{"id":8139,"date":"2011-01-28T09:39:27","date_gmt":"2011-01-28T08:39:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8139"},"modified":"2014-07-28T13:24:00","modified_gmt":"2014-07-28T11:24:00","slug":"das-paradigma-der-unternehmerischen-universitaet-und-der-wettbewerbssteuerung-der-hochschule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8139","title":{"rendered":"\u201eDas Paradigma der Unternehmerischen Universit\u00e4t und der Wettbewerbssteuerung der Hochschule\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung &bdquo;Ethik der Forschung, Erforschung der Ethik&ldquo; an der Universit&auml;t Siegen, am 27. Januar 2011 von Wolfgang Lieb.<br>\nIn einem weiteren Vortrag sprach Professor Dr. Richard M&uuml;nch zum Thema &bdquo;Die Universit&auml;t im Wettbewerb um Exzellenz&ldquo;.<br>\n<!--more--><br>\nAls ehemaliger Staatssekret&auml;r im Wissenschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen werde ich freundlicherweise noch &ouml;fters einmal zu Festveranstaltungen von Hochschulen eingeladen und habe das Vergn&uuml;gen den Ansprachen der meist prominenten Redner zu lauschen.<br>\nMir f&auml;llt dabei immer wieder auf, dass die Stichworte der Reden meist identisch bzw. austauschbar sind:<br>\nWie aus einem Redenschreibgenerator h&ouml;rt man dabei bis zum &Uuml;berdruss immer wieder folgende Stichworte:<br>\n&bdquo;Wettbewerb&ldquo; und &bdquo;Autonomie&ldquo;, &bdquo;Exzellenz&ldquo; &bdquo;effektives Management&ldquo; und dann nat&uuml;rlich noch &bdquo;Profilierung&ldquo;, &bdquo;St&auml;rken st&auml;rken, Schw&auml;chen abbauen&ldquo;, &bdquo;Wirtschaftlichkeit&ldquo;, &bdquo;zus&auml;tzliche Finanzierungsquellen angesichts knapper &ouml;ffentlicher Kassen&ldquo;, &bdquo;Modularisierung&ldquo;, &bdquo;Internationalisierung&ldquo; und selbstverst&auml;ndlich darf &bdquo;Marketing&ldquo; nicht fehlen und ganz modern, h&ouml;rt man dann vielleicht noch &bdquo;Virtualisierung&ldquo;.<\/p><p>Geradezu musterg&uuml;ltig durchdekliniert wurden diese Begriffe bei einer Veranstaltung unter dem bezeichnenden Titel &bdquo;CampusInnovation&ldquo; an der Uni Hamburg im November 2010 vom ehemaligen Leiter des Centrums f&uuml;r Hochschulentwicklung CHE Detlef M&uuml;ller-B&ouml;ling. Er stellte dort eine Erfolgsbilanz  &uuml;ber sein vor nunmehr 10 Jahren erschienenes Buch &bdquo;Die entfesselte Hochschule&ldquo; &ndash; sozusagen das Brevier der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; &ndash; auf.<\/p><p>M&uuml;ller-B&ouml;ling sprach dar&uuml;ber, dass wir in einer Zeit der gr&ouml;&szlig;ten Umbr&uuml;che seit den preu&szlig;ischen Universit&auml;tsreformen bef&auml;nden. Und in der Tat hat in den letzten 10 Jahren ein Paradigmenwechsel weg vom humboldtschen Bildungsideal hin zum hayekschen Glauben an die &Uuml;berlegenheit der Markt- und Wettbewerbssteuerung einer &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; stattgefunden. <\/p><p>Ich will einschr&auml;nkend und vorneweg feststellen, dass es sich um einen Leitbildwechsel handelte. Und ein Paradigma ist eben nur eine bestimmte Denkweise oder eine bestimmte Art der Weltanschauung, die Raum l&auml;sst f&uuml;r unterschiedliche Auspr&auml;gungen und verschiedene Umsetzungen in der Realit&auml;t. Dementsprechend haben die Hochschulreformen der letzten Jahre in den verschiedenen Hochschulgesetznovellierungen der L&auml;nder auch recht unterschiedliche Ausgestaltungen erfahren.<\/p><p>Mit das deutlichste Bekenntnis zur &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; finden wir im nordrhein-westf&auml;lischen Hochschul-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz. <\/p><p>Kein anderes Land mache &bdquo;Freiheit mit dieser Konsequenz zur Grundlage seiner Hochschulpolitik&ldquo; r&uuml;hmt der fr&uuml;here Siegener Betriebswirtschaftsprofessor und ehemalige nordrhein-westf&auml;lische Innovationsminister Andreas Pinkwart in einer <a href=\"http:\/\/www.hochschule-bochum.de\/fileadmin\/media\/6_organisation\/Hochschulrecht\/extern\/Hochschulen_auf_neuen_Wegen.pdf\">ministeriellen Brosch&uuml;re [PDF &ndash; 1.5 MB]<\/a> das am 1. Januar 2007 <a href=\"http:\/\/www.innovation.nrw.de\/objekt-pool\/download_dateien\/hochschulen_und_forschung\/HFG_22_10.pdf\">in Kraft getretene Gesetz [PDF &ndash; 385 KB]<\/a>. <\/p><p>(Wenn ich keine andere Quelle nenne, zitiere ich aus diesem nach wie vor im Internet abrufbaren Aufsatz &bdquo;Hochschule auf neuen Wegen&ldquo;) <\/p><p>Der Begriff &bdquo;Freiheit&ldquo; nimmt eine zentrale Rolle bei der Umw&auml;lzung des Hochschulwesens ein. Das Pathos der Freiheit ist geradezu das wichtigste Lockmittel f&uuml;r die Betroffenen.<\/p><p>Nun ist es ist aber so, dass kaum ein anderer Begriff in der Menschheitsgeschichte so unterschiedlich gebraucht und auch so oft missbraucht wurde, wie der Begriff der Freiheit.<br>\nMan tut also gut daran, wenn von &bdquo;Freiheit&ldquo; die Rede ist, immer auch nach der schon von Immanuel Kant herausgearbeiteten Unterscheidung zwischen &bdquo;positiver&ldquo; und &bdquo;negativer&ldquo; Freiheit zu fragen. <\/p><p>Wir hatten inzwischen in NRW  fast drei Jahre Zeit, der alten Kantsche Frage nach der &bdquo;Freiheit zu was&ldquo; und der &bdquo;Freiheit von was oder von wem&ldquo; in der Praxis nachzugehen. <\/p><p>Um meine These vorwegzunehmen: Die &uuml;berwiegende Mehrheit der Forschenden und Lehrenden an den Hochschulen und schon gar die Studierenden sind mit der &bdquo;neuen&ldquo; Freiheit verglichen mit ihren fr&uuml;heren Beteiligungs- und Mitwirkungsrechten wesentlich &bdquo;unfreier&ldquo; geworden als unter der fr&uuml;heren &ndash; allerdings durchaus nicht optimalen &ndash; akademischen Selbstverwaltung. <\/p><p>In der selbstverwalteten Gruppenuniversit&auml;t entschieden (vor allem) die Gemeinschaft der Lehrenden und (in Studienangelegenheiten mit einer Drittelparit&auml;t) auch die Studierenden &ndash; jedenfalls dem Anspruch nach &ndash; nach forschungs- und lehrrelevanten Maximen und Interessen &uuml;ber Forschung und Lehre und &ndash; mit zunehmend flexibilisierten Haushalten &ndash; auch &uuml;ber die Verteilung der Ressourcen.<br>\nDer Staat legte den Finanzrahmen fest und f&uuml;hrte im Wesentlichen nur eine Rechts- und Finanzaufsicht. Eine &bdquo;Fachaufsicht&ldquo; wie heute durch die Hochschulr&auml;te w&auml;re gegen&uuml;ber einer Selbstverwaltungsk&ouml;rperschaft nicht denkbar gewesen und das Schreckbild staatlicher b&uuml;rokratischer Detailsteuerung ist eher ein Buhmann, der von den &bdquo;Reformern&ldquo; aufgebaut wurde. Man hatte damals allerdings einen S&uuml;ndenbock zur Verf&uuml;gung, wenn es zu Knappheiten oder zu Konflikten innerhalb der Hochschule kam und der Bock, das war dann eben das Ministerium.<\/p><p>In der neuen &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule soll nicht mehr aufgrund von &bdquo;Entscheidungen in den Gremien&ldquo; (in denen nach Pinkwarts Vorurteil nat&uuml;rlich nur &bdquo;blockiert&ldquo; wurde und &bdquo;demotivierende Bedingungen&ldquo; herrschten), sondern es muss nach den Gesetzen des &bdquo;Wettbewerbs&ldquo; und der &bdquo;Konkurrenz&ldquo; auf dem Wissenschafts- und Ausbildungsmarkt gehandelt werden. <\/p><p>Nicht nur die Universit&auml;t selbst soll &bdquo;unternehmerisch&ldquo; agieren, sondern auch die Lehrenden und Forschenden sollen zu &bdquo;Unternehmern innerhalb der unternehmerischen Hochschule&ldquo; werden. <\/p><p>Bei Entscheidungen unter Konkurrenz- und Wettbewerbsdruck sind nat&uuml;rlich ausgiebige Diskussionen in Selbstverwaltungsgremien nur &bdquo;b&uuml;rokratische H&uuml;rden&ldquo; und &bdquo;Hemmnisse&ldquo; die es &bdquo;aus dem Weg zu r&auml;umen&ldquo; gilt. <\/p><p>Die Hochschule im Wettbewerb bedarf, so Pinkwart; &bdquo;klare, handlungsf&auml;hige und starke Leitungsstrukturen&ldquo;, oder, wie der Minister sagt, &bdquo;ein modernes Management&ldquo;, das rasche Entscheidungen treffen und umsetzen kann. <\/p><p>Horizontale, bottom-up-Strukturen demokratischer oder kooperativer Interessenvertretung mussten in diesem neuen Leitbild der Hochschulen von vertikalen, top-down-Entscheidungsbefugnissen abgel&ouml;st werden.<\/p><p>W&auml;hrend der Rektor einer Hochschule fr&uuml;her der &bdquo;primus inter pares&ldquo; war, braucht die &bdquo;unternehmerische&ldquo; Hochschule &ndash; laut Pinkwart &ndash; wie ein auf &bdquo;den Zukunftsm&auml;rkten&ldquo; agierendes Unternehmen sozusagen einen genialischen Unternehmensf&uuml;hrer oder ein &bdquo;professionelles Management&ldquo; mit effizienten Entscheidungsbefugnissen und rascher Entscheidungskraft, das von der Spitze aus in alle Bereiche des Unternehmens &ndash; als &bdquo;Arbeitgeber und Dienstherr&ldquo; des &bdquo;Personals&ldquo; (ehemals Hochschullehrer genannt) und bis hinein in die &bdquo;Ausbildungsverh&auml;ltnisse&ldquo; (ehemals Studium genannt) durchentscheiden kann. <\/p><p>Man braucht dazu sozusagen einen Chief Executive Officer als Pr&auml;sidenten, gegen dessen Stimme keine Entscheidung getroffen werden kann. (So in &sect; 15 Abs. 2 Ziff. 3 HFG geregelt.)<\/p><p>Die Qualit&auml;t einer Hochschule bestimmt sich nicht mehr aus ihrer wissenschaftlichen Anerkennung innerhalb der Scientific Community, &ndash; also aus ihrem &acute;kulturellen Kapital` -, sondern in der &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule erweist sich Qualit&auml;t in der &bdquo;Konkurrenz mit ihresgleichen&ldquo;. Und die Qualit&auml;t eines wissenschaftlichen Studiums l&auml;sst sich aus den Benchmarks von Hochschulrankings ableiten. Die Qualit&auml;t der Forschung aus den Drittmitteleinwerbungen &ndash; also aus ganz handfestem Kapital. <\/p><p>Dabei soll die einzelne Hochschule &bdquo;das Ziel Qualit&auml;t auf unterschiedlichen Wegen zu verfolgen. Die eine Hochschule wird sich auf ihre Rolle als Ausbilder und F&amp;E-Partner in ihrer Region konzentrieren. Eine andere Hochschule wird sich an starken europ&auml;ischen Mitbewerbern um technologische Leitprojekte orientieren und mit dem Anspruch antreten, in der internationalen Liga der Spitzenforschung mitzuspielen&ldquo;. <\/p><p>Die Zielvorstellung von Innovationsminister Pinkwart entspricht also in etwa dem amerikanischen Hochschulsystem mit einer hierarchisch tief gestaffelten Hochschullandschaft einiger weniger Spitzenuniversit&auml;ten mit Ausbildungsangeboten f&uuml;r den Nachwuchs der Upper Class und der gro&szlig;en Masse von Hochschulen ganz unterschiedlicher Qualit&auml;t f&uuml;r die gro&szlig;e Masse der Studierenden. <\/p><p>Damit den Gesetzen des Wettbewerbs gefolgt werden kann, m&uuml;ssen &ndash; dem Glaubensbekenntnis des Markt- und Wettbewerbsliberalismus entsprechend &ndash; der Staat oder die Politik aus dem Marktgeschehen m&ouml;glichst weitgehend herausgehalten werden.<br>\nDas Parlament ist allenfalls noch der Zahlmeister, der &bdquo;Zusch&uuml;sse&ldquo;(!) gew&auml;hrt und er hat die &bdquo;Finanzierungssicherheit bis zum Ende (!) der Legislaturperiode&ldquo; zur garantieren. <\/p><p>Die Hochschulen werden statt den Gesetzen des demokratischen Gesetzgebers, den anonymen Gesetzen des Wettbewerbs unterstellt. Den angeblich objektiven Zw&auml;ngen des Wettbewerbs kann und darf sich kein Mitglied der Hochschule, ob Forschender, Lehrender oder Studierender mehr entziehen. <\/p><p>Die Professorinnen und Professoren sollen sich quasi als Ich-AG begreifen und dementsprechend ein leistungsabh&auml;ngiges Einkommen beziehen. Die Studierenden sollen den Status von &bdquo;Kunden&ldquo; erhalten und Bildung als Dienstleistung einkaufen.<br>\nDie Forschungs-, Lehr- und Lernfreiheit wird als Freiheit zur Durchsetzung auf dem Ausbildungs- und Wissensmarkt umdefiniert.<br>\nDenkt jeder Hochschullehrer und jede Hochschule an sich, so ist an alle gedacht. So lautet das markt- und betriebswirtschaftliche Credo. <\/p><p>An Stelle des Ministeriums oder des Parlaments als rahmensetzende Organe wurde  der &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule, wie bei einem in Form einer Aktiengesellschaft konstituierten Wirtschaftsunternehmen, eine Art Aufsichtsrat dem Management der Hochschule als (so w&ouml;rtlich) &bdquo;Fachaufsicht&ldquo; vorgesetzt.<\/p><p>Dieser sog. Hochschulrat &bdquo;besteht mindestens zur H&auml;lfte aus Mitgliedern, die von au&szlig;en kommen; der Vorsitzende kommt in jedem Fall von au&szlig;en.&ldquo;<br>\nVorschl&auml;ge zur Besetzung des Hochschulrates macht ein Auswahlgremium aus zwei (!) Vertretern\/innen des Senates, zwei Vertretern\/innen des bisherigen Hochschulrates und einem\/er Vertreter\/in des Landes mit zwei Stimmen. Dieses Findungsgremium entwickelt einen Listenvorschlag, der vom Senat best&auml;tigt werden muss und der letztinstanzlichen Zustimmung durch das Ministerium bedarf, das den Rat f&uuml;r eine Amtszeit von 5 Jahren ernennt.<\/p><p>Pinkwart meint mit diesem f&ouml;rmlichen Auswahlverfahren &ndash; bei dem die Vertreter der Hochschule allerdings in der Minderheit sind &ndash; sei (Zitat) &bdquo;die demokratische Legitimation der Hochschulratsmitglieder gesichert&ldquo;.<br>\nWas Pinkwart verschweigt ist, dass der Hochschulrat in seinen Handlungen und Entscheidungen &uuml;ber die gesamte f&uuml;nfj&auml;hrige Amtszeit keiner irgendwie legitimierten und schon gar nicht einer demokratisch legitimierten Instanz rechenschaftspflichtig ist. Die Mitglieder k&ouml;nnen bislang selbst bei einer pers&ouml;nlichen Verfehlung noch nicht einmal  abberufen oder abgew&auml;hlt werden. <\/p><p>Dieses Defizit r&auml;umen inzwischen sogar die wichtigsten Propagandisten der Einrichtung von Hochschulr&auml;ten &ndash; n&auml;mlich das bertelsmannsche CHE und der Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft &ndash; ein.<br>\nIn einem im September 2010 herausgegebenen <a href=\"http:\/\/www.che.de\/downloads\/Handbuch_Hochschulraete.pdf\">&bdquo;Handbuch Hochschulr&auml;te&ldquo; [PDF &ndash; 2.8 MB]<\/a> wird z.B. inzwischen die gesetzliche Regelung einer Abberufung von Hochschulratsmitgliedern verlangt. Es wird zugegeben, dass die Haftung der Mitglieder ungekl&auml;rt ist. Die Ehrenamtlichkeit konfligiere mit den zumeist weitreichenden Kompetenzen der Hochschulr&auml;te, deshalb sollten diese f&uuml;r einen &bdquo;individuellen Versicherungsschutz&ldquo;, etwa einer &bdquo;Directors and Officers Versicherung&ldquo;, wie das f&uuml;r das Management von Unternehmen &uuml;blich ist, Sorge tragen und die Hochschulen sollen die entsprechenden Versicherungsbeitr&auml;ge &uuml;bernehmen.<br>\nUnd &ndash; weil in der neuen Hochschulwelt nat&uuml;rlich alles evaluiert werden muss &ndash; sollten sich die Hochschulr&auml;te einer &bdquo;externen Evaluation&ldquo; stellen. Au&szlig;erdem soll das Ministerium externen Hochschulratsmitgliedern zu Beginn ihrer T&auml;tigkeit einen Leitfaden (so w&ouml;rtlich) &bdquo;in Form eines &bdquo;Starter-Kits-f&uuml;r Hochschulr&auml;te&ldquo; zur Verf&uuml;gung stellen.<br>\nEine angemessene Verg&uuml;tung soll die Hochschule den Hochschulratsmitgliedern auch anbieten.<\/p><p>Bis auf solche eher kosmetischen, teilweise eher kabarettreifen Korrekturen, wird jedoch an Hochschulr&auml;ten als zentrales Steuerungselement der Hochschulen festgehalten.<\/p><p>Die Hochschulratsmitglieder entscheiden &uuml;ber das Geld der Steuerzahler nach ihren ganz pers&ouml;nlichen oder ihren politischen oder &ouml;konomischen Interessen. <\/p><p>Man stelle sich einmal umgekehrt den Aufstand der Wirtschaft vor, wenn per Gesetz entschieden w&uuml;rde, im Aufsichtsrat eines Unternehmens m&uuml;sste eine Mehrheit von externen Wissenschaftlern oder von beliebigen Repr&auml;sentanten der Gesellschaft das Sagen haben.<\/p><p>Der Hochschulrat hat die &bdquo;Fachaufsicht&ldquo; &uuml;ber die Hochschule!<br>\nLaut &sect; 21 HFG konzentrieren sich die wichtigsten Machtkompetenzen einer Hochschule im Hochschulrat: <\/p><ul>\n<li>Er w&auml;hlt die Mitglieder des Pr&auml;sidiums.<\/li>\n<li>Er stimmt dem Hochschulentwicklungsplan zu.<\/li>\n<li>Er stimmt dem Wirtschaftsplan und dem Plan zur unternehmerischen Hochschulbet&auml;tigung zu.<\/li>\n<li>Er nimmt zum Rechenschaftsbericht des Pr&auml;sidiums Stellung.<\/li>\n<li>Er nimmt Stellung zu Angelegenheiten der Forschung, Kunst, Lehre und des Studiums, die die gesamte Hochschule oder zentrale Einrichtungen betreffen oder von grunds&auml;tzlicher Bedeutung sind.<\/li>\n<li>Er entlastet das Pr&auml;sidium.<\/li>\n<\/ul><p>Am Wichtigsten sind dabei die Wahl und die Entlastung der Hochschulleitung durch den Hochschulrat. M&uuml;ller-B&ouml;ling, der Chef des Bertelsmann CHE und spiritus rector des hiesigen Hochschulfreiheitsgesetzes hat die Bedeutung dieser Bestimmung in dankenswerter Offenheit begr&uuml;ndet:<\/p><p>Nur durch die Wahl des Pr&auml;sidiums durch den Hochschulrat &bdquo;erh&auml;lt die Hochschulleitung gegen&uuml;ber den hochschulinternen Gremien die Unabh&auml;ngigkeit, die sie f&uuml;r ein effektives und effizientes Management ben&ouml;tigt.&ldquo;<\/p><p>Ich bin selbst Mitglied in einem Hochschulrat einer Hochschule und habe so seit 6 Jahren Erfahrungen mit einem solchen &bdquo;Aufsichtsrat&ldquo; sammeln k&ouml;nnen:<\/p><p>Mit vielen anderen Hochschulratsmitgliedern, mit denen ich gesprochen habe, bin ich zur festen &Uuml;berzeugung gelangt: Ein ehrenamtlicher Hochschulrat ist mit den ihm per Gesetz &uuml;bertragenen Kompetenzen schlicht &uuml;berfordert.<br>\nDie jeweiligen Entscheidungen leiten sich allenfalls aus dem jeweils pers&ouml;nlichen Vorurteil oder Interessensbezug ab oder: man folgt lieber gleich dem Vorschlag des Pr&auml;sidenten.<\/p><p>In der &uuml;berwiegenden Zahl der zu treffenden Entscheidungen hat das hauptamtliche Pr&auml;sidium einen nicht einholbaren Informationsvorsprung und kennt die m&ouml;glichen Handlungsoptionen erheblich besser als zumindest jedes externe Mitglied des Hochschulrates.<br>\nViele Pr&auml;sidenten entwickeln sich dadurch zu Alleinherrschern bzw. zu patriarchalischen Unternehmerpers&ouml;nlichkeiten. <\/p><p>Im wirklichen Leben sieht das n&auml;mlich so aus, dass vor entscheidenden Sitzungen des Hochschulrats der Pr&auml;sident versucht, dessen externen Vorsitzenden in Vorgespr&auml;chen auf seine Seite zu ziehen und der Vorschlag des Pr&auml;sidenten wird dann im Hochschulrat meistens ohne gro&szlig;e Diskussion &bdquo;durchgewinkt&ldquo;. F&uuml;r eigene Vorschl&auml;ge fehlt in aller Regel schon der notwendige Unterbau an Mitarbeitern. So kann der Pr&auml;sident jeden Widerstand oder jeden seiner Position entgegenstehenden Beschluss der hochschulinternen Gremien aushebeln.<\/p><p>Pinkwarts Vorstellung war die: Der Hochschulrat &bdquo;nimmt Impulse aus Wirtschaft und Gesellschaft auf und vermittelt in dieser Weise als &bdquo;Transmissionsriemen&ldquo; das erforderliche Beratungswissen f&uuml;r die Entscheidungen der Hochschulleitungen&ldquo;.<br>\nDe facto gibt es jedoch fast &uuml;berall, wo sich Hochschulr&auml;te konstituiert haben, &bdquo;Impulse&ldquo; vor allem aus der Wirtschaft, genauer der Gro&szlig;- und Finanzwirtschaft, der IHKs oder bestenfalls noch &ouml;rtlicher Unternehmer. <\/p><p>Nach <a href=\"http:\/\/rubigm.ruhr-uni-bochum.de\/Projekte\/Hochschulraete.S-2007-981-5-1.pdf\">Erhebung der Bochumer Nachbaruniversit&auml;t [PDF &ndash; 481 KB]<\/a> rekrutieren sich die Mitglieder externer Hochschulr&auml;te &uuml;ber die gesamte Republik mit jeweils einem runden Drittel aus der Wirtschaft und der Wissenschaft, wobei auf Seiten der Wirtschaft die Vertreter von Gro&szlig;unternehmen dominieren. W&auml;hrend an Universit&auml;ten die Gro&szlig;unternehmen eindeutig dominieren, werden insbesondere an Fachhochschulen, aber auch bei privaten und technischen Hochschulen die Vertreter kleiner und mittlerer Unternehmen mit regionalem Bezug wichtiger. (Nienh&uuml;ser\/Jakob von der Universit&auml;t Essen kommen in einer neueren Studie (HM 3\/2008) zu ganz &auml;hnlichen Ergebnissen: &bdquo;Es sind besonders diejenigen Personen in Hochschulr&auml;ten vertreten, die f&uuml;r die Hochschule wichtige Ressourcen kontrollieren bzw. denen man eine entsprechende Ressourcenkontrolle zuschreibt&ldquo;)<\/p><p>Was aber noch entscheidender ist: Unter den Hochschulrats<strong>vorsitzenden<\/strong> liegt der Anteil der Wirtschaftsvertreter bei 47 Prozent, von diesen sind 80 Prozent Aufsichtsrats- oder Vorstandsmitglieder. Kein Wunder, dass das Handelsblatt ziemlich triumphierend titelte: <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/_b=1335790,_p=27,_t=ftprint;printpage\">&bdquo;Manager erobern die Kontrolle an den Unis&ldquo;<\/a>. <\/p><p>Ein rundes F&uuml;nftel der externen Hochschulratsmitglieder kommt aus Politik, Verwaltung oder von anderen Interessengruppen. Nur rund ein Zehntel kommt aus sonstigen Bereichen des &ouml;ffentlichen Lebens. Gewerkschaftliche Mitglieder sind in den bundesdeutschen Hochschulr&auml;ten mit nur 3% marginal vertreten und damit ihrem gesellschaftspolitischen Stellenwert als Sozialpartner entsprechend deutlich unterrepr&auml;sentiert.<\/p><p>Nach <a href=\"?p=3363\">Angaben des NRW-Ministeriums<\/a> aus dem Jahre 2008 waren Nordrhein-Westfalen 67 der 146 externen Hochschulratsmitglieder an allen &ouml;ffentlich-rechtlichen Universit&auml;ten und Fachhochschulen &bdquo;F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten&ldquo; aus der Wirtschaft. Es ist also nicht &uuml;bertrieben, wenn man sagt, dass die &bdquo;unternehmerischen Hochschulen&ldquo; von Unternehmensf&uuml;hrern ma&szlig;geblich gesteuerte Hochschulen geworden sind. <\/p><p>Die nordrhein-westf&auml;lischen Hochschulen wurden also vom Staat und dem Parlament weitgehend &bdquo;befreit&ldquo; zugunsten einer Art St&auml;ndeherrschaft, in der ein &bdquo;Stand&ldquo; einen &uuml;berwiegenden Einfluss hat.<\/p><p>Aufgrund der beachtlichen Fluktuation der Hochschulr&auml;te m&ouml;gen sich die Zahlen etwas ver&auml;ndert haben, doch das &Uuml;bergewicht der Wirtschaftsvertreter d&uuml;rfte erhalten geblieben sein. <\/p><p>An der hiesigen Uni setzt sich der Hochschulrat &ndash; vorsichtig gesagt &ndash; relativ atypisch zusammen. Erstens ist der derzeitige wohl vor&uuml;bergehende Vorsitzende ein hochschulinternes Mitglied, was nach der Gesetzeslage gar nicht zul&auml;ssig ist. Das liegt wohl auch daran, dass es nur noch zwei der vier externen Mitglieder gibt. Ich h&ouml;re, dass auch Claus Leggewie, der Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts, dieses Amt aufgegeben hat oder aufgeben will.  Als externe Mitglieder geh&ouml;ren dem Hochschulrat derzeit die Pr&auml;sidentin am Landgericht Siegen, Dagmar Lange und Axel Barten an. <\/p><p>Herr Barten ist ein unternehmerischer Multifunktion&auml;r, er ist nicht nur gesch&auml;ftsf&uuml;hrender Gesellschafter der Achenbach Buschh&uuml;tten GmbH in Kreuztal sondern ist oder war er u.a. auch noch beratendes Mitglied im Vorstand des Siegener Bezirksverein des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), Beiratsmitglied der 7. Internationalen Metallurgie-Fachmesse, Vizepr&auml;sident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Siegen, stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Siegerl&auml;nder Metallindustriellen e.V. (VdSM) und im Vorstand der NRW-Arbeitgeberverb&auml;nde. Er war bis 2007 drei Jahre lang Chairman der EUnited Metallurgy, einer Br&uuml;sseler Lobbyvereinigung der Metallindustrie. Er sa&szlig; zusammen mit dem NRW-Innovationsminister Pinkwart, vormals Professor gleichfalls in Siegen, im Beirat einer sog. &bdquo;Innovations-Allianz&ldquo;, zu der sich 23 nordrhein-westf&auml;lische Hochschulen und Fachhochschulen zusammengeschlossen haben.<br>\nDar&uuml;ber hinaus ist er Mitglied der &bdquo;Akkreditierungsagentur f&uuml;r Studieng&auml;nge der Ingenieurwissenschaft, der Informatik, der Ingenieurwissenschaften und er Mathematik e.V.&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.asiin.de\/\">ASIIN<\/a>) und setzt sich dort als Vertreter der Berufspraxis vor allem f&uuml;r Fragen der &bdquo;Employability&ldquo;, also die Ausrichtung der Studieng&auml;nge auf die Besch&auml;ftigungsf&auml;higkeit der Absolventen ein. <\/p><p>Wie stark Bartens Einfluss im Hochschulrat war, konnten die Siegener Hochschulangeh&ouml;rigen im Jahr 2008 erleben, als er (damals noch Vorsitzender des Hochschulrats) der Universit&auml;t einen Pr&auml;sidenten &bdquo;nahelegen&ldquo; wollte, mit dem er zusammen im Vorstand einer Akkreditierungsagentur sa&szlig;. Die Vorg&auml;nge vor zwei Jahren haben deutlich gemacht, dass nach der hiesigen Rechtslage der Hochschulrat seinen ausgew&auml;hlten Kandidaten f&uuml;r die Leitung der Hochschule mit einer 2\/3-Mehrheit gegen den Willen des Senats der Hochschule h&auml;tte durchsetzen k&ouml;nnen. Bei diesem Konflikt kam es zum ersten Mal zu einem offen ausgetragenen Zusammensto&szlig; der Kulturen zwischen der etablierten Selbstverwaltung und der Konzeption einer von einem Top-Down-Management gesteuerten &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule. <\/p><p>Die Frage, ob die in Nordrhein-Westfalen m&ouml;gliche Durchsetzung eines Rektors\/Pr&auml;sidenten seitens des Hochschulrats gegen das Votum des Senats verfassungskonform ist, wurde Gegenstand einer Dissertation an der Universit&auml;t: Der Verfasser, Thomas Horst, kommt zum <a href=\"?p=6911\">Ergebnis<\/a>, dass nach Art. 5 Abs. 3 GG der Gesetzgeber in allen wissenschaftsrelevanten Angelegenheiten verpflichtet ist, einen hinreichenden Einfluss der Tr&auml;ger der Wissenschaftsfreiheit zu garantieren und dass die im Hochschulgesetz NRW einger&auml;umte M&ouml;glichkeit der &Uuml;berstimmung des Senats durch den Hochschulrat als verfassungswidrig zu beurteilen ist. Dar&uuml;ber hinaus sieht dieses Rechtsgutachten in der Tatsache, dass sich die externen Hochschulratsmitglieder durch den Stichentscheid des nach dem Gesetz zwangsl&auml;ufig aus dem Kreis der Externen zu bestimmenden Hochschulratsvorsitzenden gegen die internen Mitglieder durchsetzen k&ouml;nnen,  die in der Landesverfassung NRW in Art. 16 Abs. 1 verankerte Garantie der Selbstverwaltung als verletzt an. <\/p><p>Die Bochumer Soziologen sehen in ihrer Studie in den Hochschulr&auml;ten eine &bdquo;Privatisierung der Organisationsverantwortung&ldquo; zu Lasten der klassisch-parlamentarischen Repr&auml;sentation der gesellschaftlichen Interessen und vor allem zu Ungunsten der Selbstverwaltung der Hochschule. Es zeige sich dar&uuml;ber hinaus in der tats&auml;chlichen Zusammensetzung der Hochschulr&auml;te eine Erosion der klassischen Verb&auml;ndebeteiligung. <\/p><p>Ich sehe in der Funktion der Hochschulr&auml;te das Kernelement einer &bdquo;funktionelle Privatisierung&ldquo; der &ouml;ffentlichen und &uuml;berwiegend staatlich finanzierten Hochschulen. Nachdem die Versuche in Deutschland, private Hochschulen aufzubauen, sowohl in der Quantit&auml;t als auch an der Qualit&auml;t &ndash; zumal in der Forschungsqualit&auml;t &ndash; keinen durchschlagenden Erfolg hatten, wurde nunmehr von den Verfechtern der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; die &ouml;ffentlichen Hochschulen von innen heraus privatisiert.<br>\nD.h. sie werden wie private Hochschulen organisiert und sollen auch wie private Unternehmen auf dem Ausbildungs- und Forschungsmarkt agieren. Der einzige Unterschied zu &bdquo;echten&ldquo; privaten Hochschulen ist, dass diese &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschulen zu 80 bis 90 Prozent vom Steuerzahler finanziert werden. Die zus&auml;tzliche, erg&auml;nzende private Finanzierung steuert also den ganz &uuml;berwiegend staatlich finanzierten Apparat. Bildlich gesprochen: Der Schwanz wackelt mit dem Hund. <\/p><p>Das d&uuml;rfte aber gerade der Idealfall der Apologeten der Privatisierung &ouml;ffentlicher Einrichtungen sein: Der Staat finanziert und Private lenken.<\/p><p>Die These von der &bdquo;funktionellen Privatisierung&ldquo; der staatlichen Hochschulen vertrete ich nun schon seit mehreren Jahren und das hat mir bei den Bef&uuml;rwortern der &bdquo;unternehmerischen Hochschulen&ldquo; manche Kritik eingebracht. Zum Gl&uuml;ck habe ich vor Kurzem Unterst&uuml;tzung von unverd&auml;chtiger Seite erhalten. In einer  im Oktober 2010 erschienenen Studie vom Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft in Kooperation mit McKinsey &amp; Company wird die derzeitige Landschaft privater Hochschulen <a href=\"http:\/\/stifterverband.info\/publikationen_und_podcasts\/positionen_dokumentationen\/private_hochschulen\/index.html\">untersucht<\/a>. Schon im Vorwort hei&szlig;t es dort: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Bund und L&auml;nder haben die staatlichen Hochschulen in die Freiheit entlassen und sie weitgehend in die Lage versetzt, sich nach ihren eigenen Vorstellungen weiterzuentwickeln. Damit hat sich auch das Verh&auml;ltnis zwischen privaten und staatlichen Hochschulen ver&auml;ndert. Bisherige Alleinstellungsmerkmale, die den privaten Hochschulen vermeintliche Wettbewerbsvorteile erm&ouml;glichten, werden nun mit staatlichen Hochschulen geteilt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Auch eine im November 2010 ver&ouml;ffentlichte international vergleichende Untersuchung des Instituts f&uuml;r Hochschulforschung Wittenberg (HoF) mit dem Titel <a href=\"http:\/\/idw-online.de\/pages\/de\/news406189\">&bdquo;Hochschulprivatisierung und akademische Freiheit&ldquo;<\/a> kommt zum Ergebnis: dass &bdquo;die Differenz zwischen staatlicher und privater Hochschultr&auml;gerschaft&hellip;an Bedeutung verliert&ldquo;.<\/p><p>Neben dem Begriff der &bdquo;Freiheit&ldquo;  ist das Tarnwort &bdquo;Autonomie&ldquo; die zweite Parole gewesen, mit der die Hochschulen ihre T&uuml;r f&uuml;r die &bdquo;unternehmerische Hochschule&ldquo; freiwillig ge&ouml;ffnet haben.  <\/p><p>Nach der Auslegung des Bundesverfassungsgerichts gew&auml;hrt Art. 5 Abs. 3 des Grundgesetzes zum <strong>einen<\/strong> jedem, der wissenschaftlich t&auml;tig ist oder t&auml;tig werden will &ndash; also auch Studierenden &ndash; zun&auml;chst ein subjektives, individuelles Freiheitsrecht.<\/p><p><strong>Zum anderen<\/strong> leitet das Gericht aus diesem subjektiven Grundrecht <strong>mittelbar<\/strong> eine <strong>institutionelle<\/strong> Garantie der Universit&auml;t ab. Damit sich Forschung und Lehre ungehindert in dem Bem&uuml;hen um Wahrheit entfalten k&ouml;nnen, ist die Wissenschaft selbst &ndash; wie es das Bundesverfassungsgericht formulierte &ndash;  zu einem von staatlicher Bevormundung freien Bereich autonomer Verantwortung der einzelnen Wissenschaftler und der in ihr t&auml;tigen Universit&auml;t erkl&auml;rt worden.<\/p><p>Die institutionelle Autonomie gegen&uuml;ber dem Staat hat ihre Begr&uuml;ndung darin, dass die staatlich finanzierten Hochschulen einen Ort bieten sollten, an dem sich frei von staatlichen oder politischen Interessen <strong>die Gesellschaft selbst<\/strong> zum Gegenstand ihres kritischen Denkens macht. Hochschulen sollten, wie Parsons das ausdr&uuml;ckte, als &bdquo;Treuh&auml;nder der Gesellschaft&ldquo; fungieren. Und um das leisten zu k&ouml;nnen sollten sich von den Verh&auml;ltnissen und Interessen, die sie ja gerade aufkl&auml;ren sollen, unabh&auml;ngig sein. Das ist der eigentliche Sinn der Hochschulautonomie. <\/p><p>Das Leitbild der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; wechselt diesen auf die individuelle Wissenschaftsfreiheit und nur mittelbar als &bdquo;institutionelle Garantie&ldquo; auch auf die Hochschule bezogenen Autonomiebegriff und verengt ihn auf die <strong>Institution<\/strong> Hochschule, ja noch mehr auf eine autokratische Hochschulleitung.<\/p><p>Die Hochschule als &bdquo;autonomes&ldquo; Unternehmen soll einerseits vom Staat weitgehend befreit sein, aber andererseits soll das individuelle Freiheitsrecht zu freier Forschung und Lehre freiwillig den Zw&auml;ngen des Wettbewerbs &uuml;berantwortet werden.<\/p><p>N&auml;mlich eben einer Freiheit des Wettbewerbs um die Einwerbung von &uuml;ber die staatliche Grundfinanzierung hinausgehenden Drittmitteln und von privat aufgebrachten Studiengeb&uuml;hren. An der Einwerbung von Geld soll sich also k&uuml;nftig vor allem wissenschaftliche Qualit&auml;t und gute Ausbildung messen, vor allem aber auch die Entwicklung von wissenschaftlichen Fragestellungen bestimmt werden. <\/p><p>Damit kein Missverst&auml;ndnis aufkommt, ich wende mich nicht gegen einen Wettbewerb um die besten Forschungsleistungen. Einen solchen Wettbewerb unter Wissenschaftlern hat es immer gegeben. Wissenschaft &ndash; zumal an einer von der Allgemeinheit getragenen Hochschule &ndash; ist genuin auf den Wettstreit um die richtige Antwort &ndash; pathetisch gesagt &ndash; auf den Wettstreit um Wahrheit angelegt. <\/p><p>Pinkwarts Bild vom Wettbewerb ist aber nicht das Bild vom Wettstreit um Wahrheit: Es ist das Bild einer Hochschule, die wie ein Unternehmen ihre &bdquo;Produkte&ldquo; und &bdquo;Waren&ldquo; &ndash; also ihre Forschungsleistungen sowie ihre Aus- und Weiterbildungsangebote &ndash; auf dem Markt an kaufkr&auml;ftige Nachfrager abzusetzen hat: n&auml;mlich an zahlungskr&auml;ftige Forschungsf&ouml;rderer und Auftraggeber, an Stifter und Sponsoren &ndash; und an Studierende, die nunmehr &bdquo;Kunden&ldquo; sein sollen und deshalb f&uuml;r die eingekaufte &bdquo;Ware&ldquo; namens Studium zur Kasse gebeten werden.<\/p><p>So ist inzwischen z.B. die Drittmittelquote allein von 2005 bis 2008 an den Hochschulen von 20,1 % auf &uuml;ber ein Viertel (25,1%) gestiegen. Davon sollen an der TU M&uuml;nchen knapp die H&auml;lfte <a href=\"http:\/\/www.ihf.bayern.de\/beitraege\/2002_2\/2-2002%20Bode-2_2002.pdf\">(45%) direkt von der Wirtschaft kommen [PDF &ndash; 77 KB]<\/a>.<\/p><p>Nach Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft sollen die Hochschulen in NRW 2008 ann&auml;hernd 278 Millionen an Studiengeb&uuml;hren eingenommen haben, das entspr&auml;che <a href=\"http:\/\/www.iwkoeln.de\/Publikationen\/iwd\/Archiv\/tabid\/122\/articleid\/30350\/Default.aspx\">rund 7 Prozent des Landes-Hochschulbudgets.<\/a><\/p><p>In Diskussionen wird meiner Kritik an der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; h&auml;ufig entgegengehalten, meine Beschreibung sei zwar nicht falsch, aber was spr&auml;che denn gegen dieses Leitbild, wenn es zu mehr Effizienz, zu mehr Wirtschaftlichkeit und zu mehr Qualit&auml;t der Hochschule f&uuml;hre.<\/p><p>Diesem Einwand l&auml;sst sich auf einer eher theoretischen Ebene und zum Gl&uuml;ck inzwischen auch empirisch entgegentreten. <\/p><p>Die Frage ist zun&auml;chst, ob der Wettbewerb um zus&auml;tzliche Finanzmittel den Funktionsprinzipien oder den <a href=\"http:\/\/www.hof.uni-halle.de\/dateien\/leseproben\/Leseprobe_Stock2010.pdf\">&bdquo;professionskulturellen Verh&auml;ltnissen&ldquo; [PDF &ndash; 157 KB]<\/a> einer freien Wissenschaft gerecht wird.<\/p><p>Dazu m&ouml;chte ich zun&auml;chst einige Erw&auml;gungen anstellen: <\/p><ul>\n<li>Man wird wohl kaum bestreiten k&ouml;nnen, dass hinter dem Wettbewerb das Motiv des <strong>Eigennutzes<\/strong> steht, in einer weitgehend von der Gesellschaft finanzierten Wissenschaft sollte jedoch das <strong>Gemeinn&uuml;tzige<\/strong> im Vordergrund stehen. Das Grundgesetz garantiert die Freiheit der Wissenschaft nicht zur Mehrung des geldwerten Nutzens f&uuml;r den einzelnen Wissenschaftler oder f&uuml;r das Unternehmen Hochschule, sondern es gew&auml;hrleistet &ndash; so das Bundesverfassungsgericht &ndash; &bdquo;eine letztlich dem Wohle des einzelnen und der ganzen Gesellschaft <strong>dienende<\/strong> Wissenschaft&ldquo;.<\/li>\n<li>Wettbewerb lebt von der <strong>Konkurrenz<\/strong>, komplexe und teure Wissenschaft setzt aber gerade auch <strong>Kooperation<\/strong> voraus. Haben nicht gerade kleinkariertes Konkurrenzdenken und mangelnde vor allem auch interdisziplin&auml;re Kooperation, die Tendenz verst&auml;rkt anspruchsvolle Wissenschaft aus der Hochschule heraus in Gro&szlig;forschungseinrichtungen zu verlagern?<\/li>\n<li>Wettbewerb misst sich am Anderen. Seine Antriebskr&auml;fte sind also eher <strong>extrinsische Motive<\/strong>. Kommt aber bei einem Wettbewerb, zumal um Finanzmittel nicht gerade die <strong>intrinsische Motivation<\/strong>, also die Begeisterung f&uuml;r die Entdeckung des Neuen oder der Wahrheit zu kurz?<\/li>\n<li>Wettbewerb schielt auf den <strong>kurzfristigen Erfolg<\/strong>, schadet Wettbewerb also nicht einer ergebnisoffenen oder einer notwendig auf <strong>l&auml;ngere Frist<\/strong> und nicht auf kurzfristige Verwertungsbed&uuml;rfnisse angelegten Grundlagenforschung, auf die doch gerade eine &ouml;ffentlich finanzierte Hochschulforschung angelegt sein sollte?<\/li>\n<li>Wettbewerb schafft <strong>&auml;u&szlig;ere, fremdbestimmte Zw&auml;nge<\/strong>, die Wissenschaftsfreiheit als subjektives und individuelles Grundrecht an einer Hochschule garantiert aber gerade <strong>Selbstbestimmung<\/strong> oder wenigstens <strong>Mitbestimmung<\/strong> oder Selbstverwaltung innerhalb der in einer Hochschule organisierten Wissenschaft. Es geht in der Hochschule um professionelle Arbeitsb&uuml;ndnisse und nicht um tauschf&ouml;rmige Beziehungen.<\/li>\n<li>Es wird geradezu als Kult gepflegt, dass im unternehmerischen Wettbewerb immer auch <strong>autorit&auml;re Entscheidungen<\/strong> der &bdquo;Unternehmensf&uuml;hrer&ldquo; verlangt und erwartet werden. Beim Wettstreit in der Wissenschaft, wetteifern aber letztlich nicht ganze Hochschulen untereinander, sondern die <strong>einzelnen Forscher und Forschergruppen<\/strong> mit anderen Wissenschaftlern &ndash; und zwar weltweit, wenn es gute Forschung sein soll. Unter diesem Widerspruch leidet &uuml;brigens auch die Exzellenzinitiative, was Richard M&uuml;nch so eindrucksvoll darstellt.<\/li>\n<li>Wettbewerb h&auml;lt <strong>Ungleichheit<\/strong> aus, er setzt geradezu Gewinner und Verlierer voraus. Die St&auml;rkeren setzen sich gegen die Schw&auml;cheren durch, da hilft die sch&auml;rfste Profilbildung nichts. Wettbewerb als Steuerungsprinzip zwischen den Hochschulen f&uuml;hrt also notwendig zur Ungleichheit unter den Hochschulen und zu einer Hierarchisierung der Hochschullandschaft, wie schon vorhin beschrieben. Die Entwicklung in Deutschland l&auml;uft also auf die Herausbildung einiger weniger sog. Elite-Universit&auml;ten und der gro&szlig;en Masse von Hochschulen ganz unterschiedlicher Quantit&auml;t und Qualit&auml;t hinaus.<\/li>\n<\/ul><p>Die relativ kleine Universit&auml;t Siegen, wird &ndash; auch wenn sie jetzt j&auml;hrlich  eine Million f&uuml;r ein &bdquo;Forschungszentrum&ldquo; zugeschossen bekommt &ndash; niemals mit den gro&szlig;en Wettbewerbern mithalten k&ouml;nnen. Es gab ja schon fr&uuml;her einmal Diskussionen &uuml;ber eine Umwandlung dieser Universit&auml;t, ja sogar &uuml;ber eine Schlie&szlig;ung angesichts der m&auml;chtigen Konkurrenz jenseits der Berge im Hessischen oder im Ruhrgebiet. Wenn dieser Trend mit &bdquo;symbolischen Gewinnern&ldquo; und einer umgekehrten &bdquo;Verliererdynamik&ldquo; (D&ouml;rre\/Neis) anh&auml;lt, werden wir im Ergebnis in peripheren Regionen eben vornehmlich auch periphere Universit&auml;ten finden. <\/p><p>Der &bdquo;akademische Kapitalismus&ldquo; betrifft aber nicht nur die Forschung, sondern vor allem auch den Wettbewerb um die Studierenden. Wir bekommen sozusagen einen &bdquo;Bayern-M&uuml;nchen-Effekt&ldquo; unter den Hochschulen: Die &bdquo;Bayern&ldquo; kaufen etwa den armen Mainzern oder nicht so finanzkr&auml;ftigen Freiburgern die &bdquo;Stars&ldquo; ab, sie bauen damit ihre Spitzenposition in der Tabelle aus und die anderen steigen eben ab. Was man beim Fu&szlig;ball noch hinnehmen k&ouml;nnte, weil da nur private Vereine oder die Hoffnungen von Fu&szlig;ball-Fans betroffen sind, f&uuml;hrt auf dem Feld der Hochschulen zu einem weiteren Verlust an Einheitlichkeit der Lebensverh&auml;ltnisse in Deutschland, zu einem Verlust an allgemeiner Studienqualit&auml;t in der Breite und das zu Lasten von hunderttausenden von Studierenden, die aus finanziellen oder sonstigen Gr&uuml;nden nicht an einer Eliteuniversit&auml;t studieren k&ouml;nnen.<\/p><p>Wir verlieren also eines der weltweit anerkannten Qualit&auml;tssiegel der deutschen Hochschullandschaft: eine zwar nicht gleichartige, aber eine qualitativ relativ hochwertige und gleichwertige Breite.<br>\nDeutschland liegt zwar im &ndash; &uuml;brigens durchaus anzweifelbaren &ndash; Vergleich der Spitzenhochschulen nicht unter den ersten 50, aber in der Zahl der qualitativ hochstehenden Hochschulen auf den vordersten R&auml;ngen; unsere St&auml;rke war &ndash; international anerkannt &ndash; die relativ hohe Qualit&auml;t in der Breite.<\/p><p>Schon heute ist ein guter Bachelor-Abschluss keine Eintrittskarte in ein Masterstudium einer Elite-Uni mehr und schon heute wissen die Personalchefs nicht mehr viel mit den Abschlusszertifikaten der unterschiedlichen Hochschulen <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/jobundberuf\/0,1518,726099,00.html\">anzufangen<\/a>. <\/p><p>Waren die letzten Argumente gegen eine Hochschulsteuerung vor allem &uuml;ber den Wettbewerb eher theoretischer Natur, so l&auml;sst sich inzwischen das <a href=\"?p=7183\">&bdquo;Dilemma der unternehmerischen Universit&auml;t&ldquo;<\/a> auch empirisch belegen. Die Soziologen Klaus D&ouml;rre und Mathias Neis von der Friedrich-Schiller Universit&auml;t Jena untersuchten die Gretchenfrage, ob die &bdquo;unternehmerische Hochschule&ldquo; tats&auml;chlich unternehmerisch erfolgreich ist. <\/p><p>Das Ergebnis ist ern&uuml;chternd: Das Konzept der unternehmerischen Universit&auml;t &bdquo;mag geeignet sein, das Personalmangement an den Hochschulen zu verbessern und die Ressourcenverteilung transparenter zu gestalten. Doch angesichts der chronischen Unterfinanzierung des Hochschulsystems und aufgrund nicht intendierter Effekte f&uuml;r kollektive Arbeitsprozesse, die Innovation &uuml;berhaupt erst erm&ouml;glichen, kann eine allzu nahtlose Umsetzung des Leitbildes der unternehmerischen Universit&auml;t alte Innovationsblockaden verst&auml;rken oder ganz neue erzeugen.&ldquo; (S. 137)<\/p><p>Die Verfasser der Studie kommen zu folgender Schlussfolgerung: &bdquo;Einseitig an messbaren Effizienz- und Wettbewerbskriterien ausgerichtete Steuerungssysteme, wie sie den Leitbildern der unternehmerischen Universit&auml;t und eines academic capitalism entsprechen, laufen Gefahr, das Gegenteil von dem zu produzieren, was sie eigentlich beabsichtigen. Sie k&ouml;nnen Innovationen erschweren, ja geradezu blockieren.&ldquo; (S. 153) Denn Innovationen entst&uuml;nden innerhalb der Universit&auml;t als Ergebnis weitgehend ungeplanter Prozesse in Nischen, die sich einer direkten Kontrolle entz&ouml;gen. Sie beruhten auf kollektivem Lernen, setzten Vertrauen und gegenseitige Anerkennung voraus.<\/p><p>&bdquo;Das Regime von McKinsey und Co&ldquo; beeintr&auml;chtige geradezu die Funktionsf&auml;higkeit der &bdquo;Herzkammer des Kapitalismus&ldquo;, n&auml;mlich sein Innovationssystem.<\/p><p>Aus vielen Veranstaltungen an Hochschulen, an denen ich teilgenommen habe und aus vielen Gespr&auml;chen mit Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern wei&szlig; ich, dass sich an den Hochschulen nach anf&auml;nglicher Euphorie &uuml;ber die neue Freiheit und die Versprechungen von Autonomie inzwischen viel Unmut und Frust angesammelt hat. Viele sehen den professionskulturellen Charakter ihre Arbeit gest&ouml;rt oder schon als verletzt an.<\/p><p>Beim Bologna-Prozess wurde &ndash; angefangen von Bundesbildungsministerin Schavan, &uuml;ber den Wissenschaftsrat, ja sogar bis zur HRK &ndash; &bdquo;Korrekturbedarf&ldquo; inzwischen anerkannt.<br>\nGanze Fakult&auml;tentage lehnen eine Teilnahme an den CHE-Rankings ab, es gibt Resolutionen von Fachbereichen gegen das unternehmerische Hochschulmanagement.<\/p><p>Leider rekrutiert sich der Widerstand &ndash; wie etwa vom Hochschulverband &ndash; vielfach aus der konservativen Seite, die eine R&uuml;ckkehr zur alten Ordinarien-Universit&auml;t ertr&auml;umt.<\/p><p>Der Unmut einzelner Hochschulangeh&ouml;rigen dringt aber nur wenig an die &Ouml;ffentlichkeit, denn Ansprechpartner f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit sind eben die Hochschulleitungen oder die Pr&auml;sidenten der Hochschulen. Warum sollten gerade diese sich gegen eine Reform wenden, die ihnen viel Macht einger&auml;umt hat?<\/p><p>Einen erneuten Paradigmenwechsel herbeizuf&uuml;hren ist eine schwierige Herausforderung.<br>\nHochschullehrer sind Einzelk&auml;mpfer, die Erfahrung von solidarischer Kraft ist ihnen historisch unbekannt. Die Hochschulen waren politisch leider schon immer eine leichte Verf&uuml;gungsmasse der politisch M&auml;chtigen oder des Zeitgeistes. Au&szlig;erdem hat sich an den Hochschulen eine &bdquo;Froschperspektive&ldquo; des politischen Denkens breit gemacht. Selbst fortschrittlichere Hochschullehrer und schon gar die Hochschulleitungen greifen z.B. in ihrer Not nur allzu gern nach dem Strohhalm der Studiengeb&uuml;hren oder privater Drittmittel. Sie haben vor der nunmehr seit den 70er Jahren mit dem sog. &Ouml;ffnungsbeschluss beginnenden staatlichen &bdquo;Unterfinanzierung&ldquo; resigniert und ihre Hoffnungen auf eine angemessene staatliche Finanzierung weitgehend aufgegeben. Das Politikum, dass n&auml;mlich die knappen &ouml;ffentlichen Kassen auch etwas mit dem Steuersenkungswahn und der Aushungerung des Staates der letzten Dekaden zu tun hat, wird gar nicht mehr gesehen. &bdquo;Starve the beast&ldquo;, hungert den Staat aus, war ja der Kampfruf der Chicago Boys, also der Reaganomics und des Thatcherismus. <\/p><p>Unverkennbar ist auch die &uuml;berwiegende Mehrheit der Hochschulangeh&ouml;rigen auf den wirtschaftsliberalen Mainstream eingeschwenkt. Die wirtschaftswissenschaftlichen Fakult&auml;ten, wo diese Lehre nahezu unisono verk&uuml;ndet wird, haben da ganze Arbeit geleistet. Vor allem die &bdquo;visible scientists&ldquo; haben sich schon eingerichtet als Unternehmensf&uuml;hrer auf dem Wissenschaftsmarkt; sie holen Geld ab, wo es auch immer zu holen ist. &Uuml;ber die soziale Auslese-Funktion etwa von Studiengeb&uuml;hren und ihre bildungspolitische Bedeutung wird kaum noch nachgedacht. Die Hochschulen sind ja ohnehin &uuml;berf&uuml;llt, warum sollte man sich da auch noch Sorgen machen, um diejenigen, die wegen dieser Geldbarriere vor den H&ouml;rs&auml;len bleiben.<\/p><p>Die Hochschulen als alleiniger Adressat und Tr&auml;ger f&uuml;r einen Leitbildwechsel werden also nicht ausreichen, um einen Paradigmenwechsel herbeizuf&uuml;hren.  <\/p><p>Das kann man am Beispiel der Einf&uuml;hrung  und der Abschaffung von Studiengeb&uuml;hren studieren:<br>\nW&auml;re es allein nach den Hochschulen gegangen, so h&auml;tten sie dieses &bdquo;Doping&ldquo; niemals absetzen wollen. Nachdem Regierungswechsel in NRW mosern bis heute die Landesrektorenkonferenz und mit ihr die meisten Rektoren an dem Vorhaben der dortigen Landesregierung herum, die Studiengeb&uuml;hren wieder abzuschaffen, obwohl eine weitgehende Kompensation der Mittel zugesagt wurde. <\/p><p>Ich h&ouml;re auch, dass die Pr&auml;sidenten der Hochschulen z.B. Widerstand gegen eine von der neuen Landesregierung in Aussicht genommene demokratische Eingrenzung der Machtbefugnisse Hochschulr&auml;te leisten.<\/p><p>Zu einem wirklichen Leitbildwechsel im Hochschulsystem wird es letztlich erst dann kommen, wenn gleichzeitig auch einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel stattfindet. Der Paradigmenwechsel weg vom humboldtschen Bildungsideal hin zum hayekschen Glauben an die &Uuml;berlegenheit der Markt- und Wettbewerbssteuerung ist ja keineswegs ein Spezifikum der Hochschulreformen der letzten Jahre. Dieser Umbruch ist Ausfluss des zur Vorherrschaft gelangten gesellschaftlichen Denkens, das mit den Schlagworten Deregulierung, Privatisierung, Wettbewerb und einer dramatischen Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Staates zusammengefasst werden kann. Dieses Weltbild hat ja nicht nur die Wirtschaft durchdrungen, sondern es hat sich auch in nahezu allen anderen gesellschaftlichen Bereichen \/ von der Sozialpolitik (z.B. der kapitalgedeckten privaten Vorsorge) &uuml;ber die Kulturpolitik bis hinein eben auch in die Bildungspolitik durchgesetzt. Wir erleben es bei der Privatisierung von Leistungen der Daseinsvorsorge oder bei der finanziellen Ausblutung des Staates.<\/p><p>Ohne einen gesellschaftspolitischen Paradigmenwechsel, weg vom mit &bdquo;neoliberal&ldquo; nur unzul&auml;nglich umschriebenen Weltbild, wird es auch keinen erfolgreichen Leitbildwechsel an den Hochschulen geben. Und wie die politischen Mehrheitsverh&auml;ltnisse derzeit noch aussehen, liegt f&uuml;r einen solchen Wechsel noch ein l&auml;ngerer Weg vor uns.<\/p><p>Aber das hei&szlig;t aus meiner Sicht nicht, dass die Hochschulangeh&ouml;rigen ihre H&auml;nde in den Scho&szlig; legen und abwarten sollten, bis eine neue Reform-Welle &uuml;ber sie von au&szlig;en hereinschwabt. Die Mitglieder der Hochschulen sollten von denjenigen lernen, die ihnen die &bdquo;unternehmerische Universit&auml;t&ldquo; &uuml;bergest&uuml;lpt haben. Der verstorbene Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn hat sich mit seiner Stiftung deshalb so stark auf dem Feld der Hochschulpolitik engagiert, weil er der  der festen &Uuml;berzeugung war, dass die Hochschulen &ndash; wie er vielfach hervorhob &ndash; ein &bdquo;Schl&uuml;ssel zur Gesellschaftsreform&ldquo; sind. Deshalb hat er die erste deutsche private Hochschule Witten-Herdecke zun&auml;chst als &bdquo;Stachel im Fleisch&ldquo; der staatlichen Hochschulen finanziert und als er erkannt hat, dass dieser Weg f&uuml;r einen Paradigmenwechsel nicht gangbar ist, hat er &uuml;ber seinen Think-Tank CHE eben die staatlichen Hochschulen &bdquo;funktionell&ldquo; privatisiert.<\/p><p>Alle, die an den Hochschulen mit dem herrschenden Leitbild der &bdquo;unternehmerischen Universit&auml;t&ldquo; unzufrieden sind und unter den herrschenden Bedingungen leiden, sollten also nicht abwarten, bis sich der politische Wind wieder gedreht hat, sie sollten vielmehr die Hochschulen als einen Schl&uuml;ssel betrachten, den Wechsel sowohl an den Hochschulen als auch in der Gesellschaft voranzutreiben.<\/p><p>Mir ist klar, dass ein solches Engagement angesichts von Pr&uuml;fungs-, Evaluierungs- oder Akkreditierungs-Stress und angesichts des permanenten Drucks, neue Forschungsantr&auml;ge an Land zu ziehen, von Vielen unter Ihnen als Zumutung angesehen wird. Aber einen anderen Weg, damit Sie wieder zu ihrer origin&auml;ren Aufgabe zur&uuml;ckfinden k&ouml;nnen, n&auml;mlich guter Lehre und freier Wissenschaft, sehe ich leider nicht.<\/p><p>Ich danke f&uuml;r Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Geduld und freue mich auf das Gespr&auml;ch mit Ihnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung &bdquo;Ethik der Forschung, Erforschung der Ethik&ldquo; an der Universit&auml;t Siegen, am 27. Januar 2011 von Wolfgang Lieb.<br \/> In einem weiteren Vortrag sprach Professor Dr. Richard M&uuml;nch zum Thema &bdquo;Die Universit&auml;t im Wettbewerb um Exzellenz&ldquo;.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17,211],"tags":[231,567,230,566,565],"class_list":["post-8139","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen","tag-che","tag-hochschulfreiheitsgesetz","tag-lieb-wolfgang","tag-pinkwart-andreas","tag-unternehmerische-hochschule"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8139","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8139"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8139\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8149,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8139\/revisions\/8149"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8139"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8139"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8139"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}