{"id":82107,"date":"2022-03-21T09:00:05","date_gmt":"2022-03-21T08:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82107"},"modified":"2022-03-21T10:03:19","modified_gmt":"2022-03-21T09:03:19","slug":"ausgrenzung-und-spaltung-mit-dem-segen-der-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82107","title":{"rendered":"Ausgrenzung und Spaltung mit dem Segen der Kirche"},"content":{"rendered":"<p>Die Gethsemanekirche im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg war in der DDR ein Zufluchtsort f&uuml;r Oppositionelle und Friedensbewegte. Nun steht sie wieder im Brennpunkt. Nach Protesten von Corona-Ma&szlig;nahmenkritikern, die an der Kirche starteten, meldet dort seit Mitte Dezember eine sogenannte Anwohnerinitiative jeden Montag eine Gegenveranstaltung an. Unterst&uuml;tzt wird die Initiative von allerlei Prominenz aus Politik und Gesellschaft. Die Medien-Pr&auml;senz ist enorm, berichtet haben neben der lokalen Berliner Presse unter anderem die &bdquo;taz&ldquo;, der &bdquo;Deutschlandfunk&ldquo; und &bdquo;Die ZEIT&ldquo;. Das Motto der Initiative lautet: &bdquo;Gemeinsinn leben. Demokratische Werte sch&uuml;tzen.&ldquo; Von <strong>Thomas Trares<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDoch wer gedacht hat, der Initiative geht es vor allem darum, in schwierigen Zeiten Br&uuml;cken zu bauen und den gesellschaftlichen Dialog zu f&ouml;rdern, der hat sich get&auml;uscht. Denn in den Aush&auml;ngen, Flugbl&auml;ttern und sonstigen Verlautbarungen der Initiative deutet nur wenig auf &bdquo;Gemeinsinn&ldquo; und &bdquo;demokratische Werte&ldquo; hin. &bdquo;Raus aus dem Kiez, der Stadt, dem Land&ldquo; etwa stand am vergangenen Montag auf einer der Zettelbotschaften, die die Initiative vor der Kirche aufgeh&auml;ngt hatte. Auf anderen war zu lesen: &bdquo;Wir leben nicht in einer Diktatur&ldquo; und &bdquo;2022 ist nicht 1989&ldquo;.<\/p><p>Worum es der Initiative geht, kann man in der <a href=\"https:\/\/www.change.org\/p\/gemeinsinn-leben-demokratische-werte-sch%C3%BCtzen\">Petition<\/a> nachlesen, die sie Mitte Februar gestartet hat. Darin wirft sie den Protestierenden vor, die Gethsemanekirche und die &bdquo;Symbole der Friedlichen Revolution in der DDR&ldquo; zu vereinnahmen. In dem dazugeh&ouml;rigen Aufruf hei&szlig;t es dann: &bdquo;Es ist an der Zeit, dass die gro&szlig;e Mehrheit der Gesellschaft aktiv wird und f&uuml;r den Zusammenhalt in unserer Demokratie eintritt.&ldquo;<\/p><p><strong>Petition zeichnet Zerrbild der Proteste<\/strong><\/p><p>Auf die Kernanliegen der Ma&szlig;nahmenkritiker, n&auml;mlich eine freie Impfentscheidung und die vollst&auml;ndige Wiederherstellung der Grundrechte, geht die Initiative jedoch mit keiner Silbe ein. Stattdessen zeichnet sie in weiten Teilen ein ausgesprochenes Zerrbild der Proteste. Diese w&uuml;rden sich &bdquo;inzwischen sogar gegen das Personal in Krankenh&auml;usern und Impfzentren&ldquo; richten. Au&szlig;erdem ist von &bdquo;umherziehenden Protestler*innen&ldquo; und &bdquo;als Spazierg&auml;nge deklarierte Aufm&auml;rsche mit Kerzen&ldquo; die Rede. Auch die Kampfbegriffe &bdquo;Corona-Leugner&ldquo;, &bdquo;Verschw&ouml;rungserz&auml;hlungen&ldquo; und &bdquo;Wissenschaftsleugnung&ldquo; d&uuml;rfen nicht fehlen &ndash; ebenso wenig wie das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wiesel-Wort\">Wiesel-Wort<\/a> &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo;.<\/p><p>Unter den Erstunterzeichnern der Petition findet sich allerdings nur eine Handvoll Anwohner. Der weitaus gr&ouml;&szlig;te Teil ist ein &bdquo;Who is Who&ldquo; aus Politik, Kirche und Kultur. Auch lokale Initiativen sind vertreten. Unterschrieben haben etwa der Volksb&uuml;hnen-Intendant Ren&eacute; Pollesch, der ehemalige Pr&auml;sident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Vo&szlig;kuhle, und die Netzaktivisten Anke und Daniel Domscheidt-Berg. Einige Erstunterzeichner traten auch als Gastredner bei den Aktionen der Initiative auf, so etwa der fr&uuml;here rechtspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion B&uuml;ndnis90\/Die Gr&uuml;nen, Volker Beck, der fr&uuml;here Berliner Innensenator Andreas Geisel, der fr&uuml;here Pr&auml;sident des deutschen Bundestags, Wolfgang Thierse, der Berliner Kultursenator Klaus Lederer und die ehemalige Leiterin der Stasi-Unterlagenbeh&ouml;rde, Marianne Birthler.<\/p><p><strong>Der Spaziergang vom 13. Dezember<\/strong><\/p><p>Gegr&uuml;ndet hat sich die Initiative nach dem Spaziergang der Corona-Ma&szlig;nahmenkritiker vom 13. Dezember 2021. An jenem Montagabend hatten sich rund 350 Personen an der Gethsemanekirche getroffen, um anschlie&szlig;end durch den &bdquo;Kiez&ldquo; zu laufen. Schon damals hatte die Initiative ein schiefes Bild von den Corona-Protesten gezeichnet. In der <a href=\"https:\/\/ekpn.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Initiative-Gethsemanekiez-Erkla%CC%88rung-20-12-2021.jpg\">Erkl&auml;rung<\/a>, die die Initiative nach dem Spaziergang ver&ouml;ffentlichte, erweckt sie unter anderem den Eindruck, dass Demonstranten an jenem Abend Mitglieder der Kirchengemeinde angespuckt und ihnen die Masken vom Gesicht gerissen h&auml;tten. Tats&auml;chlich hatte sich dies aber drei Tage zuvor ereignet, als eine Person &bdquo;die Andacht gest&ouml;rt&ldquo; hatte und in &bdquo;sehr lautstarker Weise extrem unfl&auml;tig wurde&ldquo;, wie auf der <a href=\"https:\/\/ekpn.de\/aktuelles\/page\/4\/\">Homepage der Gethsemanekirche nachzulesen ist<\/a>.   Mit dem Spaziergang hatte dieser Vorfall also &uuml;berhaupt nichts zu tun. Gleichwohl war in der &bdquo;B.Z.&ldquo; dann die Schlagzeile <a href=\"https:\/\/www.bz-berlin.de\/berlin\/umland\/corona-leugner-stuermte-andacht-spuckte-und-riss-glaeubigem-maske-weg\">zu lesen<\/a>: &bdquo;Corona-Leugner st&uuml;rmte Andacht, spuckte und riss Gl&auml;ubigem Maske weg.&ldquo; Und in der &bdquo;taz&ldquo; hie&szlig; es: &bdquo;Erst im Dezember eskalierte hier ein Querdenker-Aufmarsch: Coronaleugner*innen rissen Kirchenmitgliedern die Masken vom Gesicht, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Proteste-gegen-Coronamassnahmen\/!5823440\/\">spuckten<\/a> sie an und bedrohten Anwohner*innen.&ldquo; <\/p><p>Inwieweit an jenem Abend des 13. Dezember ein &bdquo;Querdenker-Aufmarsch&ldquo; tats&auml;chlich eskaliert ist, sei einmal dahingestellt. Fakt ist, dass es zwei massive Polizeieins&auml;tze gegen unbeteiligte Personen gab. Von einem dieser Vorf&auml;lle existieren <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OJHSJ5ypO0E\">sogar<\/a> <a href=\"https:\/\/odysee.com\/@freedomparade:d\/brutale-festnahme-von-rbb-journalist:2\">Filmaufnahmen<\/a>. In diesen ist zu erkennen, wie Holger Zimmer, Journalist des &bdquo;Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb)&ldquo;, der zuf&auml;llig an der Gethsemanekirche vorbeikam, von Polizisten zu Boden gerungen und dann zur Feststellung der Personalien in ein Einsatzfahrzeug gebracht wurde. Zimmer hatte die Beamten zuvor gefragt, was hier los ist. Den Vorfall hat Zimmer dann am n&auml;chsten Tag in einem Podcast geschildert und auf die Homepage des &bdquo;rbb&ldquo; gestellt. Dort wurde der Beitrag nur wenige Stunden sp&auml;ter wieder gel&ouml;scht. In dem zweiten Fall wurde ein Passant, der drei Einkaufst&uuml;ten in den H&auml;nden hatte, von der Polizei recht unsanft in die Au&szlig;engarnitur der Gastst&auml;tte &bdquo;Hintersee&ldquo; hineingedr&uuml;ckt, die sich gegen&uuml;ber der Kirche befindet. Die Gr&uuml;nde daf&uuml;r sind bis heute nicht bekannt.<\/p><p><strong>Die Rolle der Kirche<\/strong><\/p><p>Zu hinterfragen ist auch die Rolle der Kirche. Sie nimmt in diesem gesellschaftlichen Konflikt keine neutrale Rolle ein: Vielmehr &bdquo;begleitet&ldquo; sie von Anfang an die Aktionen der &bdquo;Initiative Gethsemanekiez&ldquo;. Deren Flugbl&auml;tter etwa h&auml;ngen im Schaukasten der Kirche neben den Informationen &uuml;ber Gottesdienste und anderen Aktivit&auml;ten der Kirchengemeinde. Au&szlig;erdem nutzt die Initiative bei ihren Aktionen eine Leinwand, die am Kirchenzaun befestigt ist, um ihre Inhalte auch nach au&szlig;en hin sichtbar zu machen. Zudem sorgt der Posaunenchor der Kirche f&uuml;r das musikalische Rahmenprogramm. Und nicht zuletzt finden sich unter den Erstunterzeichnern der Petition auch einige Kirchenvertreter wie etwa der Alt-Bischof der Evangelischen Landeskirche, Markus Dr&ouml;ge.<\/p><p>&bdquo;Fr&uuml;her war die Kirche offen f&uuml;r Andersdenkende. Wir konnten da jederzeit rein. Das war &uuml;berhaupt keine Frage. Heute jedoch sind die T&uuml;ren zu&ldquo;, sagte Marlene M&uuml;ller, die 1989 vor der Kirche Flugbl&auml;tter gegen das DDR-Regime verteilt hatte und heute gegen die Corona-Politik der Bundesregierung auf die Stra&szlig;e geht. Und Jule Lindner, die 1989 ebenfalls bei den Protesten dabei war, erg&auml;nzt: &bdquo;Also wirklich jeder war in der Kirche willkommen und wurde sogar gesch&uuml;tzt vor den &Uuml;bergriffen des Staates. Es wurde nicht gemeinsame Sache gegen den B&uuml;rger veranstaltet.&ldquo; Heute jedoch findet sie es anma&szlig;end, dass sich die Anwohnerinitiative auf die Historie bezieht und diese als Argument nutzt, genau dies aber anderen verweigern will. &bdquo;Die Frage bleibt: Wer hat Anrecht auf geschichtstr&auml;chtige Untermalung seiner eigenen Argumentationen?&ldquo;, sagt sie.<\/p><p>Alles in allem lassen einen die Vorg&auml;nge vor der Gethsemanekirche etwas ratlos zur&uuml;ck. Es stellt sich ganz grunds&auml;tzlich die Frage: Wie will eine Gesellschaft wieder zusammenfinden, wenn selbst hochrangige Vertreter aus Politik und Gesellschaft nicht auf Dialog setzen, sondern das begr&uuml;ndete Anliegen eines Teils der Bev&ouml;lkerung schlichtweg ignorieren, ja sogar skandalisieren? Und w&auml;re es nicht gerade Sache der Kirche, eben jenen Dialog zu erm&ouml;glichen und zwischen beiden Lagern zu vermitteln, anstatt zur Verh&auml;rtung der Fronten beizutragen? Eine Antwort auf diese Fragen ist derzeit nicht in Sicht. Die &bdquo;autorit&auml;re Schlie&szlig;ung der Gesellschaft&ldquo;, wie die Politikwissenschaftlerin Ulrike Gu&eacute;rot in ihrem <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/wer-schweigt-stimmt-zu.html\">neuen Essay<\/a> schreibt, ist inzwischen auch vor der geschichtstr&auml;chtigen Gethsemanekirche im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg angekommen.<\/p><p>Titelbild: &copy; Thomas Trares <\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/ee04674087b44edba07fc765fa5d103a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gethsemanekirche im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg war in der DDR ein Zufluchtsort f&uuml;r Oppositionelle und Friedensbewegte. Nun steht sie wieder im Brennpunkt. 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