{"id":80546,"date":"2022-02-08T09:00:30","date_gmt":"2022-02-08T08:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80546"},"modified":"2022-02-08T11:00:43","modified_gmt":"2022-02-08T10:00:43","slug":"mehr-dynamik-durch-hoehere-loehne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80546","title":{"rendered":"Mehr Dynamik durch h\u00f6here L\u00f6hne"},"content":{"rendered":"<p>Wettbewerb gilt im allgemeinen Verst&auml;ndnis als Grundvoraussetzung f&uuml;r wirtschaftliche Entwicklung. Die Europ&auml;ische Union (EU) hat dies sogar in den vier Freiheiten des Binnenmarkts institutionalisiert. Auch in Deutschland gilt: Je mehr Wettbewerb es gibt, desto mehr wirtschaftliche Dynamik bekommen wir. <b>Patrick Kaczmarczyk<\/b> h&auml;lt dagegen: Kann man an einer solchen Denkweise tats&auml;chlich noch festhalten? Was w&auml;re, wenn wir dieses Modell von Grund auf neu denken w&uuml;rden? Ist es unserer Zeit nicht angemessen, w&auml;re es nicht n&ouml;tig, in die entgegengesetzte Richtung zu steuern? Das Gegenmodell, welches ein neues Verst&auml;ndnis von Wettbewerb mit sich bringt und wirtschaftliche Dynamik besser begreift, beruht auf der Arbeit des &ouml;sterreichischen &Ouml;konomen Joseph Schumpeter. Er argumentiert, dass eine Wirtschaftspolitik, welche eine &bdquo;Jeder gegen Jeden&ldquo;-Mentalit&auml;t n&auml;hrt, wie es in der EU der Fall ist, wirtschaftlichen Fortschritt sogar behindert. Ein Auszug aus seinem Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/kampf-der-nationen.html?listtype=search&amp;searchparam=patrick%20kaczmarczyk\">&ldquo;Kampf der Nationen&rdquo;<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\nWenn wir dar&uuml;ber sprechen, wirtschaftliche Dynamik zu aktivieren und Unternehmen zum Investieren anzuregen, m&uuml;ssen wir &uuml;ber Lohnpolitik reden. Neben einer stabilen Nachfrage ist die Lohnentwicklung n&auml;mlich auch <i>der<\/i> entscheidende Faktor zur Stabilisierung der Inflationsrate. Wenn die Preise wie wild nach oben (Inflation) oder unten (Deflation) ausschlagen, wird kein Unternehmen der Welt irgendwelche Investitionen t&auml;tigen, denn es wird schlie&szlig;lich unm&ouml;glich abzusch&auml;tzen, mit welcher Rendite das Unternehmen rechnen kann. Wie wir in folgender Abbildung sehen, ist die Entwicklung der Lohnst&uuml;ckkosten, also der L&ouml;hne im Verh&auml;ltnis zur Produktivit&auml;t, die entscheidende Determinante der Inflationsrate.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220208-Kaczmarczyk.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220208-Kaczmarczyk.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>In Deutschland ist man beim Thema Inflation intellektuell leider im Jahr 1924 stehengeblieben. Hierzulande wird Inflation immer wieder mit &raquo;Geld drucken&laquo; beziehungsweise &raquo;Staatsausgaben&laquo; in Verbindung gebracht. Es sei in dem Zusammenhang angemerkt, dass &raquo;zu viel Geld&laquo; zwar eine notwendige, aber lange noch keine hinreichende Bedingung f&uuml;r eine Inflation ist. Der &Ouml;konom Heiner Flassbeck erkl&auml;rt anschaulich, was f&uuml;r ein Denkfehler es ist, wenn man eine notwendige Bedingung kurzerhand f&uuml;r hinreichend erkl&auml;rt:<\/p><blockquote><p>&raquo;Das ist so, als ob jemand behauptet, die Ursache f&uuml;r zu schnelles Fahren und die Unf&auml;lle, die sich daraus ergeben, sei in der Tatsache begr&uuml;ndet, dass man den Fahrern ein Auto zur Verf&uuml;gung gestellt hat. Das aber wird kein vern&uuml;nftiger Mensch akzeptieren. Er wird zwar zugeben, dass die Existenz des Autos eine notwendige Bedingung f&uuml;r die Unf&auml;lle war. Er wird jedoch einwenden, dass die Existenz eines Autos nicht zwingend zu Unf&auml;llen f&uuml;hrt, so dass es regelm&auml;&szlig;ig falsch oder irrelevant ist, zu sagen, es sei die Existenz des Autos gewesen, die f&uuml;r den Unfall verantwortlich war.&laquo;<\/p><\/blockquote><p>International ist man beim Verst&auml;ndnis der Inflation mittlerweile viel weiter als in Deutschland. Weltweit hat man n&auml;mlich Abschied genommen vom Quantit&auml;tsglauben, dass die Geldmenge die Inflation bestimme, und schaut jetzt vermehrt auf die Lohnentwicklung. Ganz klar ging dies beispielsweise aus der Kommunikation der amerikanischen Federal Reserve w&auml;hrend der Coronakrise hervor. W&auml;hrend wir in Europa noch glauben, die Unabh&auml;ngigkeit der Zentralbank sei das h&ouml;chste Gut, treten Janet Yellen, die ehemalige Chefin der Federal Reserve und derzeitige Finanzministerin der USA, und der derzeitige Leiter der Fed, Jerome Powell, oft gemeinsam auf, stimmen sich aufeinander ab und spielen sich die B&auml;lle im Kongress zu. Die Rollenverteilung ist klar: Yellen und ihr Team sorgen durch Investitionsprogramme sowie eine angemessene Arbeitsmarkt- und Lohnpolitik daf&uuml;r, dass die amerikanische Volkswirtschaft schnell wieder aus dem Tal und dem damit einhergehenden Deflationsdruck kommt. Powell liefert daf&uuml;r die uneingeschr&auml;nkte Unterst&uuml;tzung der Zentralbank mit ihren grenzenlosen Ressourcen. Vor &raquo;politischen&laquo; Aussagen jedoch, wie zum Beispiel einer Antwort auf die Frage, ob die Erh&ouml;hung des Mindestlohns die Wirtschaft ruinieren werde, Hauspreise zu sehr gestiegen seien oder es eine bessere Absicherung gegen Arbeitslosigkeit br&auml;uchte, h&uuml;tet sich Powell: &raquo;Dies [sind klassische Themen], zu denen die Fed nie eine Position bezieht. Und ich werde hier heute keine Position beziehen.&laquo; Im Gegenzug versichert Yellen, dass die Fed ohne Probleme eingreifen k&ouml;nne, sollte die Inflation unerwartet anziehen.<\/p><p>Die Zusammenarbeit zwischen der Zentralbank und dem Finanzministerium w&auml;hrend der Krise war exzellent. Dabei geht der Erfolg auch auf die weitreichende Revision des geldpolitischen Ansatzes der Federal Reserve zur&uuml;ck, die im Jahr 2018 gestartet wurde. Die Zentralbank bekennt sich darin ganz entschieden zum Ziel der Vollbesch&auml;ftigung bei stabiler Inflation. Was fr&uuml;her ein Abw&auml;gen war &ndash; entweder geringe Inflation und hohe Arbeitslosigkeit oder eine hohe Inflation, aber geringe Arbeitslosigkeit &ndash;, wird nun im Hinblick auf eine ganzheitlichere Analyse der Arbeitsmarkts- und Lohnpolitik verfolgt. Selbst wenn es zwischenzeitlich zu einem &Uuml;berschie&szlig;en der Inflation &uuml;ber die 2-Prozent-Marke k&auml;me, so w&uuml;rde die Fed die Geldpolitik nicht unbedingt anziehen, sofern die Signale aus dem Arbeitsmarkt keinen Anlass zur Sorge machen. Ein solches &Uuml;berschie&szlig;en der Inflation &uuml;ber die Zielmarke hinaus w&auml;re n&auml;mlich nur kurzfristiger Natur. Langfristig kann man durch eine dem Inflationsziel und dem Produktivit&auml;tswachstum angepasste Lohnpolitik beides erreichen: niedrige, aber stabile Zuwachsraten der Preise und eine hohe Besch&auml;ftigung. Die Fed ist zur Unterst&uuml;tzung da und w&uuml;rde die Geldpolitik der Dynamik entsprechend anpassen, ohne einen etwaigen Aufschwung &uuml;ber verfr&uuml;hte Zinserh&ouml;hungen abzuw&uuml;rgen.<\/p><p>So viel Kompetenz beruhigt die M&auml;rkte. In einer turbulenten Zeit sorgte dieses abgestimmte Vorgehen zwischen dem Finanzministerium und der Zentralbank f&uuml;r klare Ansagen &ndash; und damit f&uuml;r eine gewisse Vorhersehbarkeit der Politik, was Balsam f&uuml;r die Privatwirtschaft ist. Trotz noch nie dagewesener &ouml;ffentlicher Ausgabenprogramme der Regierung gab es keinen signifikanten Anstieg der Inflationserwartungen, geschweige denn eine Hyperinflation. Vielmehr reagierten die Anleihenm&auml;rkte mit einem &raquo;Mehr&laquo;, da die Finanzm&auml;rkte beim Thema Inflation zunehmend auf die Entwicklungen der L&ouml;hne und des Arbeitsmarkts schauen. Es galt die Devise &raquo;watch new wage contracts and wages like a hawk&laquo; (&raquo;Beobachten Sie neue Arbeitsvertr&auml;ge und L&ouml;hne wie ein Falke&laquo;).<sup> <\/sup><\/p><p>Die Fed begann erst gegen Ende des Jahres 2021 damit, bei ihrem &raquo;Taper&laquo; &ndash; das hei&szlig;t, der Straffung ihrer Geldpolitik &ndash; ernst zu machen. Es wurde n&auml;mlich ersichtlich, dass die L&ouml;hne stark anzogen und somit eine Lohn-Preis-Spirale droht. In Europa waren die Lohnabschl&uuml;sse jedoch moderat. Und auch hier haben wir mittlerweile eine Zentralbank, die nicht mehr tragbare Dogmen ad acta gelegt hat. Kaum jemand w&uuml;rde hier im Kollegium ernst genommen werden, wenn er die Gleichung &raquo;Viel Geld = Inflation&laquo; aus einer verstaubten Mottenkiste im Keller der EZB wieder ausgraben w&uuml;rde. Auch in Frankfurt r&uuml;ckt die Rolle der L&ouml;hne immer mehr ins Zentrum der Inflationsanalyse. Die EZB kam so 2019 in einer Studie beispielsweise zu dem Schluss, dass &raquo;theoretische Modelle in der Regel nicht in Frage stellen, dass auf lange Sicht Arbeitskosteninflation und Preisinflation eng miteinander verbunden sind&laquo;.  Auch beim Internationalen W&auml;hrungsfonds (IWF) geh&ouml;rt dieser Zusammenhang zum Basiswissen, sodass der IWF einigen L&auml;ndern, wie beispielsweise Japan, welches seit Jahrzehnten mit einer Deflation k&auml;mpft, empfiehlt, die Lohnpolitik zu nutzen, um eine niedrige, aber stabile Inflationsrate zu generieren. Die Formel dabei ist denkbar einfach und wird allgemein als &raquo;goldene Lohnregel&laquo; bezeichnet: Die nominalen L&ouml;hne m&uuml;ssen um den Betrag steigen, der der Zielinflationsrate und dem erwarteten Zuwachs der Produktivit&auml;t entspricht. Bei einem Produktivit&auml;tswachstum von 3 Prozent und einer Zielinflationsrate von 2 Prozent hie&szlig;e das, dass die nominalen L&ouml;hne, also das, was Sie als Arbeitnehmer am Ende auf Ihrem Konto erhalten, um 5 Prozent zulegen m&uuml;ssen.<\/p><p>Titelbild: Song_about_summer\/shutterstock.com<\/p><p><i>Buchtipp: Patrick Kaczmarczyk: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/kampf-der-nationen.html?listtype=search&amp;searchparam=patrick%20kaczmarczyk\">&ldquo;Kampf der Nationen. Wie der wirtschaftliche Wettbewerb unsere Zukunft zerst&ouml;rt&rdquo;<\/a>, Westend Verlag, 7.2.2022 <\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wettbewerb gilt im allgemeinen Verst&auml;ndnis als Grundvoraussetzung f&uuml;r wirtschaftliche Entwicklung. Die Europ&auml;ische Union (EU) hat dies sogar in den vier Freiheiten des Binnenmarkts institutionalisiert. Auch in Deutschland gilt: Je mehr Wettbewerb es gibt, desto mehr wirtschaftliche Dynamik bekommen wir. <b>Patrick Kaczmarczyk<\/b> h&auml;lt dagegen: Kann man an einer solchen Denkweise tats&auml;chlich noch festhalten? 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