{"id":82157,"date":"2022-03-22T10:00:08","date_gmt":"2022-03-22T09:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82157"},"modified":"2022-03-23T11:00:51","modified_gmt":"2022-03-23T10:00:51","slug":"die-welt-koennte-eine-bessere-sein-haette-man-in-den-letzten-27-jahren-auf-oskar-lafontaine-gehoert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82157","title":{"rendered":"Die Welt k\u00f6nnte eine bessere sein \u2026 h\u00e4tte man in den letzten 27 Jahren auf Oskar Lafontaine geh\u00f6rt"},"content":{"rendered":"<p>Hat eigentlich irgendjemand eine positive politische Vision f&uuml;r 2049? Sind ja nur 27 Jahre weiter. Glaubt jemand, dass die Welt dann besser aussehen k&ouml;nnte als heute? Oder ist nicht fast jeder davon &uuml;berzeugt, dass dann alles noch schlimmer sein wird? Das Klima, die internationale Ordnung, die soziale Stabilit&auml;t? F&uuml;r die Entwicklung von Demokratie ist eine solche Negativsicht eigentlich verheerend. Der politische Wettbewerb im demokratischen Gemeinwesen lebt von alternativen politischen Visionen und Konzeptionen &ndash; die nicht nur das Schlimme etwas weniger schlimm machen sollen, sondern Perspektive geben. Die eine m&ouml;gliche, positive Zukunft aufweisen. Aber gehen wir doch mal umgekehrt 27 Jahre zur&uuml;ck &ndash; in das Jahr 1995. Gab es da eine positive politische Vision f&uuml;r die Zukunft &ndash; vielleicht bis in das Jahr 2022 hineinreichend? Von <strong>Jonas Christopher H&ouml;pken<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3011\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-82157-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220322_Die_Welt_koennte_eine_bessere_sein_mit_Oskar_Lafontaines_Ideen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220322_Die_Welt_koennte_eine_bessere_sein_mit_Oskar_Lafontaines_Ideen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220322_Die_Welt_koennte_eine_bessere_sein_mit_Oskar_Lafontaines_Ideen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220322_Die_Welt_koennte_eine_bessere_sein_mit_Oskar_Lafontaines_Ideen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=82157-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220322_Die_Welt_koennte_eine_bessere_sein_mit_Oskar_Lafontaines_Ideen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220322_Die_Welt_koennte_eine_bessere_sein_mit_Oskar_Lafontaines_Ideen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wir schreiben den 15.11.1995.* In Mannheim regnet es. Ein SPD-Parteitag findet statt, an den keine gr&ouml;&szlig;eren Erwartungen gekn&uuml;pft werden. Rudolf Scharping will als Parteivorsitzender wiedergew&auml;hlt werden, um in drei Jahren ein zweites Mal als Kanzlerkandidat gegen Kohl anzutreten &ndash; und wahrscheinlich wieder zu verlieren. Das Internet gibt es schon; sehr pr&auml;sent ist es im Parteitagssaal aber noch nicht. Auch Handys sieht man kaum; nur Exoten haben schon eins. Aber es soll ein Leitantrag verabschiedet werden &ndash; ein politisches Konzept f&uuml;r die Zukunft. <\/p><p>Der Vorsitzende der Antragskommission geht ans Rednerpult: Oskar Lafontaine, durchaus als guter Redner bekannt. Gleichwohl pr&auml;gt zun&auml;chst noch Gemurmel den Saal. Langsam wird es ruhiger. Nach einem gestrigen Rededesaster von Rudolf Scharping hoffen die Delegierten auf Besseres.<\/p><p>Lafontaine k&uuml;ndigt an, zur Wirtschafts- und Besch&auml;ftigungspolitik, zur geplanten Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion &#65279;sowie zur Au&szlig;enpolitik zu sprechen. Er spricht sich f&uuml;r eine nachfrageorientierte Politik und f&uuml;r eine Politik der Arbeitszeitverk&uuml;rzung aus, was zun&auml;chst wenig &uuml;berraschend, aber ein klares Gegenkonzept zur dominierenden angebotsorientierten Politik ist. Rasch wird im Laufe der Rede deutlich, dass Lafontaine &uuml;ber die klassischen sozialdemokratischen Grundsatzforderungen hinaus konkrete alternative Konzepte ins Zentrum seiner Rede stellt. 27 Jahre sp&auml;ter muss man sagen: Seine zentralen Vorschl&auml;ge wurden sp&auml;ter nicht umgesetzt &ndash; auch als es Gelegenheit dazu gegeben h&auml;tte. Wie s&auml;he die Welt heute aus, h&auml;tte man Lafontaines Konzept aus seiner Mannheimer Rede reale Politik werden lassen?<\/p><p>Lafontaine beklagt das dramatische Absinken der Lohnquote sowie den deutlichen Anstieg der Gewinnquote in Deutschland und pl&auml;diert f&uuml;r eine produktivit&auml;tsorientierte Lohnpolitik. Dieses hier benannte Problem einer Spirale von Lohnzur&uuml;ckhaltung und Handels&uuml;berschuss verst&auml;rkte sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten und f&uuml;hrte zu den massiven Ungleichgewichten innerhalb der Europ&auml;ischen Union, die entscheidend mit zur Euro-Krise gef&uuml;hrt hat. Diese Entwicklung w&auml;re politisch vermeidbar gewesen, h&auml;tte sich Lafontaines damalige Argumentation durchgesetzt. <\/p><p>Dieses Thema bettet Lafontaine in den Gesamtzusammenhang der europ&auml;ischen Wirtschaftspolitik ein, die nur auf mikro&ouml;konomische Faktoren abziele und die makro&ouml;konomischen Faktoren vernachl&auml;ssige: &bdquo;Wirtschaft findet nicht in der Wirtschaft statt, sondern Wirtschaft findet heute bei bestimmten Wechselkursen, bei bestimmten Zinsen und bei bestimmter Lohnh&ouml;he statt. Nur wer das Zusammenwirken dieser drei Faktoren erkennt &ndash; ich rufe die Partei auf, sich diesen Ansatz zu eigen zu machen und ihn noch st&auml;rker in die praktische Politik einzubringen &ndash; wird zu mehr Besch&auml;ftigung beitragen k&ouml;nnen.&ldquo; Dieses klare Pl&auml;doyer Lafontaines verhallt in der EU leider ungeh&ouml;rt &ndash; und als er es als Finanzminister sp&auml;ter umsetzen will, schl&auml;gt ihm geballter Widerstand entgegen, was sich sp&auml;ter bitter r&auml;chen wird. <\/p><p>In genau diesem Zusammenhang warnt Lafontaine n&auml;mlich schon hier 1995 in Mannheim vor einer falsch konstruierten europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion. Er bekennt sich klar zur europ&auml;ischen Einigung und bezeichnet es als &bdquo;Fehler, die W&auml;hrungsunion nicht st&auml;rker als bisher mit der politischen Union Europas zu verbinden.&ldquo; Lafontaine insistiert darauf, dass die W&auml;hrungsunion nicht funktionieren kann, &bdquo;wenn die Wirtschaftspolitiken der teilnehmenden Staaten nicht aufeinander abgestimmt sind&ldquo; und sagt voraus: &bdquo;Dann dient die W&auml;hrungsunion nicht der europ&auml;ischen Einigung, sondern dann ist sie eher ein Rohrkrepierer f&uuml;r die europ&auml;ische Einigung, und das d&uuml;rfen wir nicht wollen.&ldquo; Lafontaine schl&auml;gt vor, die nicht an der W&auml;hrungsunion teilnehmenden Staaten wieder am europ&auml;ischen W&auml;hrungssystem mit geringen Bandbreiten zu beteiligen, um einen Abwertungswettbewerb zu vermeiden. Um das Problem deutlich zu machen, weist Lafontaine auf die Aufwertung der D-Mark gegen&uuml;ber Pfund, Franc und Lire hin und erl&auml;utert: &bdquo;Ich wage mir nicht auszumalen, liebe Genossinnen und Genossen, was passiert w&auml;re, wenn bei derer &ouml;konomischen Entwicklung die Lira beispielsweise nicht die M&ouml;glichkeit gehabt h&auml;tte, w&auml;hrungsm&auml;&szlig;ig zu reagieren.&ldquo; Heute, 2022, wissen wir es! <\/p><p>Lafontaine sagt hier also geradezu prophetisch die sp&auml;teren massiven Probleme des Euros voraus und erkl&auml;rt genau, wie man genau diese Probleme damals h&auml;tte verhindern k&ouml;nnen. H&auml;tte man seine Vorschl&auml;ge umgesetzt, w&auml;re es zur Euro-Krise mit den verheerenden Folgerungen f&uuml;r die europ&auml;ische Stabilit&auml;t so nicht gekommen &ndash; nebenbei wohl auch nicht zur Gr&uuml;ndung der AfD, jedenfalls nicht mit diesem Erfolg. Man h&auml;tte auf Lafontaine h&ouml;ren sollen, als er in Mannheim sagte: &bdquo;Deshalb ist die richtige Gestaltung der W&auml;hrungsunion ein wirtschaftliches Thema f&uuml;r Gesamteuropa. Die Entscheidungen m&uuml;ssen diesmal so getroffen werden, dass sie der Wohlfahrt aller Menschen in Europa n&uuml;tzen. Das ist kein nationales Thema, sondern ein europ&auml;isches Thema.&ldquo; <\/p><p>Lafontaine spricht sich f&uuml;r eine st&auml;rke Konzentration auf Forschungspolitik und die F&ouml;rderung neuer Innovationen aus, bezeichnet es als &bdquo;wichtig, dass wir Sozialdemokraten in das Zentrum unserer Wirtschaftspolitik nicht den Kostensenkungswettlauf, sondern die Entwicklung neuer Produkte und neuer Verfahren stellen&ldquo; und formuliert als Zielsetzung, &bdquo;die Br&uuml;cke in das Solarzeitalter zu bauen&ldquo;. Auch hier: H&auml;tte man nur auf ihn geh&ouml;rt! Von einer f&uuml;hrenden Rolle in der Entwicklung der Photovoltaik ist Deutschland heute weit entfernt. Aktuell verschl&auml;ft die deutsche Autoindustrie den &Uuml;bergang ins Wasserstoffzeitalter und sucht im Elektromotor das Heil. Lauter traurige Kapitel der Industriepolitik in Deutschland, die nicht h&auml;tten aufgeschlagen werden m&uuml;ssen, wenn man Lafontaines Vorschl&auml;ge von 1995 umgesetzt h&auml;tte.<\/p><p>Lafontaine spricht sich im Folgenden dagegen aus, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus der Sozialversicherungspflicht herauszudr&auml;ngen und warnt vor einer &bdquo;Fehlentwicklung&ldquo; hin zu einem Niedriglohnsektor. Genau diesen hat die rot-gr&uuml;ne Bundesregierung sp&auml;ter im Rahmen der Hartz-Reformen und der Agenda 2010 geschaffen &ndash; mit sehr negativen Folgen f&uuml;r das soziale Klima. Entscheidend f&uuml;r den Glaubw&uuml;rdigkeitsverlust der SPD und die damit einhergehende Krise der Demokratie. <\/p><p>Als letzten gro&szlig;en Punkt thematisiert Lafontaine die au&szlig;enpolitische Debatte, die damals gepr&auml;gt war durch die Diskussion um den Kampfeinsatz von Tornados. Lafontaine pl&auml;diert daf&uuml;r, sich stattdessen auf die gro&szlig;e au&szlig;enpolitische Tradition von Willy Brandt und Helmut Schmidt zu besinnen: &bdquo;Wo kommen wir denn hin, wenn die Partei, die die Entspannungspolitik und den KSZE-Prozess vorangetrieben hat, jetzt ihre au&szlig;enpolitische Debatte auf einen Flugzeugtyp reduziert? Wo kommen wir denn da hin?&ldquo; Er pl&auml;diert leidenschaftlich f&uuml;r ein Festhalten an der Freundschaft zu Frankreich &ndash; die heute l&auml;ngst nicht mehr so selbstverst&auml;ndlich ist wie damals. Mit gleicher Leidenschaft pl&auml;diert Lafontaine dann aber auch f&uuml;r ein gutes Verh&auml;ltnis zu Russland und pl&auml;diert daf&uuml;r, &bdquo;jetzt eine neue Sicherheitsarchitektur in Europa unter Einschluss Russlands zu bewerkstelligen. Das ist die gro&szlig;e Zukunftsaufgabe, der wir uns widmen m&uuml;ssen, liebe Genossinnen und Genossen.&ldquo; <\/p><p>1995 w&auml;re es in der Tat noch realistisch und m&ouml;glich gewesen, eine solche gesamteurop&auml;ische Friedensordnung auf den Weg zu bringen, statt gegen&uuml;ber Russland den Pfad der zunehmenden Konfrontation und Provokation einzuschlagen. Es liegt nicht nur, aber zu einem erheblichen Teil an der gegen&uuml;ber Russland unsensiblen und r&uuml;cksichtslosen Politik der Osterweiterung der NATO, die zur heutigen Kriegssituation gef&uuml;hrt hat. Genau davor warnt schon 1995 Lafontaine. <\/p><p>Lafontaine kritisiert im weiteren Verlauf den auch durch die deutsche Anerkennungspolitik gef&ouml;rderten Kurs des Nationalismus im Balkan und verbindet dies mit seiner au&szlig;enpolitischen Vision einer auf Freiheit und Gleichheit beruhenden Weltgesellschaft: &bdquo;Es ist eine Fehlentwicklung, wenn, wie in Jugoslawien, Teilstaaten auf v&ouml;lkischer Grundlage kreiert werden. Das vertr&auml;gt sich nicht mit europ&auml;ischer Einigung und der Weltgesellschaft der Freien und Gleichen! Nein, das vertr&auml;gt sich nicht! Unser sozialdemokratisches Konzept, das immer Grenzen &uuml;berwinden wollte und das immer von dem Modell der Aufkl&auml;rung, der Weltgesellschaft der Freien und Gleichen ausging, muss auf eine grenz&uuml;berschreitende Zusammenarbeit hinarbeiten. Es muss die Gleichheit &ndash; jawohl, die Gleichheit der Menschen, ihr gleiches Gl&uuml;ck! &ndash; anstreben und darf niemals nach Rassen, Religionen und nach welchen Kriterien auch immer trennen. Dies ist ein schwerer konzeptioneller Fehler der Jugoslawienpolitik der Bundesregierung!&ldquo; Vier Jahre sp&auml;ter kam es gegen Lafontaines Willen zum v&ouml;lkerrechtswidrigen NATO-Krieg unter ma&szlig;geblicher Beteiligung der Regierung Schr&ouml;der &ndash; einer der Hauptanl&auml;sse f&uuml;r Lafontaines damaligen R&uuml;cktritt. <\/p><p>Von dieser internationalistischen Zielvorstellung ausgehend, pl&auml;diert Lafontaine nachdr&uuml;cklich f&uuml;r eine gewaltfreie Au&szlig;enpolitik und die Beibehaltung des einst klaren Pl&auml;doyers der Sozialdemokratie f&uuml;r eine Politik der milit&auml;rischen Zur&uuml;ckhaltung Deutschlands: &bdquo;Deshalb sind Parolen wie: &sbquo;Wir m&uuml;ssen herunter von den Zuschauerb&auml;nken!&lsquo; eine Beleidigung vieler Frauen und M&auml;nner, die in den letzten Jahren Politik gemacht haben! Sa&szlig; denn Willy Brandt auf der Zuschauerbank, sa&szlig; Helmut Schmidt auf der Zuschauerbank? Haben wir nicht Verantwortung f&uuml;r die Welt &uuml;bernommen mit unseren Vorschl&auml;gen zur Entspannungspolitik und zum KSZE-Prozess? War das nur Zuschauen, liebe Genossinnen und Genossen?&ldquo; Lafontaine pl&auml;diert hier offensichtlich an das sozialdemokratische Selbstbewusstsein, um davon ausgehend zu der klaren Aussage zu kommen: &bdquo;Wir wollen Friedensmacht bleiben! Wir sind bereit, beim Aufbau und bei der Friedenssicherung zu helfen. Aber wir sind zur&uuml;ckhaltend, wenn es um milit&auml;rische Kampfeins&auml;tze geht! Und so soll es bleiben!&ldquo; <\/p><p>Man stelle sich vor, Deutschland h&auml;tte tats&auml;chlich an diesem Kurs festgehalten &ndash; was w&auml;re uns alles an schlimmem Elend erspart geblieben? Deutschland h&auml;tte sich nicht am v&ouml;lkerrechtswidrigen Jugoslawien-Krieg beteiligt, w&auml;re nicht verstrickt gewesen in den sinnlosen Afghanistan-Einsatz, sondern h&auml;tte Vorbildcharakter als Nation, die sich nicht milit&auml;risch, sondern humanit&auml;r hervortut. <\/p><p>In was f&uuml;r einer Gesellschaft w&uuml;rden wir heute leben, wenn Lafontaines Vorschl&auml;ge aus seiner Mannheimer Rede von 1995 umgesetzt worden w&auml;ren? Was f&uuml;r eine alternative Entwicklung h&auml;tte die Sozialdemokratie nehmen k&ouml;nnen, wenn sie die Inhalte dieser Rede nicht nur 1995 bejubelt, sondern sie sich hinterher zu eigen gemacht h&auml;tte? Wie st&auml;nde die SPD heute da? Nat&uuml;rlich sind diese Fragen fiktiv, denn die Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene waren nun mal andere &ndash; das lag nicht nur an Gerhard Schr&ouml;der, dessen Hauptmerkmal es war, sich den jeweiligen Kr&auml;fteverh&auml;ltnissen anzupassen. <\/p><p>Aber trotzdem: Was w&auml;re, wenn? Wenn die Worte der Mannheimer Rede Fleisch geworden w&auml;ren? <\/p><p>Sechs exemplarische Punkte: <\/p><ol>\n<li>Deutschland st&auml;nde f&uuml;r den solaren Umbau; dadurch w&auml;re die Energiewende rechtzeitig begonnen worden; nicht jetzt, wo es fast zu sp&auml;t ist.<\/li>\n<li>Dem Land und zum gro&szlig;en Teil auch dem Kontinent w&auml;re viel an neoliberaler Politik erspart geblieben. Es ginge sozialer zu: Statt durch einen Niedriglohnsektor w&auml;re das Gemeinwesen heute durch nachfrageorientierte Politik und eine gerechte Verteilung der Arbeit gepr&auml;gt. Die Gesellschaft w&auml;re weniger gespalten.<\/li>\n<li>Die Europ&auml;ische Union w&auml;re wohl stabiler, der Euro in einer besseren Verfassung, das Vertrauen innerhalb Europas zu Deutschland gr&ouml;&szlig;er, der Zusammenhalt innerhalb der EU besser. Vielleicht w&auml;re es auf dieser Basis m&ouml;glich gewesen, zu einer gemeinsamen humanit&auml;ren Fl&uuml;chtlingspolitik zu kommen.<\/li>\n<li>Das Verh&auml;ltnis des Westens zu Russland h&auml;tte sich v&ouml;llig anders entwickelt; es h&auml;tte entscheidende Schritte hin zu einer gesamteurop&auml;ischen Friedensordnung unter Einschluss Russlands gegeben. Der Angriff Putins auf die Ukraine h&auml;tte wahrscheinlich nie stattgefunden.<\/li>\n<li>Der Welt w&auml;ren einige sinnlose Milit&auml;reins&auml;tze mit deutscher Beteiligung erspart geblieben.<\/li>\n<li>Das Parteiensystem w&auml;re wahrscheinlich ein anderes: st&auml;rker gepr&auml;gt durch eine starke Sozialdemokratie, auch einen st&auml;rkeren konservativ-demokratischen Block; die AfD g&auml;be es vermutlich nicht. <\/li>\n<\/ol><p>Die Gesellschaft w&auml;re kein Paradies. Aber die Verh&auml;ltnisse w&auml;ren weitaus bessere. Daraus h&auml;tten sich weitere, noch st&auml;rkere Visionen entwickeln k&ouml;nnen. Die Gesellschaft w&auml;re gewappnet f&uuml;r den Klimawandel. In Europa w&uuml;rde Frieden herrschen. <\/p><p>Noch kurz vor dem Mannheimer Parteitag war eine solche Vision nicht wirklich pr&auml;sent. Die SPD mit ihrem Vorsitzenden Rudolf Scharping war in schlechter Verfassung. Die Mannheimer Rede, die vorher niemand auf dem Plan hatte, r&uuml;ttelte die Delegierten des SPD-Parteitages auf. Lafontaine zeigte ihnen, wie Sozialdemokratie auch aussehen k&ouml;nnte, ja, wie sie eigentlich aussehen m&uuml;sste &ndash; und wurde dann ihr Vorsitzender. <\/p><p>Leider waren sp&auml;ter die Gegenkr&auml;fte st&auml;rker; die Kanzlerschaft Schr&ouml;ders bedeutete zun&auml;chst das Ende f&uuml;r die Option einer anderen Politik. Aber was in Mannheim m&ouml;glich war, w&auml;re auch heute m&ouml;glich: glaubhaft zu machen, dass die Wende hin zu einer wirtschaftspolitisch unterf&uuml;tterten anderen Politik im Bereich des M&ouml;glichen liegt und den Menschen dadurch Hoffnung zu geben. Solange eine andere Politik m&ouml;glich ist, stirbt die Hoffnung nicht.<\/p><p>* 23.03.2022 11 Uhr: Nach einem Leserhinweis wurde das Datum der Rede vom 17.11.1995 durch den 15.11.1995 berichtigt.<\/p><p>Titelbild: 360b\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hat eigentlich irgendjemand eine positive politische Vision f&uuml;r 2049? Sind ja nur 27 Jahre weiter. Glaubt jemand, dass die Welt dann besser aussehen k&ouml;nnte als heute? Oder ist nicht fast jeder davon &uuml;berzeugt, dass dann alles noch schlimmer sein wird? Das Klima, die internationale Ordnung, die soziale Stabilit&auml;t? 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