{"id":80984,"date":"2022-02-18T13:00:31","date_gmt":"2022-02-18T12:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80984"},"modified":"2022-02-18T18:36:31","modified_gmt":"2022-02-18T17:36:31","slug":"klaus-von-dohnanyi-sind-wir-an-einer-weltmacht-usa-interessiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80984","title":{"rendered":"Klaus von Dohnanyi: Sind wir an einer \u201eWeltmacht\u201c USA interessiert?"},"content":{"rendered":"<p>Mit seinem Buch <strong>&bdquo;Nationale Interessen&ldquo;<\/strong> liefert <strong>Klaus von Dohnanyi<\/strong> eine &bdquo;Orientierung f&uuml;r deutsche und europ&auml;ische Politik in Zeiten globaler Umbr&uuml;che&ldquo;, die bisherige westliche Dogmen infrage stellt. Von <strong>Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9763\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-80984-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220218-Dohnanyi-Sind-wir-an-einer-Weltmacht-USA-interessiert-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220218-Dohnanyi-Sind-wir-an-einer-Weltmacht-USA-interessiert-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220218-Dohnanyi-Sind-wir-an-einer-Weltmacht-USA-interessiert-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220218-Dohnanyi-Sind-wir-an-einer-Weltmacht-USA-interessiert-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=80984-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220218-Dohnanyi-Sind-wir-an-einer-Weltmacht-USA-interessiert-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220218-Dohnanyi-Sind-wir-an-einer-Weltmacht-USA-interessiert-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Titel ber&uuml;hrt eine Wunde. Es liegt an deutscher Vergangenheit, dass man beim Begriff &bdquo;Nationale Interessen&ldquo; zusammenzuckt. Nicht nur im Osten, wo viele mit Brechts Kinderhymne gro&szlig;geworden sind. &bdquo;Und nicht &uuml;ber und nicht unter andern V&ouml;lkern woll&rsquo;n wir sein&ldquo; als Gegengesang zu &bdquo;Deutschland, Deutschland &uuml;ber alles&ldquo; &ndash; f&uuml;r uns war&lsquo;s Entschluss, f&uuml;r die Welt nur sch&ouml;ner Traum. Auseinandersetzungen um geopolitische Einflusssph&auml;ren gab es immer. Und Nationalismus ist bis heute ein probates Mittel auch interner Machtpolitik. <\/p><p>Klaus von Dohnanyi, Jahrgang 1928, hat die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg noch erlebt und war sich, wie er schreibt, bez&uuml;glich des Titels &bdquo;m&ouml;glicher Missverst&auml;ndnisse sehr bewusst&ldquo;. Nationale Interessen zu vertreten, sei kein &bdquo;neuer deutscher Nationalismus&ldquo;, betont er, zumal dies voraussetzen muss, auch die Interessen anderer Nationen ernst zu nehmen. Mit der Arbeit am Text hat er Ende Juni 2021 begonnen, als es auf die Bundestagswahl zuging. Den Koalitionsvertrag &bdquo;dreier so verschieden ausgerichteter Parteien&ldquo; sah er kritisch (wobei er wohl vor allem die Gr&uuml;nen meint). So sei sein Buch zwar nicht als Streitschrift entworfen, unter der Hand aber zu einer solchen geworden.<\/p><p><strong>Europas Interesse ist Kooperation mit Russland<\/strong><\/p><p>Seinen Ausf&uuml;hrungen stellt er ein Zitat von Gottfried Benn aus &bdquo;Der Glasbl&auml;ser&ldquo; voran: &bdquo;Erkenne die Lage. Rechne mit deinen Defekten, gehe von deinen Best&auml;nden aus, nicht von deinen Parolen.&ldquo; Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Pragmatismus in Zeiten, da tats&auml;chlich oft Parolen in den Vordergrund dr&auml;ngen, die zu Zuspitzungen f&uuml;hren statt zu Verst&auml;ndigung. &bdquo;Europas Interesse ist Kooperation mit Russland, nicht Feindschaft.&ldquo; Dies ist ein Kernsatz im Buch. Polemisch gefragt: &bdquo;Sollen die politischen Wege von Alexei Nawalny auch die Wege unserer Sicherheitspolitik bestimmen?&ldquo; <\/p><p>Da erinnert man sich beim Lesen an eigenes Befremden. Bevor die Corona-Zahlen die t&auml;glichen Abendnachrichten bestimmten, ist es ja der Fall dieses angeblich in Russland vergifteten Oppositionellen gewesen, der Medienemp&ouml;rung hochkochen und seitens der USA wie auch der EU ein Sanktionsgewitter losbrechen lie&szlig;. Ob deutsche Politiker wirklich so naiv waren, ob sie tats&auml;chlich glaubten, was sie sagten? Sie mussten doch begriffen haben, zu welchem Zweck sie instrumentalisiert wurden &ndash; und erf&uuml;llten diesen Zweck: Druck auf Russland auszu&uuml;ben. <\/p><p>Wer von den Fernsehzuschauern und Zeitungslesern nicht v&ouml;llig ideologieblind ist, h&ouml;rt die &bdquo;Nachtigall&ldquo; doch st&auml;ndig &bdquo;trapsen&ldquo; und steckt oft fest in ohnm&auml;chtigem Groll. Dass publikumswirksam ausgesprochen wird, was man  selber denkt, wird f&uuml;r viele Leser befriedigend sein. Wobei Klaus von Dohnanyi nat&uuml;rlich nicht der Einzige ist, der sich verbreitetem Russland-Bashing entgegenstellt. Es gibt zahlreiche Publikationen dazu, im Buchhandel und nicht zuletzt auf den NachDenkSeiten. Aber bez&uuml;glich dieses Autors ist es insofern bemerkenswert, weil da ein Umdenken deutlich wird, das man sich &uuml;berhaupt in jener politischen Kaste w&uuml;nschen w&uuml;rde, zu der er geh&ouml;rt. <\/p><p>Ein gewisses Elitebewusstsein ist dem Buch wohl eingeschrieben. Auf Seite 19  ruft der Autor &bdquo;die politischen Klassen aller L&auml;nder&ldquo; zu innenpolitscher Kraft auf, die wichtiger sei als der &bdquo;Ausbau milit&auml;rischer St&auml;rke&ldquo;. Und sein Pl&auml;doyer im Nachwort f&uuml;r eine Verl&auml;ngerung der Wahlperiode des Deutschen Bundestags auf f&uuml;nf Jahre und ein Wahlrecht, das nicht &bdquo;zu immer weiterer Aufsplitterung der Parteienlandschaft&ldquo; f&uuml;hrt, entspricht dem Interesse stabiler Herrschaft. Wobei auch weite Teile der Bev&ouml;lkerung Systemstabilit&auml;t w&uuml;nschen, solange es ihnen gut geht. Klaus von Dohnanyi (SPD), in der Brandt-Regierung von 1972 bis 1974 Minister f&uuml;r Bildung und Wissenschaft und von 1981 bis 1988 Hamburger B&uuml;rgermeister, ist ein Politiker mit Erfahrung und n&uuml;chternem Urteilsverm&ouml;gen. Er hat nicht nur in den USA Jura studiert und in einem Anwaltsb&uuml;ro in New York City gearbeitet, sondern &uuml;berhaupt lange in der Selbstverst&auml;ndlichkeit von fragw&uuml;rdigen transatlantischen Bindungen gelebt, die in der Bundesrepublik zum guten Ton geh&ouml;ren. Mitglied der Atlantik-Br&uuml;cke und der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Ausw&auml;rtige Politik zu sein, ist nur ein kleiner Teil davon. Umso mehr l&auml;sst aufhorchen, wie er hier mit dem Hegemon ins Gericht geht.<\/p><p><strong>Die Anspr&uuml;che einer &bdquo;exceptional nation&ldquo;<\/strong><\/p><p>Deutliche Worte: &bdquo;Wir Europ&auml;er sind Objekt US-amerikanischen geopolitischen Interesses und waren niemals wirklich Verb&uuml;ndete, denn wir hatten nie ein Recht auf Mitsprache.&ldquo; Schon lange wurde Europa als &bdquo;Br&uuml;ckenkopf&ldquo; US-amerikanischer Weltmacht angesehen. Dass eine neue weltbeherrschende Macht entstehen k&ouml;nnte, wenn Deutschland und Russland sich ann&auml;hern w&uuml;rden, stand als Warnung bereits vor dem Ersten Weltkrieg im Raum und wirkt bis heute. Was manchen indes nicht bewusst war: Zwischen den USA und dem Zarenreich gab es durchaus freundliche Beziehungen, ehe Russland 1862 Alaska f&uuml;r sieben Millionen Dollar an die USA verkaufte.(*) Bis auf den B&uuml;rgerkrieg haben die USA ihre Kriege nur auf fremdem Territorium gef&uuml;hrt. 6000 Kilometer weit weg von Europa, kann man in Washington &uuml;ber den Atlantik hinweg ruhig zusehen, wenn es hier brenzlig wird.<\/p><p>Die Vereinigten Staaten &bdquo;sind immer hart geopolitisch, &ouml;konomisch und tief verwurzelt in ihrem Selbstverst&auml;ndnis als &sbquo;exceptional nation&lsquo;, also als einzigartige Nation&ldquo;, so Klaus von Dohnanyi. Seit ihrer Gr&uuml;ndung haben sie sich mit einer Aura umgeben: Als &bdquo;ruhmreiche Erneuerer der Welt&ldquo; folgten sie strikt eigenen Interessen. &bdquo;Die negative Einsch&auml;tzung Russlands durch die USA hat eine fast 150 Jahre alte Tradition.&ldquo; Sie kulminierte im Kalten Krieg. Dabei habe die Sowjetunion niemals vorgehabt, den westlichen Teil Europas milit&auml;risch anzugreifen. Und auch heute g&auml;be es keine glaubw&uuml;rdigen Belege f&uuml;r einen vorbereiteten russischen Angriff &bdquo;auf das Territorium des Westens&ldquo;. Der allerdings, so sei hinzugef&uuml;gt, gerade jetzt von US-amerikanischer Seite immer wieder beschworen wurde, um Druck auf Europa auszu&uuml;ben. <\/p><p><strong>Reizthema Nato-Osterweiterung <\/strong><\/p><p>Dohnanyi zitiert zahlreiche Autorinnen und Autoren, was das heutige Reizthema betrifft: die Nato-Osterweiterung. Gorbatschow hatte einer m&uuml;ndlichen Zusage vertraut, dass dies nicht geschehen w&uuml;rde. Wobei hinzuzuf&uuml;gen ist: In diesem Vertrauen (und wirtschaftlichen Schwierigkeiten im eigenen Land) stimmte er der W&auml;hrungsunion und der deutschen Vereinigung zu, als der Warschauer Pakt, wohlgemerkt, noch bestand. 1985 war der Vertrag um 20 Jahre verl&auml;ngert worden. F&uuml;r seine offizielle Aufl&ouml;sung am 1. Juni 1991 gab die deutsche Vereinigung den Startschuss. Der Abzug der in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn stationierten sowjetischen Truppen hatte mit der Hoffnung auf ein Ende der Blockkonfrontation zu tun: Frieden in einem &bdquo;gemeinsamen europ&auml;ischen Haus&ldquo;. <\/p><p>Heute vielfach vergessen: W&auml;hrend des KSZE-Gipfeltreffens vom 19. bis 21. November 1990 in Paris haben die Staaten des Warschauer Vertrags und der NATO eine Gemeinsame Erkl&auml;rung abgegeben, in der sie ihre fr&uuml;here Verpflichtung zum Nichtangriff bekr&auml;ftigten. Sie wollten einander fortan nicht mehr als Gegner, sondern als Partner sehen, einander die Hand zur Freundschaft reichen. Diese &bdquo;Charta von Paris&ldquo; ist f&uuml;r Russland ein gebrochenes Versprechen. &bdquo;Zur H&ouml;lle damit. Wir haben uns durchgesetzt, sie nicht&ldquo;, wird George H.W. Bush im Buch zitiert, &bdquo;Wir k&ouml;nnen den Sowjets nicht erlauben, sich den Sieg aus den Klauen der Niederlage zu holen und so in letzter Minute eine Niederlage in einen Sieg zu verwandeln.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Russland muss sich beim Vorr&uuml;cken der Nato an seine Grenzen so f&uuml;hlen wie die USA, wenn Russland heute einen milit&auml;rischen Verteidigungspakt mit Kuba vereinbaren w&uuml;rde&ldquo;, so Klaus von Dohnanyi. Wegen solcher &Auml;u&szlig;erungen als &bdquo;Putin-Versteher&ldquo; beschimpft zu werden, w&uuml;rde er von sich abprallen lassen, weil es aus seiner &Uuml;berzeugung die Voraussetzung f&uuml;r gelungene Verhandlungen ist, die andere Seite zu verstehen. <\/p><p>Wobei er f&uuml;r sich nicht wirklich in Anspruch nehmen k&ouml;nnte, ein Russland-Kenner zu sein. Daf&uuml;r ist er diesem riesigen Land viel zu weit entfernt, es bleibt ihm fremd, er &ouml;ffnet ihm nicht sein Herz. Im Kalten Krieg habe man die &bdquo;expansive ideologische kommunistische Weltsicht Moskaus in Betracht ziehen m&uuml;ssen&ldquo;, schreibt er. F&uuml;r sozialistische Bestrebungen hat er keine Sympathie. Von der DDR bleibt ihm lediglich der &bdquo;Schrott der wirtschaftlichen Zust&auml;nde&ldquo;, wie er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte. Er beriet die Treuhandanstalt, legt aber Wert darauf, dass er nicht in deren Auftrag die Privatisierung des Leipziger TAKRAF-Kombinates in die Wege leitete, sondern noch zu Zeiten der Modrow-Regierung in den Aufsichtsrat kam. Wenn er es sich als Verdienst anrechnet, dass &bdquo;wir&ldquo; dort &bdquo;drei&szlig;ig Prozent der Arbeitspl&auml;tze erhalten haben, was im Maschinenbau sonst, glaube ich, niemand erreicht hat&ldquo;, klingt das zynisch nicht nur in meinen Ohren. <\/p><p>Als Kurator der im Jahr 2000 gegr&uuml;ndeten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft stand er f&uuml;r wirtschaftsliberale Reformen. Ich bin nicht sicher, was er genau meint, wenn er im letzten Kapitel dieses Buches einen &bdquo;wettbewerbsf&auml;higen Sozialstaat&ldquo; als nationales Interesse bezeichnet. Das Verh&auml;ltnis von Profitinteresse der Oberschicht und sozialer Sicherheit f&uuml;r alle w&auml;re erst zu kl&auml;ren. Dass wir in vielen Fragen auf unterschiedlicher Wellenl&auml;nge sind, merke ich auch im Kapitel &uuml;ber China, wo er von einem Staat nach Orwell&rsquo;schem Muster spricht. <\/p><p><strong>Absage an &bdquo;wertebasierte&ldquo; Au&szlig;enpolitik<\/strong><\/p><p>Allerdings warnt er Europa davor, sich in den &bdquo;Wirtschaftskrieg&ldquo; der USA mit der asiatischen Konkurrenz hineinziehen zu lassen. &bdquo;Die bedrohliche Konfrontation zwischen den USA und China macht Entspannungspolitik in Europa noch dringlicher.&ldquo; Da kritisiert er nicht nur Bidens China-Doktrin, sondern &uuml;berhaupt die vielfachen Versuche der USA, &bdquo;ihr Modell der Demokratie anderen V&ouml;lkern notfalls auch mit Gewalt einzupflanzen&ldquo;.<\/p><p>In diesem Sinne ist das Buch eine klare Absage auch an deutsche &bdquo;wertebasierte&ldquo; Au&szlig;enpolitik, die man als US-Import erkennen sollte. Als giftigen Apfel, w&uuml;rde ich sogar sagen, damit wir ja nicht &uuml;ber den Kopf des Hegemons hinweg eine eigene Politik betreiben. Das hat &uuml;brigens auch die Sowjetunion bez&uuml;glich der DDR nicht gewollt. <\/p><p>Russland ist eine Gro&szlig;macht und verh&auml;lt sich auch so. Westeurop&auml;ische Gesten der Herablassung werden dort zuweilen gar schmerzhafter empfunden als die Sanktionen, mit denen wir uns letztlich ins eigene Bein schie&szlig;en. Dass Putin zun&auml;chst einmal mit Biden &uuml;ber &bdquo;rote Linien&ldquo; russischer Sicherheitsinteressen sprach, entspricht der Tatsache, dass Washington in Europa weitgehend das Sagen hat. Nun versuchen europ&auml;ische Politikerinnen und Politiker in einem Verhandlungsmarathon, etwas zu bewegen, was aber die Voraussetzung hat, Kiew die Vorteile friedlicher L&ouml;sungen vor Augen zu f&uuml;hren. Die Ausf&uuml;hrungen zum Ukraine-Thema mit dem Verweis auf das Minsker Abkommen im Buch sind &uuml;berzeugend. Zitiert wird Willy Brandt: &bdquo;Die Ostpolitik beginnt im Westen.&ldquo; Die neue Regierung in Berlin &bdquo;sollte den USA dabei vermitteln, dass ihr &sbquo;Br&uuml;ckenkopf&lsquo; auf dem europ&auml;ischen Kontinent erst recht willkommen sein wird, wenn die USA eine Entspannung im Verh&auml;ltnis zu Russland vorantreiben&ldquo;. <\/p><p><strong>Die EU ist kein Bundesstaat<\/strong><\/p><p>Prononciert formuliert und materialreich widmet sich das Buch indes nicht nur der Au&szlig;enpolitik, auch wenn diese in den aktuellen Debatten nat&uuml;rlich ins Zentrum r&uuml;ckt. Was die Probleme innerhalb der EU betrifft, steht der Autor nicht auf der Seite derjenigen, die zu mehr Integration dr&auml;ngen, sondern kritisiert die Br&uuml;sseler Administration, dass sie &bdquo;den Freiraum der Mitgliedsstaaten in entscheidenden Voraussetzungen f&uuml;r deren globale Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; einschr&auml;nkt. &bdquo;Rechthaberei aufseiten Br&uuml;sseler Institutionen&ldquo; w&uuml;rde &bdquo;zulasten des Zusammenhalts&ldquo; der EU gehen. Angesichts der Unterschiede zwischen den 27 Mitgliedsstaaten m&uuml;sse man &bdquo;die Best&auml;ndigkeit nationaler Interessen auch innerhalb der EU erkennen, verstehen und respektieren&ldquo;. Die Souver&auml;nit&auml;t der europ&auml;ischen Nationalstaaten m&uuml;sse erhalten bleiben, sonst drohe diesen im Inneren ein &bdquo;Legitimationsproblem&ldquo;. <\/p><p>Das bedeutet konkret: kein Druck auf Polen. Und in der Konsequenz: Abschied von der Idee, dass die EU auch eine Werteunion sein k&ouml;nne. &bdquo;Die EU ist ein Staatenbund, kein Bundesstaat.&ldquo; Aber braucht es nicht im Gegenteil mehr europ&auml;ische Geschlossenheit, um in geopolitischen Auseinandersetzungen zu bestehen? &bdquo;Rechne mit deinen Defekten, gehe von deinen Best&auml;nden aus&ldquo;, k&ouml;nnte Klaus von Dohnanyi da zusammen mit Gottfried Benn antworten. <\/p><p>F&uuml;r Europa sieht der Autor in einer allianzneutralen Position das Ziel. Nur als Wirtschaftsmacht k&ouml;nne Europa bestehen. Eine eigenst&auml;ndige Verteidigungsorganisation stellt er sich schwierig vor, allein schon was die gemeinsame Finanzierung betrifft. Auch die H&ouml;he der Nato-Finanzierung stellt er infrage angesichts vordringlicher Aufgaben: langfristige Begrenzung des Klimawandels und aktueller Schutz vor dessen Folgen. &bdquo;Es ist im Interesse Deutschlands, dass sich die transatlantische Allianz und die Nato endlich von der Dominanz milit&auml;rischer Sicherheits&uuml;berlegungen l&ouml;sen&ldquo; und &bdquo;eine aktive Entspannungspolitik gegen&uuml;ber der russischen F&ouml;deration einleiten&ldquo;. <\/p><p>Ganz in den Traditionen der alten Bundesrepublik setzt er zu Recht auf die deutsch-franz&ouml;sischen Beziehungen. &bdquo;Insbesondere im Bereich der Sicherheitspolitik&ldquo; m&ouml;chte er Frankreich &bdquo;im deutschen Interesse&ldquo; sogar den &bdquo;Vortritt&ldquo; lassen. &bdquo;Wir m&uuml;ssen dann gemeinsam die Aufmerksamkeit darauf richten, die Vorbehalte der osteurop&auml;ischen Staaten gegen&uuml;ber einer Entspannungspolitik in den Beziehungen des Westens zu Russland zu &uuml;berwinden.&ldquo; Die koordinierten Verhandlungen von Emmanuel Macron und Olaf Scholz in Moskau und Minsk in diesen Tagen sind in diesem Sinne.<\/p><p><strong>Was wir Deutschen wollen<\/strong><\/p><p>Dass Frieden und Sicherheit &ndash; Wohlstand eingeschlossen &ndash; f&uuml;r deutsche B&uuml;rger Priorit&auml;t haben, daf&uuml;r bedarf es keiner Meinungsumfragen. &bdquo;Sind wir an einer &sbquo;Weltmacht&lsquo; USA interessiert?&ldquo; Bei einer Nato-&Uuml;bung Ende der 1970er Jahre hat Klaus von Dohnanyi selbst erlebt, wie zur &bdquo;Verteidigung Europas&ldquo; gegen einen &bdquo;simulierten sowjetischen Angriff kleinere &sbquo;taktische&lsquo; nukleare Sprengs&auml;tze &uuml;ber Deutschland abgeworfen&ldquo; wurden, um einen Cordon Sanitaire, einen Sicherheitsg&uuml;rtel, gegen den weiteren russischen Vormarsch zu schaffen&ldquo;. Ohne Abstimmung mit der Bundesrepublik. Ihm sei diese Strategie der Nato bekannt, hatte Kanzler Helmut Schmidt ihm damals im Gespr&auml;ch gesagt. Er w&uuml;rde Deutschland f&uuml;r neutral erkl&auml;ren, sobald kriegs&auml;hnliche Entwicklungen in Europa erkennbar w&uuml;rden. &bdquo;Dann, Helmut, ist es allerdings zu sp&auml;t&ldquo;, hatte Klaus von Dohnanyi erwidert. <\/p><p><em>Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen. Orientierung f&uuml;r deutsche und europ&auml;ische Politik in Zeiten globaler Umbr&uuml;che. Siedler, 238 S., geb., 22 &euro;.<\/em><\/p><p><em>*18.02.2022: An dieser Stelle wurde ein ungenauer Satz zu Alaska entfernt.<\/em><\/p><p><strong>QUELLEN:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/es-war-eine-total-zerstoerte-wirtschaft-100.html\">deutschlandfunk.de\/es-war-eine-total-zerstoerte-wirtschaft-100.html<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/interview-mit-klaus-von-dohnanyi-spd-ex-buergermeister-hh-zu-ukrainekrise-dlf-fa676f9c-100.html\">deutschlandfunk.de\/interview-mit-klaus-von-dohnanyi-spd-ex-buergermeister-hh-zu-ukrainekrise-dlf-fa676f9c-100.html<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/mediathek\/audio\/wdr5\/wdr5-morgenecho-interview\/audio-ukraine-konflikt-interessen-der-usa-andere-als-europas-100.html\">wdr.de\/mediathek\/audio\/wdr5\/wdr5-morgenecho-interview\/audio-ukraine-konflikt-interessen-der-usa-andere-als-europas-100.html<\/a><\/li>\n<\/ul><p>Titelbild: Markus Wissmann \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit seinem Buch <strong>&bdquo;Nationale Interessen&ldquo;<\/strong> liefert <strong>Klaus von Dohnanyi<\/strong> eine &bdquo;Orientierung f&uuml;r deutsche und europ&auml;ische Politik in Zeiten globaler Umbr&uuml;che&ldquo;, die bisherige westliche Dogmen infrage stellt. 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