{"id":80516,"date":"2022-02-07T08:56:00","date_gmt":"2022-02-07T07:56:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80516"},"modified":"2022-02-08T07:47:44","modified_gmt":"2022-02-08T06:47:44","slug":"druck-und-gegendruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80516","title":{"rendered":"Druck und Gegendruck"},"content":{"rendered":"<p>In der Schule lernen wir f&uuml;rs Leben, musste ich in meiner Schulzeit immer h&ouml;ren. Doch ich verdrehte beim H&ouml;ren dieses Satzes immer wieder die Augen und fragte st&ouml;hnend, an welcher Stelle des Lebens mir denn abstrakte chemische oder physikalische Erkenntnisse helfen k&ouml;nnten. Doch weit gefehlt! Vermag man die Grundprinzipien der Wirkungsweise zu erkennen und diese zu abstrahieren, kann man daraus sogar Handlungsvorlagen f&uuml;r das eigene Leben, teils auch fach&uuml;bergreifend, erlangen. Ein kleines Essay dar&uuml;ber, was Physik mit der Debatte &uuml;ber die Impfpflicht und mit meinem eigenen Leben zu tun hat. Von <strong>Lutz Hausstein<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8968\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-80516-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220207_Druck_und_Gegendruck_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220207_Druck_und_Gegendruck_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220207_Druck_und_Gegendruck_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220207_Druck_und_Gegendruck_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=80516-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220207_Druck_und_Gegendruck_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220207_Druck_und_Gegendruck_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Schon fr&uuml;hzeitig verk&uuml;ndete die damalige Bundeskanzlerin Merkel, dass eine Impfung der einzige Weg aus der Pandemie sei. Ganz in diesem Sinne gestaltete sich auch die Politik des gesamten letzten Jahres. Man begann mit &uuml;berdimensionierten Plakatkampagnen allerorten, schaltete Funk- und Printanzeigen und versuchte so, die Bereitschaft in der Bev&ouml;lkerung zu einer Impfung mit noch ungen&uuml;gend gesicherten Impfstoffen herzustellen. Dies l&auml;sst sich wohl am besten mit dem Begriff &bdquo;Public Relations&ldquo; beschreiben. Wobei der neudeutsche Begriff des &bdquo;Nudging&ldquo;, also das &bdquo;Anstupsen&ldquo; zu einer Verhaltens&auml;nderung in die erw&uuml;nschte Richtung, eher den Kern des damaligen Vorgehens trifft.<\/p><p>Doch diese Phase ist schon lange &uuml;berschritten. Inzwischen wird durch eine selektive Einschr&auml;nkung von B&uuml;rgerrechten versucht, das Widerstreben von nicht Geimpften gegen eine Impfung zu brechen. Werden doch nicht Geimpfte, obschon sie nicht nachweisbar erkrankt sind, durch die derzeit in Deutschland herrschenden Vorschriften pauschal an der Wahrnehmung ihrer b&uuml;rgerlichen Rechte gehindert, w&auml;hrend nach den jeweils aktuellen Regeln als vollst&auml;ndig geimpft Angenommene diese aus&uuml;ben d&uuml;rfen. Dabei handelt es sich keineswegs nur um die h&auml;ufig angef&uuml;hrten Restaurantbesuche, sondern um so ziemlich alle gesellschaftlichen Bereiche. Vom Besuch von Kunst- und Kulturveranstaltungen &uuml;ber den Besuch von Sportwettk&auml;mpfen, aber auch der eigenen Teilnahme an sportlichen Aktivit&auml;ten, bis hin zu Reisen und &Uuml;bernachtungen, ja sogar dem Einkauf aller den lebensnotwendigen Bedarf &uuml;berschreitender Waren. De facto also alles, was nur im Entferntesten an gesellschaftliche Teilhabe erinnert.<\/p><p>Nun zeichnet sich am Horizont mit der Impfpflicht eine weitere Eskalation der Lage ab. Der vornehmlich aus den Reihen von Politikern zu vernehmende Widerspruch, dass es sich bei der Impfpflicht um keinen Impfzwang handeln w&uuml;rde, ist dabei eher beckmesserischer Natur. Denn eine von staatlicher Seite verh&auml;ngte Impfpflicht, welche entweder als Ordnungswidrigkeit oder gar als Straftat mit noch nicht verbindlich gekl&auml;rten Mitteln verfolgt und geahndet werden w&uuml;rde, ist letzten Endes nichts anderes als ein Zwang. Mag man da auch mit noch so haarspalterischen Begriffsauslegungen dagegen argumentieren. Erg&auml;nzend zum Verlust der gesellschaftlichen Teilhaberechte k&auml;men durch eine Impfpflicht so noch Ordnungs- oder Strafgelder sowie zus&auml;tzlich\/ersatzweise Erzwingungshaft oder Ersatzfreiheitsstrafe hinzu.<\/p><p>Doch welchen Effekt haben diese massiven Repressionen gegen&uuml;ber nicht Geimpften auf diese Menschen? Abseits aller moralischen, aber auch juristischen Bewertungen &ndash; inwieweit kann ein solcher massiver Druck auf die Bev&ouml;lkerung zu dem erw&uuml;nschten Ziel einer vollst&auml;ndigen Durchimpfung f&uuml;hren? Oder f&uuml;hrt eine Druckaus&uuml;bung zu dem gegenteiligen Effekt, sodass der Widerstand eines Teils der Menschen dadurch sogar noch gesteigert wird? Ein Erlebnis aus meiner eigenen Jugend bzw. meines jungen Erwachsenenseins legt Letzteres nahe.<\/p><p>Ich bin zeitlebens wahrlich nie ein Opportunist gewesen. Nicht, dass mich die Meinung Anderer nicht interessiert h&auml;tte. Aber ein allzu gro&szlig;er Konsens &ndash; zumal bei uneindeutiger Faktenlage &ndash; wecken in mir ebenso Widerspruch wie die Situation, wenn in Abwesenheit einer Person extrem negativ &uuml;ber sie hergezogen wird &ndash; umso mehr, wenn dies einhellig geschieht. Das verletzt mein Gerechtigkeitsempfinden. Da trat (und tritt) in mir der advocatus diaboli in Erscheinung und nimmt quasi die Rolle des Verteidigers des Abwesenden ein. Nicht aus reinem Oppositionswillen. Nein. Sondern um durch den Widerspruch eine Diskussion in Gang zu setzen, die anhand von Fakten eventuell (!) zu einem neuen, gemeinsamen Standpunkt f&uuml;hrt, der nicht von Vorverurteilungen oder ungen&uuml;gend gepr&uuml;ften Informationen gepr&auml;gt ist. Neuen, mir nicht bekannten Informationen &ndash; sofern diese nach einer Pr&uuml;fung meinerseits plausibel erscheinen &ndash; verschlie&szlig;e ich mich dabei nicht. Wird hingegen ohne stichhaltige Fakten einfach nur Druck auf mich ausge&uuml;bt, die herrschende Meinung widerspruchslos zu &uuml;bernehmen, steigert dies meinen Widerstand nur. Nun erst recht und so schon mal gar nicht!<\/p><p>Und damit komme ich zu meiner Geschichte. In der DDR gab es pro forma zwar mehrere Parteien, sie verfolgten jedoch als sogenannte &bdquo;Blockparteien&ldquo; fast identische Ziele wie die SED und waren zudem durch den Zusammenschluss in der &bdquo;Nationalen Front der DDR&ldquo; bei Wahlen auch nur im Block w&auml;hlbar. Dennoch war es das Ziel der SED, dass an m&ouml;glichst allen wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Schaltstellen im Land Mitglieder der SED sitzen. Daher begann man schon fr&uuml;hzeitig, auch Jugendliche f&uuml;r einen Eintritt in die SED zu gewinnen. Denn zwingen konnte man dazu niemanden, es musste trotz allem ja freiwillig erfolgen. Auch wenn dieses freiwillig nicht selten &bdquo;freiwillig&ldquo; war.<\/p><p>Damit konnte gar nicht fr&uuml;h genug begonnen werden. Nach meiner Erinnerung d&uuml;rfte es in der 7. oder 8. Klasse gewesen sein, dass erstmals Sch&uuml;ler aus dem Unterricht geholt wurden, um mit ihnen ein Gespr&auml;ch zu f&uuml;hren. Selbstverst&auml;ndlich immer sch&ouml;n einzeln. Meist gab es solche Gespr&auml;che zwei bis drei Mal pro Schuljahr. Dabei handelte es sich in der Regel um die vier, f&uuml;nf, sechs Jugendlichen mit den besten schulischen Leistungen, denn bei ihnen bestand eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie sp&auml;ter in betriebliche oder gesellschaftliche Leitungsfunktionen aufsteigen k&ouml;nnten. So holte man also einen einzelnen Sch&uuml;ler mitten in der Unterrichtsstunde zu einem Gespr&auml;ch heraus, bei dem dieser dann vor einem kleinen Auditorium (SED-Parteisekret&auml;r\/Parteisekret&auml;rin der Schule und Klassenlehrer\/Klassenlehrerin) zur prinzipiellen Bereitschaft einer Mitgliedschaft in der SED befragt wurde. Obligatorisch war dabei stets, auch nach den Gr&uuml;nden zu fragen. Vor allem nat&uuml;rlich, wenn man widerstrebte.<\/p><p>Erst recht im Falle einer offenen Verneinung war eine solche inquisitorische Befragung nat&uuml;rlich ein Ritt auf der Rasierklinge. Wusste doch jedermann, dass eine offene Ablehnung der SED mit zwar unausgesprochenen, aber wie ein Damoklesschwert &uuml;ber einem h&auml;ngenden Nachteilen f&uuml;r den weiteren Lebensweg verbunden sein k&ouml;nnte. Man fl&uuml;chtete sich in Phrasen, von denen man in Gespr&auml;chen mit Klassenkameraden geh&ouml;rt hatte, dass diese recht erfolgreich gewesen w&auml;ren. Man versuchte, um eine konkrete Aussage herumzulavieren. Keine offene Absage zu formulieren, ohne dabei zuzusagen. Ein recht schwieriges Unterfangen, bei dem man m&auml;chtig ins Schwitzen kam, wurden doch diese Nachfragen bei jeder neuen Befragung nachdr&uuml;cklicher gestellt.<\/p><p>Als ich nun also diese Klippen bis zur Beendigung meiner Schulzeit erfolgreich umschifft hatte, musste ich feststellen, dass ich damit noch lange nicht am Ziel angekommen war. Denn auch w&auml;hrend des Abiturs wurden diese &bdquo;hochnotpeinlichen Befragungen&ldquo; fortgesetzt. Doch je h&ouml;her der dadurch erzeugte Druck auf mich wurde, umso mehr verfestigte sich in mir der Willen, dem nicht nachzugeben. Sicher, mir wurde w&auml;hrend dieser Zeit, gerade in dieser so wichtigen Phase der beruflichen Orientierung, so langsam bewusst, dass mir aufgrund meiner Weigerung vermutlich berufliche Karriere-Entwicklungen versagt bleiben k&ouml;nnten. Doch das war mir zu diesem Zeitpunkt v&ouml;llig egal. Ich war nicht bereit, mich durch Druck zu etwas erpressen zu lassen, was ich eigentlich nicht wollte.<\/p><p>War ich nun der Auffassung, nach dieser erfolgreich &uuml;berwundenen H&uuml;rde &ndash; ich hatte trotz dieser Umst&auml;nde meine Studienplatzbest&auml;tigung in der Tasche &ndash; w&uuml;rde sich dieses Problem in Luft aufl&ouml;sen, sah ich mich erneut get&auml;uscht. Denn auch w&auml;hrend meiner Zeit bei der Armee bat man mich zu Einzelgespr&auml;chen, um mich zu einer Mitgliedschaft in der SED zu bewegen. Deutlich seltener zwar als zuvor &ndash; daran hatte vermutlich auch mein Status als einfacher Soldat im 18-monatigen Grundwehrdienst eine nicht unerhebliche Schuld, aber das w&auml;re nochmal eine weitere, l&auml;ngere Geschichte &ndash; aber dennoch gab es auch hier Versuche, mich zu &bdquo;&uuml;berzeugen&ldquo;. Wobei ich nichts Prinzipielles gegen &uuml;berzeugen habe. Gegen &bdquo;&uuml;berreden&ldquo; hingegen schon. Kann man mich mit Fakten &uuml;berzeugen, die ich akzeptieren und teilen kann, w&auml;re das in Ordnung. Versucht man dagegen, mich mit schierer Masse oder gar mit Druck zu &uuml;berreden, dann verst&auml;rkt dies nur meinen Widerwillen.<\/p><p>Nach diesen anderthalb Jahren Armee stand ich daher vor einer Z&auml;sur. Mir wurde bewusst, dass diese &bdquo;&Uuml;berzeugungsarbeit&ldquo; beim nun bevorstehenden Studium nicht nur nicht enden, sondern h&ouml;chstwahrscheinlich sogar noch zunehmen w&uuml;rde. Deshalb entschloss ich mich zu einem radikalen Schritt. Ich trat in die CDU der DDR ein. War ich Mitglied in einer anderen Partei, so mein Gedanke, w&uuml;rden die Versuche, mich zum Eintritt in die SED zu bewegen, deutlich reduziert oder gar v&ouml;llig eingestellt werden. Auch h&auml;tte ich in m&ouml;glichen neuerlichen Gespr&auml;chen ein unschlagbares Argument an der Hand, denn ich war ja schon Mitglied einer Partei.<\/p><p>Und so ist es in der Gesellschaft wie in der Physik. Druck erzeugt einen Gegendruck, eine Kraft, die dem Druck einen gleich gro&szlig;en Widerstand entgegensetzt. Steigt der Druck weiterhin, braucht es ein Ventil, eventuell ein kleines, ungeplantes Loch, wodurch der &Uuml;berdruck entweichen kann. Gibt es dieses nicht, dann explodiert irgendwann zwangsl&auml;ufig der Kessel. Zum Schaden f&uuml;r die Allgemeinheit, die durch umherfliegende Tr&uuml;mmer des Kessels in Mitleidenschaft gezogen zu werden droht. Ein gro&szlig;er, entscheidender Teil der SED hatte 1989 erkannt, wann dieser kritische Moment erreicht war.<\/p><p>Titelbild: Paulo Jorge Alves Dias\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schule lernen wir f&uuml;rs Leben, musste ich in meiner Schulzeit immer h&ouml;ren. Doch ich verdrehte beim H&ouml;ren dieses Satzes immer wieder die Augen und fragte st&ouml;hnend, an welcher Stelle des Lebens mir denn abstrakte chemische oder physikalische Erkenntnisse helfen k&ouml;nnten. Doch weit gefehlt! 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