{"id":80445,"date":"2022-02-04T12:20:41","date_gmt":"2022-02-04T11:20:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80445"},"modified":"2022-02-04T15:13:58","modified_gmt":"2022-02-04T14:13:58","slug":"rechtsruck-der-blaetter-ja-meint-peter-becker-und-kuendigt-sein-abo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80445","title":{"rendered":"Rechtsruck der \u201eBl\u00e4tter\u201c? Ja, meint Peter Becker und k\u00fcndigt sein Abo"},"content":{"rendered":"<p>Dr. Peter Becker ist Rechtsanwalt und Mitbegr&uuml;nder der International Association of Lawyers Against Nuclear Arms (IALANA). Er hat seine Entscheidung zur K&uuml;ndigung seines langj&auml;hrigen Abonnements der &bdquo;Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik&ldquo; lange abgewogen. &ndash; Die NachDenkSeiten ver&ouml;ffentlichen seine K&uuml;ndigungsbegr&uuml;ndung, weil das, was Peter Becker bei den &bdquo;Bl&auml;ttern&ldquo; beobachtet hat, symptomatisch f&uuml;r die gesamte Welt der Medien in Deutschland ist. Die ehedem kritischen, teilweise linken und liberalen Medien sind in den letzten Jahren systematisch umgedreht worden. Das gilt f&uuml;r den Spiegel, f&uuml;r die taz, f&uuml;r die S&uuml;ddeutsche Zeitung, f&uuml;r die Frankfurter Rundschau und f&uuml;r gro&szlig;e Teile des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks. Siehe zum Beispiel Maybrit Illner von gestern Abend. Es gilt f&uuml;r soziale und Verteilungsfragen genauso wie f&uuml;r das Verh&auml;ltnis zu den Auss&auml;tzigen der Weltpolitik, zu Russen und Chinesen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nPeter Becker belegt seine Beobachtung an sechs konkreten Texten, die in den &bdquo;Bl&auml;ttern&ldquo; zwischen 2014 und heute erschienen sind. Seine Anmerkungen sind auch politisch aktuell.<\/p><p>Beckers kritische Anmerkungen sind wichtig, weil die &bdquo;Bl&auml;tter&ldquo; ein Image hochhalten, das durch die dargebotenen Inhalte offensichtlich nicht mehr gerechtfertigt ist. Bitte weitersagen.<\/p><p>Beckers Anmerkungen k&ouml;nnten insbesondere auch f&uuml;r den Kreis der Herausgeber der &bdquo;Bl&auml;tter&ldquo; &ndash; <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/herausgeberkreis\">siehe hier<\/a> &ndash; wichtig sein. Offensichtlich haben einige der Herausgeber gar nicht gemerkt, was mit diesem Blatt geschehen ist. Dies gilt beispielsweise vermutlich f&uuml;r Detlef Hensche, Rudolf Hickel, Friedrich Schorlemmer, Hans-J&uuml;rgen Urban, Peter Bofinger.<\/p><p><strong>Es folgt der Text von Dr. Peter Becker:<\/strong><\/p><p>Ich bin langj&auml;hriger Abonnent der Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik. Aber weil ich meine, einen Rechtsruck der Bl&auml;tter wahrzunehmen, habe ich das Abonnement gek&uuml;ndigt.<\/p><p><strong>Begr&uuml;ndung:<\/strong> Hinwendung zum Mainstream der deutschen Politik.<\/p><p>Die Ver&ouml;ffentlichungen von Manfred Quiring, Putins Poker (Bl&auml;tter 8\/2014), von Andreas HeinemannGr&uuml;der: <em>Die Radikalisierungsdynamik des Putinismus<\/em> (Bl&auml;tter 10\/2014), Manfred Quirings Aufs&auml;tze <em>Der Westen als Feindbild: Wie Russland Politik betreibt<\/em> (Bl&auml;tter 7\/2018), <em>Putins Staatsr&auml;son: Der Feind steht im Westen<\/em> (Bl&auml;tter 9\/2021), beanstande ich wegen ihrer russlandfeindlichen Tendenz, den von Herfried M&uuml;nkler, <em>Eine Weltordnung ohne H&uuml;ter: Afghanistan als globale Z&auml;sur<\/em> (Bl&auml;tter 10\/2021), wegen seiner USA-Verharmlosung. Aber ich beginne mit einem Aufsatz, der mich motiviert h&auml;tte, die Bl&auml;tter zu abonnieren:<\/p><ol>\n<li><strong>Andreas Heinemann-Gr&uuml;ders, <em>Ukraine: Revolution und Revanche<\/em> (Bl&auml;tter 6\/2014): <\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nS. 39: <em>&bdquo;Auf dem zentralen Protestplatz Maidan &uuml;bernahmen ab Januar 2014 organisierte Gewaltt&auml;ter die Regie, friedlicher Massenprotest verwandelte sich in einen Aufstand. Ein Teil der Demonstranten ging mit Wurfgeschossen, Eisenketten, Katapulten, Molotowcocktails und Gassprays, zunehmend auch mit Schusswaffen gegen die Sicherheitskr&auml;fte vor.&ldquo; [&hellip;]<\/em>\n<p>S. 40: <em>&bdquo;Zahlreiche Videomitschnitte vom Maidan, ein abgeh&ouml;rtes Telefonat zwischen Catherine Ashton und dem estnischen Au&szlig;enminister Urmas Paets sowie Aussagen der ukrainischen &Auml;rztin Olga Bogomolez n&auml;hren den Verdacht, dass mehrere Berkut-Polizisten und Demonstranten von denselben Scharfsch&uuml;tzen erschossen wurden, also nicht auf Befehl von Janukowitsch &ndash; vermutlich, um aus der Gewalteskalation politischen Gewinn zu schlagen. Der neue Innenminister, Arsen Awakow, r&auml;umt vieldeutig ein, dass eine &sbquo;dritte Macht&lsquo; (jenseits der staatlichen Berkut-Kr&auml;fte und der Demonstranten) eine &sbquo;Schl&uuml;sselrolle&lsquo; auf dem Maidan gespielt habe.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine ermittelte gegen die Scharfsch&uuml;tzen, gab aber am 21. M&auml;rz 2014 nur bekannt, dass es sich um ukrainische Staatsb&uuml;rger handele. Dem estnischen Au&szlig;enminister Paets zufolge &sbquo;w&auml;chst schnell das Verst&auml;ndnis daf&uuml;r, dass hinter diesen Scharfsch&uuml;tzen nicht Janukowitsch, sondern jemand aus der neuen Koalition gestanden hatte&lsquo;.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Russland fordert die OSZE seit Anfang M&auml;rz 2014 dazu auf, zu kl&auml;ren, wer die Scharfsch&uuml;tzen angeheuert hatte.&ldquo; [&hellip;]<\/em><\/p>\n<p>S. 40: <em>&bdquo;Ukraine, jetzt Swoboda-Partei, vom &sbquo;Kommandeur des Maidan&lsquo;, der die bewaffneten Sch&uuml;tzen befehligt hatte, zum Vorsitzenden des nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates. Oleh Tjahnybok, Chef der nationalistischen Swoboda und Dritter im Bunde der Revolutionsf&uuml;hrer, gilt dem J&uuml;dischen Weltkongress als Neonazi, er kam auf der Liste des Simon-Wiesenthal-Zentrums im Jahre 2012 auf Platz f&uuml;nf der schlimmsten Antisemiten weltweit. Zwar wollten US-Au&szlig;enminister Kerry und Kanzlerin Merkel sich nicht mit Tjahnybok treffen, doch US-Senator John McCain tat es &ndash; ohne ein Wort der Abgrenzung vom Rechtsextremismus.&ldquo; [&hellip;]<\/em><\/p>\n<p>S. 41: <em>&bdquo;Revolutionsrecht oder V&ouml;lkerrecht?<\/em><br>\n<em>Wer Aufst&auml;ndische und einen Regimewechsel guthei&szlig;t, kann sich nicht glaubw&uuml;rdig dar&uuml;ber emp&ouml;ren, dass die Gegenseite zu Methoden greift, die er selbst ins Repertoire eingef&uuml;hrt hat. Er kann sich nur dar&uuml;ber emp&ouml;ren, dass die andere Seite die eigene Hegemonie nicht anerkennt.&ldquo; [&hellip;]<\/em><\/p>\n<p>S. 41: <em>&bdquo;Das Krim-Referendum sei illegitim, hie&szlig; es von westlicher Seite. Doch wer f&uuml;r sich h&ouml;heres Revolutionsrecht reklamiert oder sich &ndash; wie im Falle des Irak &ndash; h&ouml;here Moral im Umgang mit dem V&ouml;lkerrecht attestiert, kann schlecht im Handumdrehen das Recht anmahnen, wenn der<\/em><br>\n<em>Gegenspieler es missachtet. Nach der ukrainischen Revolution stellte der Konstitutionalismus f&uuml;r Putin keine H&uuml;rde mehr dar, aber schon davor war &sbquo;der Maidan&lsquo; gleichsam zum Volkssouver&auml;n anstelle des Wahlvolkes avanciert.&ldquo; [&hellip;]<\/em><\/p>\n<p>S. 43: <em>&bdquo;Ethnische Russen haben ein legitimes Interesse, als Minderheit gesch&uuml;tzt zu sein. Legitim ist gewiss auch die Sorge vor sozialen und &ouml;konomischen Verwerfungen infolge der Kreditbedingungen des Internationalen W&auml;hrungsfonds und des Freihandels mit der EU. Berechtigt sind auch die durch Handel vielf&auml;ltig verflochtenen Interessen russischer und ukrainischer Unternehmen &ndash; ein Argument, dass im Falle deutscher Wirtschaftsinteressen in Russland stets hoch veranschlagt wird.<\/em><br>\n<em>Doch der Westen meinte schlicht, Russland und Putin nicht verstehen zu m&uuml;ssen. Dabei h&auml;tte auch die deutsche Au&szlig;enpolitik in einem fr&uuml;hen Stadium M&ouml;glichkeiten der wechselseitigen Verst&auml;ndigung aufzeigen k&ouml;nnen. Ein ethisches, aber auch politisch kluges Krisenverhalten h&auml;tte den Idealzustand einer ethnischen, politischen und regionalen Integration der Ukraine antizipieren m&uuml;ssen. Neben den handfesten EU-Meinungen zur Reform der ukrainischen Wirtschafts- und Sozialpolitik h&auml;tte sie durchaus auch zum Minderheitenschutz Stellung nehmen k&ouml;nnen. Erst im Angesicht eines unkontrollierten B&uuml;rgerkrieges unternahmen die Au&szlig;enminister Frankreichs, Polens und Deutschlands den Versuch, die Eskalation zu bremsen. Doch ihr Bem&uuml;hen kam zu sp&auml;t, die Kriseneskalation nahm ihren Lauf.&ldquo; [&hellip;]<\/em><\/p>\n<p>S. 44: <em>&bdquo;Der Westen sollte daher anerkennen, dass die Ukraine dauerhaft von einem westukrainischen und einem russischen Osten gepr&auml;gt ist &ndash; [&hellip;]. Worauf es jetzt vor allem ankommt, ist ein nationaler Ausgleich in der Ukraine &ndash; ohne Ausgrenzung und ohne aufgen&ouml;tigte Entscheidung zwischen Europa oder Russland. Die ukrainische Regierung w&auml;re gut beraten, unter den Minderheiten, vor allem den ethnischen Russen, Vertrauen zu bilden mit Zweisprachigkeit und kulturellen Autonomierechten. Eine gro&szlig;e Herausforderung wird darin bestehen, die paramilit&auml;rischen Verb&auml;nde des &sbquo;Rechten Sektors&lsquo;, aber auch der prorussischen Separatisten aufzul&ouml;sen und das staatliche Gewaltmonopol wiederherzustellen.&ldquo; [&hellip;]<\/em><\/p>\n<p>S. 45: <em>&bdquo;F&uuml;r eine General&uuml;berholung der deutschen und europ&auml;ischen Russlandpolitik&ldquo; [&hellip;]<\/em><\/p>\n<p>S. 46: <em>&bdquo;Auf die obsolete Partnerschaftsrhetorik folgen nach der Annexion der Krim mehr oder weniger hilflose Sanktionen, die den schwierigen Spagat versuchen, einerseits westliche Missstimmung auszudr&uuml;cken, aber andererseits eine R&uuml;ckkehr des Kalten Krieges zu verhindern. Konservative Politiker in den USA und in Europa betreiben indes interessierte Panikmache, indem sie eine Gef&auml;hrdung f&uuml;r die gesamte Ukraine, die baltischen Staaten, Polen und den Nordkaukasus heraufbeschw&ouml;ren. Dem deutschen Au&szlig;enminister FrankWalter Steinmeier ist zugute zu halten, dass er sich mit Umsicht und Beharrlichkeit jeder Kriegstreiberei entgegenstellt und aus der ungez&uuml;gelten Eskalation im Georgienkrieg 2008 Lehren f&uuml;r das Krisenmanagement gezogen hat.&ldquo; [&hellip;]<\/em><\/p>\n<p>S. 46: <em>&bdquo;Vordringlich w&auml;re es, lange Zeit dysfunktionale gemeinsame Institutionen zu reformieren: die OSZE, den Nato-Russland-Rat und das Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit der EU.&ldquo; [&hellip;]<\/em><\/p>\n<p>S. 46: <em>&bdquo;Es mag paradox klingen, aber wer der russischen F&uuml;hrung nur Niederlagen beibringen will, wird in einer Art self-fulfilling prophecy genau das Verhalten von Putin bekommen, das man verhindern will. Wir m&uuml;ssen davon ausgehen, dass Putin eben noch eine ganze Weile nicht &sbquo;kaputt&lsquo; ist.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Geradezu prophetisch!<\/p><\/li>\n<li><strong>Das genaue Gegenteil tut sich auf in Manfred Quirings Aufsatz <em>Putins Poker<\/em> (Bl&auml;tter 8\/2014); auch rhetorisch: <\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nS. 13: <em>&bdquo;Erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs okkupierte Moskau einen Teil eines Nachbarstaates, beraubte ein Mitglied der Organisation f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) ein anderes:&ldquo; [&hellip;]<\/em>\n<p>S. 13: <em>&bdquo;Der an den Haaren herbeigezogenen Vorwand f&uuml;r die Hast [bei der Volksabstimmung; der Verf.]: Die russische Bev&ouml;lkerung auf der Krim werde von den &sbquo;Faschisten in Kiew&lsquo; bedroht, die auf dem Maidan-Platz in der ukrainischen Hauptstadt ihr Unwesen trieben. Sie m&uuml;sste &sbquo;gesch&uuml;tzt&lsquo; werden.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Das war am 16.03.2014, dem Tag der Volksabstimmung, und das traf zu! Aber das ist falsch:<\/p>\n<p>S. 14: <em>&bdquo;Doch mit der Pr&auml;sidentenwahl in der Ukraine, die der Oligarch und &sbquo;Schokoladenk&ouml;nig&lsquo; Petro Poroschenko mit knapp 55 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang f&uuml;r sich entschied, wurden die Rechtsextremen deutlich marginalisiert. Ihre militanten Vertreter, Dmytro Jarosch und Oleh Tjahnybok, kamen zusammen nicht einmal auf zwei Prozent der abgegebenen Stimmen.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Denn die Pr&auml;sidentenwahl war erst am 25.05.2014, &uuml;ber zwei Monate sp&auml;ter! Die Informationen sind wohl besser geworden. Bei den folgenden Ausf&uuml;hrungen<\/p>\n<p>S. 16: <em>&bdquo;Doch Putin l&auml;sst sich nicht in die Karten schauen. Will er die Ostukraine annektieren? Will er die Ukraine, die er ohnehin nicht als selbst&auml;ndigen Staat anerkennt, so weit destabilisieren, bis ihm die Bruchst&uuml;cke von selbst in die H&auml;nde fallen? Geschickt jongliert er mit seinen Optionen.&ldquo;<\/em><br>\n&uuml;bersieht Quiring, dass die NATO keine Staaten im B&uuml;rgerkrieg aufnimmt und dass Putin das wei&szlig;. Der Bundeswehr-Brigadegeneral a.D. Klaus Wittmann weist in einem Leserbrief an die FAZ vom 31.05.2021 auf Folgendes hin: &bdquo;Die NATO [&hellip;] hatte schon in der &sbquo;Erweiterungsstudie&lsquo; von 1995 festgelegt, dass sie keine Einladung zum Beitritt an Staaten mit &sbquo;external territorial disputes&lsquo; ausspricht. Das ist ja &ndash; leider &ndash; Moskaus &sbquo;Hebel&lsquo;. [&hellip;]&ldquo;<\/p>\n<p>Putin &bdquo;jongliert&ldquo; auch nicht &bdquo;mit seinen Optionen&ldquo;, sondern versucht mit seiner Unterst&uuml;tzung der Separatisten, die Ukraine am NATO-Beitritt zu hindern. Deswegen ist das Folgende auch nicht richtig:<\/p>\n<p>S. 16: <em>&bdquo;Putin nutzte die zeitweilige Abwesenheit einer F&uuml;hrung in Kiew, um sich die Krim handstreichartig einzuverleiben.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Das war eine Notma&szlig;nahme um zu verhindern, dass zuk&uuml;nftig NATO-Soldaten die russische Marinebasis in Sewastopol &bdquo;sch&uuml;tzen&ldquo;.<\/p><\/li>\n<li><strong>Offenbar gingen Andreas Heinemann-Gr&uuml;der seine Bekenntnisse im Voraufsatz zu weit. <\/strong>Zum Ausgleich greift er in seinen Aufsatz Die Radikalisierungsdynamik des Putinismus (Bl&auml;tter 10\/14) Russland frontal an:<br>\n&nbsp;<br>\nS. 17: <em>&bdquo;Der Ukrainekrieg ist der zweite nach dem Georgienkrieg (2008), in dem sich Putins Russland der Nato-Erweiterung milit&auml;risch entgegenstellt und zu diesem Zwecke Gebiete eines Nachbarstaates unter seine Kontrolle bringt.&ldquo;<\/em>\n<p>Die Behauptungen lassen aus, dass georgische Streitkr&auml;fte unter Anf&uuml;hrung von Pr&auml;sident Saakaschwili Abchasien und S&uuml;dossetien &uuml;berfielen, und erst dann schlug russisches Milit&auml;r die georgischen Soldaten zur&uuml;ck. Das steht seit der EU-Untersuchung des Vorfalles unter Vorsitz von Heidi Tagliavini fest. Und den Krieg in der Ostukraine begannen die Separatisten, weil die Minsker Vereinbarungen nicht umgesetzt wurden, die dem Donbas gr&ouml;&szlig;ere Autonomie gegeben h&auml;tten.<\/p>\n<p>S. 77: <em>&bdquo;Putin ist nicht ideologisch motiviert, sondern vom Interesse getrieben, die Ukraine als Staat in ihrem gegenw&auml;rtigen Bestand aufzul&ouml;sen oder zumindest dauerhaft zu destabilisieren, ihre Verfassung der russischen anzugleichen und die ukrainische Neutralit&auml;t zu erzwingen.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Putin will tats&auml;chlich &bdquo;die Ukraine als Staat in ihrem gegenw&auml;rtigen Bestand&ldquo; aufl&ouml;sen? Daf&uuml;r fehlt jeder Beleg. Ihm geht es um die Verhinderung des NATO-Beitritts, den die USA auf dem NATO-Gipfel in Bukarest 2008 herbeif&uuml;hren wollten, was Deutschland und Frankreich im letzten Moment verhinderten.<\/p>\n<p>S. 79: <em>&bdquo;In einer eigent&uuml;mlichen Volte halten die Neorealisten dem Westen vor, was sie Putin zugestehen.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] H&auml;tte der Westen nicht die Nato erweitert, nicht die Kriege im Kosovo, im Irak, in Libyen gef&uuml;hrt, nicht die Opposition in Syrien unterst&uuml;tzt und stattdessen Russlands &sbquo;legitime Interessensph&auml;ren&lsquo; geachtet, so die Unterstellung, dann w&auml;re die Konfrontation mit Russland vermeidbar gewesen. Der Westen ist demnach schuld an Putin.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Wieso &bdquo;Unterstellung&ldquo;? Genauso ist es. Der nun folgenden Feststellung stimme ich aber zu:<\/p>\n<p>S. 79: <em>&bdquo;Jeden russischen Politiker, gleich welcher Couleur, h&auml;tte zudem die Aussicht auf Nato-Basen auf der Krim und auf Desintegration der Wirtschaftsbeziehung zur Ukraine besorgt.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Der aber nicht:<\/p>\n<p>S. 79: <em>&bdquo;Putins Frust &uuml;ber den &sbquo;scheinheiligen Westen&lsquo; erkl&auml;rt jedoch nicht die Krimannexion und die milit&auml;rische Landnahme in der Ostukraine &ndash; von den Rechtfertigungen ganz zu schweigen: Das internationale System n&ouml;tigt Putin mitnichten, das V&ouml;lkerrecht zu missachten, er hat vielmehr eine Wahl getroffen, die systemisch, kontextuell und situativ zu erkl&auml;ren ist.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Die Krimannexion geschah in erster Linie, um dort NATO-Basen zu verhindern. Und die &bdquo;<em>milit&auml;rische Landnahme in der Ostukraine<\/em>&ldquo; ist nach dem bereits zitierten Brigadegeneral a.D. Wittmann mit &bdquo;<em>Moskaus Hebel<\/em>&ldquo; zu erkl&auml;ren; genauso die &bdquo;<em>Missachtung des V&ouml;lkerrechts<\/em>&ldquo;.<\/p>\n<p>Ich verstehe auch nicht die folgende Feststellung:<\/p>\n<p>S. 80: <em>&bdquo;Wenn Putin eines begriffen hat, dann dass sein Regime nicht durch die EU-Orientierung der Ukraine, sondern durch die Legitimationskrise des westlichen Autoritarismus bedroht ist.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Was ist &bdquo;westlicher Autoritarismus&ldquo;? Und wieso hat Putin &bdquo;<em>begriffen<\/em>&ldquo;, dass sein Regime &bdquo;<em>durch die Legitimationskrise des westlichen Autoritarismus bedroht ist<\/em>&ldquo;?<\/p>\n<p>Putins Regime wird, wie das jedes Staatenlenkers, durch wirtschaftliche Misere gef&auml;hrdet. Falsch ist auch,<\/p>\n<p>S. 80: <em>&bdquo;Offenkundig m&ouml;chte Putin den Anschluss jener Teile der Ukraine, die er &sbquo;Neurussland&lsquo; nennt&ldquo;. &bdquo;Anschluss&ldquo;<\/em> braucht er nicht; es reicht, den Konflikt im Donbass am K&ouml;cheln zu halten.<\/p>\n<p>Im folgenden Kapitel vergleicht Heinemann-Gr&uuml;der Putin mit Mussolini und Mugabes langj&auml;hriger Herrschaft in Simbabwe: Verfehlt, die Vergleiche passen nicht. Aber den abschlie&szlig;enden Ausf&uuml;hrungen stimme ich zu:<\/p>\n<p>S. 85: <em>&bdquo;Die Vorgeschichte und die Eskalation des Krieges verdeutlichen, wie dringlich sicherheitspolitische Vereinbarungen &uuml;ber den Informationsaustausch, milit&auml;rische Verifikationen und milit&auml;risch ausged&uuml;nnte Zonen zwischen Russland, der Ukraine und den neuen Nato-Staaten sind. Der ausgesetzte bzw. nicht ratifizierte &sbquo;Vertrag &uuml;ber Konventionelle Streitkr&auml;fte in Europa&lsquo; sollte zumindest f&uuml;r diese hochbrisante Region erneut auf die Tagesordnung gesetzt werden. Dies schl&ouml;sse auch Gegenleistungen der neuen Nato-Staaten und der Nato als ganzes ein.<\/em><\/p>\n<p><em>Sollte es tats&auml;chlich gelingen, den Konflikt auf diese Weise einzufrieren, m&uuml;sste es au&szlig;erdem darum gehen, an Grunds&auml;tze der &sbquo;friedlichen Koexistenz&lsquo; anzukn&uuml;pfen, allerdings mit einer fundamentalen Ausnahme: Eine R&uuml;ckkehr zur wechselseitigen Gew&auml;hr von Einflusssph&auml;ren wie im Kalten Krieg darf es im 21. Jahrhundert nicht mehr geben.&ldquo;<\/em><\/p><\/li>\n<li><strong>Manfred Quiring, <em>Der Westen als Feindbild: Wie Russland Politik betreibt<\/em>, Bl&auml;tter 7\/2018. <\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nQuirings einleitenden Satz zu Trumps &bdquo;aggressiven Freund-Feind-Denken&ldquo; verstehe ich als Tribut an die realistischer werdende US-Sicht in den Medien, um dann umso hemmungsloser auf Russland einpr&uuml;geln zu k&ouml;nnen:\n<p>S. 71: <em>&bdquo;Wer die neuen Verfeindungen seitens der USA aufzeigt und aus diesem Grunde f&uuml;r eine neue Entspannungspolitik der Europ&auml;ischen Union speziell gegen&uuml;ber Russland pl&auml;diert, sollte sich allerdings auch bewusst machen, dass hier schon seit langem mit dem Feindbild des &sbquo;Westens&lsquo; die Militarisierung des Landes und seiner Bev&ouml;lkerung betrieben wird.<\/em><br>\n<em>Besonders deutlich wird dies allj&auml;hrlich am 9. Mai, dem Tag des sowjetischen Sieges &uuml;ber Hitlerdeutschland. In diesem Jahr wurde diese Feier besonders laut und demonstrativ begangen.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>&hellip;<\/p>\n<p>S. 71: <em>&bdquo;Nat&uuml;rlich war die Siegesparade auf dem Roten Platz in Moskau zuallererst eine Demonstration und ein Signal an den Westen: Wir, die russische F&uuml;hrung, sind bereit, die uns zustehende F&uuml;hrungsrolle in der Welt wieder einzunehmen. Wir haben die F&auml;higkeit und &ndash; siehe Syrien &ndash; auch den Willen dazu.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Falsch: Assad hat Russland eingeladen. Deswegen war &uuml;brigens die Intervention vereinbar mit dem V&ouml;lkerrecht.<\/p>\n<p>S. 72: <em>&bdquo;Bei der Bewahrung dieser Traditionen, wie Jarowaja und ihre zahlreichen nationalpatriotischen Gesinnungsgenossen sie verstehen, setzte die russische Propagandamaschine auch am diesj&auml;hrigen Tag des Sieges schon bei den J&uuml;ngsten an. [&hellip;] Das &sbquo;Sabaikalskoje TV&lsquo; hatte ein besonderes Highlight zu bieten. Es berichtete aus der Region Tschita &ndash; einst ber&uuml;chtigt wegen der hohen Gulag-Dichte &ndash; von einer szenischen Darstellung des unmenschlichen Lebens in einem deutschen Konzentrationslager. Unter freiem Himmel reiht sich eine Grausamkeit an die andere: Es wurde gepr&uuml;gelt, der kleinste Widerstand mit Erschie&szlig;ung bestraft. Erst das Erscheinen der Sowjetsoldaten setzt dem grausigen Spiel ein Ende.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p><em>&bdquo;Propagandamaschine&ldquo;<\/em>?: KZ-Sendungen sind auch in Deutschland &uuml;blich. Der Hinweis auf die Gulags ist berechtigt, aber er passt nicht. Denn das KZ-System diente dem Holocaust, also einem Genozid. Das ist der Unterschied zu Stalins Repression.<\/p>\n<p>S. 73: <em>&bdquo;Kritik an Russland ist &raquo;russophob&laquo;<\/em><\/p>\n<p>Im russischen Selbstverst&auml;ndnis ist die Welt &ndash; vielleicht mit Ausnahme von Nordkorea, Syrien, Venezuela und Nicaragua &ndash; von &sbquo;Russophobie&lsquo; ergriffen. Dieser Begriff hat in den vergangenen Jahren verst&auml;rkt in die russische Politik Einzug gehalten, er ersetzt die Auseinandersetzung mit konkreten Divergenzen. Kritische Bemerkungen aus dem Ausland, die Moskau nicht passen, wurden und werden zunehmend als &sbquo;Russophobie&lsquo; eingestuft.&ldquo; Deshalb arbeiten Leute wie ich als &bdquo;Russophone&ldquo;.<\/p>\n<p>S. 74: <em>&bdquo;Oleg Nemenski, ein leitender Mitarbeiter des Instituts f&uuml;r strategische Studien, kam zu der Erkenntnis, dass die Russophobie eine Ideologie sei, die in vielem dem Antisemitismus &auml;hnele, aber ausschlie&szlig;lich Bezug auf Russland nehme. In ihrem Kern sei die Russophobie &sbquo;eine eindeutig westliche Ideologie. [&hellip;]&lsquo;&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Stimmt. Aber sie greift auf Staaten wie Polen &uuml;ber.<\/p>\n<p>S. 75: <em>&bdquo;Inzwischen strebten die USA als Anf&uuml;hrer der westlichen Welt auch danach, &sbquo;F&uuml;hrer in der Feindschaft uns gegen&uuml;ber zu sein.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Stimmt auch. Siehe meinen Aufsatz Pl&auml;doyer eines Putinverstehers (NachDenkSeiten 08.12.2021, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78691\">nachdenkseiten.de\/?p=78691<\/a>).<\/p>\n<p>S. 75: <em>&bdquo;In einer &uuml;ber 40 Minuten andauernden Animationsshow stellte der russische Staatschef sechs &sbquo;Wunderwaffen&lsquo; vor, mit denen die russischen Streitkr&auml;fte mit den Amerikanern gleichziehen oder sie sogar &uuml;berholen wollen.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Nur betrug der US-Milit&auml;retat 2020 738 Milliarden USD, der russische dagegen 61,7 USD.<\/p>\n<p>S. 75: <em>&bdquo;Es ist allerdings nicht das Trauma des angeblich gebrochenen Versprechens, die Nato nicht nach Osten auszudehnen. Denn dieses Versprechen hat es nie gegeben, es ist ein sorgf&auml;ltig gepflegter Mythos, dem auch viele deutsche Politiker erlegen sind.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>&bdquo;<em>Mythos<\/em>&ldquo;? (griechisch: Legende): Wie passt dazu die Aussage von Manfred W&ouml;rner, deutscher NATOGeneralsekret&auml;r, vom 17. Mai 1990: &bdquo;<em>Schon die Tatsache, dass wir bereit sind, die NATO-Streitkr&auml;fte nicht hinter den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland zu stationieren, gibt der Sowjetunion feste Sicherheitsgarantien.<\/em>&ldquo;[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Und die ber&uuml;hmten &Auml;u&szlig;erungen von Bundesau&szlig;enminister Genscher, was die Aussagen zur &bdquo;<em>Nichtausdehnung der NATO betreffe, so gelten diese ganz generell<\/em>&ldquo;, war immerhin die Aussage des Au&szlig;enministers eines NATO-Mitgliedstaats. Und f&uuml;r die Aufnahme eines neuen Staates in die NATO gilt das Einstimmigkeitsprinzip.<\/p>\n<p>Es f&auml;llt auf, dass der Wikipedia-Eintrag zur NATO-Ost-Erweiterung zum Jahreswechsel 2021\/22 eine wichtige &Auml;nderung erfahren hat: Im Ausgangstext hie&szlig; es: &bdquo;<em>Kontroverse um Zusagen an die Sowjetunion<\/em>&ldquo;. Neuerdings hei&szlig;t es: &bdquo;<em>Vermeintliche Zusagen an die Sowjetunion<\/em>&ldquo;. Quiring arbeitet mit seinem Buch und dem Verweis darauf an der Umgestaltung der Historie, an Fakes.<\/p>\n<p>S. 76: <em>&bdquo;Tats&auml;chlich hat der russische Pr&auml;sident damit ein f&uuml;r Moskau handhabbares Instrument sowohl f&uuml;r die ideologische Aufr&uuml;stung im Innern als auch f&uuml;r den Informations- und Propagandakrieg gegen &sbquo;den Westen&lsquo; geschmiedet. Es macht die L&uuml;cke deutlich, die sich zwischen den &uuml;blichen offiziellen russischen Absichtserkl&auml;rungen, die von &sbquo;Putinverstehern&lsquo; in Deutschland so gern kolportiert werden, und der tats&auml;chlichen Denkweise hinter den Kremlmauern auftut.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Auch ich reihe mich ein unter die &bdquo;Putin-Versteher&ldquo;. Der Schlusssequenz stimme ich zu:<\/p>\n<p>S. 76: <em>&bdquo;So sehr es daher richtig bleibt, gerade in diesen hoch angespannten Zeiten unter Donald Trump eine Verst&auml;ndigung mit Moskau zu suchen, so sehr kommt es darauf an, dabei nicht naiv zu sein, sondern stets auch das russische Freund-Feind-Denken kritisch im Blick zu behalten.&ldquo;<\/em><\/p><\/li>\n<p><\/p>\n<li><strong>Manfred Quiring, <em>Putins Staatsr&auml;son: Der Feind steht im Westen<\/em>, Bl&auml;tter 9\/2021 <\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nDieser Aufsatz, der im Titel offensichtlich an den vorigen ankn&uuml;pft, k&ouml;nnte auch in der FAZ mit ihrer &bdquo;russophoben&ldquo; Linie stehen (das kann ich auf Anforderung belegen):\n<p>Erw&auml;hnt wird die &bdquo;Strategie der nationalen Sicherheit&ldquo; vom August 2021, die auch zur &Uuml;berpr&uuml;fung von Theaterspielpl&auml;nen eingesetzt werde; nach Ansicht von Trenin, dem Direktor des Moskauer Carnegie-Zentrums, das &bdquo;<em>Manifest einer neuen Epoche, die Schlie&szlig;ung von Memorial, die Giftanschl&auml;ge auf Skripal und Nawalny<\/em>&ldquo;. Abschlie&szlig;end hei&szlig;t es:<\/p>\n<p>S. 104: <em>&bdquo;Fest steht: Die russische F&uuml;hrung hat mit ihren j&uuml;ngsten restriktiven Entscheidungen, in deren Zentrum die Strategie der nationalen Sicherheit steht, den autorit&auml;ren Druck im Innern des Landes noch einmal deutlich erh&ouml;ht. Gleichzeitig hat der Kreml zahlreiche der noch existierenden Verbindungen nach Westeuropa gekappt oder genau das in Aussicht gestellt. Auch wenn man Trenins Worten von der &sbquo;neuen &Auml;ra&lsquo; nicht unbedingt folgen mag, so wird doch &uuml;beraus deutlich: Wir haben es mit einer Z&auml;sur in den Beziehungen Russlands zum Westen zu tun, deren Auswirkungen noch gar nicht in vollem Umfang abzusch&auml;tzen sind. Eines hat Putins neue Sicherheitsdoktrin indes unmissverst&auml;ndlich klargestellt: F&uuml;r den Kreml steht der Feind im Westen &ndash; das ist jetzt Staatsr&auml;son.&ldquo;.<\/em><\/p>\n<p>Richtig. Das ist ja leider das Ergebnis der westlichen &bdquo;Russophobie&ldquo;<\/p>\n<p>Manfred Quiring war jahrelang Korrespondent der &bdquo;Welt&ldquo;, eines Blattes aus dem Springer-Verlag, in Moskau. Da hatte er alle H&auml;nde voll zu tun, westliche Werte auf Springer-Art zu verteidigen. Aber dass er daf&uuml;r die Bl&auml;tter einspannen kann, ist ein Indiz f&uuml;r den Rechtsruck der Bl&auml;tter.<\/p><\/li>\n<li><strong>M&uuml;nklers Aufsatz in den Bl&auml;ttern 10\/2021, der l&auml;ngste in diesem Heft, hei&szlig;t &bdquo;<em>Weltordnung ohne H&uuml;ter<\/em>&ldquo;. <\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nDa der Aufsatz auch von den USA handelt, h&auml;lt er diese offenbar f&uuml;r den &bdquo;H&uuml;ter&ldquo;, den &bdquo;Globocop&ldquo;, wie es an anderer Stelle hei&szlig;t. M&uuml;nkler ist wohl auf die Propaganda der USA hereingefallen, die die USA erfolgreich als H&uuml;terin der Weltordnung in den letzten Jahrzehnten ausgegeben hat. Dabei zettelten die USA in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg zahllose Kriege an, fielen mit ihrer Armee in vielen Staaten ein, ihre CIA st&uuml;rzte viele Staatschefs. Man muss das tolle Buch von William Blum lesen, <em>Zerst&ouml;rung der Hoffnung (Killing Hope): Bewaffnete Interventionen der USA und des CIA seit dem 2. Weltkrieg<\/em> (2014), um zu begreifen, dass die USA nicht der &bdquo;H&uuml;ter&ldquo;, sondern der Zerst&ouml;rer der &ndash; von ihr mit geschaffenen &ndash; Weltordnung sind, genannt &bdquo;Vereinte Nationen&ldquo;. Die freilich kommen in M&uuml;nklers Aufsatz nur am Rande vor, als &bdquo;<em>Versuch, an die Idee des V&ouml;lkerbundes mitsamt seiner wertgebundenen Ordnung wieder anzukn&uuml;pfen<\/em>&ldquo; (S. 70). Davon h&auml;lt M&uuml;nkler wenig, und zwar wegen der Paralyse des Sicherheitsrats durch die Vetos der USA und der UdSSR im Kalten Krieg. Deswegen pl&auml;diert er f&uuml;r die &Uuml;bernahme der &bdquo;H&uuml;ter&ldquo;-Rolle durch eine &bdquo;<em>neue Pentarchie der Ordnungsgaranten<\/em>&ldquo;, als die er die USA, China, Russland, die EU (&bdquo;<em>wenn sie denn zusammen bleibt<\/em>&ldquo;) und Indien sieht (S. 75 f.). M&ouml;glich werde dies dadurch, dass &bdquo;<em>die Wert- und Normorientierung des Westens [&hellip;] zunehmend als Belastung der Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik angesehen und deswegen schrittweise in den Hintergrund gedr&auml;ngt werden<\/em>&ldquo; (S. 74). Das bedeutet nichts anderes, als dass die &bdquo;<em>Normorientierung<\/em>&ldquo;, also das V&ouml;lkerrecht, verdr&auml;ngt wird durch eine neue Ordnung, in der freilich die EU nur dann mitspielt, &bdquo;<em>wenn sie [&hellip;] ihre au&szlig;en- und sicherheitspolitische F&auml;higkeit deutlich vergr&ouml;&szlig;ert<\/em>&ldquo; (S. 76), also durch milit&auml;rische Aufr&uuml;stung.\n<p>Das entspricht zwar der Linie vieler Kommentare in Politik und Medien, allen voran der FAZ, aber das afghanische Desaster beruhte nicht auf milit&auml;rischem Versagen, sondern auf dem Irrglauben, dass &bdquo;nationbuilding&ldquo; vor allem Aufgaben des Milit&auml;rs und von US-Dollar-Fluten seien. Das ist aber nicht so (siehe Verf.: <em>Die gescheiterte Afghanistan-Mission und die Folgerungen f&uuml;r die Parlamentsbeteiligung<\/em>, in den NachDenkSeiten vom 13.10.2021 &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76917\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76917<\/a><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=76917\">)<\/a>.<\/p>\n<p>Deswegen war das Afghanistan-Debakel zwar eine Z&auml;sur f&uuml;r die USA,<\/p>\n<ul>\n<li>aber keine Folge des &bdquo;<em>imperial overstretch<\/em>&ldquo; (M&uuml;nkler, S. 65),<\/li>\n<li>deswegen auch nicht letztlich ein Erfolg (M&uuml;nkler, S. 63),<\/li>\n<li>genauso wenig wie Napoleons R&uuml;ckzug aus Russland 1812 als &bdquo;<em>ber&uuml;hmtestes Beispiel<\/em>&ldquo; f&uuml;r letztlich erfolgreiche R&uuml;ckz&uuml;ge (M&uuml;nkler, S. 64).<\/li>\n<\/ul>\n<p>M&uuml;nkler h&auml;lt sich f&uuml;r einen gro&szlig;en Weltendeuter. Aber seine souver&auml;ne Missachtung des V&ouml;lkerrechts, der UN, der eigentlichen Rolle der EU, die f&uuml;r &bdquo;Frieden durch Recht&ldquo; eintreten k&ouml;nnte und sollte, ist schon be&auml;ngstigend und einer Ver&ouml;ffentlichung in den Bl&auml;ttern nicht w&uuml;rdig.<\/p><\/li>\n<li><strong>Der Richtungswandel ist schade. <\/strong><\/li>\n<\/ol><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Jutta Smirnowa, <em>Wer hat die Demonstranten auf dem Maidan erschossen?<\/em>, in: &bdquo;Die Welt&ldquo;, 6.3.2014.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] &bdquo;<em>Ukrainische Staatsanwaltschaft kennt Namen der Scharfsch&uuml;tzen vom Maidan<\/em>&ldquo;, in: RIA Novosti Kiew, 21.3.2014, Paets best&auml;tigt die Authentizit&auml;t des abgeh&ouml;rten und auf <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/\">youtube.com<\/a> verlinkten Telefonats<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] John Mearsheimer, Why the Ukraine Crisis is the West&rsquo;s Fault, in: &ldquo;Foreign Affairs&rdquo;, 9\/10, 2014 wwwforeignaffairs.com; auf Deutsch: Ders., Putin reagiert. Warum der Westen an der Ukrainekrise schuld ist, <a href=\"http:\/\/www.ipf-journal.de\/\">www.ipf<\/a><a href=\"http:\/\/www.ipf-journal.de\/\">&ndash;<\/a><a href=\"http:\/\/www.ipf-journal.de\/\">journal.de<\/a><a href=\"http:\/\/www.ipf-journal.de\/\">,<\/a> 1.9.2014<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Vgl. Manfred Quiring, Putins russische Welt. Wie der Kreml Europa spaltet, Berlin 2017, darin insbesondere: Der Mythos vom Verzicht auf die Osterweiterung, S. 102-107. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Silvia St&ouml;ber, tagesschau.de v. 03.12.2021.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Peter Becker ist Rechtsanwalt und Mitbegr&uuml;nder der International Association of Lawyers Against Nuclear Arms (IALANA). Er hat seine Entscheidung zur K&uuml;ndigung seines langj&auml;hrigen Abonnements der &bdquo;Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik&ldquo; lange abgewogen. &ndash; Die NachDenkSeiten ver&ouml;ffentlichen seine K&uuml;ndigungsbegr&uuml;ndung, weil das, was Peter Becker bei den &bdquo;Bl&auml;ttern&ldquo; beobachtet hat, symptomatisch f&uuml;r die gesamte Welt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80445\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[183],"tags":[2365,1922,1426,1313,911,1425,1352,259,260,1556],"class_list":["post-80445","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienkritik","tag-becker-peter","tag-blaetter","tag-hegemonie","tag-krim","tag-maidan","tag-muenkler-herfried","tag-rechtsruck","tag-russland","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80445","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=80445"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80445\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80459,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80445\/revisions\/80459"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=80445"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=80445"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=80445"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}