{"id":80473,"date":"2022-02-05T14:00:58","date_gmt":"2022-02-05T13:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80473"},"modified":"2024-05-06T09:50:32","modified_gmt":"2024-05-06T07:50:32","slug":"macht-sie-das-wuetend-frau-baumgarten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80473","title":{"rendered":"Macht Sie das w\u00fctend, Frau Baumgarten?"},"content":{"rendered":"<p>Nachdenkseiten-Interview mit <strong>Helga Baumgarten<\/strong>, Politikwissenschaftlerin und Journalistin, von 1993 bis 2019 Professorin an der Universit&auml;t Birzeit im Westjordanland, von <strong>Gabi Weber<\/strong>, promovierte Fach&auml;rztin.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>GW: Frau Baumgarten, vor Kurzem ist Ihr 5. Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/mediashop.at\/buecher\/kein-frieden-fuer-palaestina\/\">Kein Frieden f&uuml;r Pal&auml;stina &ndash; Der lange Krieg gegen Gaza, Besatzung und Widerstand<\/a>&ldquo; im Promedia-Verlag erschienen. In Ihrem Vorwort schreiben Sie, dass ein Interview mit Ihnen am 12. Mai 2021 im <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yLxCd60vn1g\">ZDF-Mittagsmagazin<\/a> zu einer von Ihnen v&ouml;llig unerwarteten Reaktion Hunderttausender Menschen in Deutschland und weltweit gef&uuml;hrt hatte. Was war da los?<\/strong><\/p><p><strong>HB<\/strong>: Dieses Interview im ZDF-Magazin hatte f&uuml;r mich v&ouml;llig &uuml;berraschende Konsequenzen.<\/p><p>Ich muss der Reihe nach gehen. Am Tag nach dem Interview (gerade 4 Minuten!!!) erschien ein w&uuml;ster <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/politik-ausland\/krasses-medien-vesagen-zdf-nahost-expertin-verbreitet-terroristen-agenda-76382514.bild.html\">BILD-Artikel<\/a>, der sowohl das ZDF als auch mich angriff. Vielleicht noch mehr das ZDF, weil es jemandem wie mir eine Plattform gab. Ich habe den Artikel nicht gelesen, weil ich grunds&auml;tzlich keine Bildzeitung lese.<\/p><p>Das Interview plus die Angriffe &ndash; wie &uuml;blich bei der Bildzeitung unter der G&uuml;rtellinie &ndash; verbreiteten sich in Windeseile auf Instagram (mit &uuml;ber 3 Millionen Klicks), auf Facebook und auf YouTube. Sehr, sehr viele Instagram-Follower waren offensichtlich deutsche Muslime. Unsere Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger, die mich auch per E-Mail kontaktierten, dr&uuml;ckten damit ihre Entt&auml;uschungen &uuml;ber die mangelnde Integration seitens der deutschen Mehrheitsgesellschaft aus. Viele berichteten mir, wie sie sich ausgeschlossen f&uuml;hlen, diskriminiert und regelrecht gedem&uuml;tigt. Stereotyp werden sie wohl immer als Terroristen abgestempelt.<\/p><p>F&uuml;r sie war es wichtig gewesen, dass eine deutsche Wissenschaftlerin offen Partei ergriff f&uuml;r die unterdr&uuml;ckten Pal&auml;stinenser in Jerusalem, im besetzten Pal&auml;stina und vor allem auch im Gazastreifen. Und sie konnten offensichtlich kaum glauben, dass diese Wissenschaftlerin Kritik &uuml;bte an der Besatzungsmacht Israel. <\/p><p>Der gesamte Komplex Islamophobie-Antisemitismus-Rassismus trat hier in den Vordergrund, und ich f&uuml;hlte mich regelrecht gedr&auml;ngt, dar&uuml;ber im Zusammenhang mit Jerusalem und den schlimmen Ausschreitungen durch die israelische Besatzungsmacht (auch wenn aus israelischer Sicht das besetzte Ost-Jerusalem Teil der ewig unteilbaren Hauptstadt des j&uuml;dischen Staates ist, vielleicht besser sein soll) sowie dem letzten Krieg Israels gegen die Menschen im Gaza-Streifen (sicher nicht gegen die Hamas oder den islamischen Jihad) etwas zu schreiben.<\/p><p>Die Kollegen vom Promedia-Verlag in Wien, Hannes Hofbauer und Stefan Kraft, nahmen meinen Vorschlag absolut positiv auf, und so entstand dieses neue Buch.<\/p><p>Ich versuche hier, ausgehend vom Mai 2021 (mit dem ZDF-Interview, den Instagram-Reaktionen, der Gewalt in Ost-Jerusalem, vor allem auf dem Haram al-Sharif, und schlie&szlig;lich dem Krieg gegen Gaza), zur&uuml;ckzugehen zum Jahr 1948 mit der Staatsgr&uuml;ndung Israels und der Vertreibung von etwa 750 000 Pal&auml;stinensern aus ihrer Heimat, und mich von dort durchzuarbeiten &uuml;ber den Juni-Krieg 1967, den Anfang des pal&auml;stinensischen Widerstandes (1965 bzw. 1968), angef&uuml;hrt von Fatah und der PLO, &uuml;ber die erste Intifada 1987, die Osloer Periode 1993 und danach bis heute. <\/p><p><strong>GW: K&ouml;nnten Sie unseren Leserinnen und Lesern kurz erl&auml;utern, was der &bdquo;Haram al-Sharif&ldquo; ist und was er f&uuml;r Muslime, Pal&auml;stinenser und evtl. auch andere Menschen bedeutet? <\/strong><\/p><p><strong>HB<\/strong>: Der Haram Al-Sharif ist f&uuml;r Muslime weltweit die drittwichtigste heilige St&auml;tte nach Mekka und Medina. Diese Bedeutung erhielt er<strong> <\/strong>nach islamischer Lehre<strong> <\/strong>durch die Reise des Propheten Mohammad nach Jerusalem und sein Auffahren in den Himmel. Die beiden Moscheen, die sich auf dem Haram Al-Sharif befinden, sind die Al-Aqsa-Moschee und der &ldquo;Felsendom&rdquo;, Qubbat As-Sakhra auf Arabisch. Gebaut wurden sie von den Umayyaden und geh&ouml;ren damit zu den &auml;ltesten Moscheen weltweit. F&uuml;r Pal&auml;stinenserinnen und Pal&auml;stinenser ist der Haram ihr zentrales religi&ouml;ses, aber gleichzeitig auch nationales Symbol.<\/p><p><strong>GW: Wir h&ouml;ren aktuell &ndash; wie so oft &ndash; kaum etwas aus Pal&auml;stina\/Israel &ndash; hat sich die Lage also wieder beruhigt?<\/strong><\/p><p><strong>HB: <\/strong>Ganz im Gegenteil. Wie wichtig dieses Buch mit den von mir aufgenommenen Themen ist, zeigt die schlichte Tatsache, dass die Entwicklungen, die im Mai 2021 in den Vordergrund traten, inzwischen in versch&auml;rfter Form weitergehen, mit immer mehr Gewalt seitens der israelischen Besatzungsarmee und der kolonialen israelischen Siedler &uuml;berall in der West Bank &ndash; vom Norden (Jenin, Nablus mit Beita) bis hin in den S&uuml;den nach Hebron und bis zu den D&ouml;rfern und Weilern s&uuml;dlich von Hebron, mit Jerusalem nach wie vor im Zentrum. <\/p><p>Die Unterdr&uuml;ckung der pal&auml;stinensischen Gesellschaft, der Menschen unter Besatzung, nimmt tagt&auml;glich zu. Inzwischen nimmt diese Unterdr&uuml;ckung schon fast absurde Formen an, denn die israelische Regierung entbl&ouml;det sich nicht, pal&auml;stinensische Menschenrechtsorganisationen als Terrororganisationen zu verbieten (siehe z. B. <a href=\"https:\/\/www.icahd.de\/icahd-verurteilt-israelische-bezeichnung-von-palaestinensischen-menschenrechtsorganisationen-als-terroristische-gruppen\/\">ICAHD<\/a>, <a href=\"https:\/\/monde-diplomatique.de\/artikel\/!5818533\">Le Monde Diplomatique<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.paxchristi.de\/meldungen\/view\/5246735450374144\/Gegen%20Kriminalisierung%20von%20Zivilgesellschaft\">Pax Christi<\/a>, <a href=\"https:\/\/addameer.org\/news\/4495\">Addameer<\/a>, und viele mehr). <\/p><p><strong>GW: Worum geht es bei dieser neuerlichen Eskalation seitens Israels &ndash; in diesem Fall gegen&uuml;ber den Menschenrechtsorganisationen? <\/strong><\/p><p><strong>HB:<\/strong> Israel scheint erneut zu versuchen, die Pal&auml;stinenser als die unverbesserlich ewigen Terroristen darzustellen. Dies vor allem vor dem Hintergrund der zunehmenden internationalen Kritik an der illegalen, v&ouml;lkerrechtswidrigen Besatzung, am Siedlerkolonialismus und am Apartheidsystem, nicht zuletzt nach den vernichtend kritischen Analysen durch <a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/middle-east\/north-africa\/israel\/palestine\">Human Rights Watch<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.btselem.org\/\">B&rsquo;Tselem<\/a> und zuletzt am 1. Februar durch Amnesty International. Israels Regierung und insbesondere Verteidigungsminister Benny Gantz wollen offensichtlich selbst die weltweit positiv anerkannte pal&auml;stinensische NGO-Gemeinde anschw&auml;rzen und ihnen die internationale politische und nicht zuletzt finanzielle Unterst&uuml;tzung nehmen. Israel soll damit als ein Staat gesehen werden, der sich auf allen Ebenen gegen terroristische Angriffe verteidigen muss.<\/p><p><strong>GW: Man sagt, der Pal&auml;stina-Israel-Konflikt sei der am besten dokumentierte Konflikt weltweit. Viele Menschen sind m&uuml;de, haben kein Interesse mehr an diesem seit Jahrzehnten andauernden &bdquo;Schlamassel&ldquo; im Nahen Osten, f&uuml;r das in den Augen Vieler vor allem die Pal&auml;stinenser verantwortlich sind, die &bdquo;keinen Frieden wollen und alle gro&szlig;z&uuml;gigen Angebote Israels&ldquo; verwerfen. Brauchen wir also ein weiteres Buch? Wenn ja, was ist neu in Ihrem aktuellen Buch?<\/strong><\/p><p><strong>HB: <\/strong>Ich denke, dass gerade vor diesem Hintergrund ein neuer Blick auf den &bdquo;Konflikt&ldquo; eine wichtige Rolle spielen k&ouml;nnte. Deshalb habe ich nicht zuletzt versucht, die wichtigsten Entwicklungslinien seit 1948 kurz, knapp und allgemein verst&auml;ndlich (und hoffentlich auch spannend zu lesen!) aufzuzeigen.<\/p><p>Neu sind die in den letzten Jahren sich herausbildenden Konzeptualisierungen wie &bdquo;ethnische S&auml;uberung&ldquo;, &bdquo;Siedlerkolonialismus&ldquo; und Israel als &bdquo;Apartheidstaat&ldquo;. Wir verbinden ja den Begriff <i>ethnische S&auml;uberung<\/i> zuerst und vor allem mit den Kriegen um Jugoslawien in den neunziger Jahren. <i>Siedlerkolonialismus<\/i> wird mit L&auml;ndern wie Algerien oder auch Australien und den USA in Zusammenhang gebracht, w&auml;hrend es bis dato zuerst und vor allem S&uuml;dafrika war, das weltweit als <i>Apartheidstaat<\/i> gegei&szlig;elt wurde. Eine ganze Reihe meiner Kollegen sowie verschiedene internationale Organisationen haben nun eben diese allgemein bekannten Begriffe direkt auf Israel und Pal&auml;stina angewandt und damit eine v&ouml;llig neue Lesart und ein neues, sehr viel besseres, weil tiefer greifendes Verst&auml;ndnis der Entwicklungen seit 1948 erm&ouml;glicht.<\/p><p>Neu ist auch meine Darstellung von Gaza seit 2006. Ich sehe dort einen einzigen langen Krieg &ndash; offiziell gegen die &bdquo;radikalislamische Hamas&ldquo; &ndash; tats&auml;chlich jedoch mit brutaler Gewalt gegen eine schutzlose Zivilbev&ouml;lkerung, mit immer neuen Gewalteskalationen vor allem von israelischer Seite wie 2006, 2008\/9, 2012, 2014, 2021.<\/p><p><strong>GW: Hier w&uuml;rde ich gerne direkt ansetzen: Wir erleben ja nicht nur im Pal&auml;stina-Israel-Konflikt, wie sehr W&ouml;rter &ndash; und Sprache im Allgemeinen &ndash; f&uuml;r Propagandazwecke missbraucht werden. Fr&uuml;her galt die Fatah als &bdquo;Terrororganisation&ldquo;, seit einigen Jahren wird diese als &bdquo;gem&auml;&szlig;igt&ldquo; und Hamas als &bdquo;radikal-islamisch&ldquo; bezeichnet. Sprache wird dazu verwendet, den schon seit Jahrzehnten andauernden Konflikt auf die 2006 mittels legaler Wahlen an die Regierung gekommene Hamas zu reduzieren. Dabei werden die Rollen von &bdquo;Opfer&ldquo; und &bdquo;T&auml;ter&ldquo; st&auml;ndig ausgetauscht und somit Verwirrung gestiftet. Sie haben bereits zwei B&uuml;cher &uuml;ber die Hamas geschrieben &ndash; wie ist die Situation aktuell im Gaza-Streifen? <\/strong><\/p><p><strong>HB: <\/strong>Gaza ist eine nicht enden-wollende Trag&ouml;die. Deshalb verwende ich ja den Begriff &bdquo;Der lange Krieg gegen Gaza&ldquo; als Untertitel meines Buchs. Und Kollegen haben die Kriege gegen Gaza noch viel l&auml;nger zur&uuml;ckverfolgt. Auch darauf nehme ich in meinem Buch wenigstens kurz Bezug.<\/p><p>Gaza ist derzeit nach wie vor (seit 2006) vollst&auml;ndig abgeriegelt und es fehlt dort an allem: angefangen von einer kontinuierlichen Stromversorgung &uuml;ber mangelndes sauberes Wasser und Trinkwasser bis hin zur immer massiveren Arbeitslosigkeit. Die israelische Blockade verhindert jegliche Ver&auml;nderung. Die lokale Hamas-Regierung hat sich unter diesen Bedingungen immer mehr in Richtung einer autorit&auml;ren Kontrollinstanz entwickelt. Die Rechnung bezahlen die Menschen. Auch die Politik der <i> sulta, <\/i>also der Regierung in Ramallah, tr&auml;gt nicht bei, hier einen Schritt nach vorne zu unternehmen.<\/p><p>Die von Israel genehmigte finanzielle Unterst&uuml;tzung durch Qatar lindert die Probleme zu einem gewissen Grad. Aber sie reicht nicht aus. Ohne Aufhebung der Blockade kann sich in Gaza nichts grunds&auml;tzlich &auml;ndern und verbessern.<\/p><p><strong>GW: Wie stellt sich der &bdquo;pal&auml;stinensische Widerstand&ldquo; zurzeit dar &ndash; gibt es Unterst&uuml;tzung von au&szlig;erhalb?<\/strong><\/p><p><strong>HB:<\/strong> Der Versuch des bewaffneten Widerstandes der Hamas und des islamischen Jihad wird wohl unterst&uuml;tzt aus dem Libanon, also durch Hizbullah, und durch den Iran. <\/p><p>Seit Mai 2021 erleben wir zunehmenden Widerstand gegen die israelische Besatzung durch die gesamte pal&auml;stinensische Zivilgesellschaft weltweit, also in den besetzten pal&auml;stinensischen Gebieten, in Israel selbst sowie in der regionalen und internationalen Diaspora. Es sind vor allem auch j&uuml;ngere Pal&auml;stinenserinnen und Pal&auml;stinenser, die aktiv sind und die wohl auch nicht mehr prim&auml;r an bestimmte Organisationen gebunden sind. Eine ungeheuer wichtige Entwicklung, so denke ich.<\/p><p>Die internationale Solidarit&auml;t, nicht zuletzt von J&uuml;dinnen und Juden in den USA durch z.B. Jewish Voice for Peace oder den Publizisten Peter Beinart, hat langfristige Ver&auml;nderungen durchlaufen und die Karten gerade auch in den USA v&ouml;llig neu gemischt. Diese Entwicklungen zeichnen sich offensichtlich auch in Deutschland ab mit Organisationen wie <a href=\"https:\/\/www.juedische-stimme.de\/\">J&uuml;dische Stimmen f&uuml;r Gerechten Frieden in Nahost<\/a>, <a href=\"https:\/\/bip-jetzt.de\/\">BIP<\/a> (B&uuml;ndnis f&uuml;r Gerechtigkeit zwischen Israelis und Pal&auml;stinensern e.V.), aber auch <a href=\"https:\/\/www.paxchristi.de\/kommissionen\/view\/5305177963757568\/Kommission%20Nahost\">Pax Christi<\/a> und die gesamte, wieder mehr in den Vordergrund r&uuml;ckende Solidarit&auml;tsbewegung.<\/p><p><strong>GW: Auch &uuml;ber die in Deutschland umstrittene BDS-Bewegung (BDS steht f&uuml;r Boykott, Desinvestition und Sanktionen) &ndash; als eine Form des pal&auml;stinensischen Widerstands &ndash; schreiben Sie in Ihrem Buch. K&ouml;nnten Sie unseren LeserInnen und Lesern erkl&auml;ren, was es mit dieser von mehr als 170 zivilgesellschaftlichen Organisationen und Gewerkschaften gegr&uuml;ndeten Bewegung auf sich hat?<\/strong><\/p><p><strong>HB:<\/strong> Mein Buch versucht, ein realistisches Bild der BDS (Boykott, &bdquo;Divestment&ldquo;, Sanktionen) zu zeichnen, anstelle des verzerrten Bildes, das vor allem die deutschen Medien uns vermitteln, unterst&uuml;tzt nicht zuletzt durch den unsinnigen Bundestagsbeschluss 2019 zu BDS.<\/p><p>Wie Sie wissen, wurde BDS 2005 von mehr als 170 zivilgesellschaftlichen Organisationen und Gewerkschaften gegr&uuml;ndet. Inzwischen unterst&uuml;tzt die gesamte pal&auml;stinensische Zivilgesellschaft ausnahmslos BDS. Omar Barghouti, einer der Gr&uuml;nder von BDS, wird nicht m&uuml;de zu betonen, dass die BDS eine gewaltlose Bewegung ist. Mit Anti-Semitismus hat sie nichts zu tun. Die im Juli verstorbene Esther Bejarano, die Auschwitz &uuml;berlebt hat, blieb Zeit ihres Lebens Antifaschistin und Kommunistin und hat nicht zuletzt auch deshalb BDS unterst&uuml;tzt. Niemand innerhalb der BDS-Bewegung k&auml;mpft, so Barghouti, gegen J&uuml;dinnen und Juden. Der Widerstand der BDS richtet sich einzig und allein gegen Israel als Apartheid-Staat, der die Pal&auml;stinenserinnen und Pal&auml;stinenser unterdr&uuml;ckt, mit Gewalt bek&auml;mpft, nie als gleichberechtigte Menschen anerkannt hat und sie vielmehr regelrecht entmenschlicht.<\/p><p>Die Regierung S&uuml;dafrikas war die erste, die BDS ohne Vorbehalte unterst&uuml;tzte. Der vor Kurzem verstorbene Bischof Tutu stand fest auf der Seite der Pal&auml;stinenser in ihrer an das s&uuml;dafrikanische Beispiel angelehnten Boykottbewegung. Gerade Tutu betonte, genau wie Omar Barghouti, dass es der BDS um den Kampf gegen die und den Boykott der rassistischen israelischen Politik geht, nicht gegen J&uuml;dinnen und Juden.<\/p><p>Die BDS fordert eine &bdquo;ethische De-Kolonisierung&ldquo; und die Herstellung einer echten, langanhaltenden und ethischen Koexistenz. Das wird aber nur m&ouml;glich durch eine grundlegende Ver&auml;nderung in Israel, wo die Unterdr&uuml;ckung der Pal&auml;stinenser zusammen mit den kolonialen Privilegien f&uuml;r israelische J&uuml;dinnen und Juden enden muss.<\/p><p><strong>GW: Ganz aktuell ist ein neuer <\/strong><a href=\"https:\/\/www.amnesty.org\/en\/latest\/news\/2022\/02\/israels-apartheid-against-palestinians-a-cruel-system-of-domination-and-a-crime-against-humanity\/\"><strong>Report von Amnesty International<\/strong><\/a><strong> &uuml;ber die israelische Apartheid gegen&uuml;ber den Pal&auml;stinensern erschienen. Glauben Sie daran, dass all diese vielen Berichte, nicht eingehaltenen UN-Resolutionen und Protestaktionen irgendwann dazu f&uuml;hren k&ouml;nnen, dass im Nahen Osten Frieden herrscht?<\/strong><\/p><p><strong>HB:<\/strong> Glauben ist eine Sache &hellip; ich hoffe aber, dass all diese Berichte, nicht zuletzt der Amnesty-International-Bericht, eine Rolle spielen werden in einem langwierigen Prozess der Ver&auml;nderung. Ich sehe diese Ver&auml;nderungen, nicht zuletzt seit Mai 2021. Eine Rolle spielt zum einen der anhaltende Widerstand der Pal&auml;stinenser in den besetzten Gebieten, in Israel und &uuml;berall in der Welt. Eine weitere Rolle spielt die Solidarit&auml;tsbewegung, nicht zuletzt auch in Deutschland. Hier ist noch viel zu tun, aber selbst in Deutschland bewegt sich etwas.<\/p><p>Schlie&szlig;lich ist es die israelische Politik mit ihrer uns&auml;glichen Brutalit&auml;t, die inzwischen &bdquo;den Bogen &uuml;berspannt&ldquo;. Ich denke nicht, dass sie noch lange so weitermachen kann. Ich hoffe es, f&uuml;r die Menschen in Pal&auml;stina, f&uuml;r die sehr kleine israelische Linke und Solidarit&auml;tsbewegung mit den Pal&auml;stinensern, aber auch generell f&uuml;r die Menschen in Israel, die sicher nicht f&uuml;r immer unter einer autorit&auml;ren Apartheidregierung leben wollen.<\/p><p><strong>GW: Frau Baumgarten, erlauben Sie mir noch eine letzte Frage: Aktuell erleben wir einmal mehr, wie sehr in der Politik mit Doppelstandards gearbeitet wird &ndash; auf der einen Seite dr&uuml;cken unsere Politiker viele, um nicht zu sagen alle Augen zu, wenn es um die v&ouml;lkerrechtswidrige Annexion pal&auml;stinensischen Landes, Vertreibung und Inhaftierung tausender Pal&auml;stinenser inklusive Kinder (siehe z.B. <\/strong><a href=\"http:\/\/www.militarycourtwatch.org\/page.php?id=Jd6RxOYyXIa456480AdYRFGQCeD6\"><strong>Military Court Watch<\/strong><\/a><strong>, <\/strong><a href=\"https:\/\/www.dci-palestine.org\/military_detention\"><strong>DCI<\/strong><\/a><strong>), Siedlerterrorismus, Bombardierung einer wehrlosen Bev&ouml;lkerung unter Besatzung usw. geht. Auf der anderen Seite erheben unsere Politiker viele &bdquo;moralische Zeigefinger&ldquo; im Konflikt um die Ukraine, benennen eindeutig und einseitig den angeblichen Aggressor und treiben uns an den Rand eines Krieges mitten in Europa. Macht Sie das w&uuml;tend? <\/strong><\/p><p><strong>HB:<\/strong> Ich bin vor allem schockiert &uuml;ber die uns&auml;glich dumme und so extrem gef&auml;hrliche Kriegshetze, die derzeit von den USA bis Europa um sich greift, angefeuert von Politikern, die leider enorme milit&auml;rische Macht kontrollieren und einsetzen k&ouml;nnen. <\/p><p>Dass &uuml;berall in der Welt mit zweierlei Ma&szlig; gemessen wird &hellip; das kennen wir zur Gen&uuml;ge. Die Schwachen erhalten nirgends Unterst&uuml;tzung. Politik wird fast &uuml;berall auf ihre Kosten gemacht. Die Pal&auml;stinenser sind daf&uuml;r das Paradebeispiel. <\/p><p>Was mich au&szlig;erdem schockiert und auch w&uuml;tend macht, ist die Leugnung der Realit&auml;t, also die lange Reihe von NATO-Beschl&uuml;ssen und Aktionen gegen Russland, die sicher nicht dem Frieden dienen.<\/p><p>Was mich jedoch absolut in Wut versetzt, ist die israelische Gewaltpolitik gegen die Pal&auml;stinenserinnen und Pal&auml;stinenser, die sich seit 2021 Tag f&uuml;r Tag weiter zuspitzt und ein unertr&auml;gliches Ausma&szlig; erreicht hat. <\/p><p>Doch schauen wir nach vorn und hoffen, dass die Pal&auml;stinenser mit Hilfe der internationalen Solidarit&auml;tsbewegung und nicht zuletzt mit Hilfe von Berichten wie dem soeben erschienenen von Amnesty International das Blatt wenden k&ouml;nnen. Hoffen wir, dass sich auch die Pal&auml;stinenser endlich Freiheit und Gerechtigkeit erk&auml;mpfen k&ouml;nnen, die ihnen viel zu lange verwehrt wurden.<\/p><p><strong>GW: Ich danke Ihnen f&uuml;r das Interview.<\/strong><\/p><p>Titelbild: Adao \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdenkseiten-Interview mit <strong>Helga Baumgarten<\/strong>, Politikwissenschaftlerin und Journalistin, von 1993 bis 2019 Professorin an der Universit&auml;t Birzeit im Westjordanland, von <strong>Gabi Weber<\/strong>, promovierte Fach&auml;rztin.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":80474,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[209,175],"tags":[2580,3466,2341,302,822,303,2039],"class_list":["post-80473","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interviews","category-israel","tag-apartheid","tag-baumgarten-helga","tag-boykott","tag-gaza","tag-hamas","tag-palaestina","tag-siedlungspolitik"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/shutterstock_1974117305.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80473","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=80473"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80473\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80696,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80473\/revisions\/80696"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/80474"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=80473"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=80473"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=80473"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}