{"id":8058,"date":"2011-01-20T09:36:43","date_gmt":"2011-01-20T08:36:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8058"},"modified":"2011-01-20T09:36:43","modified_gmt":"2011-01-20T08:36:43","slug":"spd-fortschrittsprogramm-kaum-ein-fortschritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8058","title":{"rendered":"SPD-Fortschrittsprogramm \u2013 Kaum ein Fortschritt"},"content":{"rendered":"<p>Die Autoren des Entwurfs f&uuml;r ein <a href=\"http:\/\/pix.sueddeutsche.de\/app\/flash\/pdf\/entwurf_fortschrittsprogramm.pdf\">SPD-Fortschrittsprogramms [PDF &ndash; 424 KB]<\/a> h&auml;tten sich viele Seiten sparen k&ouml;nnen, wenn sie den Wurf eines alternativen Welt- und Menschenbilds zum vorherrschenden (neoliberalen) Weltbild gewagt h&auml;tten. Dazu vor allem noch ein wirtschaftspolitisches Gegenkonzept zu dem von der einzelwirtschaftlichen Unternehmerlogik bestimmten und getriebenen herrschenden Dogma skizziert h&auml;tten. Damit h&auml;tten sie vielleicht eine &ouml;ffentliche Debatte zwischen einem konservativen und einem fortschrittlichen Gesellschaftsentwurf ansto&szlig;en k&ouml;nnen.  Im vorliegenden Entwurf unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Neuer Fortschritt und mehr Demokratie.&ldquo; wird stattdessen auf 43 Seiten viel richtige Kritik an den untragbaren Zust&auml;nden auf zentralen Politikfeldern ge&uuml;bt, ohne dass ausgesprochen wird, wie und warum es dazu gekommen ist und wie einen Wende herbeigef&uuml;hrt werden k&ouml;nnte. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nMan h&auml;tte so etwas wie eine neue &bdquo;geistig-moralische Wende&ldquo; beschreiben k&ouml;nnen. Stattdessen irrlichtert der Entwurf zwischen massiver und richtiger Anklage der bestehenden Zust&auml;nde, der Rechtfertigung sozialdemokratischer Politikverantwortung und vielfach detailbesessener, oftmals technokratischer L&ouml;sungsvorschl&auml;ge. Die Forderungen sollen einerseits Sachkompetenz vorspiegeln, weisen aber &ndash; wie etwa das Konzept der &bdquo;B&uuml;rgerversicherung&ldquo;, die &bdquo;einheitliche Qualit&auml;tsstandards f&uuml;r die medizinische und pflegerische Versorgung f&uuml;r alle Versicherten gleicherma&szlig;en&ldquo; schaffen soll &ndash; noch erheblichen Kl&auml;rungsbedarf auf. Bis auf die Bildungspolitik, wo immerhin &bdquo;ein bitteres Resultat&ldquo; &bdquo;auch f&uuml;r Sozialdemokraten&ldquo; einger&auml;umt wird, unterstellt das Papier als h&auml;tte die sozialdemokratische &bdquo;Reformpolitik&ldquo; alles richtig gemacht und als sei &bdquo;es&ldquo; wie ein Ungl&uuml;ck &uuml;ber uns gekommen, dass &bdquo;<strong>sich<\/strong>&ldquo; &bdquo;f&uuml;r wachsende Gruppen der Gesellschaft &hellip; das mit dem Fortschrittsverst&auml;ndnis verbundene Aufstiegsversprechen nicht mehr&ldquo; einl&ouml;st. (S. 3)<\/p><p>Das Papier versucht einen Spagat zwischen der kritischen Analyse der realen Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte und dem Selbstlob des eigenen politischen Handelns. Dieses Auseinanderklaffen von Kritik und Verantwortung f&uuml;r das Kritisierte durchzieht den gesamten Programmentwurf und nimmt vielen guten Vorschl&auml;gen f&uuml;r die Zukunft viel von ihrer Glaubw&uuml;rdigkeit. <\/p><p>Da wird z.B. kritisch angemerkt: &bdquo;Bew&auml;hrte soziale Solidarit&auml;tsmechanismen werden als Standortdefizit im internationalen Wettbewerb denunziert.&ldquo; Klingt einem dabei aber nicht noch die r&ouml;hrende Stimme von Gerhard Schr&ouml;der bei der Ank&uuml;ndigung der &bdquo;Agenda 2010&ldquo; vom M&auml;rz 2003 im Ohr? Originalton Schr&ouml;der <em>&bdquo;Die Struktur unserer Sozialsysteme ist seit 50&nbsp;Jahren praktisch unver&auml;n&shy;dert geblieben. An manchen Stellen, etwa bei der Belastung der Arbeitskosten, f&uuml;hren Instrumente der sozialen Sicherheit heute sogar zu Ungerechtigkeiten. Zwischen 1982 und 1998 sind allein die Lohnnebenkosten von 34 auf fast 42&nbsp;Prozent gestiegen.<br>\nDaraus ergibt sich nur eine Konsequenz: Der Umbau des Sozialstaates und seine Erneuerung <a href=\"http:\/\/archiv.bundesregierung.de\/bpaexport\/regierungserklaerung\/79\/472179\/multi.htm\">sind unabweisbar geworden<\/a>.&ldquo;<\/em><\/p><p>An vielen Stellen findet sich ein eindeutiges Bekenntnis zum Sozialstaat: <em>&bdquo;Der Sozialstaat ist die wichtigste zivilisatorische Leistung des 20. Jahrhunderts. Er ist die Grundlage einer sozialen Demokratie &hellip; Angesichts der sozialen Schieflage in unserem Land brauchen wir einen Kurswechsel.&ldquo;<\/em> (S. 20) Von einem R&uuml;ckbau des von Schr&ouml;der angek&uuml;ndigten und vollzogenen &bdquo;Umbaus des Sozialstaates&ldquo; ist allerdings nirgendwo in dem Papier die Rede. <\/p><p>Wir halten <em>&bdquo;an der parit&auml;tischen Finanzierung unserer Sozialsysteme fest&ldquo;<\/em>. (S. 22) Wurde aber die parit&auml;tische Finanzierung der Altersvorsorge nicht gerade auch von der SPD aufgek&uuml;ndigt? Etwa mit der Einf&uuml;hrung der ausschlie&szlig;lich aus den Beitr&auml;gen der Arbeitnehmer finanzierten kapitalgedeckten Riester-Rente oder  mit den schon von der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt eingef&uuml;hrten &bdquo;Zusatzbeitr&auml;ge&ldquo; bei der Finanzierung der Krankenversicherungen, die einseitig von den Versicherten zu leisten sind?<\/p><p>Auf solche Widerspr&uuml;che zwischen dem eigenen politischen Handeln in der Vergangenheit und Bekenntnissen f&uuml;r die Zukunft st&ouml;&szlig;t man auf fast allen in diesem Entwurf abgehandelten Feldern. So hei&szlig;t es etwa: <em>&bdquo;Es bleibt vieles zu tun, um den Banken ihre eigentliche dienende Funktion zur&uuml;ck zu geben, d. h. die Sammlung von Kapital und die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten.&ldquo;<\/em> Ja, richtig, m&ouml;chte man zustimmen, aber <a href=\"?p=3692\">kein einziges der vielen Gesetze<\/a>, die unter Hans Eichel und Peer Steinbr&uuml;ck zur Deregulierung der Finanzm&auml;rkte und damit zur Dominanz des Investmenbankings und damit auch der Spekulation in Kraft gesetzt wurden, wird in dem Papier in Frage gestellt. Da wird noch nicht einmal der von Franz M&uuml;ntefering einst angek&uuml;ndigte Kampf gegen die &bdquo;Heuschrecken&ldquo; aufgenommen. Stattdessen wird die vielfach auch schon von der Bundesregierung (zumindest angek&uuml;ndigte) magere Kost geboten: h&ouml;here Eigenkapitalquoten (aber nat&uuml;rlich mit angemessenen Fristen f&uuml;r die Anpassung), sch&auml;rfere Regulierung hochspekulativer Produkte, effektivere Aufsicht &uuml;ber Rating-Agenturen, transparentere Bilanzregeln<br>\nFinanztransaktionssteuer oder ein echter (!) von den Banken finanzierter Sicherungsfonds. Immerhin wird noch eine Trennung von Gesch&auml;fts- und Investment-Banken gefordert. <\/p><p>Man k&ouml;nnte an noch vielen anderen Stellen geradezu eine Blockade gegen eine Korrektur eigener Fehler nachweisen. Diese Abwehr einer Fehleranalyse ist schon deswegen geradezu grotesk, weil man so tut als habe es seit 2003 nicht zahllose Korrekturen z.B. bei den Hartz-Reformen gegeben. Von Hartz I bis III etwa redet heute kaum noch jemand, vom &bdquo;Job-Floater&ldquo;, von den Personal Service Agenturen (PSA), von der Ich-AG oder wie die technokratischen Instrumente alle hie&szlig;en, spricht heute kein Mensch mehr. Sie haben sich entweder als Flop erwiesen oder sind still und heimlich ausgelaufen. Und die unter der Mitverantwortung von sozialdemokratischen Ministern festgelegten Hartz-IV-Regels&auml;tze sind schlie&szlig;lich vom Bundesverfassungsgericht gestoppt worden. W&auml;ren die Sozialdemokraten fr&uuml;her umgeschwenkt h&auml;tten sie es jetzt auch leichter im derzeit tagenden Vermittlungsausschuss ihre Forderungen anzumelden.<\/p><p>Was fehlt, ist vor allem ein fortschrittliches wirtschaftspolitisches Gegenkonzept zum herrschenden Kurs. Da wird in dem Papier zurecht kritisiert, dass &bdquo;geringe L&ouml;hne und niedrige Steuern&hellip;nicht automatisch zu mehr Investitionen in Deutschland&ldquo; f&uuml;hrten und stattdessen <em>&bdquo;Milliardengewinne in weltweite riskante Finanzmarkt- und Immobilienspekulationen&ldquo;<\/em> flossen (S. 11). Wachstum d&uuml;rfe nicht l&auml;nger prim&auml;r auf &Uuml;bersch&uuml;sse im Au&szlig;enhandel gr&uuml;nden, sondern man m&uuml;sse die hohen Exporte durch eine h&ouml;here Binnennachfrage ausbalancieren. (S. 13) Aber statt einen Vorschlag zu machen, wie man die Binnennachfrage steigern k&ouml;nnte (etwa durch die Forderung nach der Einhaltung der Lohnregel (Inflation plus Produktivit&auml;tsgewinn)) schwenkt das Papier sofort wieder auf das angebotsorientierte Dogma ein, wonach man die Kaufkraft der Massen gar nicht braucht, weil vor allem die Unternehmen durch ihre Investitionen f&uuml;r Binnenkonsum und Wachstum sorgen. <\/p><p>Es wird zwar eingestanden, dass <em>&bdquo;trotz der erheblichen Steuersenkungen f&uuml;r Unternehmen und trotz der ma&szlig;vollen Lohnanhebungen, die zu einer sp&uuml;rbaren Umverteilung zugunsten der Gewinneinkommen f&uuml;hrte, &hellip; die Investitionsquote nicht h&ouml;her als in fr&uuml;heren Jahrzehnten&ldquo;<\/em> war, aber &ndash; so als habe man aus dieser Erfahrung nichts gelernt &ndash; der angebots&ouml;konomische Kurs wird munter weitergefahren. So hei&szlig;t es da: <em>&bdquo;Wir brauchen einen Investitionsaufschwung. Daf&uuml;r brauchen wir eine Wirtschaftspolitik, die Investitionen sowohl seitens des Staates als auch von Privaten konsequent f&ouml;rdert. Nur so kann Deutschland dem fortw&auml;hrenden Druck auf L&ouml;hne und Gewinne begegnen.&ldquo;<\/em> (S. 14) Deshalb m&uuml;ssten <em>&bdquo;gezielte steuerliche Anreize f&uuml;r Investitionen gegeben werden&ldquo;<\/em>. (S. 14) <\/p><p>Die SPD zieht also keine Konsequenz aus der in dem Entwurf selbst beschriebenen Erfahrung, dass <em>&bdquo;eine Wirtschaftspolitik der Umverteilung zugunsten der Unternehmen und pauschale Steuervorteile &hellip; noch keinen Investitionsschub&ldquo;<\/em> (S. 14) bewirken, sie will in Zukunft die Steuervorteile nur gezielter einsetzen. Damit bleibt sie der herrschenden &ouml;konomischen Lehre verhaftet und bietet keine wirtschaftspolitische Alternative. Sie will es nur etwas besser machen als die Konservativen. Aber gerade weil sie aus dem Scheitern einer auf die simple Unternehmenslogik ausgerichteten Lehre offenbar nichts lernen will, d&uuml;rfte ihr kein neues Vertrauen in ihre wirtschaftspolitische Kompetenz entgegengebracht werden. Die Erfahrung des Scheiterns dieser angebotsorientierten Politik haben n&auml;mlich die Arbeitnehmer schlie&szlig;lich in den letzten Jahrzehnten auch gemacht und durch einen Blick in ihren Geldbeutel best&auml;tigt finden k&ouml;nnen. <\/p><p>In meiner bisherigen Analyse des Papiers habe ich den gleichen Fehler gemacht, wie die Autoren selbst: Wo es eigentlich doch um einen neuen Fortschrittsbegriff gehen sollte, hat man den Fortschritt mit den Vorschl&auml;gen auf verschiedenen Politikfeldern gleichgesetzt. Oder kurz gesagt: Fortschritt ist das, was wir wollen. <\/p><p>Ob damit aber ein neu zu gebendes Fortschrittsversprechen glaubw&uuml;rdiger wird, darf bezweifelt werden. Zumal bei diesem Versprechen die gleichen Ungereimtheiten auftauchen, wie bei dem Spagat zwischen der Kritik an den obwaltenden Zust&auml;nden und dem Selbstlob.<\/p><p>Da wird einleitend gesagt: <em>&bdquo;Fortschritt war f&uuml;r Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten immer ein gesellschaftlicher Fortschritt: zu mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit und mehr Solidarit&auml;t.&ldquo;<\/em> Dann wird behauptet, dieses alte Fortschrittsmodell sei <em>&bdquo;br&uuml;chig&ldquo;<\/em> geworden, denn der Fortschritt, den wir erlebten, sei entkoppelt &ndash; von der Verbesserung von Lebensqualit&auml;t und Einkommen und der Sicherung von Nachhaltigkeit und Mitsprache. Man k&ouml;nnte allerdings auch genau umgekehrt sagen, dieses alte Fortschrittsbild ist deshalb br&uuml;chig geworden, weil es aufgegeben worden ist &ndash; und zwar gerade auch w&auml;hrend der Zeit sozialdemokratischer Regierungsbeteiligung. <\/p><p>Sozusagen zur Selbstverteidigung wird angef&uuml;hrt, dass sich <em>&bdquo;in den letzten Jahrzehnten &hellip; neoliberale und marktradikale Ideen &uuml;berall auf der Welt verbreitet und die politische Praxis gepr&auml;gt&ldquo;<\/em> h&auml;tten. Es wird also wiederum so getan, als seien uns diese Ideen sozusagen von au&szlig;en aufgezwungen worden. Man tut also gerade so, als h&auml;tten etwa Tony Blair und Gerhard Schr&ouml;der nichts damit zu tun, dass diese Art von &bdquo;Fortschritt&ldquo; <em>&bdquo;Verunsicherung statt Hoffnung&ldquo;<\/em> gebracht hat, dass sich dieser Fortschritt <em>&bdquo;den wir erleben&ldquo;<\/em> <em>&bdquo;von der Verbesserung von Lebensqualit&auml;t und Einkommen&ldquo;<\/em> etc. entkoppelt hat. <\/p><p>Da wird richtig beschrieben: <em>&bdquo;Wo der Fortschritt keine Hoffnung, keinen Wohlstand f&uuml;r alle, nicht mehr Lebensqualit&auml;t und Teilhabe erm&ouml;glicht, brechen Demokratie- und Fortschrittskonflikte aus. Fortschritt heute ist eine Erfahrung der Ambivalenz. Der Mensch ist zu einem Spielball von M&auml;rkten, technokratischen Notwendigkeiten und vermeintlichen Sachzw&auml;ngen geworden. Der Mensch f&uuml;hlt sich allein gelassen. Er sieht sich einer Gesellschaft gegen&uuml;ber, in der anonyme Prozesse und Akteure regieren. Das Argument des Sachzwangs ist zur Zwangsjacke geworden. In solch einem Klima k&ouml;nnen Zuversicht, Sicherheit, Engagement und neue Ideen nicht entstehen. Die Tatsache, dass das alte Fortschrittsmodell offensichtlich an Grenzen st&ouml;&szlig;t, ist f&uuml;r manche sogar Anlass, alle Hoffnung auf weiteren Fortschritt aufzugeben. Nicht wenige halten gar das Ende von Demokratie und Sozialstaatlichkeit f&uuml;r gekommen.&ldquo;<\/em><\/p><p>Statt nun danach zu fragen, warum sich <em>&bdquo;f&uuml;r wachsende Gruppen der Gesellschaft das mit dem Fortschrittsverst&auml;ndnis verbundene Aufstiegsversprechen&ldquo;<\/em> nicht mehr einl&ouml;st und warum <em>&bdquo;die Reformversprechen der wirtschaftlichen und politischen Eliten &hellip; f&uuml;r viele Menschen&ldquo;<\/em> sich als <em>&bdquo;leer&ldquo;<\/em> erwiesen, wird in dem Entwurf die Schuld nicht etwa in der Politik sondern bei den Verunsicherten und Entt&auml;uschten gesucht. Sie fl&uuml;chteten sich in ein <em>&bdquo;Muster&ldquo;<\/em> von <em>&bdquo;Angst und Pessimismus&ldquo;<\/em>, sie verharrten in einer <em>&bdquo;skeptischen Grundhaltung gegen&uuml;ber der politischen Gestaltungskraft von Fortschritts- und Ver&auml;nderungsprozessen&ldquo;<\/em>. In einem Klima der Verunsicherung wachse der Wunsch nach Sicherheit und die die Menschen klammerten sich an das Vertraute. (S. 5) &Auml;ngste, Verunsicherung, Skepsis gegen&uuml;ber dem in der letzten Epoche erfahrenen &bdquo;Fortschritt&ldquo; werden also nicht auf die erfahrbare Realit&auml;t zur&uuml;ckgef&uuml;hrt, sondern als psychologisches Ph&auml;nomen abgestempelt, ja noch mehr: Menschen die sich gegen solcherart <em>&bdquo;Fortschritts- und Ver&auml;nderungsprozesse&ldquo;<\/em> stemmen werden als konservative Kleinb&uuml;rger, die sich ans Vertraute klammern, abgetan. Es herrsche <em>&bdquo;zunehmend eine pauschale Fortschrittskritik vor, die sich inzwischen mehr kultur- und zivilisationskritischer als sozio&ouml;konomischer Argumente bedient&ldquo;<\/em> (S. 4).<\/p><p><em>&bdquo;Die f&uuml;r eine dynamische, wirtschaftlich und sozial erfolgreiche Gesellschaft unverzichtbaren Projekte und Ver&auml;nderungen werden immer seltener die Zustimmung der Bev&ouml;lkerung finden, wenn es bei dieser skeptischen Grundhaltung gegen&uuml;ber der politischen Gestaltungskraft von Fortschritts- und Ver&auml;nderungsprozessen bleibt.&ldquo;<\/em> (S. 5) Die Frage ist doch aber gerade, was sind die &bdquo;unverzichtbaren Projekte&ldquo;. Ist Stuttgart 21 &bdquo;unverzichtbar&ldquo;, ist eine CO2-Pipeline durch dicht besiedeltes Gebiet &bdquo;unverzichtbar&ldquo;, ist Hartz &bdquo;unverzichtbar&ldquo; usw.?<\/p><p>Die Renitenz des Volks dieses &bdquo;L&uuml;mmels&ldquo; (Heinrich Heine) <em>&bdquo;gegen&uuml;ber der politischen Gestaltungskraft (?) von Fortschritts- und Ver&auml;nderungsprozesen&ldquo;<\/em> wird also nicht mehr &ndash; wie einst bei Schr&ouml;der &ndash; als &bdquo;Vermittlungsproblem&ldquo; der Politik gegen&uuml;ber der Mehrheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger verstanden, sondern dieses Aufbegehren wird als Pessimismus, also als eine psychische Deformation der Aufbegehrenden behandelt. Als ginge es nur darum, eine Therapie zu entwickeln, diesen Pessimismus abzubauen. <\/p><p>Das Therapiekonzept ist einfach: Die Skeptiker sollten sich einfach nur an der psychischen Verfasstheit von Sozialdemokraten orientieren: <em>&bdquo;Wir Sozialdemokraten teilen einen solchen Pessimismus nicht. Wir halten auch weiterhin gesellschaftlichen Fortschritt f&uuml;r notwendig und m&ouml;glich &ndash; national wie europaweit und international. Unsere Gesellschaft bleibt gestaltbar und nichts ist vorherbestimmt. Die Zukunft ist offen.&ldquo;<\/em> Eine sozialdemokratische Frohschar soll also den weit verbreiteten Pessimismus vertreiben. <\/p><p>Mehr als diesen spr&uuml;henden Optimismus und sozialdemokratische Politikvorschl&auml;ge zu verbreiten leistet dieser Entwurf f&uuml;r einen neuen Fortschrittsbegriff nicht. <\/p><p>Letztlich entpuppt sich der neue Fortschrittsbegriff nach viel Wortgeklingel als der alte, angeblich br&uuml;chig gewordene: <em>&bdquo;Gemeinsam mit Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in Europa und anderen Teilen der Welt treten wir f&uuml;r eine Politik ein, die sich erneut einen umfassenden gesellschaftlichen Fortschritt zum Ziel setzt: f&uuml;r mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit und mehr Solidarit&auml;t.&ldquo;<\/em> (S. 6)<\/p><p>Und wie die Alten sungen, wird dann noch Ludwig Erhards <em>&bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo;<\/em> und Willy Brandts <em>&bdquo;mehr Demokratie wagen&ldquo;<\/em> (S. 11) hintereinander gereiht und schon hat man &bdquo;neuen Fortschritt&ldquo;. <\/p><p>Wo bleibt das Positive? Viele der kritischen Beschreibungen des Arbeitsmarktes, des Niedrigsteuerlands Deutschland, der Umverteilung von unten nach oben, der Misere der Bildungs- und Ausbildungssituation sind richtig. Auch vielen einzelnen Vorschl&auml;gen m&ouml;chte man gerne folgen und auf ihre politische Verwirklichung hoffen. Was aber das Papier nicht schafft, das ist an einen neuen Fortschritt zu glauben, der die Werte des alten sozialdemokratischen Fortschrittsversprechens wieder in die praktische Politik umzusetzen vermag. <\/p><p>Diese Zweifel sind deswegen angebracht, weil das Papier so viele Widerspr&uuml;che in sich birgt. Und diese Widerspr&uuml;che spiegeln nur wieder, dass die Schnittmenge der Ziele, &uuml;ber die man sich innerhalb der Sozialdemokratie derzeit verst&auml;ndigen kann, so klein ist, dass jedenfalls aus diesem Entwurf f&uuml;r einen &bdquo;neuen Fortschritt&ldquo; kein allzu gro&szlig;es Vertrauen in ein neues Fortschrittsversprechen gedeihen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Autoren des Entwurfs f&uuml;r ein <a href=\"http:\/\/pix.sueddeutsche.de\/app\/flash\/pdf\/entwurf_fortschrittsprogramm.pdf\">SPD-Fortschrittsprogramms [PDF &ndash; 424 KB]<\/a> h&auml;tten sich viele Seiten sparen k&ouml;nnen, wenn sie den Wurf eines alternativen Welt- und Menschenbilds zum vorherrschenden (neoliberalen) Weltbild gewagt h&auml;tten. Dazu vor allem noch ein wirtschaftspolitisches Gegenkonzept zu dem von der einzelwirtschaftlichen Unternehmerlogik bestimmten und getriebenen herrschenden Dogma skizziert h&auml;tten. 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