{"id":82035,"date":"2022-03-18T09:35:39","date_gmt":"2022-03-18T08:35:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82035"},"modified":"2022-03-18T14:10:45","modified_gmt":"2022-03-18T13:10:45","slug":"ein-held-unserer-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82035","title":{"rendered":"Ein Held unserer Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Es war wohl das erste Mal, dass der Staatschef eines fremden Landes per Live-Schalte vor dem Bundestag sprechen durfte. Aber was ist schon normal in diesen Tagen? Wolodymyr Selenskyj gilt als Held unserer Zeit. Und zumindest aus Propagandasicht ist Selenskyj sicher ein Volltreffer. Aber das war es dann auch. Denn ein Held ist Selenskyj sicher nicht. Echte Helden f&uuml;hren keine Kriege, sie verhindern sie. Echte Helden sorgen sich um die, die ihnen lieb sind, und bringen sie nicht in Gefahr. W&auml;re Selenskyj ein Held, h&auml;tte er nach seiner Amts&uuml;bernahme vor drei Jahren das Minsker Abkommen umgesetzt und den Krieg im Donbas beendet. Damit h&auml;tte er seinem Land und seinen B&uuml;rgern viel Leid erspart. Doch f&uuml;r solche wahren Helden hat unsere Kultur nur Spott &uuml;brig; man erbaut ihnen keine Denkm&auml;ler, nach ihnen werden keine Stra&szlig;en benannt. Wer jedoch unschuldige junge M&auml;nner f&uuml;r ein &bdquo;h&ouml;heres Ziel&ldquo; auf dem Schlachtfeld opfert, der geht als Held in die Geschichte ein. Zeit, unser Heldenbild zu &uuml;berdenken. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_845\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-82035-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220318_Ein_Held_unserer_Zeit_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220318_Ein_Held_unserer_Zeit_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220318_Ein_Held_unserer_Zeit_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220318_Ein_Held_unserer_Zeit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=82035-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220318_Ein_Held_unserer_Zeit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220318_Ein_Held_unserer_Zeit_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Zugegeben: Wenn man den verzweifelt wirkenden Mann mit seinem F&uuml;nf-Tage-Bart und seiner Milit&auml;rkluft so reden h&ouml;rt, dann bewegt das einen. Aber schnell erinnert man sich auch daran, dass dieser Mann fr&uuml;her einmal Schauspieler war und die Rolle des angeblich von der Welt alleingelassenen, k&auml;mpferischen Pr&auml;sidenten, der sich verzweifelt gegen die &Uuml;bermacht des B&ouml;sen zur Wehr setzt, wohl die Rolle seines Lebens ist. Die Show geh&ouml;rt zum Gesch&auml;ft &ndash; gerade in unserer multimedialen Welt, in der Bilder mehr z&auml;hlen als Inhalte. Oder gibt es einen rationalen Grund, warum man sich im edel eingerichteten Pr&auml;sidentenpalast mit brauner Milit&auml;rkleidung &bdquo;tarnen&ldquo; muss? Das Setting stimmt und die Medienarbeit der ukrainischen Regierung ist wirklich fantastisch. Man muss den PR-Profis, die Selenskyj so wirkungsvoll in Szene setzen, Respekt zollen. Das w&uuml;rde Hollywood nicht besser hinbekommen.<\/p><p>In Deutschland gilt er nun als Held. Ob das gut oder schlecht f&uuml;r ihn ist, sei dahingestellt &ndash; Helden &uuml;berleben selten bis zum Abspann. Unser Heldenbild ist durch die militaristische Vergangenheit gepr&auml;gt, die unsere Kultur kennzeichnet. Und das schon sehr lange. Julius Caesar war einer dieser Helden. Er &uuml;berzog Europa mit Angriffskriegen und hatte sicher hunderttausende Leben auf dem Gewissen &ndash; junge M&auml;nner, die man als &bdquo;Feind&ldquo; bezeichnete und junge M&auml;nner, die unter seinem Kommando standen. S&ouml;hne, V&auml;ter, Br&uuml;der, Ehem&auml;nner. Ihnen wurden freilich keine Statuen errichtet. Dabei w&auml;re auch ein Caesar ohne ihren Tod nie der gro&szlig;e Held geworden, als den man ihn verehrt. Unsere Geschichte strotzt nur so von gro&szlig;en Helden mit Blut an ihren H&auml;nden. Nur wer &uuml;ber Leichen geht, wird in unserer Kultur ein anerkannter Held.<\/p><p>Dabei hat es immer schon auch echte Helden gegeben. M&auml;nner und Frauen, die den Feind nicht abgemurkst und seine H&auml;user und Felder vernichtet, sondern ihm und seiner Familie Unterschlupf gegeben haben. M&auml;nner, die es nicht s&uuml;&szlig; und ehrenvoll fanden, f&uuml;r das Vaterland zu morden und zu sterben, sondern sich um ihre Familie gek&uuml;mmert, ihre S&ouml;hne und T&ouml;chter gro&szlig;gezogen und sie nicht dem Kaiser, K&ouml;nig oder Pr&auml;sidenten als Kanonenfutter &uuml;bergeben haben. Doch f&uuml;r diese echten Helden hatten die Geschichtsschreiber der Vergangenheit so wenig Interesse wie die Drehbuchschreiber der Gegenwart. Auch heute ist es noch s&uuml;&szlig; und ehrenvoll, f&uuml;r das Vaterland zu sterben.<\/p><p>So gesehen passt ein Wolodymyr Selenskyj gut in das Heldenbild von Tacitus bis Spielberg. Das macht diese Heldenrolle aber weder besser noch glaubw&uuml;rdiger. Was sind denn die Folgen dieses Heldentums? Abertausende Menschenleben, geopfert f&uuml;r die Frage, welcher Oligarch der Regierung sagt, was zu tun ist? Spielt es f&uuml;r den Bauern in der Bukowina eine Rolle, ob sein Land neutral oder in der NATO ist? Was interessiert es den Lehrer in Charkiw, ob seine Regierung &uuml;ber diese oder jene Waffen verf&uuml;gt? Die Menschen wollen lieben, leben und ihrem Gl&uuml;ck hinterherjagen. Sie wollen nicht f&uuml;r die gro&szlig;en Pl&auml;ne einer kleinen Minderheit sterben. Und das gilt nicht nur in der Ukraine, sondern &uuml;berall auf der Welt.<\/p><p>Ja, Wolodymyr Selenskyj h&auml;tte ein echter Held werden k&ouml;nnen. Was h&auml;tte denn rein rational dagegengesprochen, dass er nach seiner Amts&uuml;bernahme daf&uuml;r gesorgt h&auml;tte, das Minsker Abkommen einzuhalten? Helden schicken keine rechtsradikale Soldateska gegen ihr eigenes Volk aus und geben nicht den Befehl, abtr&uuml;nnige Regionen zu bombardieren. H&auml;tte Selenskyj den acht Jahre andauernden Krieg im Donbas beendet, der nach UN-Angaben 15.000 Menschen <a href=\"https:\/\/www.unicef.de\/informieren\/aktuelles\/blog\/8-jahre-konflikt-in-der-ukraine\/259522\">das Leben gekostet<\/a> und zehntausende Menschen zu Kriegsfl&uuml;chtlingen gemacht hat &ndash; ja, dann w&auml;re er ein Held gewesen. Ein Held, der seinem Volk viel Leid und Trauer erspart h&auml;tte.<\/p><p>Doch was ist so heldenhaft daran, nun immer mehr und immer t&ouml;dlichere Waffen zu fordern? Waffen, die einen blutigen Krieg verl&auml;ngern und die Zahl der Opfer ins Unermessliche steigern? Und was ist so heldenhaft daran, st&auml;ndig an den Westen zu appellieren, sich in den Krieg auf ukrainischer Seite einzumischen? Man muss kein gro&szlig;er Milit&auml;rstratege sein, um dies als den wahrscheinlichen Beginn eines Weltkriegs zu verstehen. Eines Weltkriegs zwischen Atomm&auml;chten, die jeweils &uuml;ber ein Arsenal an Massenvernichtungswaffen verf&uuml;gen, die ausreichen, um die gesamte Welt, wie wir sie kennen, zu vernichten. Ist das etwa heldenhaft? <\/p><p>Die Ukraine braucht jetzt einen Helden. Einen Helden, der diesem grausamen Krieg ein Ende setzt. Denn Putin, der ebenfalls ganz sicher kein Held, sondern ein Verbrecher ist, wird dies nicht tun. Ein echter ukrainischer Held w&uuml;rde nun daf&uuml;r sorgen, das Blutvergie&szlig;en zu beenden. Wenn der Preis daf&uuml;r die Neutralit&auml;t und der Abbau milit&auml;rischer Kapazit&auml;ten ist, dann ist dies kein hoher Preis. Wolodymyr Selenskyj wird jedoch nicht dieser Held sein. Daf&uuml;r bekommt er sicher einen heldenhaften Eintrag in den Geschichtsb&uuml;chern. Das Blut der Opfer trocknet schnell. Geschichtsb&uuml;cher interessieren sich nicht f&uuml;r S&ouml;hne, V&auml;ter, Br&uuml;der und Ehem&auml;nner. So war es schon immer und so wird es wohl leider auch k&uuml;nftig sein. <\/p><p>Titelbild: &copy; president.gov.ua<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/77f5287bbd12480981ff0445bb3e2e0d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war wohl das erste Mal, dass der Staatschef eines fremden Landes per Live-Schalte vor dem Bundestag sprechen durfte. Aber was ist schon normal in diesen Tagen? Wolodymyr Selenskyj gilt als Held unserer Zeit. Und zumindest aus Propagandasicht ist Selenskyj sicher ein Volltreffer. Aber das war es dann auch. 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