{"id":80352,"date":"2022-02-02T09:07:03","date_gmt":"2022-02-02T08:07:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80352"},"modified":"2022-02-02T10:57:00","modified_gmt":"2022-02-02T09:57:00","slug":"mogeln-mit-milch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80352","title":{"rendered":"Mogeln mit Milch"},"content":{"rendered":"<p>Seit Anfang des Jahres haben die Konzerne des Lebensmitteleinzelhandels ihre Kennzeichnung der Haltungsformen bei Lebensmitteln tierischen Ursprungs auf die Milch ausgeweitet. Bei genauerem Hinschauen entpuppt sich die nicht-staatliche Kennzeichnung aber als Mogelpackung. Von <strong>Florian Schwinn<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nAufmerksame Kundinnen und Kunden der Supermarktketten d&uuml;rften inzwischen gelernt haben, was die Haltungsform-Label auf den Verpackungen und an den Regalen bedeuten. Haltungsform 1 ist die gesetzliche Mindestanforderung, also unterste Kategorie. Deshalb haben die Konzerne in der Vergangenheit regelm&auml;&szlig;ig mit dem Auslisten dieser Haltungsform f&uuml;r gute PR gesorgt und die Standards in der Landwirtschaft tats&auml;chlich tendenziell ein wenig angehoben. Jetzt gibt es die Haltungsform-Label auch f&uuml;r die Milch &ndash; und pl&ouml;tzlich ist alles anders. Au&szlig;er der Werbung mit dem Tierwohl, die l&auml;uft auch bei der Milch weiter.<\/p><p><strong>Verbrauchert&auml;uschung<\/strong><\/p><p>Zuerst kamen Edeka und Netto. Die Lebensmittelketten erkl&auml;rten, sie w&uuml;rden ab dem Fr&uuml;hjahr das gesamte Trinkmilchsortiment ihrer Eigenmarken umstellen und dabei auf die Haltungsform 1 verzichten. Dann folgten Ank&uuml;ndigungen von Lidl und Aldi. Und der PR-Trick funktionierte: Selbst Journalistinnen und Journalisten, die sich im Thema auskennen, berichteten, dass der Handel sich von der am wenigsten artgerechten Haltungsform der K&uuml;he, der Anbindehaltung, verabschiede, und wie peinlich es f&uuml;r die Politik sei, dass nicht sie diese umstrittene Haltungsform verboten habe. Die Ampel-Koalition hat sich zwar ein Verbot der Fixierung der K&uuml;he an ihrem Stallplatz auf die Agenda gesetzt, aber der Lebensmitteleinzelhandel war schneller.<\/p><p>Um zu erkl&auml;ren, was gemeint ist, ein kleiner R&uuml;ckgriff auf Erinnerungen aus meinen Jugendtagen. Mein Patenonkel hatte einen kleinen Gemischtbetrieb mit Ackerbau und Viehzucht. Im Stall standen zw&ouml;lf K&uuml;he. Im Sommer waren sie tags&uuml;ber auf der Weide, aber nachts und den ganzen Winter hindurch wurden sie mit Halsband und Ketten an ihrem Stallplatz fixiert. Nicht so, dass sie sich nicht bewegen konnten, aber eben doch fixiert. Gemolken wurden sie mit einer Eimermelkmaschine. Man schnallte sich den Melkschemel unter und lief mit dem Eimer von Kuh zu Kuh. Ich hatte dadurch viel Kontakt zu den Tieren. Ich kannte jede Kuh mit all ihren Eigenheiten. Fast jeden Tag wurden sie ausgiebig gestriegelt und ich glaube, nein, ich wei&szlig;: Das gefiel ihnen. Aber, wenn sie raus durften auf die Weide, dann waren sie wie ausgewechselt; pl&ouml;tzlich wurden aus den dumpfen Stalltieren recht flinke, aufmerksame Weidetiere. Ich sp&uuml;rte damals, dass sie da hingeh&ouml;rten, nicht in den Stall.<\/p><p>So, und von dieser Anbindehaltung im Stall, selbst wenn sie nur saisonal und nur im Winter stattfindet, weil die K&uuml;he im Sommer zum Beispiel auf der Alm leben, wollen sich die Lebensmittelketten jetzt verabschieden. So der Eindruck, den meine Kolleginnen und Kollegen hatten, und der wohl auch so gewollt ist.<\/p><p>Der Eindruck tr&uuml;gt nicht nur, er ist schlicht falsch. Was sich allerdings erst auf den zweiten Blick offenbart. Die Initiative Tierwohl betreibt eine eigene Netzseite: <a href=\"https:\/\/www.haltungsform.de\/\">haltungsform.de<\/a>. Dort listet der Lebensmitteleinzelhandel auf, wie er sich die Tierhaltung vorstellt, von Haltungsform 1 mit den Mindestanforderungen f&uuml;r die Stallhaltung bis Haltungsform 4 &bdquo;Premium&ldquo;. Wobei die Haltungsform 1 diejenige ist, die der Handel nicht mehr akzeptieren will und nach und nach auslistet. Wer nun diese Website aufruft, der bekommt auf der Startseite einen groben &Uuml;berblick. Und dort steht dann bei Haltungsform 2 &bdquo;StallhaltungPlus&ldquo; f&uuml;r Milchk&uuml;he: &bdquo;Laufstallhaltung oder Weidegang, keine Anbindung&ldquo;. Erst wenn man die genaue Auflistung der <a href=\"https:\/\/www.haltungsform.de\/kriterien-und-mindestanforderungen\/\">Kriterien f&uuml;r die Haltungsformen<\/a> &ouml;ffnet, steht da: &bdquo;Laufstallhaltung <u>oder<\/u> Kombinationshaltung&ldquo;.<\/p><p><strong>Kombinationshaltung<\/strong><\/p><p>Was bitte ist Kombinationshaltung, fragt sich die Verbraucherin. Anne Hamester von der <a href=\"https:\/\/www.provieh.de\/\">Nutztierschutzorganisation PROVIEH<\/a> erkl&auml;rt das so: &bdquo;Seit zwei Jahren wird diskutiert, ob nur die ganzj&auml;hrige Anbindungshaltung verboten werden soll, oder auch die saisonale, also die zeitweilige Anbindehaltung. Die Bef&uuml;rworter dieser Haltungsform haben daf&uuml;r den Begriff Kombinationshaltung erfunden. Da kommt das Wort anbinden nicht mehr vor, selbst wenn die Tiere t&auml;glich nur zwei Stunden Bewegung haben oder nur im Sommer auf die Alm d&uuml;rfen und den Rest des Jahres fixiert im Stall stehen. Und der Lebensmitteleinzelhandel &uuml;bernimmt jetzt diesen Begriff und macht damit die Anbindung zur Normalit&auml;t der Haltungsform 2.&ldquo; Es handelt sich bei dem Begriff Kombinationshaltung also schlicht um eine semantische Nebelkerze, oder, wie es Anne Hamester ausdr&uuml;ckt: &bdquo;Das ist Verbrauchert&auml;uschung, denn den Begriff Kombinationshaltung k&ouml;nnen nur sehr gut informierte Kundinnen und Kunden einordnen.&ldquo;<\/p><p>Danach gefragt, weshalb auf der Startseite des Internetauftritts zum Tierwohl-Label bei Haltungsform 2 beim Milchvieh &bdquo;keine Anbindung&ldquo; steht, in den Kriterien dann aber mit der &bdquo;Kombinationshaltung&ldquo; doch die Fixierung der K&uuml;he zugelassen wird, schrieb mir Patrick Klein von der Initiative Tierwohl: &bdquo;Vielen Dank f&uuml;r den Hinweis! Tats&auml;chlich scheint hier ein Fehler auf der Startseite vorzuliegen. Wir werden das bereinigen!&ldquo; Dass dies Tage sp&auml;ter noch nicht geschehen war, wertete ich zun&auml;chst als Hinweis darauf, dass es wohl doch so gemeint war. Dann aber kam die Korrektur &ndash; und die wirft nun neue Fragen auf. Bei Bullen, F&auml;rsen und K&auml;lbern n&auml;mlich ist Anbindehaltung in Haltungsform 2 nicht gestattet. Die K&uuml;he aber d&uuml;rfen in besagter Kombinationshaltung 245 Tage im Jahr komplett angebunden sein, wenn sie an den restlichen 120 Tagen mal f&uuml;r zwei Stunden Bewegung haben. Also auch da 22 Stunden lang fixiert sind. Womit eigentlich wird gerechtfertigt, dass es den Milchk&uuml;hen schlechter gehen darf als den anderen Rindern? Mit der Macht der Molkereien?<\/p><p>Die Bundesregierung &uuml;brigens will die Anbindehaltung verbieten. Sie solle &bdquo;auslaufen&ldquo;, hie&szlig; es offiziell. Genau das, was die K&uuml;he nicht k&ouml;nnen. Nach der Landwirtschaftsz&auml;hlung 2020 gibt es in Deutschland immer noch &uuml;ber eine Million Anbindepl&auml;tze in den St&auml;llen. Nicht auf allen stehen K&uuml;he und nicht &uuml;berall ganzj&auml;hrig. Als &Uuml;bergangsfrist f&uuml;r das Auslaufen der Anbindehaltung sind zehn Jahre im Gespr&auml;ch, also f&uuml;r viele K&uuml;he ein ganzes Leben lang. Der Bauernverband mahnte schon mal eine Ausnahmeregelung f&uuml;r H&ouml;fe an, die ihre Tiere im Sommer auf die Almen schicken.<\/p><p><strong>Falsche Signale<\/strong><\/p><p>Das Verwirrspiel geht aber noch weiter. Bei der Haltungsform 3 &bdquo;Au&szlig;enklima&ldquo; hei&szlig;t es: &bdquo;Laufstallhaltung mit ganzj&auml;hrig nutzbarem Laufhof <u>oder<\/u> Offenfront&shy;Laufstall <u>oder<\/u> Laufstallhaltung mit Weidegang&ldquo;. Dazu muss man wissen, dass der Laufstall trotz der Diskussion um die Anbindehaltung die in Deutschland &uuml;bliche Form der Milchviehhaltung ist. Die K&uuml;he k&ouml;nnen sich frei bewegen und haben einen Fress- und einen Liegeplatz. Und die meisten der Laufst&auml;lle haben l&auml;ngst Au&szlig;enklima, weil ihnen die festen W&auml;nde fehlen. Die Tiere sind also halb drau&szlig;en. Anne Hamester fragt, was diese Normalit&auml;t in Haltungsform 3 zu suchen hat, also der angeblich zweitbesten Haltungsform. Und sie fragt, weshalb durch die vielen &bdquo;oder&ldquo; im Kriterienkatalog Laufstall und Weidegang gleichgesetzt werden. &bdquo;Damit werden v&ouml;llig falsche Signale gesetzt.&ldquo;<\/p><p>Das findet auch Arno Krause, der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des <a href=\"https:\/\/www.gruenlandzentrum.org\/\">Gr&uuml;nlandzentrums<\/a> in Niedersachsen und der <a href=\"https:\/\/proweideland.eu\/\">Pro Weideland<\/a> GmbH, die das gleichnamige Siegel vergibt, derzeit an &uuml;ber 2200 Mitgliedsbetriebe. Er hat ganz unten in die Tabelle der Kriterien f&uuml;r die verschiedenen Haltungsformen des Milchviehs geschaut und festgestellt, wie das Tierwohl-Label der Lebensmittelketten das &bdquo;Tiergesundheitsmonitoring&ldquo; durchf&uuml;hren will. Durch &bdquo;Befunddatenerfassung am Schlachthof&ldquo; steht da. Da darf man sich schon wundern. Es geht um Milchk&uuml;he, die erst einmal nicht dazu da sind, gegessen zu werden, wenn ich das mal so profan ausdr&uuml;cken darf. Sie produzieren Milch f&uuml;r uns und, wenn man sie l&auml;sst, auch f&uuml;r ihre K&auml;lber.<\/p><p>&bdquo;Eine Kuh kann zwanzig Jahre alt werden &ndash; und dann soll die Qualit&auml;t ihres Lebens am Ende im Schlachthof bewertet werden. Das f&uuml;hrt in die falsche Richtung&ldquo;, sagt Arno Krause und sieht trotz guter Ans&auml;tze des Lebensmittelhandels einen fatalen Trend unterst&uuml;tzt: &bdquo;Durch den Hochleistungsansatz werden die Tiere nicht mehr so alt, wie sie k&ouml;nnten. Sie sind nach durchschnittlich drei Laktationen, also nach dem dritten Kalb, nicht mehr produktiv genug und gehen dann als verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig junge Tiere zum Schlachter, was von der Gesellschaft negativ wahrgenommen wird. Und das bringt dann bei dem Haltungsform-Label des Lebensmittelhandels eine eher gute Bewertung, weil die Ergebnisse des Schlachtviehbefunds mit zunehmendem Alter tendenziell schlechter werden. Das konterkariert aus meiner Sicht die W&uuml;nsche der Gesellschaft nach l&auml;ngerer Lebensdauer der Milchk&uuml;he.&ldquo;<\/p><p>Pro Weideland hat den Lebensmittelketten deshalb vorgeschlagen, doch bitte die Gesundheit und das Wohlbefinden der lebenden K&uuml;he ins Visier zu nehmen, zum Beispiel durch die sogenannte Milchleistungspr&uuml;fung. Viele Milchviehbetriebe lassen die schon durchf&uuml;hren, weil sie genauer wissen wollen, wie es ihren Tieren geht. Dabei wird die Milch der K&uuml;he auf Inhaltsstoffe untersucht, die auf etwaige Krankheiten hinweisen. &bdquo;Was wir brauchen, ist ein Monitoring der lebenden Kuh&ldquo;, sagt Arno Krause, &bdquo;wir wollen ja in der Milchviehhaltung das Leben der Tiere verbessern, nicht den Schlachtbefund.&ldquo; Pro Weideland schl&auml;gt vor, dass der Handel ein Gesundheitsmonitoring der lebenden Tiere mindestens in den Haltungsformen 3 und 4 zur Verpflichtung macht. &bdquo;Dazu gibt es bereits Verfahren, die viele Landwirte auch heute schon nutzen, um das Tierwohl in den St&auml;llen und auf den Weiden zu verbessern&ldquo;, sagt Arno Krause: &bdquo;Wenn das in die Haltungsform integriert wird, profitieren sowohl Verbraucher als auch Landwirte. Verbraucherinnen und Verbraucher durch verbesserte Transparenz, und teilnehmende Landwirtschaftsbetriebe &ouml;konomisch, denn gesunde, vitale K&uuml;he haben in der Regel eine gute Milchleistung.&ldquo;<\/p><p><strong>Mehr Staat!<\/strong><\/p><p>Was derzeit auf die Milchkartons gedruckt und an die K&uuml;hlregale geheftet wird, ist ein offenbar ohne die richtige Expertise gestricktes Label f&uuml;r Milchvieh, das uns Milchtrinkern, Joghurt- und K&auml;seessern etwas vorgaukelt und den K&uuml;hen nichts bringt. Offenbar haben die Macher der privaten Tierwohl-Initiative schlicht die Kriterien, die sie f&uuml;r die Tiermast entwickelt hatten, also f&uuml;rs Frischfleisch, den Milchk&uuml;hen &uuml;bergest&uuml;lpt. Hallo, m&ouml;chte man rufen: die K&uuml;he leben noch! Und sie sollen m&ouml;glichst lange leben. Die &auml;lteste Kuh im Stall meines Nachbarn auf dem Land ist derzeit 15 Jahre alt und arbeitet als Amme. Sie zieht drei K&auml;lber auf.<\/p><p>Besser f&uuml;r uns und die K&uuml;he w&auml;re, es k&auml;me endlich das staatliche Tierwohl-Label. In der ber&uuml;hmten Borchert-Kommission, dem &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.bmel.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/_Tiere\/Nutztiere\/200211-empfehlung-kompetenznetzwerk-nutztierhaltung.pdf;jsessionid=6A1FB8BD216B5E0C342F4DEBF78F2116.live851?__blob=publicationFile&amp;v=3\">Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung<\/a>&ldquo;, sind die Kriterien daf&uuml;r eigentlich schon ausgearbeitet worden, &uuml;brigens ohne die Vermischung von Biohaltung mit Haltungsform 4, wie das bei den Lebensmittelketten stattfindet und zu Irritationen f&uuml;hrt. Und auch ohne das, was die Lebensmittelketten Haltungsstufe 1 nennen, was man ja nicht mehr haben m&ouml;chte und deshalb auch gar nicht erst auff&uuml;hren muss. Im Koalitionsvertrag steht, dass das staatliche Label kommen soll. Der zust&auml;ndige Minister Cem &Ouml;zdemir und seine ebenfalls gr&uuml;ne Kollegin im Umweltministerium, Steffi Lemke, haben das gerade auf einem virtuellen Agrarkongress noch einmal versichert. Um die Wirrnis zu beenden, w&auml;re es sch&ouml;n, wenn es bald k&auml;me.<\/p><p>Titelbild: Studio Romantic\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Anfang des Jahres haben die Konzerne des Lebensmitteleinzelhandels ihre Kennzeichnung der Haltungsformen bei Lebensmitteln tierischen Ursprungs auf die Milch ausgeweitet. Bei genauerem Hinschauen entpuppt sich die nicht-staatliche Kennzeichnung aber als Mogelpackung. 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