{"id":8167,"date":"2011-01-31T20:38:36","date_gmt":"2011-01-31T19:38:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8167"},"modified":"2014-07-28T13:28:49","modified_gmt":"2014-07-28T11:28:49","slug":"diktatorendaemmerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8167","title":{"rendered":"Diktatorend\u00e4mmerung"},"content":{"rendered":"<p>Als Franklin D. Roosevelt einmal auf den nicaraguanischen Diktator und US-Partner Somoza Garc&iacute;a angesprochen wurde, antwortete er g&auml;nzlich pragmatisch: &ldquo;Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn&rdquo;. So unpr&auml;tenti&ouml;s dr&uuml;cken sich heutige Politiker nat&uuml;rlich nicht mehr aus, wenn sie ihr ganz besonderes Verh&auml;ltnis zu den Potentaten der arabischen Welt beschreiben. Als der &auml;gyptische Diktator Husni Mubarak vor wenigen Monaten auf Staatsbesuch in Deutschland war, <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/hintergrundpolitik\/1377178\/\">bezeichnete Au&szlig;enminister Westerwelle<\/a> &ldquo;unseren Hurensohn&rdquo; noch als &ldquo;Mann gro&szlig;er Weisheit mit einem festen Blick f&uuml;r die Zukunft&rdquo;.  Selbstverst&auml;ndlich wusste Westerwelle damals schon, dass &ldquo;der Mann gro&szlig;er Weisheit&rdquo; in seinem Land die Menschenrechte mit F&uuml;&szlig;en tritt, zehntausende politische H&auml;ftlinge eingekerkert hat und jegliche oppositionelle T&auml;tigkeit mit &auml;u&szlig;erster Brutalit&auml;t unterdr&uuml;ckt. Die Begriffe &ldquo;Demokratie&rdquo; und &ldquo;Menschenrechte&rdquo; sind f&uuml;r unsere Politiker jedoch zum Inhalt von Wahlwerbespots und Sonntagsreden verkommen und werden nur dann ins Spiel gebracht, wenn dies &ldquo;deutschen Interessen&rdquo; dient &ndash; das Wohlergehen des &auml;gyptischen Volkes geh&ouml;rt dabei nicht zwingend zu den &ldquo;deutschen Interessen&rdquo;. Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\n&Auml;gypten ist f&uuml;r die deutsche und europ&auml;ische Politik zuallererst ein Stabilit&auml;tsfaktor. De facto ist &Auml;gypten seit 1952 eine Milit&auml;rdiktatur mit pr&auml;sidialem Anstrich. Im Kalten Krieg war das Land Spielball der Bl&ouml;cke. Husni Mubarak war seit seiner Amts&uuml;bernahme im Jahr 1981 ein treuer Verb&uuml;ndeter des Westens. Neben der Abkehr von der Sowjetunion konnte das &auml;gyptische Milit&auml;rregime vor allem durch seine gem&auml;&szlig;igte Positionierung gegen&uuml;ber Israel im Westen Freunde gewinnen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war Mubarak f&uuml;r den Westen vor allem als Bollwerk gegen den Islamismus von unsch&auml;tzbarem Wert. Um diesen Zweck zu erreichen, war den Verb&uuml;ndeten jedes Mittel recht. Bereits seit 1995 war &Auml;gypten der wichtigste US-Partner f&uuml;r die ber&uuml;chtigten <a href=\"http:\/\/www.commondreams.org\/headlines05\/0208-13.htm\">&bdquo;Rendition&ldquo;-Programme<\/a>, bei denen Verd&auml;chtigte von den US-Beh&ouml;rden nach &Auml;gypten &uuml;berstellt wurden, um dort &ndash; abseits jeglicher Menschenrechte &ndash; gefoltert zu werden. Heute sitzen in &Auml;gypten 17.000 politische H&auml;ftlinge ein, Folter ist die Regel und nicht die Ausnahme. Bei den politischen H&auml;ftlingen handelt es sich dabei keineswegs ausschlie&szlig;lich um Islamisten &ndash; auch Menschenrechtsaktivisten, Linke, Nasseristen, Gewerkschaftler und Liberale werden in &Auml;gypten systematisch verfolgt. Der Preis f&uuml;r Stabilit&auml;t war im Falle &Auml;gyptens die Unterst&uuml;tzung einer folternden Milit&auml;rdiktatur, die jegliche Opposition gewaltsam unterdr&uuml;ckt. Diesen Preis zahlte und zahlt der Westen jedoch gerne. In seiner Realpolitik ist kein Platz f&uuml;r &ldquo;Demokratie&rdquo; und &ldquo;Menschenrechte&rdquo;.<\/p><p>Hinter Israel ist &Auml;gypten mit rund zwei Milliarden Dollar pro Jahr der weltweit gr&ouml;&szlig;te Empf&auml;nger amerikanischer Transferzahlungen &ndash; alleine 1,3 Milliarden Dollar Milit&auml;rhilfe flie&szlig;en jedes Jahr von Washington nach Kairo. Auch Deutschland sorgt sich r&uuml;hrend um das Wohlergehen des &auml;gyptischen Diktators. Die Zahl der genehmigten Waffenexporte hat sich von 2008 auf 2009 mit 77,5 Millionen Euro nahezu verdoppelt. Wenn &auml;gyptische Sicherheitskr&auml;fte auf Demonstranten schie&szlig;en, vertrauen sie dabei auch auf die deutsche Wertarbeit des Waffenherstellers Heckler &amp; Koch. &Auml;gypten ist mittlerweile das bedeutendste Empf&auml;ngerland in der Liste der aus Deutschland mit Waffen belieferten Entwicklungsl&auml;nder. Die Menschenrechtssituation spielte dabei nie eine gro&szlig;e Rolle. <\/p><p>In den letzten Jahren ist &Auml;gypten f&uuml;r Deutschland und die EU auch zu einem relevanten Handelspartner geworden. Im Vorkrisenjahr 2008 stiegen die deutschen Exporte nach &Auml;gypten um 28%, w&auml;hrend die Importe aus &Auml;gypten sogar um 39% gesteigert werden konnten. Wohlhabende &Auml;gypter lieben Automobile aus Sindelfingen und die Maschinen des stetig wachsenden verarbeitenden Gewerbes in &Auml;gypten stammen ebenfalls h&auml;ufig aus Deutschland. Im Gegenzug importiert Deutschland gerne &auml;gyptische Agrarprodukte, die klimabedingt saisonal vor den europ&auml;ischen Produkten auf den Markt geworfen werden k&ouml;nnen. Die Frage, warum sich die reiche Oberschicht immer mehr Qualit&auml;tsprodukte made in Germany leisten kann, interessiert hierzulande ebenso wenig, wie die Frage nach den Lohnkosten &auml;gyptischer Bauern oder die Frage der verheerenden Wasserbilanz des &auml;gyptischen Agrarsektors.<\/p><p>Jeder dritte Besch&auml;ftigte in Nordafrika muss von weniger als zwei Dollar pro Tag leben, die Jugendarbeitslosigkeit ist gigantisch, die Preise steigen rasant &ndash; sogar die FAZ spricht mittlerweile von einer <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C\/Doc~EB0093D3DF4C449D3B3B97952122CBF4A~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">&bdquo;verlorenen Generation&ldquo;<\/a>. Das Land wird von einer schmalen Oberschicht ausgepresst, das Volk kann sich die elementarsten Dinge nicht mehr leisten und die europ&auml;ische Wirtschaft bejubelt den Wachstumsmarkt. F&uuml;r Goldman Sachs geh&ouml;rt &Auml;gypten zur Gruppe der &ldquo;Next Eleven&rdquo; &ndash; elf Nationen, denen der Aufstieg zu Schwellenl&auml;ndern als n&auml;chstes zugetraut wird. Wenn das Geld flie&szlig;t, dr&uuml;ckt man nicht nur bei Menschenrechten, sondern auch bei sozio&ouml;konomischen Fragen hierzulande gerne die Augen zu.<\/p><p>Seit den j&uuml;ngsten Aufst&auml;nden in der arabischen Welt hat sich nat&uuml;rlich auch die Sprache der westlichen Politik flugs ge&auml;ndert. Auch wenn die deutschen &ldquo;Nachrichtensender&rdquo; lieber Konserven &uuml;ber &ldquo;Megatrucks&rdquo; und &ldquo;Gef&auml;hrliche Raubkatzen&rdquo; ausstrahlen, w&auml;hrend sich in &Auml;gypten eine Revolution abspielt, stellt nat&uuml;rlich auch der deutsche W&auml;hler Fragen. Warum demonstrieren die Menschen? Ist unser Lieblingsurlaubsland etwa keine lupenreine Demokratie? Warum haben unsere Politiker nie etwas dazu gesagt? Auf diese Fragen kann die Politik nat&uuml;rlich keine klaren Antworten geben, die den W&auml;hler nicht verst&ouml;ren w&uuml;rden. Stattdessen lavieren die offiziellen Statements zwischen der Forderung, keine Gewalt gegen das eigene Volk anzuwenden, der Hoffnung auf Reformen und der Feststellung, die Stabilit&auml;t der Region habe oberste Priorit&auml;t. Zwischen den Zeilen hofft der Westen also, dass der Spuk auf &Auml;gyptens Stra&szlig;en m&ouml;glichst rasch und unblutig sein Ende findet und das Milit&auml;r weiterhin die Z&uuml;gel fest in der Hand h&auml;lt &ndash; anders ist nach westlicher Lesart die Stabilit&auml;t der Region n&auml;mlich nicht zu garantieren. Demokratie und Menschenrechte, die eigentlich eine conditio sine qua non sein sollten, verkommen dabei zur Verhandlungsmasse. <\/p><p>Um diese Farce nicht allzu offensichtlich erscheinen zu lassen, erinnern Politik und Medien implizit immer wieder an die mangelnde Demokratief&auml;higkeit der arabischen Welt. Sollte es dort wirklich freie Wahlen geben, w&uuml;rde die Region islamistische Fundamentalisten, wie die &auml;gyptische Muslim-Br&uuml;derschaft, w&auml;hlen, so das publizierte Menetekel. Die relative Bedeutung dieser islamistischen Gruppierung ist dabei nat&uuml;rlich eine direkte Folge der vom Westen tolerierten Unterdr&uuml;ckung jeglicher Opposition. Die Muslim-Br&uuml;derschaft hat zumindest einen relevanten Organisationsgrad, w&auml;hrend s&auml;mtliche zivilgesellschaftlichen Kr&auml;fte seit Jahrzehnten im Keim erstickt wurden. Mit Duldung des Westens konnten die Islamisten die virtuelle Oppositionsf&uuml;hrerschaft &uuml;bernehmen. Bis heute wird in den westlichen Medien die Machtfrage in der arabischen Welt meist so dargestellt, dass die einzig m&ouml;gliche Alternative zu den kleptokratischen Diktaturen radikalislamistische Theokratien seien. &ldquo;Alternativlos&rdquo; ist jedoch zu Recht das Unwort des Jahres und auch die Machtfrage in den arabischen L&auml;ndern ist keinesfalls alternativlos. Sogar die Muslim-Br&uuml;derschaft ist &ndash; Experten zufolge &ndash; eine heterogene Bewegung, die in gro&szlig;en Teilen nicht radikal-islamistisch, sondern eher sozialkonservativ ist. Doch bei den momentanen Demonstrationen spielt die Muslim-Br&uuml;derschaft noch nicht einmal eine signifikante Rolle. Sie musste vielmehr wie der Hund zum Jagen getragen werden und schlie&szlig;t sich seit dem Wochenende halbherzig den Demonstrationen an.<\/p><p>Nicht die b&auml;rtigen Islamisten, sondern junge, gebildete Menschen, die in jedem Hochglanzprospekt der Goethe-Institute als Musterexemplare aufgef&uuml;hrt werden k&ouml;nnten, haben die Z&uuml;ndschnur angesteckt, die nun zu einem Fl&auml;chenbrand des zivilgesellschaftlichen, friedlichen Widerstandes f&uuml;hrte. Die Unruhen &ndash; aus denen Revolutionen wurden &ndash; hatten nie etwas mit Religion zu tun. Nicht etwa die Scharia, sondern ein Mindestma&szlig; an Fairness, sozio&ouml;konomischer Beteiligung und Chancengerechtigkeit stehen auf dem Forderungskatalog der Demonstranten ganz oben. Dies sind die Werte, die in Sonntagsreden auch von unserer Politik gerne f&uuml;r Staaten und Regionen gefordert werden, deren Regierungen nicht pro-westlich sind. Jede westliche Regierung, die ihre Werte noch nicht auf dem Scheiterhaufen der Beliebigkeit geopfert hat, m&uuml;sste nun hinter den zivilgesellschaftlichen Kr&auml;ften stehen und sie nach besten M&ouml;glichkeiten unterst&uuml;tzen. Demokratie f&auml;llt nicht vom Himmel, sie muss erk&auml;mpft werden &ndash; genau dieser Kampf findet momentan in den Stra&szlig;en Kairos statt und der Westen fabuliert gleichzeitig &uuml;ber die Wahrung der Stabilit&auml;t. Das ist ein Schlag ins Gesicht der eigenen Werte. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Franklin D. Roosevelt einmal auf den nicaraguanischen Diktator und US-Partner Somoza Garc&iacute;a angesprochen wurde, antwortete er g&auml;nzlich pragmatisch: &ldquo;Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn&rdquo;. So unpr&auml;tenti&ouml;s dr&uuml;cken sich heutige Politiker nat&uuml;rlich nicht mehr aus, wenn sie ihr ganz besonderes Verh&auml;ltnis zu den Potentaten der arabischen Welt beschreiben. Als der &auml;gyptische Diktator<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8167\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,1,20],"tags":[947,945,305,946,906],"class_list":["post-8167","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-das-kritische-tagebuch","category-landerberichte","tag-arabellion","tag-aegypten","tag-menschenrechte","tag-mubarak-hosni","tag-ruestungsindustrie"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8167","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8167"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8167\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22550,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8167\/revisions\/22550"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8167"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8167"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8167"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}