{"id":8131,"date":"2011-01-27T13:46:14","date_gmt":"2011-01-27T12:46:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8131"},"modified":"2011-01-27T13:46:14","modified_gmt":"2011-01-27T12:46:14","slug":"ueber-den-niedergang-von-satire-kritik-und-kabarett-im-oeffentlich-rechtlichen-fernsehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8131","title":{"rendered":"\u00dcber den Niedergang von Satire, Kritik und Kabarett im \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen"},"content":{"rendered":"<p>Klaus Ulrich Spiegel, NachDenkSeiten-Leser, Aktivist in Sachen Kultur und fr&uuml;her einmal in der Politik aktiv, hat uns auf die Entwicklung beim Satiregipfel aufmerksam gemacht und eine kurze Analyse der Entwicklung geschrieben. Interessant auch sein Hinweis auf die ungenierte Partnerschaft von &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien und den kommerziellen. Die &ouml;ffentlich-rechtlichen als Steigb&uuml;gelhalter des Kommerzes, w&uuml;rde ich sagen. (Unseren Beitrag zum letzten Satiregipfel finden Sie &uuml;brigens <a href=\"?p=8081\">hier<\/a>) Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>KLAUS ULRICH SPIEGEL:<br>\nUngeordnete Bemerkungen zur Programmtendenz in den &Ouml;ffentlich-Rechtlichen<\/strong><br>\n&ndash;  am Beispiel &bdquo;Kultur im Programm&ldquo; aus Anlass des sog. &bdquo;Satiregipfels&ldquo;<\/p><p>Kultur im Fernsehen, und als deren Nebenfeld: die TV-Satire: Vor langem waren das Lichtblicke im immer flacher werdenen Programm. Und heute ist sie in vollem Wandel zum nurmehr Unterhaltungs- und Seichtposten, also auf dem Weg ins weite Meer medialer &Auml;rgernisse. Kultur war in den &Ouml;ffentlich-Rechtlichen mal eine gesellschaftlich wirksame Bildungs- und Ermutigungsquelle &ndash; etwa als (um nur ein Beispiel zu nennen) allein im Bereich dramatische Literatur die Bev&ouml;lkerung vor allem au&szlig;erst&auml;dtischer Lebensbereiche mit Fernseh-Inszenierungen wichtiger B&uuml;hnenwerke &bdquo;kulturiert&ldquo; wurde. Fernsehen nicht als endlose Talkquatschbude, sondern als vielf&auml;ltige Anregung zu Aufkl&auml;rung+Anspruch+Reflektion im Allgemeinen. Und &ouml;ffentlich-rechtliches Fernsehen auch ein Mittel der Zugangsvermittlung und Verbreitung von Kultur, Kunst, Literatur, Musik, Diskurs, Aufkl&auml;rung, Entz&uuml;ndung von Neugier und Impulsen. <\/p><p>Dazu z&auml;hlten nicht zuletzt Satire, Kritik, Kabarett. Der Niedergang ist offenkundig. Seine Anf&auml;nge lassen sich recht genau datieren auf die Einf&uuml;hrung der privaten Kommerz-Sender. Der kritische Medienbeobachter von heute braucht kaum weiterf&uuml;hrende Darlegungen &ndash; weder dazu noch zu anderen inzwischen untergegangenen Formen einer TV+Radio-Kultur mit Informations-, Ermutigungs- und Bildungs-Auftrag\/-Anspruch.<\/p><p>Es gibt ja durchaus noch Kultur im TV, und darauf verweisen die Verantwortlichen in jeder Debatte: die Literatur- und Kulturmagazine wie etwa &bdquo;Lesezeichen&ldquo;, &bdquo;aspekte&ldquo;, &bdquo;ttt&ldquo;, &bdquo;druckfrisch&ldquo; etc. Die haben ihre Nischen, aber durchwegs erst gegen Mitternacht, zumeist auf 30-40 Minuten begrenzt, wenn nicht ohnehin in die Regional- oder Nachtprogramme verwiesen (wie &ldquo;kulturzeit&rdquo;, ein leider rechtslastiges, aber immerhin werkt&auml;gliches 3sat-Magazin). Dagegen und davon &uuml;berlagert steht aber l&auml;ngst der immer irrsinniger werdende Wahn, die marktbeherrschenden Privaten, vor allem RTL und SAT1, nachzuahmen, im Quotenrennen mitzulaufen &ndash; und so die Teller zu zerschlagen, von denen man auf lange Sicht noch speisen m&uuml;sste, wenn man ans eigene Daseinsberechtigtsein d&auml;chte.<\/p><p>Diese Haltung und ihre Umsetzung &ndash; best&auml;tigt soeben in einem nichts als taktisch-opportunistischen Interview der WDR-Intendantin als ARD-Vorsitzende in der S&uuml;ddeutschen Zeitung &ndash; enth&uuml;llt sich in besonders absto&szlig;ender Weise in Person von Anpassern und Mittelma&szlig;-Repr&auml;sentanten wie (unter vielen) etwa Herres und Baumann: Meine G&uuml;te, was f&uuml;r ein Personal gelangt auf solche wichtigen, einflussstarken, ma&szlig;setzenden Posten! In deren Folge Intendantenbesetzungen mit Parteig&auml;ngern, demonstrativ auffindbar etwa im BR und HR, dazu Chefredakteure vom Zuschnitt Gottlieb. Und inhaltlich in zwei erschreckende Trends:<\/p><ol>\n<li><strong>Im Programm ausgedr&uuml;ckte Kooperation mit der Profitwirtschaft.<\/strong><br>\nAll&uuml;berall, doch am Offensichtlichsten mit den Medienriesen. In der ARD: Burda und Bertelsmann. Zum Beispiel mit der in mehreren Terminen abendf&uuml;llend und abfotografierten Bambi-Verleihung, das Burda-Logo stundenlang auf dem Bildschirm, Hubert Burda + Gattin (ihrerseits Tatort-Kommissarin) und das Paar Riekel-Markwort. Vorl&auml;ufig noch (!) nicht ganz so aufdringlich Bertelsmann mit Zulieferungen von Sendematerial, Konzepten, &ldquo;Formaten&rdquo;, neuerdings ganz demonstrativ auch Personen. Im ZDF die Benefiz-Show &ldquo;Ein Herz f&uuml;r Kinder&rdquo;, mit Medienprominenz bis ins britische K&ouml;nigshaus &uuml;berladen &ndash; eine Werbeveranstaltung f&uuml;r BILD und die sonstige Springer-Macht, dazu GiGi- und Neureich-Typen wie Maschmeier mit Groupies. In steter Folge  Millionenshows zur Feier des Gro&szlig;kapitals und ihrer K&auml;uflinge, gef&uuml;llt mit Firmen-PR per Party-Wohlt&auml;tigkeit oder Preisverleihungen wie etwa Springers &bdquo;Goldener Kamera&ldquo;. Dazu immer neue so &uuml;berfl&uuml;ssige wie zumeist peinliche &ldquo;Entertainment&rdquo;-Shows, &ldquo;Event&rdquo;-Quize, Hit-Pr&auml;sentationen, voll mit &ldquo;Prominenten&rdquo; nicht zuletzt aus der Bl&ouml;del-Comedy &ndash; und offenbar ohne alle Geschmacks-, Anstands- oder Selbstachtungsgrenzen: mit Personal aus den Kommerzsendern. ARD+ZDF als Verbreiter der Profit-Programme! Mittlerweile bilden sie ein nahezu fl&auml;chendeckendes Mosaik.<\/li>\n<li><strong>Ungenierte Partnerschaft mit Repr&auml;sentanzen des Kommerz-TV.<\/strong><br>\nBeispiele: Die Selbstpreisgabe und Selbstauslieferung an den Kirch-Sender PRO7 im &ldquo;Neukonzept&rdquo; des (ohnehin sinnfreien) Song-Contest &ldquo;Grand-Prix de la Chanson&rdquo; mit der Sch&ouml;pfung einer deutschen Tralala-Biene, vor allem aber der Integration des d&uuml;mmlich-frechen Kommerz-Moderators und Privatsender-Machthabers Stefan Raab als Programm-Macher der ARD. Oder, noch skandal&ouml;ser, das Engagement des Quizmasters Jauch als angeblicher &ldquo;Doyen des deutschen TV-Politikjournalismus&rdquo; ins Prime-Program der ARD. Dies f&uuml;r unverantwortlich schamlose Geb&uuml;hrenmillionen und dazu noch Produktionsvertr&auml;ge mit dessen privat-eigenen Sub-Unternehmen &ndash; und dies bei weiterdauernder Top-Position des (in seiner dr&ouml;gen Provinzialit&auml;t m.E. ohnehin unerkl&auml;rlich hochgejubelten) Moderators als Star-Quizer bei Bertelsmanns RTL. Und das bedeutet: Ein langfristig substanzzerst&ouml;rendes Go-In des Bertelsmann-Konzerns &uuml;bers &ldquo;Erste&rdquo; in den Verbund der &ouml;ffentlich-rechtlichen Sendeanstalten.<\/li>\n<\/ol><p>Ein emp&ouml;rter Nachdenkseiten-Leser hat dazu unl&auml;ngst einen so berechtigten wie fruchtlosen Briefwechsel mit der ARD-Programmdirektion auf die Nachdenkseiten stellen k&ouml;nnen. Seine Argumente, von Zorn getr&auml;nkt, kann man inhaltlich nur unterstreichen.<\/p><p>Diese Vorg&auml;nge verk&ouml;rpern eine Tendenz, die l&auml;ngst zum Trend geworden ist. Wenn man sie auf die seit langem herrschende Ver&auml;nderung des Gesamtprogramms bezieht, so etwa: in den Primetimes immer d&uuml;mmer, immer primitiver, niedriger, erb&auml;rmlicher, niveuloser und meist ohne Zeitlimit sich ausbreitende Massen-&ldquo;Formate&rdquo;, registriert man eine erscheckende Abkehr vom Sinn, Auftrag und Konzept des Fernsehens in &ouml;ffentlich-rechtlicher Tr&auml;gerschaft. Diese gekennzeichnet durch Sendeformen von Quiz bis Stadl, Zeit-K&uuml;rzungen der Politik-Magazine um ein Drittel, Inflation der sog. Talkshows = Bequatschereien des Immergleichen und der Vielfach-Verwurstung jeweiliger &bdquo;Aktualit&auml;ten&ldquo; durch die immergleichen Dumm- und\/oder Frechschw&auml;tzer (Henkel, Baring, Sinn, Jordan, Broder, Matussek &amp; die ganze Neoliberal- wie auch Wendegewinner-Lobby, mit ein paar Minderheits-Alibis), rechtslastige Dokumentationen (&agrave; la &ldquo;Die Akte Gysi&rdquo;), nicht endende Schicksals-Schnulzenfabrikation und Denunziations-&bdquo;Reports&ldquo; zum Dauerstoff DDR-SED-Stasi: Dann unterscheiden sich bereits heute weite Teile des &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehens (im Rundfunk sieht es etwas besser aus &ndash; Minderheitenprogramme l&auml;ngst) kaum noch von der Springer- + Bauer- + Burda-Presse.<\/p><p>Im Ganzen: Eine st&auml;ndige Verletzung des gesetzlichen Auftrags der &Ouml;ffentlich-Rechtlichen.<\/p><p>Dazu nun auch die Sparte <strong>Politisches Kabarett<\/strong>: In den hier beschriebenen Programmver&auml;nderungen scheint es mir kein Zufall, wenn der (m.E. unverst&auml;ndlich &uuml;bersch&auml;tzte) Kreischkasper Richling, auch er ein substanzarmer, l&auml;rmender Linkenver&auml;chter, im &uuml;brigen blo&szlig;er Per&uuml;cken+Kleider-Clown, den ein Urban Priol mithilfe weniger Stimm-Umf&auml;rbungen als Parodist deklassiert (nicht zu reden von den politischen Aufkl&auml;rern Schramm und Pispers) den Hildebrandtschen &ldquo;Scheibenwischer&rdquo; unter dem grotesk anspruchsverfehlenden Titel &ldquo;Satiregipfel&rdquo; zur Comedy-Klamotte herunterwirtschaften konnte &ndash; um ihm nun an einen RTL+SAT1-Comedian der zynisch-denunzierenden, also rechtsgelagerten Sorte &uuml;bergeben zu d&uuml;rfen. Bemerkenswert, dass dieser Herr Nuhr, genau wie Jauch mit ganzen Auftritts-Serien in den Privatsendern weitermachen kann. Auch hier also klare Vorzeichen einer weiter eskalierenden Abw&auml;rts-Entwicklung bei den &Ouml;ffentlich-Rechtlichen.<\/p><p>Eine Flut von Eindr&uuml;cken &ndash; und doch nur eine begrenzte Belegsammlung zu Zustand und Tendenz im &Ouml;ffentlich-Rechtlichen, somit nur ein Ausschnitt des Gesamtgeschehens. Vielleicht zeigen sie aber eine Richtung auf, in der fundierte Kritik + Analyse anzusetzen h&auml;tten. Auf Abhilfe, Gegentrends, Hilfe mag man ohnehin kaum hoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Ulrich Spiegel, NachDenkSeiten-Leser, Aktivist in Sachen Kultur und fr&uuml;her einmal in der Politik aktiv, hat uns auf die Entwicklung beim Satiregipfel aufmerksam gemacht und eine kurze Analyse der Entwicklung geschrieben. 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(Unseren<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8131\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-8131","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8131","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8131"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8131\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8133,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8131\/revisions\/8133"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8131"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8131"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8131"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}