{"id":81356,"date":"2022-03-01T13:36:36","date_gmt":"2022-03-01T12:36:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=81356"},"modified":"2022-03-01T14:18:11","modified_gmt":"2022-03-01T13:18:11","slug":"ukraine-wie-kann-der-krieg-beendet-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=81356","title":{"rendered":"Ukraine: Wie kann der Krieg beendet werden?"},"content":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten sind bem&uuml;ht, ein breites Spektrum von kritischen Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Die Frage, wie der Krieg in der Ukraine beendet werden kann, besch&auml;ftigt uns zurzeit wohl alle. Der schottische Aktivist und ehemalige Botschafter <strong>Craig Murray<\/strong> hat sich dazu Gedanken gemacht. Er kritisiert dabei das russische Vorgehen scharf, warnt aber auch ausdr&uuml;cklich davor, hier mit doppelten Standards zu messen und in Heuchelei zu verfallen. Unser Kollege <strong>Marco Wenzel<\/strong> hat den Artikel <a href=\"https:\/\/www.craigmurray.org.uk\/archives\/2022\/02\/ukraine-how-can-the-war-end\/\">aus dem Englischen<\/a> f&uuml;r uns &uuml;bersetzt. Auch wenn Murray in einigen Punkten sicher von der Position unserer Redaktion abweicht, so sind seine Gedanken sicherlich lesenswert.<br>\n<!--more--><br>\nIch konnte nicht glauben, dass Putin wirklich in die Ukraine einmarschieren w&uuml;rde, weil ich dabei kein vern&uuml;nftiges Ergebnis f&uuml;r ihn sehen konnte. Das kann ich immer noch nicht. Einen Krieg in diesem Ausma&szlig; zu beginnen, ist weder rechtlich noch moralisch zu rechtfertigen. Die russischen Truppen befinden sich in Gebieten, die nicht von Russland regiert werden wollen. <\/p><p>Diejenigen von uns, die gegen die illegale Invasion im Irak waren, m&uuml;ssen auch gegen die illegale Invasion in der Ukraine sein. Ob die ukrainische Regierung widerw&auml;rtig ist oder nicht, ist jetzt genauso irrelevant wie die Widerw&auml;rtigkeit von Saddam Hussein damals. Ich habe es jetzt genauso satt, gefragt zu werden, ob ich ukrainische Nazis unterst&uuml;tze, wie ich damals gefragt wurde, ob ich Saddam Hussein unterst&uuml;tze. Es ist einfach illegal, einen Krieg f&uuml;r einen Regimewechsel zu f&uuml;hren, ohne die Zustimmung des UN-Sicherheitsrates.<\/p><p>Ich habe gro&szlig;es Verst&auml;ndnis f&uuml;r die russischen Sicherheitsbedenken im Hinblick auf die Einkreisung durch die NATO und die Stationierung von Vorw&auml;rtsraketen. Aber einen Regimewechsel durch eine Invasion in der Ukraine anzustreben, kann unm&ouml;glich die Antwort sein. Ich habe immer noch nicht die geringste Ahnung, was Putin erreichen will. Es ist einfach unm&ouml;glich &ndash; und das schon seit der Annexion der Krim &ndash; dass eine demokratische Ukraine freiwillig eine prorussische Regierung w&auml;hlt. Nach dieser Invasion k&ouml;nnte ein Putin-freundliches Regime in der Ukraine nur durch einen extremen Autoritarismus aufrechterhalten werden, der weit &uuml;ber das in Russland selbst vorherrschende System hinausgeht.<\/p><p>Lassen Sie es mich ganz deutlich sagen. Das kann nur mit einer Regierung in Kiew enden, die Putin genauso verabscheut wie das ukrainische Volk, oder damit, dass Russland ein Marionettenregime durch extreme Repression aufrechterh&auml;lt. Es gibt keinen Ausweg mit einer friedlichen, neutralen Ukraine. Sobald man versucht, die Dinge mit reiner Gewalt zu l&ouml;sen, verliert man diese Option. Wenn ich Ukrainer w&auml;re, w&uuml;rde ich auf keinen Fall der Entmilitarisierung meines Landes zustimmen.<\/p><p>Was die Entnazifizierung anbelangt &ndash; die in der Ukraine zweifellos notwendig ist &ndash; so hat Putin dem &ldquo;heroischen antirussischen Nationalisten&rdquo;-Memo der ukrainischen Nazigruppen massiven Auftrieb gegeben. Das ganze Land und die Regierung als Nazi zu bezeichnen, ist jedoch einfach falsch.<\/p><p>Ich h&auml;tte nicht gedacht, dass Putin einmarschieren w&uuml;rde, und zwar aus all diesen Gr&uuml;nden. Ich h&auml;tte nicht einmal gedacht, dass er zugeben w&uuml;rde, Truppen in den Donbass zu verlegen. Ich war mir nicht sicher, was ich dazu sagen sollte, wenn er es doch tun w&uuml;rde. &Uuml;ber die Parallele zwischen dem Kosovo und den neu anerkannten Republiken Donezk und Luhansk l&auml;sst sich streiten. Als Bef&uuml;rworter der schottischen Unabh&auml;ngigkeit bin ich offen f&uuml;r Argumente aus dem Bereich der Selbstbestimmung, und Sie k&ouml;nnen in meinem Buch &bdquo;Murder in Samarkand&ldquo; &uuml;ber die Launenhaftigkeit der ehemaligen sowjetischen Binnengrenzen lesen. Aber das hier geht weit dar&uuml;ber hinaus.<\/p><p>Dennoch haben wir nichts von den massiven Opfern unter der Zivilbev&ouml;lkerung gesehen, die der Westen in Libyen, im Irak oder in Afghanistan zugef&uuml;gt hat. Nicht einmal ann&auml;hernd in der gleichen Gr&ouml;&szlig;enordnung. Allein in der libyschen Stadt Sirte wurden bei NATO-Bombardements 15.000 Menschen get&ouml;tet. Die bisherigen Opferzahlen f&uuml;r die gesamte Ukraine gehen Gott sei Dank nur  in die Hunderte.<\/p><p><strong>Sirte, Libyen, nach dem NATO-Bombardement<\/strong><\/p><p>Entweder hat Putin diese Bombardements nicht gewollt oder seine Streitkr&auml;fte weigern sich, seinen W&uuml;nschen zu gehorchen. Russland hat nicht ann&auml;hernd die Feuerkraft entfesselt, die n&ouml;tig w&auml;re, um die Ukraine zu unterwerfen. Die westlichen Medien sind in den Kriegs-Porno-Modus &uuml;bergegangen, aber das Ausma&szlig; der tats&auml;chlichen K&auml;mpfe ist ungewiss. Es scheint eine Menge Schattenboxen zu geben.<\/p><p>Ich wei&szlig; nicht, wie das zu erkl&auml;ren ist. Es ist gut m&ouml;glich, dass Putin die ukrainische Moral untersch&auml;tzt und wirklich geglaubt hat, die Ukraine w&uuml;rde zusammenbrechen. Tats&auml;chlich spielt Zelensky bei der Aufrechterhaltung der Moral eine ausgezeichnete Rolle, wie auch immer seine Fototermine inszeniert sein m&ouml;gen. Die dr&auml;ngendere Frage ist, ob Putin die Bereitschaft seines eigenen Milit&auml;rs, Ukrainer zu t&ouml;ten, &uuml;bersch&auml;tzt hat oder ob es Putin selbst an diesem Willen mangelt. In Grosny war er direkt f&uuml;r zivile Opfer in einem wirklich schrecklichen Ausma&szlig; verantwortlich, aber legt er wie der Westen viel weniger Wert auf das Leben von Muslimen?<\/p><p><strong>Von Russland zerst&ouml;rtes Grosny<\/strong><\/p><p>Bislang hat Kiew nichts von dem erlebt, was die NATO in Sirte oder Russland in Grosny erlebt hat &ndash; aber nicht, weil Russland nicht in der Lage w&auml;re, dies zu tun.<\/p><p>Wenn Putin selbst auf ein massives ukrainisches Sterben vorbereitet ist, h&auml;lt sich sein Milit&auml;r dann zur&uuml;ck? Ich f&uuml;hle mich an den slowenischen Unabh&auml;ngigkeitskrieg erinnert, als die Soldaten der massiv &uuml;berlegenen jugoslawischen Armee sich einfach weigerten, Slowenen zu t&ouml;ten. In diesem Fall wurde vielen der jugoslawischen Truppen zun&auml;chst gesagt, es handele sich nur um eine &Uuml;bung mit scharfen Waffen, was die Vermutung nahelegt, dass dasselbe mit den russischen Truppen hier geschieht.<\/p><p>Putin hat seine Verhandlungsposition nicht verbessert. Meine eigenen Freunde und Verb&uuml;ndeten auf der Linken schlagen vor, dass die Antwort in einem Waffenstillstand und der Zustimmung des Westens zu einer Nichtausweitung der NATO sowie einem neuen R&uuml;stungskontrollvertrag &uuml;ber die Stationierung von Raketen bestehen sollte. Das w&auml;re sicherlich ideal, aber es wird nicht passieren.<\/p><p>Man muss die Realpolitik der westlichen Eliten verstehen. Sie werden niemals ihren eigenen Interessen schaden. Deshalb werden die Sanktionen, die Putin wirklich schaden w&uuml;rden und sich gegen Unternehmen wie BP und Shell wegen ihrer russischen Interessen oder gegen die wirklichen Oligarchen wie Usmanov, Deripaska und Abramovic richten, nie zustande kommen, weil sie den Interessen der britischen Elite schaden w&uuml;rden. Aus diesem Grund zeigt die britische Regierung ukrainische Flaggen, l&auml;sst aber keine Ukrainer ohne Visum einreisen. Das einfache Volk ist ihnen v&ouml;llig egal.<\/p><p>Die NATO-F&uuml;hrung sieht Putin jetzt in einer Position, in der er entweder nachgeben und sich zur&uuml;ckziehen muss oder der Ukraine massive Verluste zuf&uuml;gt und sich dort f&uuml;r Jahrzehnte festf&auml;hrt. Wenn sie das ukrainische Volk retten wollten, w&auml;re dies in der Tat der richtige Zeitpunkt f&uuml;r den Westen, um zu verhandeln. Aber das Leben der einfachen Ukrainer bedeutet ihnen nichts.<\/p><p>Anstatt also Putin eine Leiter zum Hinunterklettern zu bieten, werden sie heroische Posen einnehmen, ukrainische Flaggen schwenken und mehr Waffen schicken. Ich f&uuml;rchte, Putin wird sich auf das Szenario des Massensterbens einlassen. Macho zu sein, ist sein Markenzeichen, und seine Rede am vergangenen Sonntag war beunruhigend fundamentalistisch. Ich frage mich, ob er zu Hause nicht den Boden unter den F&uuml;&szlig;en verliert &ndash; er sprach vom Ende der Sowjetunion als einer Katastrophe, aber Russen unter vierzig k&ouml;nnen sich an die Sowjetunion &uuml;berhaupt nicht mehr erinnern. Niemand unter 50 kann sich an sie in irgendeiner funktionierenden Ordnung erinnern.<\/p><p>Noch ein letzter Gedanke: Ich applaudiere den mutigen Menschen in Russland, die f&uuml;r den Frieden demonstriert haben. Fast 2.000 von ihnen sind verhaftet worden. Aber denken Sie daran: Nach dem neuen Polizeigesetz der Tory-Regierung kann die Teilnahme an einer nicht im Voraus von der Polizei genehmigten Demonstration in England und in Wales mit bis zu zehn Jahren Gef&auml;ngnis bestraft werden. Nur ein Beispiel f&uuml;r die grassierende Heuchelei, die uns alle derzeit &uuml;berflutet.<\/p><p>Titelbild: Moritz M&uuml;ller<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten sind bem&uuml;ht, ein breites Spektrum von kritischen Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Die Frage, wie der Krieg in der Ukraine beendet werden kann, besch&auml;ftigt uns zurzeit wohl alle. Der schottische Aktivist und ehemalige Botschafter <strong>Craig Murray<\/strong> hat sich dazu Gedanken gemacht. 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