{"id":81337,"date":"2022-03-01T11:00:24","date_gmt":"2022-03-01T10:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=81337"},"modified":"2022-03-01T12:05:33","modified_gmt":"2022-03-01T11:05:33","slug":"russlands-wunder-punkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=81337","title":{"rendered":"Russlands wunder Punkt"},"content":{"rendered":"<p>In der &ouml;ffentlichen Debatte &uuml;ber die verh&auml;ngten Sanktionen konzentriert man sich sehr auf den Ausschluss russischer Banken vom SWIFT-System. Dadurch geriet eine viel wirkm&auml;chtigere Sanktion in den Hintergrund. Die Sanktionen gegen die russische Zentralbank treffen Russland n&auml;mlich besonders hart. Der &Ouml;konom <strong>Maurice H&ouml;ffgen<\/strong> erkl&auml;rt in einem Gastartikel f&uuml;r die NachDenkSeiten, warum das so ist und was wir daraus &uuml;ber Geld und Macht lernen k&ouml;nnen.<br>\n<!--more--><br>\nViel wurde schon geschrieben &uuml;ber die Sanktionen gegen Russland anl&auml;sslich des v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskrieges. Der Krieg macht traurig und betroffen. Unter den ganzen Sanktionen sticht eine besonders heraus, die ich beleuchten will. Nein, nicht der Ausschluss sanktionierter Banken aus dem SWIFT-System, sondern die Sanktionen gegen die russische Zentralbank. Genauer gesagt: die russischen Devisenreserven.<\/p><p>Russland hat seit dem Konflikt um die Krim im Jahr 2014 kontinuierlich Reserven in Fremdw&auml;hrung aufgebaut. Das funktionierte vor allem durch Export&uuml;bersch&uuml;sse. Russland hat mehr ans Ausland verkauft, als es aus dem Ausland eingekauft hat. Wenn Russland zum Beispiel &Ouml;l, Gas und Kohle an Deutschland liefert, wird Russland in Euro bezahlt. Diese Euros wurden als Devisenreserven gespart.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220301-Punkt-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><strong>Wof&uuml;r &uuml;berhaupt W&auml;hrungsreserven?<\/strong><\/p><p>Russland kann zwar unendlich viele Rubel (eigene W&auml;hrung) erzeugen, aber keine Euros, keine US-Dollar und keine Yuan &ndash; keine fremden W&auml;hrungen. Wenn Russland Maschinen aus Deutschland oder Halbleiter aus China einkauft, m&uuml;ssen diese vermutlich in der jeweiligen Fremdw&auml;hrung bezahlt werden. Daf&uuml;r sind die Devisenreserven gut. Nat&uuml;rlich k&ouml;nnten jederzeit auch eigens gesch&ouml;pfte Rubel gegen Euro oder Yuan getauscht werden, aber das ist in Kriegszeiten riskant. Denn der Rubel ist unsicher, unbeliebt und wertet ab &ndash; eine Abw&auml;rtsspirale. Wenn im Extremfall niemand mehr Rubel halten m&ouml;chte, tauscht auch niemand mehr Euros gegen Rubel. Dann bek&auml;me Russland Probleme, weil es keine Importe mehr bezahlen k&ouml;nnte. Importe, die f&uuml;r die Kriegsf&uuml;hrung und die eigene Wirtschaft wichtig sind.<\/p><p>Vielfach wurde in den letzten Tagen argumentiert, Deutschland solle ein Handelsembargo gegen Russland erlassen und kein Gas, kein &Ouml;l und keine Kohle mehr importieren, weil damit letztlich &ldquo;der Krieg finanziert&rdquo; w&uuml;rde. Richtig ist, dass Russland dann keine neuen Euros mehr bek&auml;me, aber nat&uuml;rlich seine bestehenden Euroreserven nutzen k&ouml;nnte, um Importe zu bezahlen. Wir h&auml;tten also sofort den Schaden &ndash; die Energiekrise und noch mehr Preisdruck &ndash; Russland erst in der langen Frist Probleme. Warum dann nicht gleich Exporte nach Russland verbieten? Das w&uuml;rde viel schneller und zielgenauer wirken. Russland ist auf Technologieimporte aus dem Westen angewiesen. Doch es gibt noch eine bessere Idee: Die W&auml;hrungsreserven der russischen Zentralbank einfrieren!<\/p><p><strong>Wie funktioniert das?<\/strong><\/p><p>Um das zu verstehen, m&uuml;ssen wir ein paar Schritte zur&uuml;ckgehen. Die Abbildung unterhalb zeigt unser Geldsystem. Wir als Privatpersonen halten Konten bei Gesch&auml;ftsbanken wie der Sparkasse. Die Gesch&auml;ftsbanken wiederum f&uuml;hren ihr Konto bei der Zentralbank. Ebenso die Regierung.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220301-Punkt-02.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Auch die russische Zentralbank f&uuml;hrt &uuml;ber Korrespondenzbanken ein Konto bei den nationalen Zentralbanken der Eurozone, etwa der Deutschen Bundesbank oder der Banque de France. Der gr&ouml;&szlig;te Teil der russischen Devisenreserven ist in Euro denominiert, wie die Abbildung unterhalb zeigt. Das hei&szlig;t: Der gr&ouml;&szlig;te Teil der russischen Fremdw&auml;hrungsdevisen besteht aus Guthaben bei den Zentralbanken im Eurosystem &ndash; vereinfacht: als Guthaben bei der Europ&auml;ischen Zentralbank, der EZB.<\/p><p>Wichtig: Alle Euros, die existieren, existieren als Guthaben im Eurosystem &ndash; und k&ouml;nnen dieses auch nicht verlassen. Bei einer &Uuml;berweisung wechseln die Guthaben h&ouml;chstens den Eigent&uuml;mer, aber sie bleiben Guthaben im Eurosystem.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/220301-Punkt-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Die russische Zentralbank hatte vor kurzem noch gro&szlig; get&ouml;nt, dass sie den Banken und den Leuten im Lande alle Gesch&auml;fte in Rubel und die Auszahlung von Fremdw&auml;hrungsdevisen garantiere. Das d&uuml;rfte damit Geschichte sein. Wenn die russische Zentralbank zuk&uuml;nftig Euros an eine russische Bank &uuml;berweisen will, wird das nicht mehr funktionieren. Die hart erarbeiteten und erwirtschafteten W&auml;hrungsdevisen sind auf Knopfdruck wertlos. Es wird zu Zahlungsausf&auml;llen und einem Bank-Run auf die letzten Fremdw&auml;hrungsdevisen im Land kommen. Chaos f&uuml;r russische Finanzm&auml;rkte und Finanzprodukte ist vorprogrammiert. Die Sanktion trifft Russland an einer empfindlichen Stelle. Die Grafik oberhalb zeigt gut, dass Russland die W&auml;hrungsdevisen in den letzten 5 Jahren umgeschichtet hat. Weniger US-Dollar, mehr Yuan und mehr Euro. Hat Putin diesen Schritt gegen die Devisenreserven den USA eher zugetraut als den Europ&auml;ern? Es scheint so. Schief gegangen, kann man sagen.<\/p><p><strong>Wer spielt in wessen Sandkasten?<\/strong><\/p><p>Die Sanktion ist auch eine Lektion &uuml;ber das Geldsystem und monet&auml;re Souver&auml;nit&auml;t. Wer in fremder W&auml;hrung agiert, sitzt immer am k&uuml;rzeren Hebel, wer in eigener W&auml;hrung agiert, sitzt am l&auml;ngeren Hebel. Dass Russland viele Euro-Guthaben und viele Anleihen von Euro-L&auml;ndern besitzt, wird jetzt zu Russlands Problem.<\/p><p>Im Mainstream wurde das in der Vergangenheit anders gesehen. Da wurden Gruselgeschichten dar&uuml;ber erz&auml;hlt, dass die Halter von Staatsanleihen sehr m&auml;chtig und die Staaten von deren Wohlwollen abh&auml;ngig seien. China und die USA sind hier das klassische Beispiel. China hat einen Export&uuml;berschuss gegen&uuml;ber den USA. Das f&uuml;hrt dazu, dass China viele US-Dollar-Guthaben besitzt und diese zu einem gro&szlig;en Teil in US-Staatsanleihen investiert. Warum? Weil Staatsanleihen mehr Rendite bringen als Zentralbankguthaben. Aus der Tatsache, dass China viele US-Anleihen besitzt, folgerten &Ouml;konomen und auch mehrere US-Pr&auml;sidenten, ja auch Barack Obama, China finanziere die USA und k&ouml;nne die USA in finanzielle Probleme bringen. Das ist falsch.<\/p><p>Das Einzige, was China mit den US-Dollar-Guthaben machen kann: in den USA einkaufen. Sprich: Die US-Dollar, die sie f&uuml;r ihre Exporte in die USA bekommen haben, f&uuml;r Importe aus den USA wieder auszugeben. Was aber, wenn die USA nicht will? Was aber, wenn die USA die Konten einfriert? Die USA haben die G&uuml;ter aus China geliefert bekommen und verbraucht, f&uuml;r die Chinesen hart gearbeitet haben, und China? China hat lediglich Bankguthaben im US-Bankensystem bekommen. Ob sie daf&uuml;r in Zukunft auch US-amerikanische G&uuml;ter bekommen, entscheidet die USA. China spielt im Sandkasten der USA, nicht andersherum &ndash; das ist das Wichtige hier.<\/p><p>Russland hat die Erfahrung jetzt gemacht. Russland hat Gas geliefert und Bankguthaben im Eurosystem bekommen, die jetzt eingefroren werden. Wer gegen fremde Bankguthaben exportiert, geht ein Risiko ein. Wer gegen eigene W&auml;hrung importiert, macht ein gutes Gesch&auml;ft. Souver&auml;n ist, wer viel in eigener W&auml;hrung machen kann und &uuml;ber die Regeln im eigenen Geldsystem bestimmt. Souver&auml;n ist der w&auml;hrungsherausgebende Staat, unsouver&auml;n sind alle anderen w&auml;hrungsnutzenden Akteure &ndash; ob aus dem In- oder aus dem Ausland. Dass Wirtschafts- und Handelspolitik geostrategische Relevanz haben, ist nicht neu. Wer das aber nutzen m&ouml;chte, muss sein Geldsystem im Griff haben und verstehen. Das scheint nicht immer der Fall zu sein.<\/p><p>Zum Schluss noch eine andere wichtige Lektion, die aus dieser Einsicht folgt.<\/p><p><em>Alle Euros, die existieren, existieren als Guthaben im Eurosystem &ndash; und k&ouml;nnen dieses auch nicht verlassen. Bei einer &Uuml;berweisung wechseln die Guthaben h&ouml;chstens den Eigent&uuml;mer, aber sie bleiben Guthaben im Eurosystem.<\/em><\/p><p>N&auml;mlich: Wenn von &bdquo;Kapitalflucht&ldquo; die Rede ist und damit Geld gemeint ist, dann kann das nie bedeuten, dass das Land, aus dem das &bdquo;Kapital flieht&ldquo;, danach weniger Geld hat. Die Bankguthaben bleiben bestehen, sie wechseln nur den Eigent&uuml;mer. Das kann den Preis (Wechselkurs) beeinflussen, aber nicht die Menge. Das ist also ein Mythos.<\/p><p>Titelbild: Stanley Kalvan\/shutterstock.com<\/p><p><em><strong>Anmerkung Jens Berger:<\/strong> In einem gestern <a href=\"https:\/\/ria.ru\/20220228\/rezervy-1775471614.html\">publizierten Text<\/a> beziffert die staatliche Nachrichtenagentur die Gold- und Devisenreserven der russischen Zentralbank genauer. Demnach sind zurzeit 311 Milliarden Dollar in Wertpapieren ausl&auml;ndischer Emittenten angelegt, 152 Milliarden in Bargeld und Einlagen bei Banken im Ausland. Weitere 132 Milliarden lagern in Gold in Russland, etwa 30 Milliarden werden in Reserven beim Internationalen W&auml;hrungsfonds (IWF) und in Sonderziehungsrechten (SZR) gehalten. De facto kann Russland also derzeit nur &uuml;ber die 132 Milliarden Dollar verf&uuml;gen, die in Form von Gold im eigenen Land liegen. Goldbarren werden jedoch von Lieferanten in der Regel nicht als Zahlungsmittel akzeptiert. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der &ouml;ffentlichen Debatte &uuml;ber die verh&auml;ngten Sanktionen konzentriert man sich sehr auf den Ausschluss russischer Banken vom SWIFT-System. Dadurch geriet eine viel wirkm&auml;chtigere Sanktion in den Hintergrund. Die Sanktionen gegen die russische Zentralbank treffen Russland n&auml;mlich besonders hart. Der &Ouml;konom <strong>Maurice H&ouml;ffgen<\/strong> erkl&auml;rt in einem Gastartikel f&uuml;r die NachDenkSeiten, warum das so ist und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=81337\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":81348,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,134,30],"tags":[379,507,499,259,637,1556,1019,3203],"class_list":["post-81337","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-finanzen-und-waehrung","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-china","tag-ezb","tag-handelsbilanz","tag-russland","tag-staatsanleihen","tag-usa","tag-wirtschaftssanktionen","tag-zentralbank"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/shutterstock_1894507336.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/81337","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=81337"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/81337\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81353,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/81337\/revisions\/81353"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/81348"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=81337"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=81337"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=81337"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}