{"id":81527,"date":"2022-03-06T11:45:07","date_gmt":"2022-03-06T10:45:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=81527"},"modified":"2025-01-11T02:32:07","modified_gmt":"2025-01-11T01:32:07","slug":"die-politik-der-supermacht-gelenkte-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=81527","title":{"rendered":"Die Politik der Supermacht \u2013 gelenkte Demokratie"},"content":{"rendered":"<p>Ende des 20. Jahrhunderts sehen wir uns vermehrt neuen, postdemokratischen Regierungstechniken ausgesetzt, die Elemente der liberalen Demokratie mit denen totalit&auml;rer politischer Systeme verbinden. Das Streben nach Superpower und das Management von Demokratie haben zu diesem &bdquo;umgekehrten&ldquo; Totalitarismus gef&uuml;hrt, so der Demokratietheoretiker <strong>Sheldon S. Wolin<\/strong>. Den zentralen Unterschied zum klassischen Totalitarismus sieht er darin, dass diese postmoderne Form totaler Herrschaft auf eine weitreichende Entpolitisierung der Bev&ouml;lkerung und auf weichere, kaum wahrnehmbare Unterdr&uuml;ckungsmechanismen setzt. &bdquo;Wolins Buch ragt aus der Literatur der politischen Philosophie weit heraus, weil er kompromisslos die faktischen Machtverh&auml;ltnisse benennt&ldquo;, so Rainer Mausfeld in der Einf&uuml;hrung. Wer die zerst&ouml;rerischen Auswirkungen dieser neuen Machtstrukturen auf unsere Demokratie erkennen und verstehen will, kommt an dem Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/theorie\/umgekehrter-totalitarismus.html\">Umgekehrter Totalitarismus<\/a> nicht vorbei! Ein Buchauszug.<br>\n<!--more--><br>\nDie Supermacht hat ihre eigene &raquo;Verfassung&laquo;, ihre eigene &raquo;vollkommenere Gemeinschaft&laquo;. Im Unterschied zur schriftlichen Verfassung der Nation mit ihrer Betonung von gegenseitiger Kontrolle, Beschr&auml;nkungen der Regierungsautorit&auml;t, F&ouml;deralismus und der Bill of Rights geht es in der ungeschriebenen Verfassung der Supermacht um Befugnisse, deren Umfang und Einfluss sich aus den verf&uuml;gbaren Ressourcen, M&ouml;glichkeiten und Ambitionen ableiten, und nicht um gesetzliche Grenzen. Ihre Beschaffenheit ist f&uuml;r die Ausweitung vorgesehen, nicht f&uuml;r eine Einschr&auml;nkung.<\/p><p>Die Verfassung der Supermacht h&auml;ngt von einer symbiotischen Beziehung zwischen zwei Elementen ab, einem politischen und einem wirtschaftlichen. Das erste ist das Imperium und besteht weitgehend aus milit&auml;rischer Macht, aus &uuml;ber den ganzen Globus verstreuten St&uuml;tzpunkten, aus Waffenverk&auml;ufen, aus B&uuml;ndnissen und Vertr&auml;gen mit vergleichsweise schwachen Klientelstaaten. Anders als das R&ouml;mische Reich mit seiner weitl&auml;ufigen B&uuml;rgerschaft hat die Supermacht nur Kunden und Klienten, beherrschte M&auml;rkte statt eingegliederter Provinzen. Das zweite Element sind die auf Globalisierung ausgerichteten Konzerne. Es tr&auml;gt sowohl wirtschaftliche G&uuml;ter und Dienstleistungen als auch die aufweichende Kraft kultureller Einfl&uuml;sse und Produkte in fremde L&auml;nder. In dem Ma&szlig;e, in dem sich diese Elemente durchsetzen und entwickeln, verwandelt sich das &raquo;Heimatland&laquo; von einer selbstverwalteten, vorwiegend nach innen gerichteten politischen Gesellschaft in eine &raquo;Heimatbasis&laquo; f&uuml;r internationale wirtschaftliche und milit&auml;rische Strategien.<\/p><p>Die &raquo;dynamischen Kr&auml;fte&laquo; der Wissenschaft, der Technologie und des Kapitals, von denen weiter oben die Rede war, sind f&uuml;r die imperiale Reichweite und den Globalisierungsdrang der Konzerne offenbar von entscheidender Bedeutung. Sie sind die Basis des neuen Machtsystems, das das alte System und sein Ideal eines souver&auml;nen B&uuml;rgers abl&ouml;st. Die neue Verfassung konzipiert Politik und Regierungshandeln als eine Strategie, die sich auf die Kr&auml;fte st&uuml;tzt, die von der Technologie und der Wissenschaft (einschlie&szlig;lich der Psychologie und der Sozialwissenschaften) erm&ouml;glicht wurden. Die Instrumentalisierung dieser M&auml;chte erm&ouml;glicht es ihren Inhabern, die B&uuml;rger als Reagierende und nicht als Akteure, als Objekte der Manipulation und nicht als Autonome neu zu definieren.<\/p><p>Ein charakteristisches und gemeinsames Merkmal von organisierter Wissenschaft, Technologie und Kapital sowie von imperialer Macht und den sich globalisierenden Konzernen ist ihre Entfernung von der Erfahrung gew&ouml;hnlicher Menschen. Milit&auml;r- und Unternehmensstrukturen sind hierarchisch, komplex und undurchsichtig. Sowohl Wissenschaft als auch Technik bedienen sich einer esoterischen Sprache, die vornehmlich den Eingeweihten vertraut ist, w&auml;hrend die Milit&auml;rsprache eine Sprache f&uuml;r sich ist. Demokratie, deren Kultur das Gemeinsame und Geteilte preist, ist all diesen Praktiken und ihren Kommunikationsmodi fremd.<\/p><p>Sowohl die Politik des Imperiums als auch die eines sich weltweit ausbreitenden Konzerns haben einen besonderen Status. In der Rhetorik von Regierungsvertretern, Milit&auml;rsprechern, Konzernmanagern und Denkfabrik-Intellektuellen nehmen die imperiale und globale Politik eine besondere Position ein, n&auml;mlich die der Au&szlig;enpolitik, wo, isoliert von den Zw&auml;ngen und Instabilit&auml;ten der Innenpolitik, Pro&shy;bleme in der Sprache und unter den Pr&auml;missen von Experten und Eliten angesprochen werden k&ouml;nnen. Die gesamte amerikanische Geschichte hindurch haben politische F&uuml;hrer, Meinungsmacher und Akademiker verlangt, dass die Au&szlig;enpolitik politisch tabu sein sollte. Nicht nur um Geheimnisse zu sch&uuml;tzen, sondern auch um die Entscheidungstr&auml;ger vor den Marotten einer demokratischen B&uuml;rgerschaft und den Unruhen populistischer Politik zu bewahren. Wenn au&szlig;enpolitische Entscheidungen von der &ouml;ffentlichen Meinung abh&auml;ngig gemacht w&uuml;rden, warnten namhafte Wissenschaftler, so w&uuml;rde das Ergebnis wahrscheinlich entweder Unentschlossenheit oder ein st&auml;ndiges &raquo;Verschieben&laquo; sein. Walter Lippmann, ein &ouml;ffentlicher Weiser einer fr&uuml;heren &Auml;ra, sagte unumwunden voraus: Wenn die Au&szlig;enpolitik der &ouml;ffentlichen Meinung folgen w&uuml;rde, w&auml;re das Ergebnis &raquo;eine pathologische St&ouml;rung der wahren Funktionen der Macht&laquo; sowie eine Politik, &raquo;die f&uuml;r das &Uuml;berleben des Staates und einer freien Gesellschaft t&ouml;dlich w&auml;re&laquo;.<\/p><p>In der Bush-Regierung war die Doktrin der &raquo;Staatsr&auml;son&laquo; nicht nur lebendig und florierend, sondern sie erstreckte sich auch auf die Innenpolitik. Nehmen Sie etwa jenen Vorfall, bei dem der Vizepr&auml;sident heimlich mehrere F&uuml;hrungskr&auml;fte aus der Energiewirtschaft einlud, um die Energiepolitik der Regierung zu formulieren, w&auml;hrend er Vertreter der Umwelt und der &Ouml;ffentlichkeit ausschloss. Anschlie&szlig;end weigerte er sich, die Identit&auml;ten der Vertreter oder den Inhalt ihrer politischen Vorschl&auml;ge preiszugeben. Wie das ausgekl&uuml;gelte System des Abh&ouml;rens, der geheimen &Uuml;berwachung und der extremen Verh&ouml;rtechniken vermuten l&auml;sst, besteht das offensichtliche Ziel der Regierung darin, die privilegierte Geheimhaltung der Au&szlig;enpolitik (<em>arcanae imperii<\/em>) auf die inneren Angelegenheiten auszuweiten. Dies steht im Einklang mit ihrer Phobie vor undichten Stellen gegen&uuml;ber der Presse und ihrem Eifer, Dokumente aus der fernen Vergangenheit als &raquo;geheim&laquo; zu klassifizieren und damit k&uuml;nftige Interpretationen der Vergangenheit zu beeinflussen. Die totalisierenden Implikationen bei der Ausweitung der Doktrin der <em>arcanae imperii<\/em> auf die Innenpolitik werden durch die &Uuml;berwachung der Internetkommunikation durch die Regierung unterstrichen. Die Beh&ouml;rden behaupteten zun&auml;chst, dass diese Lauschangriffe auf die ins Ausland gerichtete Kommunikation beschr&auml;nkt seien, gaben aber sp&auml;ter zu, dass auch inl&auml;ndische Nachrichten &uuml;berwacht wurden.<\/p><p>Der isolierte Status, der den imperialen Angelegenheiten zugeschrieben wird, die Geheimhaltung und die Hemmungen, die die Innenpolitik allm&auml;hlich einh&uuml;llen, und die Operationen der sich globalisierenden Unternehmen haben unter dem Strich zur Folge, dass die &Ouml;ffentlichkeit von einer beratenden Rolle in allen wichtigen Bereichen der modernen Macht ausgeschlossen wird. Dem Demos steht es frei, sich an den Resultaten seines Ausgeschlossenseins zu erfreuen, aber er hat, wie im politischen Prozess insgesamt, keinen Anspruch auf einen signifikanten, geschweige denn einen kontrollierenden Einfluss. Gleichzeitig exportieren die M&auml;chte, die die Demokratie aus ihren Beratungen ausschlie&szlig;en, diese eifrig. Dadurch gewinnt die Demokratie, wie das Imperium und die Globalisierung, einen universellen Status. Was hier aber universalisiert wird, ist nicht die Praxis der selbstverwalteten Demokratie, sondern die amerikanische Macht.<\/p><p><em>Sheldon S. Wolin: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/theorie\/umgekehrter-totalitarismus.html\">&bdquo;Umgekehrter Totalitarismus. Faktische Machtverh&auml;ltnisse und ihre zerst&ouml;rerischen Auswirkungen auf unsere Demokratie&ldquo;<\/a>, Westend Verlag, 14.2.2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende des 20. Jahrhunderts sehen wir uns vermehrt neuen, postdemokratischen Regierungstechniken ausgesetzt, die Elemente der liberalen Demokratie mit denen totalit&auml;rer politischer Systeme verbinden. Das Streben nach Superpower und das Management von Demokratie haben zu diesem &bdquo;umgekehrten&ldquo; Totalitarismus gef&uuml;hrt, so der Demokratietheoretiker <strong>Sheldon S. Wolin<\/strong>. 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