{"id":80699,"date":"2022-02-13T11:45:20","date_gmt":"2022-02-13T10:45:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80699"},"modified":"2022-02-13T13:50:58","modified_gmt":"2022-02-13T12:50:58","slug":"die-fleisch-wasser-luege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80699","title":{"rendered":"Die Fleisch-Wasser-L\u00fcge"},"content":{"rendered":"<p>Wer Fleisch isst, sch&auml;digt das Klima. Weil die Tiere Treibhausgas produzieren, weil f&uuml;r die Produktion von Fleisch gewaltige Mengen Wasser verbraucht werden, weil auf den &Auml;ckern statt Futter auch Lebensmittel angebaut werden k&ouml;nnten, die die Menschen direkt ern&auml;hren. Das stimmt alles &ndash; so nicht! Von <strong>Florian Schwinn<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIch sag&rsquo; es mit den Worten eines befreundeten Biobauern: &bdquo;Neunzig Prozent der Narrative &uuml;ber die Landwirtschaft stimmen nicht oder sie stimmen so nicht.&ldquo; Im letzteren Fall sind die Fakten irgendwie korrekt, aber die Schl&uuml;sse, die aus ihnen gezogen werden, sind falsch oder unsinnig. So ist es auch mit dem Wasser, das die Produktion von Rindfleisch angeblich verbraucht.<\/p><p><strong>Virtuelles Wasser<\/strong><\/p><p>Um den Methanaussto&szlig; der Rinder, der ja soo klimasch&auml;dlich ist, habe ich mich hier im <a href=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/auf-dem-dritten-weg-die-weidekuh\/\">Blog<\/a> und auch im <a href=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/ffe-auf-dem-dritten-weg-die-weidekuh\/\">Podcast<\/a> schon gek&uuml;mmert, sicher nicht zum letzten Mal. Hier soll es jetzt aber um das Wasser gehen, das angeblich f&uuml;r die Fleischproduktion draufgeht. Seit Jahren geistert dieses Datum nun schon durch diverse Ver&ouml;ffentlichungen, taucht in vielen Artikeln und Beitr&auml;gen der Medien auf, wird von Moderatoren wie Markus Lanz nachgeplappert und von seinen G&auml;sten als gegeben abgenickt: Die Produktion eines Kilos Rindfleisch verbraucht &uuml;ber 15.000 Liter Wasser.<\/p><p>Jede Umweltorganisation hat das wohl schon mal behauptet, und das steht ja auch so im &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.boell.de\/sites\/default\/files\/2022-01\/Boell_Fleischatlas2021_V01_kommentierbar.pdf?dimension1=ds_fleischatlas_2021\">Fleischatlas<\/a>&ldquo;, den die gr&uuml;ne Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung herausgibt. Man kann das nachlesen. Ich habe die Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung &uuml;brigens schon vor l&auml;ngerer Zeit gebeten, mir bitte mal zu erz&auml;hlen, wie die Daten in den Fleischatlas gekommen sind. Keine Antwort &ndash; ist auch eine Antwort. Die Angabe hat es jedenfalls geschafft, zum Allgemeinwissen zu avancieren. Und das, obwohl, oder vielleicht sogar, weil sie genauso wenig stimmt wie die ganzen Generationen bekannte &bdquo;Tatsache&ldquo;, dass Spinat besonders viel Eisen enth&auml;lt. Die Ursache des hypergesunden Gem&uuml;ses ist ein falscher Vergleich. Der Physiologe Gustav von Bunge hatte 1890 den Eisengehalt getrockneten Spinats festgestellt: 35 Milligramm in hundert Gramm Spinattrockenmasse. Und der f&uuml;r uns Menschen &uuml;brigens gar nicht verwertbare Eisengehalt im Spinat wurde dann sp&auml;ter dem frischen Gem&uuml;se angedichtet. So entstand die jahrzehntelang erfolgreiche Comicfigur des spinatvertilgenden Matrosen Popeye mit den eisenharten F&auml;usten.<\/p><p>Die Ursache des immensen Wasserverbrauchs bei der Fleischproduktion ist eine Studie aus dem Jahr 2010 von Mesfin Mergia Mekonnen von der University of Nebraska und Arjen Hoekstra von der Universit&auml;t Twente in den Niederlanden. Auch hier wird Wissenschaft also immerhin schon &uuml;ber ein Jahrzehnt lang falsch oder zumindest falsch verstanden kolportiert.<\/p><p>Im Original hei&szlig;t die Studie: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/254859487_The_green_blue_and_grey_water_footprint_of_farm_animals_and_animal_products\">The green, blue and grey water footprint of farm animals and animal products.<\/a>&rdquo; Es geht hier also um gr&uuml;nes, blaues und graues Wasser. Nun ist Wasser farblos, auch das Wasser, das Nutztiere saufen. Die Studie kann es dennoch einf&auml;rben, es handelt sich n&auml;mlich um &bdquo;virtuelles Wasser&ldquo;, das benutzt wird, um den Wasser-Fu&szlig;abdruck zu berechnen, also alles Wasser, was gebraucht wird, um ein Nutztier aufzuziehen. Das hei&szlig;t mitnichten, dass dieses Wasser nachher fort ist. Es ist nicht verbraucht, es wurde nur gebraucht, unter anderem, um die Wiese wachsen zu lassen, auf der die Rinder weiden. Niemand w&uuml;rde dem Gras, dem Klee und den Kr&auml;utern auf der Wiese vorwerfen, sie h&auml;tten Wasser &bdquo;verbraucht&ldquo;. Den Rindern aber schon. Dabei haben die Pflanzen das Wasser genauso wieder abgegeben wie das Tier. Ob verdunstet oder ausgeatmet, rausgeschwitzt, weggepisst &ndash; wo ist der Unterschied? Am Ende ist das Wasser wieder im Kreislauf der Natur. Und das Kilo Fleisch enth&auml;lt bei Erwachsenen zwischen sechzig und siebzig Prozent Wasser, das Blut mitgerechnet. Das gilt f&uuml;r Rinder genauso wie f&uuml;r Menschen. In einem Kilo Rindfleisch steckt am Ende ein halber Liter Wasser. Wie hat das Rind zu Lebzeiten dann die restlichen 14.999,5 Liter Wasser &bdquo;verbraucht&ldquo;?<\/p><p>S&auml;uft ein Rindvieh am Tag &uuml;ber 11.000 Liter Wasser weg? Das w&auml;re die Summe, auf die man kommt, wenn man das Schlachtgewicht eines Bullen bei einer Mastdauer von achtzehn Monaten mit den 15.000 virtuellen Litern zusammenrechnet, die angeblich in jedem Kilo Rindfleisch stecken. Das Tier m&uuml;sste, bei einem Schlachtgewicht von vierhundert Kilo, in seinem kurzen Leben &uuml;ber sechs Millionen Liter Wasser saufen. Jeder Milchviehhalter wei&szlig;, dass eine Kuh, die sagen wir drei&szlig;ig Liter Milch am Tag gibt, daf&uuml;r rund hundert Liter Wasser braucht; wenn es warm ist etwas mehr, wenn es k&uuml;hl ist weniger. Drei&szlig;ig Liter davon gibt sie sofort wieder ab, die stecken in der Milch. Ein Mastbulle von f&uuml;nfhundert Kilo Lebendgewicht s&auml;uft weniger als die H&auml;lfte.<\/p><p><strong>Verschwundenes Wasser<\/strong><\/p><p>Wo ist also der Rest des Wassers hingeraten? Nirgendwohin. Er ist immer noch da, wenn das Rind geschlachtet ist. Wirklich verbraucht w&auml;re nur das, was verschmutzt w&auml;re und nicht mehr zu reinigen. F&uuml;r Verschmutztes steht in der Studie mit dem vielfarbigen virtuellen Wasser das graue. Das ist das, was bei der Produktion zum Beispiel zur Reinigung verwendet wird. Das w&auml;ren dann pro Kilo Rindfleisch angenommene 450 Liter, wobei auch dieses Wasser nachher ja nicht fort ist. Es muss vielleicht nur einmal durch die Kl&auml;ranlage. Und das blaue Studienwasser ist das, was aus Gew&auml;ssern oder Grundwasser entnommen wird. Das w&auml;ren bei unserem Kilo Rindfleisch rund 550 Liter. Aber auch dieses Wasser steckt nicht dauerhaft im Rind. Es ist nachher noch immer im Wasserkreislauf vorhanden. Wobei 550 Liter Wasser nur in den riesigen Tieren etwa der Fleischrasse Charolais zwischengespeichert sein m&uuml;ssten, denn nur die bringen so viel Gewicht auf die Waage, dass ihre K&ouml;rper so viel Wasser enthalten k&ouml;nnen. Und nicht alles davon haben sie im Stall aus der Tr&auml;nke gesoffen. Wenn es Weidetiere sind, dann haben sie das meiste Wasser wohl mit dem Kleegras aufgenommen, dem wir ja nicht vorwerfen, dass es Wasser &bdquo;verbraucht&ldquo;. Also nehmen wir mal den gr&ouml;&szlig;ten Charolais-Bullen, dem ich bisher gegen&uuml;bergestanden bin. Er soll knapp zw&ouml;lfhundert Kilo gewogen haben und war so m&auml;chtig, dass ich ihn ungern zur Waage gef&uuml;hrt h&auml;tte. Aber auch dieser riesige Rinderk&ouml;rper enthielt dann nur rund achthundert Liter Wasser. So viel wie zw&ouml;lf bis f&uuml;nfzehn Menschen, je nach Gewicht.<\/p><p>Und der ganze Rest der uns&auml;glichen &ndash; um mal wissenschaftlich genau zu sein &ndash; 15.415 Liter Wasser, die das Kilo Rindfleisch verschlungen hat, ist nat&uuml;rlich vorkommendes Regen- und Bodenwasser. Das flie&szlig;t durch die &Auml;cker und Weiden oder regnet auf sie hernieder, auch wenn auf denen kein Viehfutter w&auml;chst und keine Rinder weiden. Stellen wir uns nur mal vor, was ein Feldhase oder ein Kaninchen an Wasser verbraucht, wenn wir ihm die zwei Hektar Weide allein &uuml;berlassen, statt darauf f&uuml;nf oder sechs Rinder grasen zu lassen. Oder, um zur&uuml;ck zu kommen zu Markus Lanz und seinem Studiogast Peter Wohlleben, dem bestsellernden Oberf&ouml;rster, der zum Beispiel in der Sendung am 27. Juli vergangenen Jahres f&uuml;r Wald statt Weiden pl&auml;dierte: Auch der Wald, wenn er dort st&uuml;nde, wo jetzt Weide ist oder Viehfutter w&auml;chst, &bdquo;verbraucht&ldquo; dieses Wasser, so es denn herniederregnet. Oder um es mit dem Demeter-Bauern Dieter Euler aus Hessen zu sagen: &bdquo;Auch ein Naturschutzgebiet verbraucht dieses Wasser.&ldquo; Nach der Logik des Fleischatlanten der Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung und anderer &auml;hnlicher Ver&ouml;ffentlichungen, nach der wir ja Wasser sparen, wenn wir auf Fleisch verzichten, k&ouml;nnten wir auch Wasser sparen, wenn wir Naturschutzgebiete abschaffen.<\/p><p>Und, um auch das noch zu Peter Wohlleben zu sagen, der den Wald f&uuml;r den besten Wasserspeicher h&auml;lt, der uns Flutwellen abmildern lie&szlig;e wie die im vergangenen Jahr im Ahrtal: Nein, den meisten Humus bildet das Bodenleben unter einer intakten Weide, die auch wirklich beweidet wird und nicht gem&auml;ht. Und der Humus ist der beste Wasserspeicher des Bodens. Und die Weidelandschaft &uuml;bertrifft den Wald auch noch an Biodiversit&auml;t um ein Vielfaches. Wenn die Rinder n&auml;mlich nicht im Stall, sondern auf der Weide stehen, dann geben sie das zuvor gesoffene Wasser dort in Form von Urin und Kuhfladen wieder ab. Und dieses verschmutzte Wasser ist auf der Weide der eigentliche N&auml;hrboden der Biodiversit&auml;t, aber das nur nebenbei bemerkt.<\/p><p><strong>Welt versus Region<\/strong><\/p><p>Zu guter Letzt noch ein Detail aus der Studie, die uns die M&auml;r vom wasserzehrenden Rindfleisch verschaffte. Ein Detail, das g&auml;nzlich unterschlagen wird, wenn man nur mit dem Durchschnitt des virtuellen Wassergebrauchs hantiert. Die Idee der Arbeit von Mesfin Mekonnen und Arjen Hoekstra war eigentlich, den Wasserbedarf eines Produkts weltweit vergleichbar zu machen &ndash; und dabei nach Regionen und Klimaten zu differenzieren. Schon deshalb hat ein weltweiter Durchschnittswert keinen Sinn. Er widerspricht sogar dem Sinn der Studie, falls ein weltweiter Wassergebrauchsvergleich einen solchen hat. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass &ndash; um mal ein paar Extrema zu nennen &ndash; f&uuml;r das Kilo Rindfleisch in &Auml;thiopien 34.182 Liter Wasser n&ouml;tig w&auml;ren, in Brasilien 19.488 Liter, in Russland 17.220 Liter, in den USA 14.191 Liter und in Deutschland &ndash; Achtung: durchschnittlich 7.712 Liter. Wenn also irgendwo auf der Welt Rinder gehalten werden sollten, dann bei uns.<\/p><p>Aber &ndash; nochmals Achtung &ndash; hier kommt die n&auml;chste Absurdit&auml;t: Wenn, dann sollten die Tiere im Stall stehen. Denn da w&uuml;rden nur 5.991 Liter Wasser pro Kilogramm Rindfleisch gebraucht. Auf der Weide sind&rsquo;s mehr als doppelt so viel. Weil es auf der Weide halt h&auml;ufiger regnet als im Stall.<\/p><p>Und, um das auch noch zu sagen: Nein, wir k&ouml;nnen auf den Weiden und Wiesen statt Fleisch nicht Gem&uuml;se oder Getreide produzieren, das wir direkt verspeisen k&ouml;nnten, statt &uuml;ber den Umweg der Nutztiere Lebensmittel herzustellen. &Uuml;ber sechzig Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfl&auml;che der Welt sind Grasland, das nicht als Acker genutzt werden kann und schon gar nicht zum Gem&uuml;seanbau. In Deutschland ist es immerhin noch ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfl&auml;che, die leider gar nicht zum Ackern taugt.<\/p><p>Ein Fazit, wie es Demeter-Rinderhalter Dieter Euler nennt, &bdquo;mit schmunzelndem Fatalismus&ldquo;: Virtuelle Wasser h&ouml;hlen nicht den Stein, aber doch vielleicht die K&ouml;pfe.<\/p><p>Titelbild: symbiot\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Fleisch isst, sch&auml;digt das Klima. 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