{"id":8061,"date":"2011-01-20T10:01:18","date_gmt":"2011-01-20T09:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8061"},"modified":"2014-07-28T12:07:06","modified_gmt":"2014-07-28T10:07:06","slug":"drei-zerstoererische-jahrzehnte-liegen-hinter-uns-es-reicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8061","title":{"rendered":"Drei zerst\u00f6rerische Jahrzehnte liegen hinter uns. Es reicht."},"content":{"rendered":"<p>Der Jahreswechsel war und ist eine Gelegenheit, ein bisschen zur&uuml;ck zu blicken. Gesellschaftspolitisch betrachtet waren die letzten drei Jahrzehnte ziemlich miserabel, nicht nur verlorene Jahrzehnte. Sie waren gepr&auml;gt von Zerst&ouml;rung. Sie ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Teil einer ideologischen Erneuerung. Mein kleiner R&uuml;ckblick soll zum Weiterdenken ansto&szlig;en. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nAls im September 1973 General Pinochet in Chile die Macht &uuml;bernahm und der gew&auml;hlte Pr&auml;sident Allende ermordet wurde, haben die demokratischen und fortschrittlichen Kr&auml;fte in Deutschland und weltweit protestiert. Nur wenigen von uns war jedoch bewusst, dass dies zugleich der Beginn eines gesellschaftspolitischen Experimentes der neoliberalen Ideologie sein w&uuml;rde. Auch ich habe diese Zusammenh&auml;nge erst sp&auml;ter durchschaut. Im Buch &bdquo;Meinungsmache&ldquo; ist diese gesellschaftspolitische chilenische Wende skizziert. Siehe Auszug in Anlage 1.<\/p><p>Auch bei uns zeichnete sich die gesellschaftspolitische und wirtschaftspolitische Wende in den siebziger Jahren schon ab. Mit der politischen Wende hin zu Schwarz-gelb und Helmut Kohl im September\/Oktober 1982 wurde dies auch politisch bewerkstelligt. Helmut Kohl hat die Wende sch&ouml;n verbr&auml;mt. Er sprach von &bdquo;geistig moralischer Erneuerung&ldquo;. Die Inhalte dieser Erneuerung wurden wesentlich von seinem Parteifreund Hans Tietmeyer und dessen damaligen Chef, dem Wirtschaftspolitiker der FDP, Otto Graf Lambsdorff bestimmt. Im September 1982 pr&auml;sentierte Lambsdorff noch zu Zeiten der sozialliberalen Koalition dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt sein Lambsdorff Papier. (Wolfgang Lieb hat in einem Beitrag f&uuml;r die Nachdenkseiten <a href=\"?p=346\">die Inhalte beschrieben<\/a>. Dort finden Sie auch einen Link auf das Originalpapier.)<\/p><p><strong>Das Zerst&ouml;rungswerk<\/strong><\/p><p>Damals wurden Ver&auml;nderungen eingeleitet, deren Folgen wir bis heute sp&uuml;ren. In Stichworten:<\/p><ol>\n<li>Die Sozialstaatlichkeit unseres Landes wurde de facto infrage gestellt. Die meinungsf&uuml;hrenden Kr&auml;fte waren nicht mehr stolz auf ein enges soziales Netz und soziale Sicherheit. <strong>Soziale Unsicherheit<\/strong> wurde unausgesprochen zur &ouml;konomischen Triebfeder. Die Parolen: Flexibilisierung, Deregulierung, Minijobs, unsichere Arbeitsverh&auml;ltnisse.<\/li>\n<li>Das <strong>Ende der Verantwortung f&uuml;r die Besch&auml;ftigung<\/strong>, stattdessen Harz IV etc.. Im &ldquo;Gesetz zur F&ouml;rderung der Stabilit&auml;t und des Wachstums der Wirtschaft&ldquo; vom 8. Juni 1967 war als Ziel ein hoher Besch&auml;ftigungsstand festgelegt worden. Schon in den siebziger Jahren wurde der R&uuml;ckzug des Staates aus der Besch&auml;ftigungs- und Konjunkturpolitik eingeleitet &ndash; nicht zu aller erst von der damaligen Bundesregierung, sondern von der Deutschen Bundesbank. Damals begleitet von einem Feuerwerk an Propaganda gegen Konjunkturprogramme. Sichtbares Zeichen des Streits war eine Debatte vom Oktober 1972 &uuml;ber die Aussage des damaligen Superminister Schmidt, 5 % Arbeitslosigkeit seien schwerer zu ertragen als 5 % Preissteigerung. Immerhin konnte man damals noch in den realen Kategorien von Arbeitslosigkeit denken und nicht allein in monet&auml;ren Vorstellungen. In der Tat sind 5 % Preissteigerungen leichter zu ertragen als eine &auml;hnlich hohe Arbeitslosigkeit. In den vergangenen 30-40 Jahren sind uns die Gedanken an die Realit&auml;t von Menschen und Familien abhanden gekommen; die Mehrheit der Meinungsmacher und Entscheidungsfinder glaubt ernsthaft, die Vermeidung einer leichten Preissteigerung sei wichtiger als die Vermeidung von Arbeitslosigkeit. &ndash; Das war die Begleitmusik zur Vernachl&auml;ssigung der Besch&auml;ftigungspolitik und zum Aufbau einer Reservearmee von arbeitslosen und unterbesch&auml;ftigten Menschen.\n<p>Die Zerst&ouml;rung des ernsthaften Bem&uuml;hens um Besch&auml;ftigung hatte nachhaltige, zerst&ouml;rerische Folgen: die Reservearmee war die Basis der Verschiebung der Einkommensverteilung zulasten der Lohnabh&auml;ngigen; sie war die Basis des Aufbaus eines Niedriglohnsektors und der Leiharbeit und von ungesicherten Arbeitsverh&auml;ltnissen.<\/p>\n<p>Auch in manchen sich fortschrittlich d&uuml;nkenden Kreisen wird die Abkehr von einer aktiven Besch&auml;ftigungspolitik nicht als gravierend betrachtet. Auch in manchen dieser Kreise wird im Verlust der Vollbesch&auml;ftigung in den siebziger Jahren eine nicht vermeidbare Entwicklung gesehen &ndash; strukturell sozusagen. Es wird nicht erkannt, dass dies auf neoliberaler Seite eine bewusste Planung war.<\/p>\n<p>An die Stelle der Besch&auml;ftigungspolitik ist die Verwaltung der Arbeitslosigkeit getreten: ALG 2, Hartz IV, Arbeitsagenturen, ihre &bdquo;Kunden&ldquo; &ndash; alles in Beton gegossen und in Apparaten durchstrukturiert. Aus der Sicht eines im Jahre 1970 lebenden und die &Uuml;berwindung der Rezession von 1966\/67 wahrnehmenden Zeitgenossen ist die Transformation der Arbeits&auml;mter in Arbeitsagenturen und die Einrichtung dieser gesamten Apparatur wie ein absurdes Theater. Wenn man nur halb so viel Energie und Geld auf die Besch&auml;ftigungspolitik verwendet h&auml;tte, w&auml;re die Arbeitslosigkeit wirklich abgebaut worden. Stattdessen haben wir jetzt eine Heerschar von Verwaltern der Arbeitslosigkeit und eine Heerschar von Manipulateuren, die die Arbeitslosenstatistik f&auml;lschen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Entstaatlichung.<\/strong> Dem Staat wurden durch eine entsprechende Steuerpolitik systematisch die notwendigen Mittel entzogen.  Heute fehlt es an wichtigen &ouml;ffentlichen Leistungen. <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,736871,00.html\">&bdquo;Kommunen warnen vor dem Kollaps&ldquo;<\/a> hie&szlig; es bei Spiegel Online zur Jahreswende. Die Verschlankung des Staates wird als Hebel benutzt, um anderes durchzusetzen: Zum Beispiel eine Schuldenbremse, die in eine Spirale der &ouml;ffentlichen Versorgung nach unten f&uuml;hrt. Zum Beispiel hilft das Aushungern der &ouml;ffentlichen H&auml;nde bei der Durchsetzung von Privatisierungen.<\/li>\n<li><strong>Privatisierung.<\/strong> Viele &ouml;ffentliche Unternehmen wurden privatisiert &ndash; die Bundesdruckerei, die Telekom, die Deutsche Post AG, die Postbank, die Autobahnrastst&auml;tten, eine Reihe von Energieversorgern, Stadtwerken, Wasserwerken und Entsorgungsunternehmen. Bei anderen haben die &ouml;ffentlichen H&auml;nde zwar nicht das Eigentum aufgegeben, daf&uuml;r aber das Eigentumsrecht zur F&uuml;hrung dieser Unternehmen. Typisches Beispiel: die Deutsche Bahn. Sie wurde den ernannten Vorst&auml;nden und den im Aufsichtsrat herrschenden Wirtschaftsf&uuml;hrern &uuml;berlassen, ohne Wahrnehmung der &ouml;ffentlichen Verantwortung. Bei der Privatisierung der Kliniken k&ouml;nnen wir die zerst&ouml;rerische und die &ouml;konomisch belastende Wirkung studieren. Sie sind teuer. Die Kapitaleigner verlangen hohe Renditen.<\/li>\n<li><strong>Ungerechte Verteilung der Einkommen und Verm&ouml;gen.<\/strong> Die Einkommensverteilung und Verm&ouml;gensverteilung in Deutschland war nie ideal. Sie war immer massiv verbesserungsbed&uuml;rftig. Aber sie war besser als heute. Die Lohnquote, also der Anteil der L&ouml;hne am Volkseinkommen lag am Ende der Regierungszeit Brandts bei 71,4 %, 2007 bei 62,3 %. Daran hat sich seitdem nichts verbessert.\n<p><strong>Lohnquote:<\/strong><br>\n(bereinigte Lohnquote Westdeutschland = Anteil der Arbeitnehmereinkommen am BIP)<\/p>\n<ul>\n<li>zu Beginn der Regierung Brandt: 66,9 Prozent<\/li>\n<li>am Ende der Regierung Brandt: 71,4 Prozent<\/li>\n<li>am Ende der Regierung Schmidt: 69,8 Prozent<\/li>\n<li>am Ende der Regierung Kohl: 65 Prozent<\/li>\n<li>am Ende der Regierung Schr&ouml;der: 63,5 Prozent<\/li>\n<li>Regierung Angela Merkel 2007: 62,3 Prozent<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><strong>Entsolidarisierung und Spaltung der Gesellschaft<\/strong><\/li>\n<li><strong>Spekulanten sind top, Spekulation wird als etwas nicht-anst&ouml;&szlig;iges betrachtet, das Finanzcasino als eine Selbstverst&auml;ndlichkeit.<\/strong><br>\nWie sehr sich dies ge&auml;ndert hat, kann man beispielhaft daran ermessen, dass es noch zu Beginn der siebziger Jahre selbstverst&auml;ndlich war, dass ein Gro&szlig;teil der politisch meinungsf&uuml;hrenden Zeitgenossen gegen Bodenspekulationen angingen und daf&uuml;r Programme entwarfen, wie etwa eine Wertzuwachssteuer. Heute ist in den herrschenden Kreisen die Bewunderung f&uuml;r Spekulationsgewinne &uuml;blich. Sendungen zur besten Sendezeit gelten der F&ouml;rderung der Aktienspekulation. &ndash; Die Entwicklung des DAX im Zeitablauf ist symptomatisch f&uuml;r den Wandel der Haltung zur Spekulation: bis ungef&auml;hr 1980 keine starke spekulative Bewegung, dann Bewegungen auf das Vierfache und zur&uuml;ck und wieder auf das Vierfache. Hier die dazugeh&ouml;rige Abbildung:\n<p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/110120_zerstoerung.gif\" alt=\"DAX 30 1959 bis heute\" title=\"DAX 30 1959 bis heute\"><\/p>\n<p>In diesen Zusammenhang geh&ouml;rt auch die &Ouml;ffnung Deutschlands f&uuml;r Hedgefonds und spekulierende Kapitalgruppen aller Art. Ihnen sind Tausende von Betrieben zum Opfer gefallen. Bei Redaktionsschluss f&uuml;r &bdquo;Meinungsmache&ldquo; im Sommer 2009 waren es 6000. Mit diesen Betrieben sind Hunderttausende von Mitarbeitern dem Fleddern ihrer Arbeitsst&auml;tte ausgesetzt worden.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die zerst&ouml;rerische Minderung der volkswirtschaftlichen Produktivit&auml;t.<\/strong> Wenn in einer Volkswirtschaft f&uuml;r den Betrieb des Kapitalmarktes 5 % der verf&uuml;gbaren Ressourcen oder gar 8 % oder 10 % wie in Gro&szlig;britannien aufgewendet werden, dann muss man sich nicht wundern, dass die Produktivit&auml;t dieser Volkswirtschaften nicht besonders hoch ist und nicht gut w&auml;chst. Wenn Menschen ihre Arbeitskraft &uuml;ber Vermittler verkaufen m&uuml;ssen, dann fallen Oberheads an, die die Arbeitsproduktivit&auml;t und damit die volkswirtschaftliche Produktivit&auml;t mindern. Wenn Autobahnen, wenn Br&uuml;cken und Tunnel und Schulen mit besonderem Aufschlag privat finanziert, gebaut und betrieben werden, dann wollen die Betreiber auch etwas verdienen. Das mindert die Produktivit&auml;t. Hier w&auml;re eine F&uuml;lle anderer Beispiele anzuf&uuml;hren. Die entscheidende Beobachtung ist jedoch, dass die neoliberale Ideologie nicht nur zu einer anst&ouml;&szlig;ig ungerechten Verteilung von Einkommen und Verm&ouml;gen f&uuml;hrt, sondern nicht einmal produktive L&ouml;sungen f&uuml;r die Organisation einer Volkswirtschaft anbietet.\n<p>Der Neoliberalismus ist eine ausgesprochen verschwenderische und unproduktive Ideologie.<\/p><\/li>\n<li>Die <strong>Etablierung der politischen Korruption<\/strong> als selbstverst&auml;ndlicher Teil der politischen Abl&auml;ufe. Siehe dazu die Machenschaften im Umfeld der privaten Altersvorsorge und der Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die gesetzliche Rente. Siehe dazu die Umst&auml;nde der Kommerzialisierung des Fernsehens und des H&ouml;rfunks; siehe dazu das &Ouml;PP-Beschleunigungsgesetz und die darauf folgende Nutzung von &Ouml;PP-Teilprivatisierungen f&uuml;r das eigene berufliche Fortkommen von Politikern usw. Zu allen Stichworten finden Sie viel Material und Belege in den Nachdenkseiten und in meinen B&uuml;chern.<\/li>\n<li><strong>Kommerzialisierung nahezu aller Lebensbereiche<\/strong>, auch der elektronischen Medien. Dass die Dualit&auml;t von privat produzierten Printmedien und &ouml;ffentlich-rechtlich produzierten elektronischen Medien ein St&uuml;ckchen Demokratief&ouml;rdermittel war, ist nahezu komplett aus dem Blick geraten.<\/li>\n<li><strong>Die Sorge f&uuml;r demokratische Willensbildung und f&uuml;r demokratische Strukturen ist kein Thema mehr.<\/strong> Entsprechend widerw&auml;rtig sind die &ouml;ffentlichen Debatten. Erinnert sei an den Zuspruch f&uuml;r Sarrazin und die Kommunismusdebatte. Wer regt sich &uuml;ber Berlusconi noch wirklich auf? Der Stand der Aufkl&auml;rung ist auf das Niveau der f&uuml;nfziger Jahre gesunken, vielleicht darunter.<\/li>\n<li><strong>Der Geist steht rechts.<\/strong> Unabh&auml;ngig denkende fortschrittliche Intellektuelle gibt es fast nicht mehr. Viele haben sich dem neoliberalen Zeitgeist gebeugt und verbeugen sich vor diesem Ungeist.\n<p>Mit der Verschiebung der Ordinate nach rechts erscheinen rechtsradikale und antidemokratische Personen in F&uuml;hrungsfunktionen wie in Holland, in D&auml;nemark, in Ungarn, in Schweden, in Frankreich, in Italien usw. als weniger aufregend, weniger emp&ouml;rend.<\/p><\/li>\n<\/ol><p>Da es sachlich keine Gr&uuml;nde f&uuml;r den Siegeszug der neoliberalen und rechten Bewegungen gibt und vieles f&uuml;r soziale und fortschrittliche L&ouml;sungen spricht, m&uuml;sste die Umkehr eigentlich nahe liegen. Auch das offensichtliche Versagen und die zerst&ouml;rerische Wirkung spr&auml;chen daf&uuml;r. Aber offenbar sind die herrschenden Kr&auml;fte in der Meinungsbildungsmaschinerie fest verankert. Ihr Versagen wird bisher nicht ausreichend sanktioniert. Oft gar nicht, oft das Gegenteil. Versager werden zu Helden stilisiert.<\/p><p>Das mag alles pessimistisch klingen. Es ist jedoch aufgeschrieben, um zu einer neuen Wende zu ermuntern.<\/p><p><strong>P.S.: Das waren Denkanst&ouml;&szlig;e. Wenn Ihnen zu einzelnen Punkten weitere Belege und Daten einfallen, oder wenn ich in dieser Revision der letzten 30 Jahre eine wichtige Beobachtung vergessen haben sollte, dann machen Sie mich bitte darauf aufmerksam. Bitte nicht mit langen Texten.<br>\nIch erg&auml;nze dann den R&uuml;ckblick auf das Zerst&ouml;rungswerk der neoliberalen Ideologie und wir publizieren die mit Ihrer Hilfe fundiertere zweite Fassung.<\/strong><\/p><p><strong>Anlage1:<br>\nAuszug aus Albrecht M&uuml;ller: Meinungsmache. Wie Wirtschaft, Politik und Medien und das Denken abgew&ouml;hnen wollen.<\/strong><\/p><p>(&hellip;) auch verst&auml;rkt in die Politik Eingang fand, wurden die immer wieder selben Elemente der Meinungsmache weiterhin endlos wiederholt. Das gipfelte bei der Einf&uuml;hrung von Schr&ouml;ders Reformen in der Behauptung, bis dahin, n&auml;mlich bis 2003, habe es einen &raquo;Reformstau&laquo; gegeben. Die Kapazit&auml;t der Meinungsmache zur Manipulation ist so gro&szlig;, dass die Verantwortlichen, wenn es ihnen passt, sogar das Gegenteil dessen behaupten k&ouml;nnen, was tats&auml;chlich geschehen ist. Die totale Manipulation ist m&ouml;glich.<\/p><p>Die Feststellung eines &raquo;Reformstaus&laquo; durch Gerhard Schr&ouml;der ist ein solcher willk&uuml;rlicher Akt, jenseits der Realit&auml;t.<\/p><p>Ein wichtiges Element bei den Zwischenstationen auf dem Weg dorthin war eine Debatte um die Standortbedingungen und &uuml;ber die angeblich zu hohen Lohnnebenkosten, die w&auml;hrend der gesamten Regierungszeit Kohls die &ouml;ffentliche Meinungsbildung bestimmte. Der Standort Deutschland und seine angeblich mangelnde Qualit&auml;t waren in der zweiten H&auml;lfte der achtziger und in den neunziger Jahren der rote Faden. Die Auswahl dieses Themas zeigt zugleich, dass wir es bei den damals wie heute herrschenden Ideologen nicht mit besonders umsichtigen Politikern und Fachleuten zu tun haben und dass sie es nicht sonderlich gut meinten mit unserem Land. Denn es ist geradezu schizophren, als Vertreter der deutschen Volkswirtschaft oder als Verantwortlicher f&uuml;r die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik das eigene Land, die eigene Volkswirtschaft, den eigenen Wirtschaftsstandort schlechtzureden und zu meinen, das werde keine Folgen f&uuml;r die Investitionsbereitschaft und die Sicherheit der Menschen und Unternehmer insgesamt haben. Doch die Agitatoren waren und sind offenbar bis heute so erf&uuml;llt von ihrer Mission, die Strukturen unserer Gesellschaft zu &auml;ndern und insbesondere deren sozialstaatlichen Charakter niederzumachen, dass sie blind sind f&uuml;r den Schaden, den sie mit solcher &raquo;Miesmache&laquo; anrichten.<\/p><p>Das sind keine isolierten Ereignisse. Als hierzulande 1973 begonnen wurde, von einer Tendenzwende zu sprechen beziehungsweise sie herbeizureden, und als etwa zur gleichen Zeit die Deutsche Bundesbank sich der Verantwortung f&uuml;r die Besch&auml;ftigung entledigte51, geschah mehr als 13 000 Kilometer weiter etwas Schreckliches: Der chilenische General Augusto Pinochet putschte gegen den Sozialisten Salvador Allende &ndash; unterst&uuml;tzt aus den USA und wohlwollend begleitet von einigen deutschen Medien, konservativen Kreisen und Teilen der Union. Pinochet &uuml;bernahm die Macht in Chile und terrorisierte sein Volk. Zur gleichen Zeit weilten die Vertreter einer Schule der &ouml;konomischen Wissenschaft in Chile und begleiteten den Putsch mit wirtschaftspolitischen und gesellschaftspolitischen Ratschl&auml;gen: Chilenische und US-amerikanische Vertreter der neoliberalen Chicago-Schule, Anh&auml;nger von Milton Friedman und sogar Milton Friedman pers&ouml;nlich.<\/p><p>Auf diesen Vorgang geht Naomi Klein in ihrem Buch &raquo;Schock-Strategie&laquo;52 ausf&uuml;hrlich ein. Naomi Klein beschreibt die enge Kooperation zwischen den &raquo;Chicago Boys&laquo; um Milton Friedman und dem chilenischen Diktator Pinochet und seinen Schergen.<\/p><p>Die Vertreter jener &ouml;konomischen Schule, die heute die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik auch bei uns pr&auml;gen, erwarteten vom Sturz des gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten Allende einiges: zumindest ein interessantes Experimentierfeld f&uuml;r einen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Gro&szlig;versuch. Die in verschiedenen Papieren niedergelegten Vorstellungen der neuen Herrscher &auml;hnelten Milton Friedmans Ideen und der heute anzutreffenden Ideologie:<\/p><p>&raquo;Privatisierung, Deregulierung und Einschnitte bei den Sozialausgaben &ndash; die Dreifaltigkeit des freien Marktes.&laquo; So umschreibt das Naomi Klein.<\/p><p>Sie berichtet, die in den USA ausgebildeten &Ouml;konomen aus Chile h&auml;tten zun&auml;chst versucht, ihre Vorstellungen friedfertig und im Rahmen demokratischer Auseinandersetzungen in Chile einzuf&uuml;hren. Aber sie waren damit auf Ablehnung gesto&szlig;en.<\/p><p>Nach dem Putsch war das Klima f&uuml;r ihre radikale Ideologie g&uuml;nstiger:<\/p><p>&raquo;In dieser neuen &Auml;ra musste niemand au&szlig;er einer Handvoll M&auml;nner in Uniform ihnen zustimmen. Ihre standhaftesten politischen Gegner waren entweder im Gef&auml;ngnis, tot oder auf der Flucht in den Untergrund; das Spektakel der Kampffl ugzeuge und der Todeskarawanen sorgte daf&uuml;r, dass alle anderen stillhielten.&laquo;<\/p><p>Der Umsturz vom 11. September 1973 in Chile und die darauf aufbauende Gegenrevolution war der &raquo;erste konkrete Sieg&laquo; der Chicago-Schule. Chile war das Experimentierfeld. Und Pinochets m&ouml;rderische Diktatur war die Basis des Experiments. Allein dies m&uuml;sste eine solche Ideologie f&uuml;r alle Zeit diskreditieren. Ich erinnere mich noch gut an die vielen Gl&uuml;ckwunschadressen, die in Deutschlands rechten b&uuml;rgerlichen Bl&auml;ttern zum Umsturz in Chile ver&ouml;ffentlicht wurden. Und wenn ich heute Vertreter der Union die undemokratische Vergangenheit mancher Linker beklagen h&ouml;re, dann klingen in meinen Ohren die lobenden Worte mit, die der damalige CSU-Vorsitzende Franz Josef Strau&szlig; und der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Konrad-Adenauer-Stiftung und ehemalige Generalsekret&auml;r der CDU, Bruno Heck, f&uuml;r den brutalen Diktator Pinochet gefunden hatten.<\/p><p>Die in der chilenischen Diktatur ausprobierte Ideologie feiert heute ihre teilweise Durchsetzung in vielen Staaten Europas und in der Europ&auml;ischen Union. Die Lissabon-Strategie, der Bologna-Prozess, das Lambsdorff-Papier von 1982 und die Agenda 2010 sind infiziert vom gleichen Geist: Privatisierung, Deregulierung, Abbau des Sozialstaats, Stagnation und realer R&uuml;ckgang der Masseneinkommen auf der einen Seite und das freie Floaten der Spitzeneinkommen nach oben auf der anderen Seite. Entstaatlichung, Pl&uuml;nderung &ouml;ffentlichen Verm&ouml;gens zugunsten der Konten und Taschen der Herrschenden &ndash; das gab es nach dem Putsch in Chile, und das gibt es heute hier bei uns.<\/p><p>An diesem Prozess der Entsolidarisierung wirken bis heute auch in Europa Personen mit, die ihr Handwerk bei Pinochet gelernt haben. Bei Naomi Klein begegnete ich auf Seite 113 einem alten Bekannten: Jos&eacute; Pi&ntilde;era. Er war bei Pinochet Minister f&uuml;r Arbeit und Bergbau und hatte 1980 dort die Privatisierung der Altersvorsorge f&uuml;r die Arbeitnehmer durchgesetzt. Seit dem Ende der Ost-West-Konfrontation betreibt Pi&ntilde;era sein Beratungsgesch&auml;ft in Europa.<\/p><p>Machen Sie sich das zweifelhafte Vergn&uuml;gen, auf <a href=\"http:\/\/www.josepinera.com\/pag\/pag_tex_penschile_ge.htm\">diese Website<\/a> zu klicken <em>(Anmerkung 20.01.2010: Link leider nicht mehr erreichbar)<\/em>. Hier finden Sie einen Text von Pi&ntilde;era auf Deutsch:<\/p><p>&raquo;Auf dem Weg zum m&uuml;ndigen B&uuml;rger: Reform der Altersversorgung am Beispiel Chile. Das Gespenst bankrotter staatlicher Rentensysteme.&laquo;<\/p><p>Pinochets ehemaliger Arbeitsminister besch&ouml;nigt in diesem Beitrag die Lage der privatisierten Rentenversicherung in Chile auf dreiste Weise. Und er argumentiert im Kern so, wie die Vertreter der Riester-Rente und der Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters auch bei uns argumentieren. Bitter kann man da nur feststellen: Walter Riester und Franz M&uuml;ntefering, Bernd R&uuml;rup, Meinhard Miegel und Bernd Raffelh&uuml;schen, die Vork&auml;mpfer f&uuml;r die private Rente, stehen offenbar in der Tradition des 1980 gewaltsam umgesetzten Experiments in Chile. &ndash; Die Privatisierung der Altersvorsorge hat in Chile &uuml;brigens die Gefahr gro&szlig;er Altersarmut heraufbeschworen. <\/p><p>Darauf wies Ricardo Lagos, der damalige Pr&auml;sident Chiles, schon bei einem Berlin-Besuch im Januar 2005 hin.<\/p><p>Eine andere bemerkenswerte Parallele ist die in Chile nach dem Umsturz bewusst erzeugte Massenarbeitslosigkeit. Man hat damals Hunderttausende von Menschen aus dem &ouml;ffentlichen Sektor entlassen. Milton Friedmann empfahl diese Methode mit der Begr&uuml;ndung, die Entlassenen &raquo;bek&auml;men rasch im Privatsektor neue Jobs, der bald boomen werde, wenn Pinochet so viele Hindernisse wie m&ouml;glich beseitige, die jetzt den privaten Markt einschr&auml;nken&laquo;. Dieser Glaube bewahrheitete sich nicht. Und dennoch lebt auch eine Reihe derjenigen, die bei uns den mehrmaligen Abbruch einer beginnenden guten Konjunktur zu verantworten haben, in diesem Glauben. Bei uns hat man den &ouml;ffentlichen Sektor ausged&uuml;nnt. Und man hat zus&auml;tzlich eine restriktive Geld- und Fiskalpolitik betrieben, die uns in den achtziger Jahren und dann vor allem ab 1993 und noch einmal ab 2001 eine beachtlich gro&szlig;e &raquo;Reservearmee&laquo; von Arbeitslosen bescherte. Das war nicht ganz so radikal wie in Chile. Aber es hat eine &auml;hnliche Wirkung: Druck auf die L&ouml;hne und Geh&auml;lter der arbeitenden Bev&ouml;lkerung und Anstieg der Gewinn- und Verm&ouml;genseinkommen. Genau die gleiche Bewertung verdient die bewusste Verschlechterung der Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung. Es ist kein Geheimnis, dass Armut ein Teufelskreis ist und die Chancen der in Armut lebenden Erwachsenen und Kinder auf eine gleichwertige Beteiligung nachhaltig mindert. Das ist keine Basis f&uuml;r eine demokratisch verfasste Gesellschaft. In einer Demokratie absolut unertr&auml;glich ist das massenhafte Pl&uuml;ndern &ouml;ffentlichen Verm&ouml;gens, wie wir es heute bei uns erleben.<\/p><p>Ein weiteres Beispiel ist die bewusst betriebene Dominanz der Wirtschaft und des gro&szlig;en Geldes im &ouml;ffentlichen Leben. Was so sch&ouml;n klingt wie &raquo;Zivilgesellschaft&laquo; oder &raquo;F&ouml;rderung des Stiftungswesens&laquo;, l&auml;uft im Kern h&auml;ufig auf eine Entdemokratisierung des &ouml;ffentlichen Lebens hinaus. Unsere Universit&auml;ten werden dem Einfluss des Staates schrittweise entzogen und Gremien &uuml;berlassen, in denen Vertreter der Wirtschaft das Sagen haben.<\/p><p>Die &Ouml;ffentlichkeit darf allerdings weiter zahlen. Wenn &ouml;ffentliche Leistungen durch Mittel aus Stiftungen und durch Sponsoring ersetzt werden, ist damit in der Regel verbunden, dass der Einfluss finanzieller Interessen w&auml;chst und der der demokratischen &Ouml;ffentlichkeit schwindet. So ist es offensichtlich gewollt.<\/p><p>Angesichts der Parallelen zwischen den Vorg&auml;ngen in Chile und denen bei uns stellt sich die Frage: Hat es schon 1973 und kurz darauf Kontakte zwischen neoliberal gesinnten Personen und neoliberal gesinnten Kreisen in Deutschland und den Betreibern des gesellschaftspolitischen Umsturzes in Chile gegeben?<\/p><p>Wenn die Verfechter der neoliberalen Art des Zusammenlebens nur versuchten, uns ihre Grundideologie zu vermitteln &ndash; jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied, und der Markt soll alles regeln &ndash;, dann w&auml;re das akzeptabel. Aber dieses Modell ist in der Realit&auml;t der neoliberal gepr&auml;gten L&auml;nder von Anfang an pervertiert. Die Verfechter der neoliberalen Idee entpuppen sich n&auml;mlich als Ausbeuter &ouml;ffentlicher Ressourcen: Sie sind f&uuml;r Privatisierung, um daran zu verdienen. Sie reden vom Markt und f&ouml;rdern die Konzentration der Unternehmen. Sie nehmen Massenarbeitslosigkeit und eine Reservearmee von Nicht-Besch&auml;ftigten gerne hin, um billiger an die Leistungen von anderen Menschen zu kommen.<\/p><p>Sie zerst&ouml;ren wichtige gesellschaftliche Einrichtungen nicht nur, weil sie andere Institutionen aus ideologischen Gr&uuml;nden vorziehen, sondern auch, um dabei Geld zu machen. In der Praxis sind die neoliberal agierenden Gruppen und Personen vor allem Ausbeuter &ouml;ffentlicher Ressourcen. Sie werden reich &ndash; und der Staat und wir alle werden &auml;rmer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Jahreswechsel war und ist eine Gelegenheit, ein bisschen zur&uuml;ck zu blicken. Gesellschaftspolitisch betrachtet waren die letzten drei Jahrzehnte ziemlich miserabel, nicht nur verlorene Jahrzehnte. Sie waren gepr&auml;gt von Zerst&ouml;rung. Sie ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Teil einer ideologischen Erneuerung. Mein kleiner R&uuml;ckblick soll zum Weiterdenken ansto&szlig;en. 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