{"id":81139,"date":"2022-02-23T12:51:16","date_gmt":"2022-02-23T11:51:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=81139"},"modified":"2022-02-23T16:45:07","modified_gmt":"2022-02-23T15:45:07","slug":"alberto-fernandez-oder-argentiniens-wiederaufstieg-als-phoenix-aus-der-asche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=81139","title":{"rendered":"Alberto Fern\u00e1ndez oder Argentiniens \u201eWiederaufstieg\u201c als Phoenix aus der Asche"},"content":{"rendered":"<p>Ende 2019 wurde Alberto Fern&aacute;ndez mit mehr als 48 Prozent der W&auml;hlerstimmen an der Spitze einer gesamt-peronistischen Koalition und mit Cristina Fern&aacute;ndez de Kirchner als Vizepr&auml;sidentin bereits in der ersten Wahlrunde <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56065\">zum neuen Pr&auml;sidenten Argentiniens gew&auml;hlt<\/a>. Die R&uuml;ckkehr der Peronisten an die Regierungsmacht war eine Symptomdeutung. Die Mehrheit der Argentinier forderte ein Ende f&uuml;r das von seinem Vorg&auml;nger Mauricio Macri hinterlassene vierj&auml;hrige Desaster mit rabiaten neoliberalen Einschnitten. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6576\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-81139-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220223-Alberto-Fernandez-oder-Argentiniens-Wiederaufstieg-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220223-Alberto-Fernandez-oder-Argentiniens-Wiederaufstieg-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220223-Alberto-Fernandez-oder-Argentiniens-Wiederaufstieg-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220223-Alberto-Fernandez-oder-Argentiniens-Wiederaufstieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=81139-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220223-Alberto-Fernandez-oder-Argentiniens-Wiederaufstieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220223-Alberto-Fernandez-oder-Argentiniens-Wiederaufstieg-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Spirale der Hindernisse<\/strong><\/p><p>&Uuml;berw&auml;ltigt von der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57094\">von Macri ererbten Ruinenlandschaft<\/a> &ndash; die Demontage und Privatisierung des Sozialstaats, 4,5 Millionen neue verarmte B&uuml;rger, mehr als 20.000 zerst&ouml;rte kleine bis mittlere Industriebetriebe, eine Auslandsverschuldung von &uuml;ber 200 Milliarden US-Dollar und eine &uuml;ber 50-prozentige Inflationsrate &ndash; hatte die neue Regierung sich von Anbeginn auf eine Haushaltsf&uuml;hrung eingestellt, die sich auf sogenannte &bdquo;reparative&ldquo; Gesten beschr&auml;nken m&uuml;sste, statt die Sozialstaat-Agenda der Wahlkampagne durchzusetzen. Dies vor allem wegen des zwischen Macri und der damaligen Chef-Direktorin des Internationalen W&auml;hrungsfonds (IWF), Christine Lagarde, wenige Monate vor der Wahl im September 2019 unterzeichneten IWF-Standby-Kredits in H&ouml;he von 55 Milliarden US-Dollar. Wovon 44 Milliarden in ungew&ouml;hnlichem Handumdrehen ausgezahlt wurden und den berechtigten Verdacht aufkommen lie&szlig;en, Lagarde wolle mit Unterst&uuml;tzung einer medialen Propaganda-Maschine Macri zur Wiederwahl verhelfen. Dass diese Vermutung kein Verschw&ouml;rungsgarn der Peronisten bedeutete, sondern umgekehrt einem Druck der Macri-freundlichen Administration Donald Trump auf den IWF zu verdanken war, <a href=\"https:\/\/www.infobae.com\/politica\/2020\/07\/28\/un-asesor-de-trump-revelo-por-que-ayudaron-al-gobierno-de-macri-a-acceder-a-un-rescate-del-fondo-monetario-internacional\/\">best&auml;tigte ein Jahr sp&auml;ter<\/a> ein Mitarbeiter des ehemaligen US-Pr&auml;sidenten.<\/p><p>Doch die Hindernis-Spirale im ersten Regierungsjahr des Duos Fern&aacute;ndez &amp; Fern&aacute;ndez de Kirchner war zudem von anderen Gegenspielern angetrieben. Zum einen sah sie sich dem Dauerbeschuss eines <a href=\"https:\/\/www.nuevatribuna.es\/articulo\/global\/argentina-periodismo-guerra-alberto-fernandez-intervencion-vicentin\/20200624112007176439.html\">&bdquo;Kriegsfront-Journalismus&ldquo;<\/a> ausgesetzt, der die Wahlniederlage Macris nicht hinnehmen wollte und die Unregierbarkeit durch die Peronisten zum kurzfristigen Ziel gesetzt hatte. Es war die Fortsetzung der unter Macri begonnenen konzertierten Aktion von Medien und Justiz. Letztere war in Landesgerichten und im Obersten Gerichtshof mit regierungstreuen Richtern besetzt worden. Wie im Fall Dilma Rousseffs und Luis In&aacute;cio Lula da Silvas in Brasilien versuchten zwischen 2015 und 2019 auch argentinische Richter und Staatsanw&auml;lte mit politisch motivierten, endlosen und <a href=\"https:\/\/www.telam.com.ar\/notas\/202112\/576654-rafael-correa-jornadas-law-fare.html\">medial ausgeschlachteten <em>&ldquo;Lawfare&ldquo;<\/em>-Verfahren<\/a>, die peronistische F&uuml;hrung, insbesondere Cristina Fern&aacute;ndez de Kirchner, zu kriminalisieren. Die Emp&ouml;rung dar&uuml;ber ergriff schlie&szlig;lich Teile der &Ouml;ffentlichkeit und gipfelte in Aufm&auml;rschen vor dem Obersten Gerichtshof mit der Forderung nach Neubesetzung des Hohen Gerichts und <a href=\"https:\/\/www.rfi.fr\/es\/am%C3%A9ricas\/20220202-marcha-exige-reforma-judicial-y-cambios-en-la-corte-suprema-argentina\">einer Justizreform<\/a>.<\/p><p><strong>Macris &bdquo;Gestapo&ldquo; und Spionage-Skandale<\/strong><\/p><p>Erste Einlenkungszeichen signalisierte der Justizapparat im Juli 2021, als <a href=\"https:\/\/www.aa.com.tr\/es\/mundo\/justicia-de-argentina-imputa-al-expresidente-mauricio-macri-por-env%C3%ADo-de-armas-a-bolivia\/2307203\">ein Gericht Macri beschuldigte<\/a>, 2019 heimlich Waffen nach Bolivien zur St&auml;rkung des Putschregimes von Jeanine A&ntilde;ez und Unterdr&uuml;ckung sozialer Protest-Kundgebungen  geschickt zu haben. Eine zweite Anklage, vom Dezember 2021, wirft dem ehemaligen Pr&auml;sidenten vor, die Angeh&ouml;rigen der (toten) Besatzungsmitglieder des 2017 gesunkenen U-Bootes ARA San Juan ausspioniert zu haben. Bundesrichter Mart&iacute;n Bava verh&auml;ngte daher ein Embargo in H&ouml;he von 1 Million US-Dollar und belegte Macri mit Ausreiseverbot. Aus welchem Anlass aber sollten die Angeh&ouml;rigen der 44 Todesopfer ausspioniert werden? Richter Bava unterstellt, damit wollte Macri Rechtsmittel der Angeh&ouml;rigen gegen seine unt&auml;tige Regierung verhindern. Macri <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/mundo\/noticias-america-latina-59499587\">bef&uuml;rchtete ihren politischen Einfluss<\/a>, insbesondere ihre Argumente, die die Regierung f&uuml;r den Untergang schuldig machten.<\/p><p>Ein weiterer Spionageskandal der Amtszeit Macris sorgte f&uuml;r Schlagzeilen unter dem Kennwort <a href=\"https:\/\/www.pagina12.com.ar\/397697-los-correos-internos-de-la-gestapo-antisindical\">&bdquo;Die gewerkschaftliche Gestapo&ldquo;<\/a>. Anonyme Informanten verbreiteten 2021 Videoaufnahmen geheimer Sitzungen der mit Macri verb&uuml;ndeten Landesregierung Mar&iacute;a Eugenia Vidals. In diesen Treffen mit der Geheimpolizei, die zwischen Dezember 2015 und Dezember 2019 stattfanden, wurden illegale Vorbereitungen von Strafverfahren gegen Gewerkschaftsf&uuml;hrer getroffen. Die haneb&uuml;chene Operation drang 2021 ans Licht, als der unter neuer Leitung stehende Nachrichtendienst (AFI) Strafanzeige gegen die Beteiligten erstattete, von denen die Hauptangeklagten fl&uuml;chtig sind.<\/p><p><strong>Der konservative, politisch-sanit&auml;re Boykott<\/strong><\/p><p>Das schrittweise Einlenken der Justiz gegen die Verbrechen der Macri-Administration leuchtete Angriffe eines von ultraliberalen Think Tanks angetriebenen und zunehmend rechtsradikal agierenden konservativen Blocks aus. Doch kaum war die Regierung Anfang 2020 im Amt, brach die Covid-19-Pandemie &uuml;ber Argentinien herein. Wie kaum einer seiner Kollegen weltweit reagierte der Pr&auml;sident ab M&auml;rz 2020 zun&auml;chst mit einem monatelangen harten Lockdown und der Zahlung von Pandemie-Sozialboni f&uuml;r die arbeits- und lohnabh&auml;ngigen Bev&ouml;lkerungsteile. Die Ma&szlig;nahmen retteten tausende von Menschenleben und wurden <a href=\"https:\/\/corta.com.ar\/la-oms-elogio-a-alberto-fernandez-por-el-manejo-de-la-pandemia\/\">von der Weltgesundheits-Organisation (WHO) gelobt<\/a>.<\/p><p>Obwohl anf&auml;nglich dabei, rief der B&uuml;rgermeister von Buenos Aires &ndash; Horacio Rodr&iacute;guez Larreta von der konservativen Macri-Partei PRO &ndash; pl&ouml;tzlich zum <a href=\"https:\/\/agencia.farco.org.ar\/noticias\/el-presidente-defendio-las-medidas-sanitarias-frente-al-boicot-de-larreta-y-juntos-por-el-cambio\/\">Boykott der Covid-Schutzma&szlig;nahmen<\/a> auf. Nach ersten Anzeichen eines schwachen R&uuml;ckgangs der Masseninfektion forderte Larreta zum Beispiel die R&uuml;ckkehr zum Anwesenheits-Unterricht in den Schulen, erntete jedoch einen umfassenden Streik der nationalen Lehrergewerkschaft (UTE), die vorl&auml;ufig auf Unterricht &uuml;ber virtuelle Plattformen bestand. Im Klartext: Die bundesweit verbindlichen Schutzma&szlig;nahmen wurden in der Hauptstadt, mit rund einem Viertel der gesamten Bev&ouml;lkerung, sabotiert. Damit trug Larreta dazu bei, den Gro&szlig;raum Buenos Aires mit seinen 11 Millionen Einwohnern zwischen Mitte 2020 und Mitte 2021 in einen der akutesten Covid-19-Infektionsherde Lateinamerikas zu verwandeln; mit 55.848 (43,6 Prozent) der bis Februar 2022 landesweit in Argentinien verzeichneten 128.000 Covid-Toten.<\/p><p>Die Covid-19-Impfung startete in der Tat vergleichbar sp&auml;t in Argentinien, zum Teil aufgrund mangelnder Vorverhandlungen der Regierung, vor allem jedoch wegen zugesagten und nicht eingehaltenen Lieferungen der Hersteller, weswegen einzelne L&auml;nder wie Spanien und Kanada mit der Spende von 6,2 Millionen Impfdosen einsprangen. Doch mit rund 88 Millionen Impfdosen f&uuml;r die Erst- und Zweitimpfung der 45 Millionen B&uuml;rger erzielte die Regierung zwischen Ende 2020 und Ende 2021 eine der erfolgreichsten Impfkampagnen S&uuml;damerikas. Die Zusammensetzung der Impfstoffe erwies sich als bunter Cocktail verschiedener Hersteller. Den Hauptanteil daran hatte jedoch die russische Handelsmarke Sputnik V, wovon 4,9 Millionen Dosen in Argentinien hergestellt wurden und den russischen Hersteller <a href=\"https:\/\/www.ambito.com\/informacion-general\/argentina\/creadores-la-vacuna-sputnik-v-destacan-el-exito-contener-el-covid-19-n5277134\">zu medialen &bdquo;Stolz&ldquo;-Erkl&auml;rungen veranlassten<\/a>. Dennoch erfuhr die Regierung neue Sabotage-Handlungen der Macri-Opposition gegen die Massenimpfung bei gleichzeitiger Einhaltung differenzierter Schutzma&szlig;nahmen. Der ehemalige Pr&auml;sident <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/es\/post-opinion\/2021\/05\/18\/mauricio-macri-vacunado-miami-vacunas-vip-argentina-coronavirus\/\">lie&szlig; sich demonstrativ in Miami als VIP impfen<\/a> und &uuml;berfiel die Regierung Fern&aacute;ndez mit demagogischer Kritik; eine Attit&uuml;de, die ihm von der Los Angeles Times den Vorwurf der Politisierung der Pandemie eintrug.<\/p><p><strong>Das &bdquo;Covid-Wunder&ldquo;: Fern&aacute;ndez&lsquo; boomender Wirtschaftserfolg<\/strong><\/p><p>Sodann sorgte die Regierung Alberto Fern&aacute;ndez um die Jahreswende 2021\/2022 f&uuml;r eine weltweite, nahezu bombastisch wirkende Nachricht: Trotz des Covid-Dramas habe Argentinien im Haushaltsjahr 2020\/2021 einen 10-prozentigen Zuwachs des BIP erzielt. Was Anfang Januar des neuen Jahres den ehemaligen Chef-&Ouml;konomen der Weltbank und Wirtschafts-Nobelpreistr&auml;ger (2001) Joseph E. Stiglitz zu einer Art <a href=\"https:\/\/www.project-syndicate.org\/commentary\/argentina-covid-economic-miracle-by-joseph-e-stiglitz-2022-01\">&bdquo;Gratulations-Schreiben&ldquo;<\/a> auf der VIP-Plattform <em>Project Syndicate<\/em> veranlasste.<\/p><p>Welche Errungenschaften r&uuml;hmte Stiglitz? &bdquo;Angesichts des Desasters, das die Regierung des argentinischen Pr&auml;sidenten Alberto Fern&aacute;ndez Ende 2019 erbte, scheint ihr ein Wirtschaftswunder gelungen zu sein&ldquo;, kommentierte der erfreute, sozialstaatlich orientierte US-&Ouml;konom und fasste zusammen.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Vom dritten Quartal 2020 bis zum dritten Quartal 2021 erreichte das BIP-Wachstum 11,9 Prozent und wird nun auf 10 Prozent f&uuml;r 2021 gesch&auml;tzt &ndash; fast doppelt so viel wie f&uuml;r die USA prognostiziert &ndash; w&auml;hrend sich Besch&auml;ftigung und Investitionen auf einem h&ouml;heren Niveau erholt haben als bei Amtsantritt von Fern&aacute;ndez. Auch die &ouml;ffentlichen Finanzen des Landes haben sich trotz einer antizyklischen Konjunkturpolitik aufgrund des starken Wirtschaftswachstums, h&ouml;herer und progressiver Steuers&auml;tze auf Verm&ouml;gen und Unternehmenseinkommen und der Umschuldung im Jahr 2020 verbessert.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Doch die Initiativen und erzielten Ergebnisse der Regierung Fern&aacute;ndez blieben darauf nicht beschr&auml;nkt, wie Stiglitz erkennt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es gab auch ein betr&auml;chtliches Wachstum der Exporte &ndash; nicht nur wertm&auml;&szlig;ig, sondern auch mengenm&auml;&szlig;ig &ndash; nach der Umsetzung von Entwicklungspolitiken, die das Wachstum im kommerziellen Sektor f&ouml;rdern sollen. Dazu z&auml;hlen Reformen der Kreditpolitik, die Senkung der Z&ouml;lle auf null in Wertsch&ouml;pfungssektoren, zusammen mit h&ouml;heren S&auml;tzen f&uuml;r Prim&auml;rprodukte, und Investitionen in &ouml;ffentliche Bauinfrastruktur sowie Forschung und Entwicklung (die Art von Politik, die Bruce Greenwald und ich in unserem Buch &bdquo;Creating a Learning Society&ldquo; vertreten).<\/p>\n<p>Trotz dieser wichtigen Fortschritte in der Realwirtschaft haben sich die Finanzmedien daf&uuml;r entschieden, sich ausschlie&szlig;lich auf Themen wie L&auml;nderrisiko und W&auml;hrungsl&uuml;cke zu konzentrieren&hellip; Dar&uuml;ber hinaus leidet Argentinien weiterhin unter den Auswirkungen des spekulativen Kapitals, das w&auml;hrend der Macri-Pr&auml;sidentschaft ankam. Viele von ihnen gerieten in die Falle der Kapitalverkehrskontrollen dieser Regierung, die einen st&auml;ndigen Druck auf den Parallelmarkt-Wechselkurs aus&uuml;bten &hellip; Die Bereinigung des Finanzchaos der Vorg&auml;ngerregierung wird Jahre dauern. Das n&auml;chste gro&szlig;e Ziel ist eine Einigung mit dem IWF &uuml;ber die Schulden der Macri-&Auml;ra. Die Regierung Fern&aacute;ndez hat angedeutet, dass sie f&uuml;r jedes Programm offen ist, das der wirtschaftlichen Erholung nicht schadet oder die Armut verst&auml;rkt. Obwohl inzwischen jeder wissen sollte, dass Sparma&szlig;nahmen kontraproduktiv sind, k&ouml;nnten einige einflussreiche Mitgliedsstaaten des IWF immer noch darauf dr&auml;ngen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Es ist allerdings kaum anzunehmen, dass Stiglitz, als er seinen Text schrieb, die Dutzenden von Fern&aacute;ndez und seinem Wirtschaftsminister Mart&iacute;n Guzm&aacute;n an mehreren Fronten zugleich ergriffenen Einzelma&szlig;nahmen bekannt waren, die die Regierung in dem 47-seitigen Bericht <a href=\"https:\/\/www.argentina.gob.ar\/sites\/default\/files\/hacia_una_mirada_compartida_del_desarrollo_productivo_1_1.pdf\">&bdquo;Produktive Entwicklung im postpandemischen Argentinien&ldquo;<\/a> beschrieb. Er illustriert, wie die entschlossenen Covid-Schutzma&szlig;nahmen darauf abzielten, priorit&auml;r die Gesundheit des Gesundheitspersonals, der Senioren, ArbeiterInnen und Besch&auml;ftigten im informellen Sektor zu sch&uuml;tzen. Der wirtschaftlich-soziale Erfolg erkl&auml;rte sich allerdings durch die strategische Abstimmung des Gesundheitsschutzes mit dem Verbot der K&uuml;ndigung und Entlassung der ArbeiterInnen, sowie der Dienstleistungs-K&uuml;ndigung von Strom-, Wasser- und Raten-Schuldnern. Ferner griff die Regierung mit periodischen Gehaltserh&ouml;hungen und einem finanziellen Rettungspaket f&uuml;r Klein- und mittelgro&szlig;e Betriebe (Akronym: Pymes) ein, das wiederum die Steuereinnahmen der einzelnen Landesprovinzen erh&ouml;hte. Insgesamt sicherten die Regierungsma&szlig;nahmen das &Uuml;berleben von 338.000 Einzelbetrieben (60 Prozent der Gesamtzahl) und hielten die Arbeitslosenzahl weit unter der brasilianischen (11 Prozent) und der chilenischen Quote (15 Prozent).<\/p><p><strong>Argentinien erk&auml;mpft Neuorientierung des IWF<\/strong><\/p><p>Bis Ende Februar soll das Umschuldungsabkommen zwischen der Regierung Alberto Fern&aacute;ndez und dem IWF unterzeichnungsreif sein. Daf&uuml;r b&uuml;&szlig;te der moderate &bdquo;Albertismo&ldquo; die Unterst&uuml;tzung des um seine Vizepr&auml;sidentin Cristina Fern&aacute;ndez gruppierten &bdquo;Kirchnerismo&ldquo;, insbesondere seiner sich linker definierenden Untergruppe &bdquo;La C&aacute;mpora&ldquo;, ein. Ihr Sprecher und Sohn der Vizepr&auml;sidentin, M&aacute;ximo Kirchner, trat aus Protest gegen eine &Uuml;bereinkunft mit dem IWF von seinem Amt als Vorsitzender der Abgeordnetenkammer zur&uuml;ck. Die Links-Peronisten forderten, die <a href=\"https:\/\/www.baenegocios.com\/politica\/Esa-deuda-no-la-vamos-a-pagar-la-nueva-cancion-de-La-Campora-20211022-0064.html\">IWF-Schulden sollten gef&auml;lligst geprellt<\/a> werden. Womit Argentinien in die Falle eines selbstm&ouml;rderischen Staatsbankrotts treten w&uuml;rde. Schulden m&uuml;ssen ohne Wenn und Aber gezahlt werden, doch unter anderen Bedingungen, kontert die Regierung.<\/p><p>Joseph E. Stiglitz hat mit <a href=\"https:\/\/foreignpolicy.com\/2022\/02\/01\/argentina-imf-austerity-debt-economics-inflation\/\">einem weiteren Artikel<\/a>, erschienen in Foreign Policy, recht behalten: Es ist wohl das erste Mal in der Geschichte des IWF &ndash; vor allem seit seiner neoliberalen Orientierung &ndash; dass der Fonds vom Aufzwingen drakonischer &bdquo;Sparma&szlig;nahmen&ldquo; und rabiatem Abbau des Sozialstaates eines Kreditempf&auml;ngerlandes absehen will. Mehr noch: Der Fonds sieht selbstkritisch ein, dass der Kreditvertrag Lagardes mit Macri vor Fehlern strotzt und von Macri niemals eingehalten wurde. Im Gegenteil: Der L&ouml;wenanteil von 44 Milliarden US-Dollar wurde an Spekulanten verteilt und eine ebenso <a href=\"https:\/\/tn.com.ar\/economia\/2021\/12\/22\/el-directorio-del-fmi-hizo-una-fuerte-critica-sobre-el-prestamo-otorgado-a-la-argentina-durante-el-gobierno-de-mauricio-macri\/\">hohe Kapitalflucht war die Folge<\/a>. Eine Einsicht, die auf Seiten der Regierung Fern&aacute;ndez mit einer <a href=\"https:\/\/www.pagina12.com.ar\/401290-como-sigue-la-causa-penal-por-la-deuda-con-el-fmi-mas-alla-d\">Gerichtsklage des nationalen Schatzamtes gegen Macri<\/a> und Einzelne seiner Funktion&auml;re versch&auml;rft wird. Ihnen werden die r&uuml;cksichtslose Dekapitalisierung und die Verarmung des Landes vorgeworfen.<\/p><p>Vorl&auml;ufiger Epilog.<\/p><p>W&auml;hrend eines Staatsbesuchs Alberto Fern&aacute;ndez&lsquo; von Anfang vergangenen Februars in Russland und in China gratulierten deren Pr&auml;sidenten Wladimir Putin und Xi Jinping dem argentinischen Kollegen f&uuml;r Haltung und &Uuml;bereinkunft mit dem IWF. Das Moskauer Treffen nutzte Fern&aacute;ndez, um die Beitrittsabsicht Argentiniens zur BRICS-Gruppe (Brasilien, China, Russland, Indien, S&uuml;dafrika) anzumelden; ein Antrag, den Putin begr&uuml;&szlig;te und sich f&uuml;r die Unterst&uuml;tzung vom noch amtierenden brasilianischen Pr&auml;sidenten Jair Bolsonaro stark zu machen versprach.<\/p><p>Mit subtiler Anspielung auf den politischen Druck der USA dankte der Jurist Fern&aacute;ndez mit einer seiner Maximen: &bdquo;Heutzutage souver&auml;n aufzutreten, bedeutet nicht, f&uuml;r die Durchf&uuml;hrung eines Regierungsprogramms um Erlaubnis bitten zu m&uuml;ssen.&ldquo; Die Warnung t&ouml;nte wie eine Antwort auf den neuen US-Botschafter in Buenos Aires, Marc Stanley. Der hatte k&uuml;rzlich in den USA gespottet, &bdquo;Argentinien ist ein sch&ouml;ner Touristenbus ohne R&auml;der&hellip; dessen Regierung keinerlei Makroplan besitzt&ldquo;. Wof&uuml;r er <a href=\"https:\/\/www.pagina12.com.ar\/377446-a-que-viene-marc-stanley-nuevo-embajador-de-ee-uu\">von der Tageszeitung <em>Pagina12<\/em><\/a> als &bdquo;arroganter Provokateur, ver&auml;chtlich und kaum bem&uuml;ht, seine Absichten zu verschleiern, sich in innere Angelegenheiten einzumischen&ldquo; abserviert wurde.<\/p><p>Der Demokrat und Israel-Lobbyist Stanley tritt auf wie ein Trump-Funktion&auml;r. Er verlangt von Argentinien gehorsame Unterordnung unter die unver&auml;nderte US-Au&szlig;enpolitik, insbesondere f&uuml;r Lateinamerika. Im Klartext: brachiale Verurteilung Kubas, Venezuelas und Nicaraguas und ein Schwur auf Distanz zu China. Doch genau die kann sich die Regierung Fern&aacute;ndez nicht leisten. Die argentinische Liquidit&auml;t ist alles andere als beruhigend: Die Bruttoreserven der Zentralbank belaufen sich auf vergleichsweise &auml;u&szlig;erst niedrige 37,56 Milliarden US-Dollar. Und damit kommt der &bdquo;asiatische Riese&ldquo; ins Spiel, dem Argentinien ohnehin einen Swap in H&ouml;he von 20 Milliarden US-Dollar schuldet.<\/p><p>W&auml;hrend seines dreit&auml;gigen Besuchs in China erzielte Fern&aacute;ndez einen erstaunlichen Vertrag: chinesische Investitionen und Schuldenfinanzierung in H&ouml;he von ca. 27 Milliarden US-Dollar und Argentiniens Beitritt zum Neuen Seidenstra&szlig;en-Projekt. &bdquo;Wenn Du Argentinier w&auml;rst, w&auml;rst Du ein Peronist&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.lanacion.com.ar\/politica\/si-usted-fuera-argentino-seria-peronista-le-dijo-alberto-fernandez-a-xi-jinping-en-china-nid06022022\/\">erkl&auml;rte der humorvolle Alberto Fern&aacute;ndez<\/a> dem staunenden Kollegen Xi Jinping.<\/p><p>Irgendjemand schrieb einmal mit wohltemperiertem Vergleich, w&uuml;rde man Europ&auml;ern mit einem unwahrscheinlichen &bdquo;Handbuch&ldquo; den Peronismus als jene von Juan Domingo Per&oacute;n in den 1940er Jahren geschaffene Bewegung zu erkl&auml;ren versuchen, m&uuml;sste man sie als eine ideologische Str&ouml;mung zusammenfassen, die die F&auml;higkeit besitzt, sich den &bdquo;Zw&auml;ngen oder dem Trend der Zeit&ldquo; anzupassen.<\/p><p>Nach scharfen Worten an die Adresse des Wei&szlig;en Hauses in Washington fand Fern&aacute;ndez dennoch ein Lob f&uuml;r Pr&auml;sident Joe Biden, der mit moralischer Unterst&uuml;tzung den Verhandlungen mit dem IWF &bdquo;geholfen&ldquo; habe. Doch mit dem Eintritt in die BRICS und dem Kurs auf Chinas Seidenstra&szlig;e geht Argentinien auf Distanz zu den USA.<\/p><p>Titelbild: Ramon Moser\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende 2019 wurde Alberto Fern&aacute;ndez mit mehr als 48 Prozent der W&auml;hlerstimmen an der Spitze einer gesamt-peronistischen Koalition und mit Cristina Fern&aacute;ndez de Kirchner als Vizepr&auml;sidentin bereits in der ersten Wahlrunde <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56065\">zum neuen Pr&auml;sidenten Argentiniens gew&auml;hlt<\/a>. Die R&uuml;ckkehr der Peronisten an die Regierungsmacht war eine Symptomdeutung. Die Mehrheit der Argentinier forderte ein Ende f&uuml;r<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=81139\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":81140,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,126,149,20,30],"tags":[965,423,1980,379,2711,2880,589,930,2007,2199,748,325,1556,2834,402],"class_list":["post-81139","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-gesundheitspolitik","category-landerberichte","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-argentinien","tag-austeritaetspolitik","tag-brics","tag-china","tag-fernandez-alberto","tag-impfungen","tag-iwf","tag-justiz","tag-kirchner-cristina","tag-macri-mauricio","tag-rettungsschirm","tag-staatsschulden","tag-usa","tag-virenerkrankung","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/shutterstock_1802053822.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/81139","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=81139"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/81139\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81151,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/81139\/revisions\/81151"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/81140"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=81139"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=81139"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=81139"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}