{"id":81737,"date":"2022-03-09T12:06:57","date_gmt":"2022-03-09T11:06:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=81737"},"modified":"2022-03-09T16:57:29","modified_gmt":"2022-03-09T15:57:29","slug":"energiepreise-und-importstopp-debatten-es-ist-ernst-sehr-ernst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=81737","title":{"rendered":"Energiepreise und Importstopp-Debatten \u2013 es ist ernst, sehr ernst"},"content":{"rendered":"<p>Die Preise f&uuml;r Benzin und Diesel haben an den Zapfs&auml;ulen bundesweit die Zwei-Euro-Marke geknackt, eine baldige Trendwende ist nicht in Sicht. Erdgas wird momentan an den Spotm&auml;rkten mit mehr als 200 Euro pro MWh mehr als zehnmal so hoch wie im langj&auml;hrigen Mittel gehandelt. Hier schlagen sich die vollen Preissteigerungen zum Gl&uuml;ck noch nicht voll auf den Endkunden und die Industrie durch. Diese Preisexplosionen finden wohlgemerkt in einer Situation statt, in der Russland nach wie vor voll liefert. Ein Stopp der russischen Energielieferungen &ndash; gleich, von welcher Seite er kommt &ndash; w&auml;re eine epische &ouml;konomische Katastrophe. Und dies nicht nur f&uuml;r Deutschland. Wir st&uuml;nden am Beginn einer Weltwirtschaftskrise. Um die bereits jetzt eingetretenen Sch&auml;den zu mildern, muss die Politik sofort handeln. Gedankenspiele &uuml;ber ein Importstopp russischer Energieimporte sollten bereits im Keim erstickt werden, bevor sie von Medien und Politik als &bdquo;Option&ldquo; gehandelt werden. Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6513\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-81737-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220309_Energiepreise_und_Importstopp_Debatten_es_ist_ernst_sehr_ernst_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220309_Energiepreise_und_Importstopp_Debatten_es_ist_ernst_sehr_ernst_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220309_Energiepreise_und_Importstopp_Debatten_es_ist_ernst_sehr_ernst_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220309_Energiepreise_und_Importstopp_Debatten_es_ist_ernst_sehr_ernst_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=81737-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220309_Energiepreise_und_Importstopp_Debatten_es_ist_ernst_sehr_ernst_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220309_Energiepreise_und_Importstopp_Debatten_es_ist_ernst_sehr_ernst_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Sanktionen gegen&uuml;ber Russland h&auml;tten aus &ouml;konomischer Sicht wohl zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen k&ouml;nnen. Bereits vor der Invasion der Ukraine durch russische Truppen war die Situation auf dem Gasmarkt <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80121\">extrem angespannt<\/a> und auch die &Ouml;lpreise stiegen aufgrund der weltweit nach dem &bdquo;Corona-Schock&ldquo; anziehenden Konjunktur bereits wieder seit Monaten. Der Krieg in der Ukraine hat die Energiem&auml;rkte dann seinerseits in einen Schock versetzt. Der Roh&ouml;lpreis stieg binnen weniger Tage um mehr als drei&szlig;ig Prozent und ist heute bei 130 US$ pro Barrel bereits nah an seinem Allzeithoch. Die Auswirkungen k&ouml;nnen wir derzeit an der Tankstelle und mehr noch beim Heiz&ouml;l beobachten. Wer sich heute seinen 3.000-Liter-Tank bef&uuml;llen lassen will, muss daf&uuml;r mehr als sagenhafte 6.000 Euro bezahlen &ndash; mehr als doppelt so viel wie vor einem Jahr. Am gr&ouml;&szlig;ten sind die Preisspr&uuml;nge jedoch auf dem Spotmarkt f&uuml;r Erdgas. Dort werden heute 211 Euro f&uuml;r eine MWh verlangt. Am niederl&auml;ndischen Knotenpunkt TTF stieg der Preis vorgestern sogar in der Spitze auf 345 Euro. Zum Vergleich: Der langj&auml;hrige Schnitt liegt hier bei rund 20 Euro, in den letzten Jahren war er &bdquo;coronabedingt&ldquo; sogar auf rund 15 Euro gefallen. Noch wirken sich diese Preissteigerungen jedoch nur zu einem kleinen Teil auf die Verbraucher aus, da die allermeisten Gasversorger das Erdgas &uuml;ber langfristige Liefervertr&auml;ge mit deutlich niedrigeren Preisen aus Russland beziehen. <\/p><p>Die Lage ist ernst und dies ist nicht &bdquo;nur&ldquo; eine soziale Frage. Dass zuallererst die Haushalte betroffen sind, die schon heute nicht mehr die Kosten f&uuml;r Kraftstoffe und Energie aufbringen k&ouml;nnen, versteht sich von selbst und hier ist ein sozialer Ausgleich mehr als &uuml;berf&auml;llig. Nur weil ein Normalverdiener-Haushalt die Rechnungen noch bezahlen kann, hei&szlig;t dies jedoch nicht, dass dies volkswirtschaftlich kein Problem sei. Jeder Euro, den man nun f&uuml;r Sprit, Heiz&ouml;l oder Erdgas mehr ausgibt, den muss man an anderer Stelle einsparen. Man kann den Euro nun einmal als Normalsterblicher nur einmal ausgeben. Und wenn man mehr Geld f&uuml;r Mobilit&auml;t und Energie ausgibt, bleibt weniger f&uuml;r andere Ausgaben &uuml;ber. Viele Produkte werden zudem teurer, da der Energiekostenanteil f&uuml;r die Produktion steigt. Darunter leidet die gesamte Volkswirtschaft und dies ist nichts weniger als der Einstieg in eine Rezession. <\/p><p>Dies abzuwenden, liegt jedoch in der Hand der Politik. Der Benzinpreis setzt sich zu mehr als der H&auml;lfte aus Steuern und Abgaben zusammen. Beim Erdgas sind es rund 35 Prozent. Will die Politik nicht nur &bdquo;den sozialen Frieden sichern&ldquo; (O-Ton Habeck), sondern auch die Volkswirtschaft vor der kommenden Rezession sch&uuml;tzen, w&auml;re es an der Zeit, die Steuerlast auf Energie vor&uuml;bergehend zu senken. Was spr&auml;che beispielsweise f&uuml;r ein Aussetzen der Umsatzsteuer auf Erdgas, Heiz&ouml;l und Kraftstoffe, solange die Endkundenpreise den langj&auml;hrigen Schnitt um ein bestimmtes Ma&szlig; &uuml;berschreiten? Wenn es hart auf hart kommt, st&uuml;nde auch ein Aussetzen der Energiesteuer durchaus zur Disposition. <\/p><p>Doch all dies sind &bdquo;nur&ldquo; Sofortma&szlig;nahmen, die den Status Quo betreffen. Denn trotz der zurzeit hohen Energiepreise ist das Problem ja noch beherrschbar. Sollte man jedoch auf die dumme Idee kommen, nun ein Importstopp f&uuml;r russische Energielieferungen zu beschlie&szlig;en, w&uuml;rde die Situation schnell komplett au&szlig;er Kontrolle geraten. <\/p><p><strong>Was w&uuml;rde ein Importstopp bedeuten?<\/strong><\/p><p>W&uuml;rden die Lieferungen aus Russland zum Erliegen kommen, w&auml;ren die Erdgas-Lieferkontrakte null und nichtig. Deutschland bezieht 55 Prozent seines Gases aus Russland. Diese Mengen m&uuml;ssten die Gasversorger dann auf den Spotm&auml;rkten kaufen und &ndash; wenn sie nicht in den Konkurs gehen wollen &ndash; die Preise auch auf die Kunden umlegen. Der Endkundenpreis setzt sich zu 41% aus Beschaffung und Vertrieb zusammen. Eine Verzwanzigfachung des Einkaufspreises f&uuml;r den bisher aus Russland gelieferten Anteil des Gasmixes w&uuml;rde sich demnach grob gesch&auml;tzt in einer Verachtfachung des Endkundenpreises niederschlagen. F&uuml;r ein Einfamilienhaus betr&auml;gt heute der monatliche Abschlag rund 300 Euro pro Monat &ndash; eine Verachtfachung w&uuml;rde den monatlichen Abschlag also f&uuml;r ein Einfamilienhaus auf 1.250 Euro pro Monat treiben. Kaum vorstellbar. Sehr viele Haushalte w&auml;ren gar nicht der Lage, dies zu bezahlen. <\/p><p>Eine weitere offene Frage ist, woher dieses Gas &uuml;berhaupt kommen soll. Eine Substitution durch Fl&uuml;ssiggas ist logistisch gar nicht m&ouml;glich, da es daf&uuml;r gar nicht gen&uuml;gend Tanker und Terminals und &ndash; wichtiger noch &ndash; auch gar nicht gen&uuml;gend Angebot gibt. Schon heute konkurriert Europa auf dem Weltmarkt mit Asien, da das Angebot die Nachfrage nicht deckt und letztlich &uuml;ber den Preis gesteuert wird. Wollte man auch nur einen gr&ouml;&szlig;eren Teil der bisherigen russischen Lieferungen durch zus&auml;tzliche Fl&uuml;ssiggasimporte aus den USA oder Katar decken wollen, w&uuml;rde dies gem&auml;&szlig; &ouml;konomischer Logik die Preise abermals ganz massiv explodieren lassen &ndash; und zwar nicht nur hierzulande, sondern weltweit. <\/p><p>Wie hoch die Preiseffekte bei einem Importstopp f&uuml;r &Ouml;l w&auml;ren, ist kaum seri&ouml;s vorherzusagen. 35 Prozent der &Ouml;limporte Deutschlands kommen zurzeit aus Russland &ndash; alleine &uuml;ber das Druschba-Pipelinesystem kommen derzeit bis zu 2,5 Millionen Barrel &Ouml;l pro Tag, das entspricht der H&auml;lfte der russischen &Ouml;lexporte und rund zweieinhalb Prozent des globalen &Ouml;lmarktes. Zum Vergleich: Um dies zu kompensieren, m&uuml;ssten jeden Tag zwei Supertanker voll mit Erd&ouml;l in deutschen H&auml;fen komplett gel&ouml;scht werden. &Uuml;berfl&uuml;ssig zu erw&auml;hnen, dass es daf&uuml;r gar keine Kapazit&auml;ten gibt. Wir h&auml;tten es also nicht &bdquo;nur&ldquo; mit einem Preisschock, sondern mit einer physischen &Ouml;lknappheit zu tun. Den Tankstellen ginge bildlich der Kraftstoff aus.<\/p><p>Da auch der Weltmarkt f&uuml;r Erd&ouml;l schon heute dadurch gekennzeichnet ist, dass das Angebot die Nachfrage kaum befriedigen kann, h&auml;tte ein Wegfall der 4,6 Millionen Barrel, die Russland jeden Tag exportiert, global verheerende Effekte. Diese Menge l&auml;sst sich nicht durch andere F&ouml;rderl&auml;nder mittelfristig substituieren. Einzig allein der Iran f&ouml;rdert zurzeit sanktionsbedingt deutlich weniger &Ouml;l, als er f&ouml;rdern k&ouml;nnte. Jedoch w&uuml;rde selbst ein Iran, der voll am Anschlag produziert, nicht einmal die H&auml;lfte der wegfallenden russischen Exporte ausgleichen k&ouml;nnen. <\/p><p>Man muss kein Schwarzmaler sein, um sich die Folgen eines solchen Importstopps vorzustellen. Der Preiseffekt w&auml;re &ndash; wie dargelegt &ndash; keinesfalls national begrenzt, sondern global zu sp&uuml;ren und k&ouml;nnte eine Weltwirtschaftskrise ausl&ouml;sen.<\/p><p><strong>Die nationale Brille<\/strong><\/p><p>Diese Frage wird jedoch stattdessen lieber mit der nationalen Brille betrachtet. Geradeso, als hinge in einer globalisierten Welt nicht alles mit allem zusammen, und geradeso, als h&auml;tte eine derart massive Verschiebung der Energiem&auml;rkte keine Auswirkungen, die &uuml;ber die deutschen Grenzen hinausgingen. Man hat den Eindruck, als verst&uuml;nden deutsche Regierungsvertreter &uuml;berhaupt nicht, wovon sie reden. Wenn ein Wirtschaftsminister Habeck beispielsweise &bdquo;noch&ldquo; von Importstopps absehen will, weil er den &bdquo;sozialen Frieden in Deutschland gef&auml;hrdet&ldquo; sieht, so ist dies zwar f&uuml;r einen Gr&uuml;nen-Politiker schon eine bemerkenswerte Einsicht, aber dennoch gleichzeitig auch geradezu haneb&uuml;chen kurzsichtig, bedenkt er doch ganz offensichtlich die internationalen Effekte noch nicht einmal im Ansatz.<\/p><p>Kaum besser steht es da um die &bdquo;Gelehrten&ldquo; der Leopoldina, die die Bundesregierung als &bdquo;Nationale Akademie der Wissenschaften&ldquo; beraten. Die Leopoldina-Forscher <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/service\/leopoldina-forscher-ueber-energieversorgung-importstopp-fuer-erdgas-aus-russland-waere-zu-bewaeltigen-a-443d66d1-e032-4268-890e-cf33b0729235\">halten<\/a> einen Importstopp f&uuml;r Erdgas aus Russland f&uuml;r &bdquo;zu bew&auml;ltigen&ldquo;. Bei der Begr&uuml;ndung zieht es einem dabei die Schuhe aus. &bdquo;Theoretisch&ldquo; k&ouml;nne Deutschland einen Teil der Importe demnach mit Fl&uuml;ssiggas ausgleichen, obgleich man einr&auml;umt, dass es &bdquo;derzeit&ldquo; gar nicht gen&uuml;gend Terminals daf&uuml;r gebe. Auswirkungen auf den Weltmarktpreis ignoriert man vollkommen. Und f&uuml;r die Frage, wie man mit weniger Gas auskommen kann, haben die Forscher auch eine &uuml;berraschende Antwort: Die Industrie w&uuml;rde durch die teuren Gaspreise animiert, ihre Produktion effizienter zu machen, sprich zu reduzieren. Mit anderen Worten: Ja, wir k&ouml;nnen auf das russische Gas verzichten, wenn wir ganz einfach die energieintensiven Betriebe dichtmachen. Und da wundern sich wirklich einige Akademiker, dass man mit einem gewissen Staunen auf die Gedankengebilde aus ihren Elfenbeint&uuml;rmen reagiert.<\/p><p><strong>Die Politik hat es in der Hand<\/strong><\/p><p>Die &bdquo;Logik&ldquo; von Sanktionen besteht ja darin, den zu Sanktionierenden st&auml;rker zu besch&auml;digen als sich selbst. Ein Importstopp f&uuml;r russische Energielieferungen w&auml;re jedoch ein Selbstmord auf Raten &ndash; und dies nicht nur f&uuml;r uns selbst, sondern f&uuml;r die gesamte Weltwirtschaft. Preiseffekte sind in globalen M&auml;rkten nicht lokal begrenzbar. Ereignisse wie der &Ouml;lpreisschock von 1973, die Revolution im Iran von 1979 oder der Golfkrieg von 1990 l&ouml;sten eine weltweite Rezession aus. Es w&auml;re mehr als naiv anzunehmen, dass dies 2022 anders sein k&ouml;nnte, wenn man den weltgr&ouml;&szlig;ten Energieexporteur einfach vom Weltmarkt abschneiden w&uuml;rde. Es geht nicht um die Ukraine, sondern um eine Weltwirtschaftskrise. Ob sich unsere Politik ihrer Verantwortung bewusst ist?<\/p><p>Titelbild: Who is Danny\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/92bc7c1a5d474c88ae3aec53a37be8eb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Preise f&uuml;r Benzin und Diesel haben an den Zapfs&auml;ulen bundesweit die Zwei-Euro-Marke geknackt, eine baldige Trendwende ist nicht in Sicht. Erdgas wird momentan an den Spotm&auml;rkten mit mehr als 200 Euro pro MWh mehr als zehnmal so hoch wie im langj&auml;hrigen Mittel gehandelt. 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