsfernen, Br&ouml;ckeligen, Unsch&ouml;nen, nicht Einzuordnenden, Suchenden! Der endemischen Moralisierung aller Lebensbereiche f&auml;llt so auch die Kultur zum Opfer. Wer damit nicht einverstanden ist, hat seine irrelevante Minderheitsmeinung im stillen K&auml;mmerlein zu &auml;u&szlig;ern. Niemand braucht mehr Angst zu haben: Die Parlamentsdichterin wird sich nicht die H&auml;nde schmutzig machen, sondern sie in der Bundestagstoilette nach allen Regeln des Hygieneschutzes reinigen, wobei sie ein sauberes Liedchen pfeift, um die erforderlichen mindestens 30 Sekunden einzuhalten. Sie wird nicht nach Herzenslust draufhauen, oder auch mal daneben, neben die Gebote von Moral, Takt, Wokeness und Klimarettung, wird keinen Keil zwischen die Allianz der Selbstgewissen treiben &ndash; sie geh&ouml;rt ja dann dazu. Ein Narr, wer da an die DDR denkt, deren K&uuml;nstler an der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft mitzuwirken hatten. Statt im gebotenen Abstand zum Politikbetrieb diesen mit seiner Beschr&auml;nktheit und Unaufrichtigkeit zu konfrontieren, wird die Demokratie-N&auml;rrin ihm Hymnen schreiben &ndash; denn sie sind ja mental eins, die Kunst und die Politik! Sie ziehen am selben Strang! Fortschritt und Gesundheit f&uuml;r alle! Versammlungen nur nach Gesinnungstests! Nur ja nichts falsch machen!<\/p><p>Die Kunst verh&auml;lt sich so, wie der neue Bundeskanzler spricht. Sie hakt sich beim Bundespr&auml;sidenten unter. Sie geht nicht dahin, wo es stinkt, wo man ungeschliffen redet oder dem Staat nicht traut. Sie h&auml;lt es f&uuml;r einen Akt der Hygiene, nicht-mainstreamige Autorinnen als rechts auszusortieren und Maler mit falschen Gesinnungen von Ausstellungen auszuladen. Kunst hat rechtschaffen zu sein &ndash; nicht rechts, zwiesp&auml;ltig, uneindeutig, unanst&auml;ndig. Das Offene behauptet sie nur noch, w&auml;hrend sie in Wahrheit Diskurs-R&auml;ume schlie&szlig;t. Sie muss den Reinheitsgeboten der neomoralischen Bundesrepublik entsprechen. Wen wundert, dass nichtlinke Autoren die engagierte Literatur kapern, wo doch die linke Kultur, sittsam versammelt hinter der &bdquo;solidarischen Mehrheit&ldquo;, sich als verl&auml;ngerter Arm der Politik begreift und sich dem herrschenden Moralismus unterwirft &ndash; ja, ihm den Boden bereitet? So eine Moral will anst&auml;ndig bedichtet werden. Im diskursiven Raum zwischen Verlogenheit, Selbstbeschr&auml;nkung und Anbiederei.<\/p><p><em>Katharina K&ouml;rting ist freie Autorin. 2021 erschienen u. a. &bdquo;Kontakttagebuch&ldquo; und &bdquo;Liquidierung der Vergangenheit. Wie sich die evangelische Kirche auf den Grundlagen ihres Versagens restaurierte.&ldquo; Sie ist weder Impfgegnerin noch &bdquo;Querdenkerin&ldquo;, sondern querdenkend und nicht nur gegen Covid geimpft.<\/em><\/p><p>Titelbild: Sven Weyer\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Versammlungsfreie Polemik &uuml;ber die Selbstbeschr&auml;nkung der Kultur.<\/strong> &bdquo;Man kann seine Meinung auch kundtun, ohne sich gleichzeitig an vielen Orten zu versammeln&ldquo;, findet die Bundesinnenministerin, die nach Artikel 56 des Grundgesetzes geschworen hat, &bdquo;das Grundgesetz zu verteidigen&ldquo;. Was will sie damit sagen? 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